Somalische Bantu

Bantu-Bäuerinnen bei Kismaayo, 1993
Bantu-Bäuerinnen bei Kismaayo, 1993

Die Bantu in Somalia (auch Jarir, Jareer Weyne, Wagosha oder Mushunguli genannt) sind eine ethnische Minderheit gegenüber der überwiegenden Mehrheit der Somali.

Meist werden darunter die Nachkommen von Angehörigen diverser Bantu-Volksgruppen im heutigen Tansania, Malawi und Mosambik verstanden, die im 19. Jahrhundert von arabischen Sklavenhändlern nach Somalia verkauft wurden. Im weiteren Sinne zählen auch andere Gruppen dazu, die von Bantu abstammen sollen, die bereits zuvor im Süden des heutigen Somalia gelebt haben.

Von diesen zu unterscheiden sind Angehörige der Suaheli-Gesellschaft, welche an der ostafrikanischen Küste von Südsomalia bis zum Norden Mosambiks ansässig ist und selbst in den Sklavenhandel eingebunden war und deren Sprache die Bantusprache Suaheli ist. Zu dieser Gruppe gehören die Bajuni in Kismaayo sowie die Bewohner der Stadt Baraawe.

Die somalischen Bantu leben hauptsächlich im Süden des Landes, die Suaheli an der Küste und die übrigen Bantu an den Flüssen Jubba und Shabeelle. Über ihre Bevölkerungszahl gibt es unterschiedliche Angaben, da einerseits Bevölkerungszahlen für Somalia allgemein unsicher sind und andererseits der Begriff somalische Bantu unterschiedlich weit gefasst wird. Eine Schätzung gibt 600.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 7.5 Millionen in Somalia an. Andere Schätzungen gehen von 900.000[1] oder einem Bevölkerungsanteil von bis zu 15 %[2] aus oder von 85.000 in Somalia und 2400 in Kenia[3].

Somalische Bantukinder in Florida, 2007
Somalische Bantukinder in Florida, 2007

Inhaltsverzeichnis

Bezeichnungen

Die somalischen Bantu stellen keine homogene Ethnie dar und betrachteten sich traditionell mehr als Angehörige der einzelnen Gruppen oder Sippenverbände, in denen sie leben, denn als eine einheitliche Volksgruppe. Erst in jüngerer Zeit hat sich insbesondere unter denjenigen somalischen Bantu, die vor dem Bürgerkrieg in Somalia in kenianische Flüchtlingslager geflohen sind, ein Bewusstsein um eine gemeinsame Herkunft und Identität und die Selbstbezeichnung Bantu herausgebildet. Zuvor war den meisten der Begriff „Bantu“ unbekannt.[4]

Karte der Volksgruppen in Somalia 1977; ethnische Minderheiten in Rot. Die Gosha, Gobweyn, Shidle und Makanne sind Bantugruppen.
Karte der Volksgruppen in Somalia 1977; ethnische Minderheiten in Rot. Die Gosha, Gobweyn, Shidle und Makanne sind Bantugruppen.

Wagosha oder Reer Gosha bezeichnet im Besonderen die Bantu im unteren Jubba-Tal (nördlich von Kismaayo etwa zwischen Jamaame und Bu'aale), die von entflohenen Sklaven abstammen, wird aber im weiteren Sinne auch für sämtliche Bantu gebraucht. Das Somali-Wort gosha bezeichnet wörtlich einen Wald an einem Fluss, in dem es Tsetsefliegen gibt; Wagosha lässt sich mit „Leute aus dem Wald“ übersetzen und rührt daher, dass sich die entflohenen Bantu-Sklaven im damals bewaldeten Jubba-Tal ansiedelten.

Diejenigen unter den Wagosha des Jubba-Tals, die ihre Abstammung auf das Volk der Zigua oder Zigula zurückführen und die Zigula-Sprache beibehalten haben, nennen sich auch Wazigua, im Unterschied zu den Shambara, die die somalische Sprache verwenden. Die Gobweyn leben weiter oben am Jubba in Gedo.

