Das semiotische Dreieck ist ein in der Sprachwissenschaft und Semiotik verwendetes Dreieck, durch das veranschaulicht werden soll, dass ein Zeichen(träger) sich nicht direkt und unmittelbar auf einen außersprachlichen Gegenstand bezieht, sondern dieser Bezug nur mittelbar durch die Vermittlung einer Vorstellung/eines Begriffs erfolgt.
Inhaltsverzeichnis |
„So entstehen leicht die fundamentalsten Verwechslungen (deren die ganze Philosophie voll ist).“
– Wittgenstein: Tractatus 3.324
Das semiotische Dreieck ist zunächst nur ein bildliches Hilfsmittel, um sich Beziehungen "im" bzw. "des" Zeichens zu veranschaulichen. Seine Interpretation und nähere Ausgestaltung hängt daher von der zugrunde gelegten Erkenntnistheorie ab.
In entscheidender Weise wird durch das semiotische Dreieck veranschaulicht, dass zwischen dem Wort (der Zeichenform, d.h. dem Schriftbild oder dem Lautbild) und dem Bezeichneten (Ding, Gegenstand) keine direkte Beziehung, sondern nur durch (mindestens) eine hier so genannte Vermittlungsinstanz vermittelte Beziehung besteht. Graphisch wird dies durch eine unterschiedliche Linie dargestellt.
Gebräuchlich ist ein Dreieck. Entscheidend die nicht-direkte Beziehung zwischen Zeichen und Gegenstand. Je nach Anzahl der zu veranschaulichenden (nicht auszublendenden) Bezugspunkte und Vermittlungsinstanzen und der Art der betonten Beziehungen kann man auch ein Quadrat, ein sonstiges Vieleck bzw. einen mehrdimensionalen Körper benutzen.
Darauf hinzuweisen ist, dass die Vermittlungsinstanz - hier mit dem mehrdeutigen Ausdruck "Begriff" bezeichnet - sehr unterschiedlich gesehen wird, was aus dem Terminologiebefund unten deutlich wird.
Das semiotische Dreieck ist Veranschaulichung eines Zeichenverständnisses, das dem Zeichenbegriff von Ferdinand de Saussure, wonach ein Zeichen eine "psychische Einheit" zwischen einem "akustischen Bild" (Signifikanten) und einem "Begriff" (Signifikat) (bei ihm im Sinne einer psychischen Vorstellung)[2] sein soll, widersprechen dürfte[3]: statt der "Papierblattmetapher" für das Verhältnis von Signifikant/Signifikat (von de Saussure) wird im semiotischen Dreieck eine optische Trennung und Distanzierung von Zeichenkörper und Begriff (Sinn) vorgenommen.
Das semiotische Dreieck blendet auch pragmatische Bedingungen und Bezüge aus bzw. reduziert sie auf die semantische Dimension und wird daher von pragmatischen Bedeutungstheorien kritisiert (vgl. Semiotik).
Das Fehlen einer unmittelbaren Beziehung zwischen Zeichen und Gegenstand wird zugleich als Ausdruck der (von de Saussure betonten) willkürlichen (Arbitrarität) und konventionellen (Konventionalität) von Zeichen interpretiert.
Begriff
/\
/ \
/ \
/ \
/ \
Zeichen ...... Ding
(Wort) (Gegenstand)
Man muss unterscheiden zwischen dem semiotischen Dreieck als Bild und einem dreiseitigen (tryadischen) Zeichenbegriff, dessen Veranschaulichung es dient.
Verbreitet wird die sprachwissenschaftliche Entwicklung so dargestellt, als gäbe es ein semiotisches Dreieck erst seit Ogden/Richards, die damit einen nur zweigliedrigen Zeichenbegriff von de Saussure modifiziert/überwunden hätten.[4] Es heißt, bis ins 19. Jh. sei der Zeichenbegriff im Wesentlichen hinsichtlich seines Sachbezugs als „zweistellige Relation“ diskutiert worden[5].
Andere betonen den zugrunde liegenden dreiseitigen ("tryadischen") Zeichenbegriff, der meist bei Aristoteles, mitunter auch schon bei Plato angesetzt wird.
