Schwarzes Loch von Kalkutta

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Das Schwarze Loch von Calcutta (Black Hole of Calcutta) war die Gefängniszelle des britischen Forts William in Calcutta, die zu Beginn des Dritten Karnatischen Krieges (1756-1763) in der Nacht vom 20. zum 21. Juni 1756 dazu diente, die nach der Eroberung Calcuttas durch den Nawab Siraj-ud-Daula überlebenden Europäer zu inhaftieren. Nur eine geringe Anzahl überlebte die Nacht. Diese Ereignis ist bis heute Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen zwischen britischen und indischen Historikern bezüglich der Anzahl der Toten bis zur Frage der Historizität des Ereignisses selber.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Allgemeiner Hintergrund

1576 hatte der Mogulkaiser Akbar (1556–1605) Bengalen seinem Reich einverleibt. Als Provinzstatthalter wurde ein Nawab eingesetzt. Die 1600 gegründete britische East India Company erwarb auf dem indischen Subkontinent mehrere Stützpunkte: Madras (1639 vom König von Golconda) und Bombay (1668, bereits 1661 von den Portugiesen an England abgetreten). Im Jahre 1679 erhob der muslimischen Mogulkaiser erneut von seinen hinduistischen Untertanen eine „Ungläubigen“-Sondersteuer (Jizya), was für Spannungen im Reich sorgte und ihn seinen Untertanen weiter entfremdete. 1690 eroberte der Mogulkaiser das Königreich Golconda, bestätigte aber die Rechte der Briten in Madras. 1695 wurde der Nawab von Bengalen vom Mogulkaiser zu seinem Minister für Steuern (Diwan) ernannt. Der Diwan war zu dieser Zeit Kartalab Khan (später als Nawab Murshid Quli Khan), der seine Hauptstadt 1704 in Murshidabad einrichtete. 1696 erwarben die Briten Calcutta in Bengalen vom Mogulkaiser. 1698 bestätigte der Mogulkaiser den Briten den Besitz von Fort William in Calcutta. Darüberhinaus übertrug er ihnen noch drei Dörfer in Bengalen, in denen sie Steuern erheben durften (Zamindari), wovon sie eine jährliche Abgabe an ihn zu entrichten hatten. 1716/17 wurde dieser Firman bestätigt, und die Anzahl der Dörfer erhöht. Auch die Franzosen hatten 1664 eine Ostindische Kompanie eingerichtet, die unter dem General-Gouverneur Dupleix aufblühte. In Bengalen erwarben sie den Stützpunkt Chandernagar.

Unmittelbare Vorgeschichte

1752 teilt Robert Orme Clive brieflich mit, die East India Company müsse den Nawab Alivardi Khan aus dem Amt entfernen, um weiter erfolgreich sein zu können. Alivardi Khan hatte keine Söhne, allerdings drei Töchter. Den Sohn seiner jüngsten Tochter Siraj ud-Daula bereitete er darauf vor, die Nachfolge zu übernehmen. Der Sohn der mittleren Tochter Shaukat Jang und die älteste Tochter Ghasiti Begam bildeten weitere Parteien um die Nachfolge. Anfang des Jahres 1756 hielt sich Dr. Forth aus der britischen Niederlassung in Kasim Bazar am Hofe Alivardis auf. Während einer Audienz kam Siraj-ud-Daula herein und warf Dr. Forth vor, die East India Company würde Ghaseti Begams Ambitionen unterstützen. Dr. Forth leugnete nicht nur, dass die Gesellschaft Ghaseti unterstütze, sondern behauptete, dass die Gesellschaft sich nicht in die inneren Angelegenheiten Bengalen einzumischen gedächten. Nach seiner Inthronisierung als Nawab von Bengalen forderte Siraj-ud-Daula den britischen Gouverneur des Forts William Drake auf, keine weiteren Befestigungen in Calcutta anzulegen. Drake reagierte darauf mit dem Hinweis, dass er die Erlaubnis des Moguls, des Oberherrn des Nawab dazu besäße, er nur Ausbesserungen an vorhandenen Befestigungen vornehme und er mit einem französischen Angriff rechne, da in Europa zwischen Frankreich und Großbritannien Kriegszustand (vgl. Siebenjähriger Krieg) herrsche. Siraj-ud-Daula hatte einen gleichlautenden Brief auch an die französische Niederlassung in Chandannagar geschickt und eine ähnliche Antwort erhalten, allerdings war er nur über die britische erzürnt. Die Briten hatten es versäumt, ihn zu seiner Thronbesteigung zu beglückwünschen und hatten einen Thronprätendenten in ihren Mauern aufgenommen. Daraufhin brach Siraj-ud-Daula mit einem Heer von etwa 50 000 Mann und französischer Artillerie von seiner Hauptstadt Murshidabad auf.

