Eine Vielzahl von Theorien versucht zu erklären, wie menschliches Lernen abläuft. Der größte Teil dieser Theorien fokussiert den einzelnen Menschen als Lernenden. Anfang der 90'er Jahre des letzten Jahrhunderts haben sich Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen zusammengefunden, um die soziale Dimension des Lernens zu ergründen. Eine der Theorien, die die soziale Verankertheit individuellen Lernens beleuchtet, ist die Theorie 'Situierten Lernens'. Jean Lave und Etienne Wenger waren federführend in der Weiterentwicklung der Idee. Für das Verständnis der Theorie ist es wichtig, die theoretischen Leitgedanken des Konzeptes zu betrachten. Auch diese wurden im Zuge der Entwicklung der Theorie zum Teil mit dieser weiterentwickelt. Zu diesen Leitgedanken gehören die Bedeutungsaushandlung, der situierter Kontext einschließlich der Theorie der Communities of Practice, die Identitätsentwicklung als eines der Hauptziele des Lernprozesses für den lernenden Menschen. Ein weiterer zentraler Gedanke des theoretischen Modells des Situierten Lernens ist, dass sich der soziale Kontext, der individuelles Lernen ermöglicht, sich mit dem lernenden Menschen weiterentwickelt. Theorien, die diese Denkrichtung aufgenommen haben, sind z.B. distribuierte Kognition.
In vielen Modellen des Lehrens und Lernens werden spezifische Lernsitationen näher unter die Lupe genommen (e.g. Lernen im Klassenraum). Beim situierten Lernen hat es einen Wandel in der fokussierten Lehr-/Lernsituation gegeben.
Jede Situation verfügt über spezifische Kontextelemente, die die Lernsituation und die Möglichkeiten für das Individuuum und die Lerngemeinschaft prägen.
Theorien situierten Lernens haben eine gemeinsame Ausgangsannahme. Sie richten sich gegen Annahmen, dass Wissen von dem Lehrenden an den Lernenden übermittelt wird, so dass der Lernende nachher das gelernte Wissen in genau derselben Form besitzt wie der Lehrende (vgl. Nürnberger Trichter). Die Theorie des situierten Lernens hingegen geht davon aus, dass Wissen nicht von einer Person auf eine andere transferiert werden kann.
Jean Lave und Etienne Wenger fassen diese Ausgangsannahme zusammen:
Diese unproblematische Hinnahme von Lernen als Aufnahme von Wissen wird im Konzept des Situierten Lernens kritisch durchleuchtet.
Die Theorie Situierten Lernens besagt, dass Lernen 'situiert' stattfindet. Das heißt, Lernen ist eingebettet in den situativen Kontext. Der Begriff der 'Situiertheit' geht auf eine 'Wortneuschöpfung' von Lucy Suchman in der Mitte der 80er Jahre zurück. Suchman zeigte die Bedeutung des Kontexts für menschliche Kognition auf und brachte damit eine bis dahin unterbelichtete Perspektive in die Kognitionsdiskussion ein, die sich bis dahin auf das menschliche Gehirn als 'Sitz der Kognitionsmaschine' (s. auch die Kritik von Nardi 1998) beschränkt hat.
Kontext wird interpretiert als
Situiertheit bedeutet im Rahmen des theoretischen Modells situierten Lernens somit
Ein weiteres zentrales Element der Theorie Situierten Lernens ist, dass nicht der Aufbau von kognitiven Strukturen im Vordergrund steht. Es besteht eine Wechselbeziehung zwischen personeninternen (Kognition) und personenexternen Prozessen (Situation). Mit Situation ist nicht nur ein materieller Aspekt gemeint (zur Verfügung stehende Werkzeuge, etc.), sondern auch die soziale Umwelt des Lernenden.
Im Konzept Situierten Lernens findet Lernen statt als 'Bedeutungsaushandlung' beim/bei der
Chaiklin und Lave erläutern:
Von zentraler Bedeutung ist die Rolle sozialer Interaktion im Konzept Situierten Lernens. Soziale Interaktion wird im Konzept Situierten Lernens interpretiert als ein 'Raum', in dem Erfahrungen gemacht werden und Kompetenzen entwickelt werden können (Wenger 1998). Soziale Kontakte dienen als Möglichkeit für den einzelnen Bedeutung auszuhandeln. Sie ermöglichen Individuen, Praktiken auszuführen und verstehen zu lernen, die sie ohne fremde Hilfe nicht vollbringen könnten.
Was hat die Umwelt mit dem Prozess des Lernens des einzelnen zu tun?
Die Idee von Lernen in einem situierten Kontext bringt die Vorstellung von 'Learning by Doing' mit sich. Lave und Wenger (1991) unterstrichen jedoch, dass Situiertes Lernen eine drastische Ausweitung der theoretischen Grundannahmen und Modelle bedeutete (eines Learning in Doing).