Schon bei Plato findet sich ein gedankliches Wort-Gegenstand-Modell zwischen Namen (Zeichen) - Idee (Begriff) und Ding[6]
Bei Aristoteles ist ein Zeichen (semeion, damit meint er ein Wort) ein Symptom für eine Seelenregung, d.h. für etwas, das der Sprecher sich vorstellt. Diese Vorstellung des Sprechers ist dann ein Ikon für ein Ding. Dies sind für ihn die primären Zeichenrelationen (rot in der untenstehenden Figur). Davon abgeleitet ist die sekundäre Zeichenrelation (schwarz in der Figur).
Das Semiotische Dreieck bei Aristoteles
Seit Aristoteles wird vertreten, dass Zeichen Dinge der Welt nicht unvermittelt, sondern vermittelt über einen „Begriff“, „Vorstellung“ etc. bezeichnen. Dies bedeutet eine Differenzierung gegenüber der einfachen aliquid-stat-pro-aliquo-Konzeption und ist „für die ganze Geschichte der Semiotik entscheidend“ [7]. Bei Aristoteles stehen “Zeichen .. für Sachen, welche von den Bewußtseinsinhalten abgebildet worden sind“[8]. „Die Sachen werden von den Zeichen nicht präsentiert, sondern repräsentiert.“[9]. Die Interpretation von De interpretatione ist dabei seit Jahrtausenden kontrovers. Die oben wiedergegebene Interpretation entspricht einer psychologischen Deutung[10], die einen Psychologismus nahelegt. Dies erscheint fraglich, da Aristoteles eher einen erkenntnistheoretischen Realismus vertreten haben dürfte.
In der Sprachphilosophie der Scholastik finden sich Überlegungen zum Dreierschema res (Sache, Ding), intellectus (Verstand, Gedanken, Begriff), vox (Wortzeichen).
In der Grammatik von Port Royal (Mitte des 17. Jh.) soll das semiotische Dreieck eingeführt worden sein[11]. In der Logik von Port Royal sind die Gegenstände und die Sprachzeichen nicht unmittelbar, sondern über Universalien miteinander verknüpft[12].
Nach verbreiteter Auffassung hat die moderne Sprachwissenschaft und der moderne Zeichenbegriff erst mit Saussure eingesetzt. Nach de Saussure ist ein Zeichen die Verbindung eines Ausdrucks (signifiant) mit einem Inhalt (signifié), wobei das Zeichen als "psychische Einheit mit zwei Seiten"[13]. aufgefasst wurde. In diesem zweigliedrigen (dyadischen) Zeichenmodell "hat die reale Welt keine Bedeutung"[14]: „Hier Bezeichnetes als geistige Vorstellung, dort Bezeichnendes als dessen Materialisation in der Sprache, aber kein Platz für das Objekt selbst“[15].
Charles S. Peirce entwickelte eine pragmatische Semiotik[16] und die Pragmatik soll auf dem triadischen Zeichenmodell von Peirce beruhen[17]. Das herkömmliche dyadische Zeichenmodell (von de Saussure) erweiterte Peirce zu einem triadischen Modell: das Zeichen ist eine „triadische Relation (semiotisches Dreieck)“[18]. Dies, indem er das Modell durch den „Interpretanten“ ergänzte, d.h. die Bedeutung, die durch Interpretation der Zeichenbenutzer (Sprecher bzw. Hörer) in einem Handlungszusammenhang zustande kommt.“[19]
„Das, was als Bewusstseinsinhalt erscheint, der Interpretant, ist der individuell erkannte Sinn, der seinerseits kulturell vor- oder mitgeprägt sein kann. Daher wird in diesem Konzept die Zeichenbedeutung (...) auch als „kulturelle Einheit“ (Eco, 1972) postuliert.“[20]
Als die Vertreter eines dreiseitigen Zeichenmodells bzw. eines semiotischen Dreiecks (unter Ausblendung ihrer Vorläufer) werden verbreitet Ogden/Richards angeführt. Diese erkannten eine Welt außerhalb des menschlichen Bewußtseins ausdrücklich an und wandten sich gegen "idealistische Konzepte"[21].
Nach Ogden/Richards symbolisiert das Zeichen (symbol) etwas und ruft einen entsprechenden Bewusstseinsinhalt (reference) hervor, der sich auf das Objekt (referent) bezieht[22]. Das semiotische Dreieck wird wie folgt erklärt: „Umweltsachverhalte werden im Gedächtnis begrifflich bzw. konzeptuell repräsentiert und mit Sprachzeichen assoziiert. So ist z.B. das Wort „Baum“ ein Sprachzeichen, das mit dem Begriff bzw. Konzept von BAUM assoziiert ist und über diesen auf reale Bäume (Buchen, Birken, Eichen usw.) verweisen kann.“[23].