Shidle und Makanne sind Bantu-Gruppen im Shabeelle-Tal bei Jawhar bzw. bei Beledweyne, die möglicherweise von einer Bantu-Bevölkerung vor den Somali abstammen. Die Reer Shabelle („Leute vom Shabeelle“) sind eine Gruppe von unbekannter Herkunft, die ab Ende der 1920er bis in die 1960er in das Gebiet am Shabeelle um K'elafo nahe der somalischen Grenze in Äthiopien eingewandert ist.

Die Bezeichnung Mushunguli stammt wahrscheinlich von der Einzahlbezeichnung der Zigula, Muzigula. Sie wird für sowohl für die Wazigua als auch für sämtliche Bantu verwendet und teilweise als abwertend betrachtet. Die Kolonialherren Italienisch-Somalilands bezeichneten bisweilen sämtliche ackerbautreibenden Bewohner der Jubba- und Shabeelle-Flusstäler, einschließlich Nicht-Bantu, mit diesem Begriff[4].

Weitere (Fremd-)Bezeichnungen sind Jarir/Jareer/Jareer Weyne (von einem Somali-Wort für „harthaarig“ oder „kraushaarig“, im Gegensatz zu Jileec – „weichhaarig“ – für Nicht-Bantu). Adoon und Habash sind abwertende Begriffe, die mit „Diener“ oder „Sklave“ übersetzt werden. Manche Somali nennen die Bantu auch nach dem italienischen Wort für „heute“ Ooji, was von der Unterstellung herrührt, die Bantu könnten nicht über das Heute hinaus denken.

Geschichte

„Negroide“ oder Bantu-sprachige Volksgruppen haben wohl bereits vor Beginn des Sklavenhandels in den Tälern von Jubba und Shabeelle gelebt, ehe sie von Somali und Oromo verdrängt wurden.[4]

Arabische Sklavenjäger mit Gefangenen im Gebiet des Rovuma, 1866
Arabische Sklavenjäger mit Gefangenen im Gebiet des Rovuma, 1866

1800–1890 wurden schätzungsweise 25.000 bis 50.000 schwarzafrikanische Sklaven über die Sklavenmärkte von Sansibar und Bagamoyo an die somalische Küste verkauft. (Insgesamt wurden im arabischen Sklavenhandel in Ostafrika im 19. Jahrhundert über eine Million Sklaven gehandelt.[5]) Sie stammten hauptsächlich von den Ethnien der Yao, Makua, Chewa (Nyanja) und Ngidono aus Nordmosambik, Südtansania und Malawi und den Zigula (Zigua) und Zaramo im Nordosten Tansanias.

Mündlichen Überlieferungen der Bantu zufolge kamen die Sklavenhändler zunächst in einer Zeit großer Hungersnot und versuchten die Menschen zu locken, indem sie ihnen Datteln anboten und versprachen, sie in ein Land zu bringen, wo es reichlich Nahrung und Arbeit gebe. (Tatsächlich hatte es in den 1830er Jahren in Tansania mehrere aufeinanderfolgende Dürre- und Hungerjahre gegeben.) Später gingen sie bald zum gewaltsamen Menschenraub über.

Die meisten Bantu-Sklaven wurden an die Benadirküste (Baraawe, Merka, Mogadischu) und von dort weiter in das Landesinnere verkauft. Sowohl nomadische als auch sesshaft-bäuerliche Somali betrieben Sklavenhaltung, wobei deren wirtschaftliche Bedeutung bei den Letzteren größer war. Ab den 1840ern ließen sich aus dem landwirtschaftlich genutzten Tal des Shabeelle entflohene Sklaven im damals noch kaum besiedelten, bewaldeten Jubba-Tal nieder, wo sie Dörfer gründeten und Ackerbau betrieben. Hierbei zogen oft diejenigen in dasselbe Dorf, die sich auf dasselbe Bantu-Herkunftsvolk zurückführten. Die Wazigua, welche sich auf die Zigula im Nordosten des heutigen Tansania zurückführen und die Zigula-Sprache beibehalten haben, erklären dies damit, dass sie in einer gemeinsamen, organisierten Flucht das Jubba-Tal erreicht hätten. Eine Frau mit Namen Wanankhucha soll sie dabei geführt haben; die Flucht sollte nach Süden in das tansanische Herkunftsgebiet führen, endete aber im Jubba-Tal, da der Weg nicht ungefährlich war. In den frühen 1900ern sollen etwa 35.000 ehemalige Bantu-Sklaven entlang des Jubba gelebt haben.

