Sonatenhauptsatzform ist ein Begriff aus der musikalischen Formenlehre. Er bezeichnet ein Formschema, nach dem in der Regel der erste Satz (= „Hauptsatz“) einer Sonate bzw. Sinfonie aufgebaut ist.
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Ein nach der Sonatenhauptsatzform gegliederter Satz besteht aus den drei Hauptteilen: Exposition, Durchführung und Reprise. Optional sind eine Einleitung am Beginn und eine Coda am Ende des Satzes.
Schon vor Beginn der Exposition kann eine kürzere oder längere Einleitung stehen. Meist erscheint sie bei ausgedehnteren Werken, d.h. eher in einer Sinfonie und seltener in einer Klaviersonate. Sie eröffnet den Satz in einem langsamen Tempo, bevor sich die Exposition mit einem schnelleren Tempo anschließt. Typisch für Sätze mit Einleitung sind also Tempoangaben wie Andante – Allegro ma non troppo. Joseph Haydn als prominenter Entwickler der Sinfonie hat sich oft einer Einleitung bedient. Er baut damit eine Spannung vor allem im tonartlichen Gefüge auf, gegen die der Eintritt des Hauptsatzes nicht selten harmlos und somit entspannend wirkt. Die Motorik des meist schnellen Hauptsatzes unterstreicht noch den starken Kontrast zwischen ihm und der Einleitung. Bei Ludwig van Beethoven findet man Einleitungen bei den Sinfonien Nummer 1, 2, 4 und 7. Den Beginn der neunten Sinfonie kann man ebenfalls als Einleitung hören, Charakter und Puls lassen dies zu.
Die Exposition (= „Ausstellung“) stellt das thematische Material des Satzes vor. Sie gliedert sich in Hauptsatz, Seitensatz und Schlussgruppe.
Traditionell wird die Exposition wiederholt, sodass man ihr Ende auch leicht an den Wiederholungszeichen erkennen kann. Erst seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts verzichten Komponisten auf eine tongetreue Wiederholung der Exposition.
Das Spannungsverhältnis der Teile Hauptsatz und Seitensatz ist das wesentliche Merkmal der Sonatenhauptsatzform. Es drückt sich immer in der tonalen Spannung zwischen den verschiedenen Tonarten beider Teile aus. Darüber hinaus besteht häufig auch ein charakterlicher Kontrast zwischen einem „männlichen“ ersten Thema und einem eher „weiblich“ lyrischen zweiten Thema. So kann man die Exposition als musikalisches Abbild einer Diskussion mit Pro und Contra betrachten. Damit erklärt sich auch die Beliebtheit der Sonatenhauptsatzform in der Folgezeit der Aufklärung, die das dialektische Prinzip von These und Antithese propagierte.
Auf die Exposition folgt die Durchführung. Hier werden die in der Exposition vorgestellten Themen musikalisch verarbeitet. Beispielsweise durch harmonische Veränderung, rhythmische Veränderung, Zerlegung von Motiven usw. Die Tonika wird vermieden, es wird bis in entferntere Tonarten moduliert (Modulation).
Philosophisch betrachtet ist die Durchführung der Austragungsort des in der Exposition vorgestellten Konflikts zwischen Haupt- und Seitensatz.
Mit der Wiederkehr des vollständigen Hauptthemas in der Tonika-Tonart setzt die Reprise (von frz.: reprendre = „wieder aufnehmen“) ein. Sie stellt eine Wiederaufnahme der Exposition mit einer spezifischen Veränderung dar: Der zuvor tonal kontrastierende Seitensatz erklingt nun nämlich in der Tonart des Hauptsatzes. Der exponierte Konflikt zwischen Haupt- und Seitensatz erscheint damit gelöst. In der Terminologie der philosophischen Dialektik gleicht die Reprise also einer Synthese.
Am Ende der Reprise wird nicht selten noch eine Coda (ital. Schwanz) angehängt, die die Ausmaße von einem kurzen Anhängsel bis zu einer ausgewachsenen zweiten Durchführung haben kann. Die Coda wird vor allem bei Beethoven zu einem sehr wichtigen Abschnitt, sie ist im Kopfsatz der 9. Sinfonie länger als die Reprise. Oft ist sie nicht nur im Charakter, sondern auch in der Thematik der Durchführung sehr ähnlich.
Joseph Haydn, Sinfonie mit dem Paukenschlag Nr. 94, G-Dur, 1. Satz: Adagio cantabile – Vivace assai
Problematisch an einer Darstellung der Geschichte der Sonatenhauptsatzform ist der Umstand, dass diese Formtheorie erst im 19. Jahrhundert formuliert wurde (Czerny 1840). Wichtig ist also, immer mitzudenken, dass hier mit Begriffen gearbeitet wird, die erst im Nachhinein auf bereits komponierte Musik gelegt wurden.
Die Sonatenhauptsatzform entwickelte sich allmählich. Zu ihrer Entwicklung, vor allem in Italien und Deutschland, trugen Sammartini, die Söhne Bachs, Boccherini, J. Stamitz, Haydn, Mozart und Clementi bei. Bereits 1730 ließ sich die Sonatenhauptsatzform im wesentlichen nachweisen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, etwa ab 1770, trat die Sonatenhauptsatzform einen wahren Siegeszug an. Die Entwicklungsmöglichkeiten des thematischen Materials sind weitaus vielseitiger als beispielsweise bei der zwei- oder dreiteiligen Liedform. Einen bedeutenden Reiz bildet der Dualismus der beiden Themen, die – wiederum im Gegensatz zur Liedform – gewissermaßen direkt gegeneinander und/oder miteinander auftreten. Die Sonatenhauptsatzform fand nicht nur im Kopfsatz von Sonaten (für Klavier und andere kammermusikalische Besetzungen), sondern auch als Kopfsatz von Sinfonien, Ouvertüren (z. B. die Ouvertüren zu Webers Freischütz, Mendelssohns Fingalshöhle) und anderen musikalischen Gattungen Verwendung.
Obwohl bereits Ende des 18. Jahrhunderts von den Komponisten in einzelnen Elementen vielfach von dem strengen Aufbau der Sonatenhauptsatzform abgewichen wurde, fand im 19. Jahrhundert die Weiterentwicklung der Sonatenhauptsatzform statt: einerseits eine Abkehr von der strengen Form der Komposition, andererseits aber auch eine Erweiterung der Struktur. So wurden sowohl die strengen Regeln des Aufbaus des Sonatenhauptsatzes wie auch die der zwingenden Gegenüberstellung eines dynamischen und eines lyrischen Themas zunehmend durchbrochen, gelegentlich wurde auch ein drittes Thema eingeführt.
Exemplarisch hierfür stehen:
Literaturbeispiel: L. van Beethoven, Klaviersonate op.2, Nr.1, f-moll, 1. Satz
Zu den harmonischen Verwandtschaftsbeziehungen von Tonarten siehe auch: Harmonielehre, Quintenzirkel.