In der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts tauchen verschiedene Dinge unter der Bezeichnung Semiotisches Dreieck auf. Die Ecken sind jeweils anders bezeichnet. Es geht aber immer um Abbildung und Interpretation. Die obenstehende Abbildung zeigt eine mögliche Fassung. Die unterschiedlichen Definitionen von elementaren Begriffen bei den verschiedenen Autoren erschweren den Diskurs erheblich.
Während beim Zeichen(-körper) (links) und beim Gegenstand (rechts) die sachlichen Unterschiede im Grunde marginal sind, spiegelt die Begrifflichkeit für die Spitze (oben) den erkenntnistheoretischen Meinungsstreit wider. Dieser dürfte sich auf die Grundpositionen Empirismus bzw. Rationalismus (Psychologismus) und Realismus reduzieren lassen.
Die anschauliche Darstellung in Form eines Dreiecks ist zu unterscheiden von der sachlichen Unterscheidung der Bezugspunkte. So hat in der Sache etwa schon Aristoteles eine dreistelige Relation angenommen, mag er dies auch nicht durch das Bild eines Dreiecks veranschaulicht haben. Sinnvoll sind hier auch Logiker anzuführen, mögen sie sich auch nicht für das Zeichen/das Symbol näher interessiert haben.
Es folgt eine Aufzählung anderer Varianten:
| Zeichen | Begriff | Gegenstand | Vertreter (Quelle) |
|---|---|---|---|
| tà en tê phonê | tá en tê psychê pathémata | prágmata | Aristoteles[54] |
| vox | conceptus | res | Mittelalter[55] |
| Ausdruck | Inhalt (Sinn) | Denotatum | [56] |
| das Bezeichnende | die Bedeutung | das Bezeichnete | [57] |
| Bezeichnung | Begriff | Bezeichnetes | [58] |
| allgemeiner Ausdruck | Intension | Extension | [59] |
| Name | Sinn | Ding | Stephen Ullmann[60] |
| Sinn | Bedeutung[61] | Gottlob Frege | |
| intensionale Bedeutung (Begriff) | extensionale Bedeutung (Klasse) | Wilhelm Kamlah-Paul Lorenzen | |
| Bedeutung | Bezeichnung | Georg Klaus | |
| Bedeutung | Bezug | Franz von Kutschera | |
| Bedeutung | Designata | Karl-Dieter Opp | |
| sprachlicher Ausdruck | Begriffsbezug | Objektbezug | Heinz Vater [62] |
| form (engl.) | meaning (engl.) | referent (engl.) | [63] |
| Representamen (Repäsentamen) bzw. Icon, Index, Symbol | Interpretant | Objekt | Charles S. Peirce |
| symbol | thought or reference | referent | Ogden/Richards (1923) |
| Symbol | Gedanke oder Referenz | Referent | Ogden/Richards (dt.) |
| zeichenhaftes Vehikel | Designatum (Charles W. Morris, 1938);
Significatum (Morris, 1946) |
Denotatum | Morris |
| meaning (Meaning[64]) | denotation (Denotation[65]) | Bertrand Russell | |
| meaning | reference | Willard Van Orman Quine | |
| connotation (Connotation[66]) | denotation (Denotation[67]) | John Stuart Mill | |
| sense (Sense[68]) | reference (Reference[69]) | M. Black | |
| sense | denotation | Alonzo Church| | |
| intension (Intension[70]) | extension (Extension[71]) | Rudolf Carnap, Wolfgang Stegmüller | |
| signifiant (signifikant) | signifié (signifikat) | chose[72] | Ferdinand de Saussure |
| nom (frz.) | sens(frz.) | chose (frz.) | [73] |
Lueger-1904: Dreieck [3] · Dreieck [2] · Dreieck [1]
Meyers-1905: Pythagorēisches Dreieck · Sphärisches Dreieck und Zweieck · Südliches Dreieck · Pascalsches arithmetisches Dreieck · Dreieck [1] · Dreieck [2] · Fehlerzeigendes Dreieck
Pierer-1857: Rechtseitiges Dreieck · Pythagoreisches Dreieck · Sphärisches Dreieck · Arithmetisches Dreieck · Stachelloses Dreieck · Dreieck · Charakteristisches Dreieck · Gleichschenkeliges Dreieck · Pascals Dreieck · Irdisches Dreieck