Die Kämpfe vom 16. bis zum 20. Juni 1756

Am Vormittag des 16. Juni kam es im Norden Calcuttas zu den ersten Zusammenstößen zwischen den Europäern und den Indern. Dort erreichte der Graben, der ganz Calcutta umgab, der sog. Maratha Ditch, den Fluss Hugli. Unter der Führung des Fähnrichs Francis Piccard hatten sich dort 25 Europäer verschanzt und erhielten Feuerunterstützung von dem Schiff Prince George, das dort vor Anker lag. Während der Mittagspause erhielt Piccard aus Fort William Unterstützung durch Leutnant Blagg, der während des späten Vormittags Artillerie herangeführt hatte. Gegen Abend hatten die Inder etwa 800 Gefallene zu verzeichnen. In der Zwischenzeit hatte Gouverneur Drake die Innenstadt von Calcutta für die Verteidigung vorbereitet und Straßenblockaden anlegen lassen.

Die Nacht vom 20. zum 21. Juni 1756

Die Rückeroberung Calcuttas durch Clive

Am 26. Juni hatten alle europäischen Flüchtlinge die flussabwärts liegende Stadt Fulta erreicht. Noch am 30. Juni schrieb Siraj-ud-Daula an George Pigot, den Kommandanten vor Fort St. George, dass die Briten in Bengalen bleiben könnten und zu vernünftigen Bedingungen Handel treiben dürften. Erst am 13. Oktober erhielt Robert Clive vom Fort St. George den Auftrag nach Bengalen zu gehen und dort Verbindungen zu den Gegnern Siraj-ud-Daulas anzuknüpfen. Clive war zu diesem Zeitpunkt Kommandant des Forts St. David südlich von Madras. Nach dieser langen Zeitspanne kann die Meldung der Vorgänge auch bis ins heimische England gedrungen sein. Dort war man Schreckensmeldungen bereits gewöhnt. Der Siebenjährige Krieg hatte mit der Vernichtung des britischen Expeditionsheeres unter Braddock vor Fort Duquesne (1755), der Einnahme Menorcas durch die Franzosen gegen die Verteidigung von Admiral Byng (Mai 1756) und der Ausdehnung des Kriegs auf den Kontinent mit Rückschlägen begonnen. Im Dezember wurde das Ministerium Newcastle auf Druck des aufgebrachten Volks durch ein Ministerium Pitt ersetzt. An Weihnachten fuhr Robert Clive mit Admiral Charles Watson zur Hugli-Mündung. Bei ihnen scheint William Watts gewesen zu sein, der Kommandant des Stützpunkts Kasimbazar. In einem kombinierten See- und Landangriff eroberten sie problemlos Baj-Baj. Ebenso gelang ihnen am 2. Januar 1757 die Einnahme Calcuttas. Siraj-ud-Daulah setzte sich sofort in Richtung Calcutta in Marsch. Am 3. Februar trafen seine Truppen vor Calcutta ein. Am 5. Februar wurde er von Clive geschlagen. Am 7. Februar schlossen beide Parteien den Vertrag von Alinagar. Am 23. April bestätigte die East India Company, dass sie einen coup d'état in Bengalen beabsichtige.

