Soziale Ungleichheit

Soziale Ungleichheit ist ein Begriff aus der Soziologie und bezeichnet die ungleiche Verteilung materieller oder immaterieller Ressourcen innerhalb der Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

Grundbegriff

Menschen leben nicht isoliert voneinander, sondern als Teil der Gesellschaft. In ihr nehmen sie unterschiedliche Positionen ein aufgrund derer sie (meist mehreren) verschiedenen Kategorien zugeordnet werden können (z.B. Vorarbeiter - Meister; Mann - Frau). Ausgehend von diesen unterschiedlichen Gruppierungen lassen sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in den jeweils Gruppen - eigenen Lebens – und Arbeitsbedingungen feststellen. Einige dieser Unterschiede werden dabei nicht nur als anders, sondern als besser oder schlechter aufgefasst.

Diese als „soziale Ungleichheiten“ bezeichneten Unterschiede bestimmen die Wünsche, Aktivitäten und Konflikte des Einzelnen und der Gesellschaft wesentlich. Sie liegen dann vor, wenn Menschen regelmäßig von den wertvollen Gütern einer Gesellschaft mehr erhalten als andere.

Diese Güter können dabei materieller oder immaterieller Natur sein und es hängt von den historischen Umständen und der jeweiligen Gesellschaft ab, welche Güter als 'wertvoll' erachtet werden. So lässt sich z.B. feststellen, dass das Gut Bildung in der Informationsgesellschaft zunehmend an Wert gewinnt.

Über Unterschiede und Ungleichheiten

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Nach Stefan Hradil sind solche Güter wertvoll, die Lebenschancen bedingen. Eine andere Definition von Werten (nach Kluckhohn) sind Wünschenswertes, ebenso kann man den Wert eines Gutes anhand von Angebot und Nachfrage feststellen, was vor allem in der Wirtschaft geschieht.

Einschlägig ist hier, dass Knappheit als zentrale Kategorie der Soziologie von Bálint Balla erarbeitet wurde. Alle Individuen und Gruppen einer Gesellschaft unterscheiden sich auf die eine oder andere Weise von einander. Diese Unterschiede nannte Rousseau die "natürlichen Unterschiede". Diese Unterschiede sind zu einem großen Teil ebenfalls gesellschaftlich bedingt, respektive vom entsprechenden Milieu beeinflusst. Und sie können zur Entstehung respektive Erhaltung von sozialen Ungleichheiten beitragen.

Soziale Unterschiede sind jedoch, für sich alleine gesehen, nichts Negatives. Problematisch werden sie erst dann,
a) wenn durch sie die Menschwürde verletzt wird / werden soll oder
b) wenn eine (moralische, wirtschaftliche, etc.) Kategorisierung und Klassifizierung stattfindet, d.h. die Unterschiede auf einer bestimmten "Werteskala" angeordnet werden. Dieses distinkte Handeln der Abwertung aufgrund sozialer Unterschiede wird auch als Klassismus (vgl. Kastenwesen) bezeichnet und verurteilt.

Staatliche Maßnahmen

Der Sozialstaat ist verpflichtet, soziale Ungleichheiten bis zu einer gesetzlichen Limitation auszugleichen. In Deutschland ergibt sich dies aus Artikel 14 des Grundgesetzes, welcher sich auf die Sozialpflichtigkeit des Eigentums bezieht und aus dem Artikel 20 GG

Wirtschaftliche Effekte

In den aktuellen politischen Diskussionen wird "in rechtfertigender Absicht (...) vermehrt die „positive Funktion” von Reichtum und sozialer Ungleichheit ins Feld geführt. Die Behauptungen stützen sich dabei auf die Aussage, dass völlige soziale Gleichstellung die Anreize zur persönlichen Leistungssteigerung neutralisieren. Extrempunkt der sozialen Gleichheit wäre der Kommunismus.

Die gesamtwirtschaftlichen Effekte ungleicher Verteilungen sind in den Wirtschaftswissenschaften umstritten. Aus neoliberaler Sicht folgen die anhaltende Massenarbeitslosigkeit und die Wachstumsschwäche aus einer zu geringen Einkommensdifferenzierung; Keynesianer identifizieren die zu geringe Binnennachfrage, die wiederum aus der zunehmenden einseitigen Einkommens- und Vermögenskonzentration auf die oberen Einkommensklassen resultiert, als Hauptgrund für die wirtschaftlichen Probleme. Die neoliberale Sicht fordert mit Blick auf die gesamtwirtschaftlichen Folgen allerdings eine Zunahme der (besonders Einkommens-)Ungleichheit ("Ungleichheit als Arbeitsanreiz"). (...)