Freigekaufte Sklavenfamilie in Baraawe 1904 als Postkartenmotiv
Freigekaufte Sklavenfamilie in Baraawe 1904 als Postkartenmotiv

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde unter den italienischen Kolonialherren in Italienisch-Somaliland die Sklaverei abgeschafft. 1895 befreiten die Kolonialbehörden erstmals eine Gruppe von 45 Sklaven; in größerem Maßstab begann die Abschaffung, nachdem der Reisende und Abolitionist Luigi Robecchi-Bricchetti auf die Sklaverei in Somalia hingewiesen hatte. Einige Gruppen von Bantu verblieben bis in die 1930er Jahre in Sklaverei. Unter der Kolonialherrschaft wurden vor allem Bantu ab Mitte der 1930er zur Zwangsarbeit auf Plantagen in italienischem Besitz herangezogen, da nur wenige Somalier zur freiwilligen Lohnarbeit bereit waren. Diese Praxis endete mit der britischen Besetzung Italienisch-Somalilands 1941. Die beiden darauffolgenden Jahrzehnte (1941–1950 britische Militärverwaltung, 1950–1960 Treuhandgebiet Italienisch-Somaliland) bis zur Unabhängigkeit Somalias verliefen für die Bantu weitgehend friedlich, sie konnten ungestört von der Regierung oder ihren Somali-Nachbarn ihre Landwirtschaft betreiben. Von Teilen der somalischen Gesellschaft wurden sie weiterhin verachtet und benachteiligt.

Nach der Machtübernahme Siad Barres 1969 wurden im Zuge von Bestrebungen von dessen Regierung, das traditionelle Clansystem und den „Tribalismus“ zu überwinden, diskriminierende Bezeichnungen wie Adoon verboten[4]. Zugleich wurde während der Herrschaft von Siad Barre in den 1980er Jahren Land der Bantu in Marerey (Region Mittel-Jubba) und Mugambo (Unter-Jubba) systematisch enteignet, um es für staatliche Zucker- und Reisfarmprojekte zu nutzen oder an Anhänger Barres zu verteilen[6].

Heutige Situation

Somalische Bantufrau bei der Feldarbeit, 1993
Somalische Bantufrau bei der Feldarbeit, 1993

Lebensweise und Kultur

Manche Bantugruppen haben sich in das Clansystem der Somali eingegliedert, betrachten sich als Angehörige der benachbarten Somali-Clans und genießen durch diese einen gewissen Schutz.

Wie die Somali verwenden die Bantu heute die somalische Sprache (hauptsächlich deren Maay-Dialekt), nur eine kleine Minderheit – die Wazigua – hat bis heute ihre ursprüngliche Identität und Sprache behalten. Die meisten sind Muslime, wobei viele daneben noch animistische Gebräuche beibehalten haben. Wichtigste kulturelle Ausdrucksmittel sind Tanz und Musik. Die unter den Somali verbreitete Beschneidung von Frauen und Mädchen kommt auch bei ihnen vor[7].

Im Gegensatz zu den Somali, welche mehrheitlich nomadisch leben und Viehzucht betreiben, leben die Bantu vornehmlich vom Ackerbau, den sie als Kleinbauern auf Feldern von durchschnittlich 0,4–4 Hektar Fläche betreiben. Grundnahrungsmittel ist Mais, die von den Bantu bestellten Böden gehören zu den fruchtbarsten des Landes. Manche leben auch von, meist schlecht bezahlter, abhängiger Arbeit. Bantu in städtischen Gebieten arbeiten in handwerklichen Berufen. Die wenigsten können lesen und schreiben. Sie haben eine dunklere Hautfarbe und „weichere“ Gesichtszüge als die leicht hellhäutigeren Somali.