Die Diskussion um die Ereignisse

  • Der Bericht Holwells
  • Bereits 1896 erhob der Bengale Bholanath Chander Bedenken gegen Holwells Bericht. Er ließ etwa 140 Inder auf engstem Raum aufstellen und kam zu dem Ergebnis, dass die benötigte Fläche um ein Vielfaches größer war, als für das Schwarze Loch angegeben wird. Dagegen ist einzuwenden, dass die genauen Ausmaße des Schwarzen Loches nicht mehr ermittelt werden können, da das Fort in der Zwischenzeit völlig neu gebaut wurde und in den alten Plänen nichts davon eingezeichnet ist, da es erst nachträglich angelegt wurde.
  • Während des Ersten Weltkrieges erhob Little den Vorwurf, dass wir bei der Rekonstruktion der Ereignisse ausschließlich von der Schilderung Holwells abhängig sind. Dieser habe aber ein ganz hohes Interesse darangehabt, sein Verhalten in bestem Licht erscheinen zu lassen. Wodurch sollen wir wissen, dass Holwell nicht unmittelbar nach dem Abzug Drakes desertiert ist?
  • Es wurde festgestellt, dass aus den Unterlagen der East India Company nur eine Anzahl von vierzig Personen als vermisst hervorgehen. Dagegen kann eingewandt werden, dass nur ein geringer Anteil der Anwesenden Engländer oder Angestellte der Gesellschaft waren.
  • Es wird weiterhin festgestellt, dass die zeitgenössischen indischen Historiker nichts von diesen Ereignissen erwähnen. Daraus wird gefolgert, dass sich auch nichts derartiges ereignet habe. Wenn man allerdings bedenkt, dass Siraj-ud-Daula täglich etwa 800 Gefallene hatte, so mögen ihm 120 erstickte Europäer marginal erschienen sein.

Quellen

  • John Zephaniah Holwell: A Genuine Narrative of the Deplorable Deaths of English Gentlemen and others who were suffocated in the Black Hole, (1st edition ?) 1758.
  • John Zephaniah Holwell: The melancholy narrative of the massacre of the black hole of Calcutta, (2nd edition ?) 1764 (?).
  • John Zephaniah Holwell: Interesting Historical Events, relating to the Provinces of Bengal and the Empire of Indostan [...] As also the Mythology and Cosmogony, Fasts and Festivals of the Gentoos, followers of the Shastah, ans a Dissertation on the Metempsychosis, commonly, though erroneously, called the Pythagorean doctrine, 1767.
  • John Zephaniah Holwell: India tracts: illustrated with a frontispiece, representing the monument erected at Calcutta, in memory of the sufferers in the Black Hole prison, 3rd edition, revised and corr. 1774.
  • James Mill: History of India, 1817.
  • H. E. Basteed: Echoes from Old Calcutta, 1885, 1888 und 1908.
  • Thomas Babington Macaulay: Lord Clive. Essays, 1891.
  • S. C. Hill: The Three Frenchman in Bengal or The Commercial Ruin of the French Settlement in 1757, 1903.
  • Herbert Strang: In Clive's Command. A Story of the Fight for India, 1904.
  • S. C. Hill: Bengal in 1756 - 1757, 1905.
  • J. H. Little: The Black Hole - The Question of Holwell's Veracity, Bengal: Past and Present, xii, Part I, Serial 23, 32-42, 136-171, 1915/1916.
  • Harvey Einbinder: The Myth of Britannica.
  • A. Mervyn Davies: Clive of Plassey, 1939.
  • Percival Spear: The Oxford History of India, 1958.
  • B.K. Gupta: Sirajuddaulah and the East India Company, 1756 - 1757, 1962.
  • Michael Edwardes: The Battle of Plassey and the Conquest of Bengal, 1963.
  • Noel Barber: The Black Hole of Calcutta. A Reconstruction, 1965.
  • J.N. Sarkar: The History of Bengal, 1968.
  • De, Amalendu: A Note on the Black Hole Tragedy, Quarterly Review of Historical Studies, x, 3 and 4, 141-153, 187-192, 1970-1971.
  • K.K. Datta: Siraj-ud-daulah, 1971.
  • Mark Bence-Jones: Clive of India, 1974.
  • Percival Spear: Master of Bengal. Clive and His India, 1975.
  • Kurt Kluxen: Geschichte Englands, 1985 (3. Aufl.).
  • P.J. Marshall: Bengal - the British Bridgehead: Eastern India 1740 - 1828, 1987/88.
  • R. C. Majumdar: An Advanced History of India, 1990.
  • Peter Harrington: Plassey 1757, Clive of India' Finest Hour, 1994.
  • Jan Dalley: The Black Hole: Money, Myth and Empire, 2006.
Quelle:
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