Versucht ein bestimmtes weltanschauliches System, sich selbst argumentativ unangreifbar zu machen, indem es sich für allein wahr und ewig gültig erklärt, so spricht man in der Wissenschaftstheorie von Selbstimmunisierung. Um im sprachlichen Bild zu bleiben: durch Herausbildung dogmatischer Grundsätze, an denen nicht zu zweifeln ist, 'impft' sich eine Weltanschauung selber gegen jede feindliche Kritik.
Diese Tendenz, die jeweils eigene Weltdeutung und die eigenen Werte als allein wahr, ewig gültig, allgemein verbindlich zu erklären und gegen jede Kritik abzuschotten, lässt sich in Politik, Philosophie und Religion belegen. Bei der Dogmenbildung beruft man sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, auf Naturrecht oder göttliche Offenbarung. Durch Indoktrination gelingt es, auch die nachfolgenden Generationen an die jeweiligen Weltanschauungen zu binden.
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1) Dialektischer Materialismus und historischer Materialismus werden zur wissenschaftlich erwiesenen Wahrheit erklärt; alle Gegner besitzen ein „falsches Bewußtsein“.
2) Der Kernbestand des Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland wird für unabänderlich erklärt. So verleiht Artikel 79 III GG den Artikeln 1 und 20 GG Ewigkeitswert:
„Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.“
3) Die Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 erklärt einen Kernbestand von Menschenrechten als für alle Zeiten 'naturrechtlich' verbindlich:
„Wir halten diese Wahrheiten für selbsteinleuchtend, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.“
5) Letztbegründungsversuche in philosophischen Systemen:
Versuche, ein philosophisches System auf nicht mehr hinterfragbare 'unanzweifelbare Prämissen' zu stützen (z.B. Transzendentalpragmatik), selbstimmunisieren das Behauptete.
Kritiker jeder Letztbegründung meinen, dass sie notwendigerweise scheitern müsse, da sie im sogenannten Münchhausen-Trilemma ende.
6) Die katholische Kirche erklärt sich für allein seligmachend:
„Extra ecclesiam nulla salus.“ – Außerhalb der Kirche kein Heil !
Ex cathedra Lehrentscheidungen des Papstes gelten als unfehlbar.
7) Der Islam erklärt sich zur alleinigen wahren Religion:
"Dies ist die Schrift, an der nicht zu zweifeln ist, geoffenbart als Rechtleitung für die Gottesfürchtigen" (Koran Sure 2, Vers 2)
8) Orthodoxe Juden gründen den Rechtsanspruch auf das 'Heilige Land' auf die Thora und den Bund, den Gott (JHWH) einst mit Moses geschlossen habe und der das Volk Israel vor allen anderen Völkern als das auserwählte Volk Gottes festschreibe. Gottes Wort ist ewig gültig.
9) Theologische Schutzbehauptung
Argumentativ in die Enge getriebene Theologen flüchten sich letztlich in logisch-rational unwiderlegbare, selbstimmunisierende Phrasen wie: "Gottes Ratschlüsse sind unerforschlich und seine Wege unergründlich", oder "die Nicht-Existenz Gottes ist nicht beweisbar".