Im Bürgerkrieg

Feldarbeit, 1993
Feldarbeit, 1993

Im Bürgerkrieg in Somalia seit 1991 wurden die Bantu von verschiedenen Somali-Clans bedrängt und von ihrem Land vertrieben. Sie wurden näher an die Flussufer gedrängt, wo die Gefahr von saisonalen Überflutungen ihrer Felder und Dörfer größer ist. Manche werden genötigt, unter Bedingungen zwischen Teilpacht und Zwangsarbeit auf dem ehemals ihrigen Land zu arbeiten.[8] Da sie über wenig Waffen verfügen, waren sie besonders stark gewalttätigen Übergriffen und Plünderungen durch Bewaffnete und Milizen ausgesetzt.

Zehntausende Bantu flohen vor dem Bürgerkrieg und den durch ihn verursachten Hungersnöten (siehe Hungersnot in Somalia Anfang der 1990er) in Flüchtlingslager im benachbarten Kenia; wie viele bis heute in Somalia verbleiben, ist nicht genau bekannt.

In ihrem Bericht für 2006 stufte die Menschenrechtsorganisation Minority Rights Group Somalia als weltweit gefährlichstes Land für Minderheiten, darunter die Bantu, ein.[9]

Flüchtlinge

Die meisten Bantu-Flüchtlinge in kenianischen Lagern wie Dadaab möchten nicht mehr nach Somalia zurückkehren, weil sie befürchten, dort verfolgt und getötet zu werden. Auch in Kenia haben sie jedoch kaum längerfristige Perspektiven, manche berichteten von Schikanen von Seiten der Somali in den Lagern. Pläne des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge UNHCR, diese folglich als besonders schutzbedürftig eingestuften Flüchtlinge nach Tansania oder Mosambik umzusiedeln, scheiterten, da diese Länder selbst mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben und ihr anfängliches Interesse bald widerriefen. Schließlich erklärten sich die USA 1999 zur Aufnahme bereit.

Etwa 12.000 somalische Bantu-Flüchtlinge aus Kenia werden daher seit 2003 planmäßig mit Hilfe des UNHCR in die USA umgesiedelt. Die Umsiedler wurden aus den Flüchtlingslagern bei Dadaab zunächst nach Kakuma gebracht, wo sie auf das Leben in den USA vorbereitet wurden. Etwa 1.000 von ihnen wurden in Salt Lake City angesiedelt, weitere in Denver, Tucson, Columbia und anderen Orten. Mancherorts gab es Bedenken wegen der geringen Bildung und der mangelnden Englischkenntnisse der somalischen Bantu; in den Kleinstädten Holyoke und Cayce verhinderten lokale Proteste geplante Ansiedlungen. Insgesamt wurden sie in ihrer neuen Heimat aber positiv aufgenommen.

Eine weitere Gruppe von etwa 3.000 Bantu, vorwiegend Wazigua, floh mit Schiffen in die Region um den Hafen Tanga im Nordosten Tansanias, wo bis heute Zigula leben. Ihnen wurde gestattet, sich in Chogo als Kleinbauern niederzulassen und die tansanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Das UNHCR stellte Infrastrukturen für sie zur Verfügung.[1][10]

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise:

  1. a b BBC News: Tanzania accepts Somali Bantus
  2. CIA World Factbook
  3. Orville Jenkins: Profile: The Gosha
  4. a b c d Francesca Declich: Fostering Ethnic Reinvention
  5. Christian Delacampagne: Die Geschichte der Sklaverei, 2004, ISBN 3-538-07183-7 (S. 226)
  6. UN-OCHA: A study on minorities in Somalia
  7. BBC News: US rethinks genital mutilation threat
  8. Internal Displacement Monitoring Centre: Land dispossession is the main driving force behind conflict in Somalia (2004)
  9. Somaliland Times: Somalia Tops Minority Report Danger List
  10. UNHCR: New life for Somali Bantus in Tanzania
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