Zur Erklärung dieser Arten der 'Einbettung' wurden weitere theoretische Modelle entwickelt:
Eine weitere Grundannahme Situierten Lernens ist, dass der einzelne Mensch nicht nur durch sein Umfeld geprägt wird, sondern dass dieser auch selbst sein Umfeld prägt. Die Community of Practice eröffnet den Erfahrungsraum für Legitime Periphere Partizipation (oder blockiert den Zugang zu ihm) für den New-Comer, einerseits. Andererseits, die Mitglieder einer Community of Practice formen die Praxis dieser Community.
Lave zitiert hierzu Giddens und Bourdieu:
Wissen entsteht immer durch einen aktiven Konstruktionsprozess beim Lernenden im situativen Kontextbezug, was dem Situierten Lernen seinen Namen gegeben hat. Diese Theorie wird in der deutschsprachigen Literatur häufig im Kontext der Konstruktivismusdiskussion gesehen. In der englischsprachigen Literatur, aus der der Begriff der 'Situatedness' entstammt, wird kaum ein Bezug zum Konstruktivismus hergestellt.
Das Konzept des Situierten Lernens war ursprünglich als ein Modell zur Analyse von Lernsituationen gedacht (Suchman 1987; Lave, Wenger 1991).
Als solches ist die Idee der Situiertheit Ende der 80er Jahre Gegenstand zahlreicher neuer theoretischer Modelle geworden (so das 'Situated Learning' von Lave und Wenger, das Konzept der 'Communities of Practice').
Diese Analysemodelle wurden dann als Grundlage für Designkonzepte genutzt.
Die Theorie Situierten Lernens wurde in verschiedenen Gebieten angewendet. Diese umfassen unter anderem die Gestaltung von
- beruflichen Lernprozessen
- schulischen Lernprozessen.
Sie richten sich auf
- die Gestaltung von einzelnen Lernsituationen
- die Ausgestaltung des Lernumfeldes
- die Umgestaltung von umfassenderen Organisationsprozessen und Institutionen (s.z.B. Brown, Duguid 1991).
Die Theorie des situierten Lernens geht davon aus, dass Wissen bei Lernenden durch einen aktiven Konstruktionsprozess neu entsteht. Hieraus sind Konsequenzen für die Gestaltung von Lernumgebungen zu ziehen.
Wird eine Lernsituation gestaltet, die berücksichtigt, dass Lernen nicht nur auf 'gehirninternen' Prozessen beruht, sondern vor allem auf Kontexteinbettung und die Aushandlung von Bedeutung in sozialen Beziehungen beruht, sollte die grundsätzliche Situation des Lernenden während des Lernens berücksichtigt werden. Pädagogische Ansätze, die auf diesem Grundgedanken aufbauen, kritisieren besonders die Vermittlung von abstrakten Wissen mittels Frontalunterricht. Begründet wird dies mit einer so geschaffenen Lernsituation, die späteren Möglichkeiten der Wissensnutzung nicht entsprechen. Das Erlernte wird bei traditionellen Unterrichtsformen zu trägem Wissen - es kann zwar behalten und reproduziert werden, eine Anwendung dieses Wissens fällt den Lernenden aber häufig schwer. Lern- und Anwendungssituationen sind möglichst ähnlich zu gestalten, da Wissen als stark kontextgebunden angesehen wird. Dies bedeutet also, dass die Situation, in der Lernen stattfindet schon genauso gestaltet werden soll, dass sie der Situation, in der das Wissen genutzt wird, gleicht, da Wissen kontextbezogen gesehen wird. Nur auf diese Art kann das Unterrichtsziel, Wissen außerhalb von Lernsituationen zu verwenden, erreicht werden. Als Forderungen an den Unterricht ergeben sich daher folgende Aspekte:
Der Lehrende (sei es eine Person, oder ein Lernmedium) hat eine andere Rolle beim situierten Lernen, als der Lehrer im traditionellen Ansatz, wo der Lehrende und sein Lehrgegenstand im Mittelpunkt stehen. Der Lernende und sein Lernprozess befinden sich im Mittelpunkt, und der Lehrende hat die Aufgabe ihm Werkzeuge zu liefern und Hilfestellung zu geben. Beurteilt wird der ganze Lernprozess, wobei der Lehrer eine unterstützende Rolle als Coach einnimmt. Der Lehrende soll ein Experte in seinem Fachbereich sein und mit dem Lernenden gemeinsam an einer komplexen Aufgabenstellung arbeiten. Dabei steht der Dialog zwischen ihnen im Mittelpunkt. Mit der Zeit lenkt der Experte immer weniger, vielmehr reagiert er auf Fragen des Lernenden.
Es gibt verschiedene Modelle, die Instruktionen entwickelt haben, wie situiertes Lernen aussehen soll. Die Gemeinsamkeiten dieser Modelle lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
Anwendung im deutschsprachigem Raum:
Mandl vertritt vor allem den materialbezogenen Kontextansatz. Hier soll die Umgebung möglichst realistisch gestaltet werden. Der soziale Aspekt findet als Lernen in Gruppen Eingang in die Diskussion. Diese Schwerpunktsetzung behandelt das Thema situierter sozialer Praxis, wie im anglo-amerikanischen Raum vorrangig diskutiert, als eher nachgeordnet.
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