Deutschland

Die beschäftigungspolitischen Effekte von sozialer Ungleichheit sind (...) umstritten. (...) Die Empirie weist recht eindeutig auf keinen positiven Effekt von mehr Ungleichheit auf die Beschäftigtenstruktur hin. Seit Anfang der 1980er Jahre hat eine Politik in Deutschland, die eine stärkere soziale Ungleichheit verfolgte und in dieser Hinsicht auch erfolgreich war, bekanntlich nicht zu einer Verbesserung der Situation auf dem Arbeitsmarkt geführt. Auch international herrscht in Ländern mit niedrigen Lohn-, Steuer- und Sozialniveaus, in denen die soziale Ungleichheit entsprechend groß ist, keineswegs Vollbeschäftigung. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) untersuchte für verschiedene Länder und den Zeitraum von 1990 bis 1994 Beschäftigungsentwicklung sowie Arbeitslosenquote auf der einen und die Entwicklung der Einkommensverteilung auf der anderen Seite. Zwischen diesen Größen ließ sich keine signifikante Beziehung feststellen. ..."[1]

Global

Auch auf globaler Ebene erweist sich, dass die Ungleichverteilung der Einkommen keinen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum hat. Dem Weltentwicklungs-Bericht 2000/2001 der Weltbank zufolge „variierte die Ungleichheit weit in den 80gern und 90zigern, zeigte aber keinen systematischen Zusammenhang zum Wachstum“[2]. Weltweit stieg die Ungleichverteilung der Einkommen zwischen 1960 und 1998 von etwa 50% auf 70%[3].

Soziale Auswirkungen

Wirtschaftliche Bedingungen haben gesellschaftlicher Auswirkungen. Ein wahrgenommenes Gefühl der Ungleichverteilung führt häufig zu Rebellionen in Gesellschaften.[4]. Tatsächlich stellt sich aber nicht in zweiwertiger Logik die Frage, ob Ungleichheit oder Gleichheit ein erstrebenswertes Ziel sei, sondern der Vergleich des Grades[5] der wirtschaftlichen Ungleichverteilung muss mit Parametern wie Kriminalitätsrate, Armut, Produktivität usw. verglichen werden. Daraus ergibt sich dann empirisch, ob und in welcher Weise ein Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Ungleichverteilung und sozialen Effekten beobachtbar ist. Dabei kann sich ein optimaler Bereich der Ungleichverteilung ergeben, der zwischen erzwungener Gleichverteilung und gewalttätiger Umverteilung liegt.

Zitat

Man unterscheidet in der menschlichen Art zwei Arten von Ungleichheit: die eine, die ich natürlich oder physisch nenne, weil sie durch die Natur begründet wird, und die im Unterschied zum Lebensalter, der Gesundheit, der Kräfte des Körpers und der Eigenschaften des Geistes oder der Seele besteht; und die andere, die man moralische oder politische Ungleichheit nennen kann, weil sie von einer Art Konvention abhängt und durch die Zustimmung der Menschen begründet oder zumindest autorisiert wird. Die letztere besteht aus unterschiedlichen Privilegien, die einige zum Nachteil der anderen genießen [...]. Jean-Jacques Rousseau, Diskurs über die Ungleichheit

Quellen

  1. Absatz gekürzt aus: "Reichtum und Armut als Herausforderung für kirchliches Handeln", hrsg. von der Werkstatt Ökonomie im Auftrag von und in Kooperation mit verschiedenen evangelischen Kirchen und Einrichtungen, Oktober 2002, besonders Kapitel 5) "Öffentliche Armut, soziale Gerechtigkeit und Grenzen der Ungleichheit". PDF-Datei (166 KB)
  2. Box 3.5 im Kapitel 3 des World Development Report 2000/2001
  3. Die Prozentangaben sind Ginikoeffizienten für drei Quintile (http://www.umverteilung.de/#global).
  4. "... A perceived sense of inequity is a common ingredient of rebellion in societies ...", Amartya Sen, 1973
  5. Der Grad der Ungleichverteilung wird mit Ungleichverteilungsmaßen quantifiziert. Ein Beispiel ist der Ginikoeffizient. Das einfachste Maß ist die Hoover-Ungleichverteilung. Entropiemaße wie der Theil-Index versuchen, aus Ungleichverteilungen in der Physik und Informationstheorie sich ergebende Ausgleichspotentiale mit der Wirkung von Ungleichverteilungen der Ressourcen in Gesellschaften zu vergleichen. (Kleine Formelsammlung)

Literatur

  • Jean-Jacques Rousseau: Discours sur l'inégalité.
  • Karl Marx: Alle Schriften
  • Pierre Bourdieu (1979): La distinction. Critique sociale du jugement. Paris, Ed. de Minuit. (dt. "Die feinen Unterschiede")
  • Raymond Boudon: La logique du social und L'inégalité des chances: la mobilité sociale dans les sociétés industrielles
  • R. Aron: Die Desillusion des Fortschritts
  • R. Girod: Les inégalités sociales
  • H. Zwicky: Die Wahrnehmung sozialer Ungleichheit
  • R. Lévy: Alle gleich?
  • Bálint Balla, Soziologie der Knappheit. Zum Verständnis individueller und gesellschaftlicher Mängelzustände, 1978
  • Stefan Hradil: Soziale Ungleichheit in Deutschland
  • Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne
  • Karin Gottschall, Soziale Ungleichheit und Geschlecht : Kontinuitäten und Brüche, Sackgassen und Erkenntnispotentiale im deutschen soziologischen Diskurs, Opladen : Leske + Budrich, 2000
  • Dennis Gilbert, The American Class Structure in an Age of Growing Inequality, 6. Auflage 2002, Wadsworth, ISBN 0534541100
  • Tackling inequalities.Where are we now and what can be done?, Edited by Christina Pantazis and David Gordon, Policy Press 2000, Paperback, ISBN 9781861341464 - zur Situation in Großbritannnien
  • Jens Alber, Florian Fliegner: Und es gibt sie doch: die Unterschicht. In: Frankfurter Rundschau vom 29. Jan.2007

Weblinks

Quelle:
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