Die Sprachphilosophie ist die Disziplin der Philosophie, die sich mit dem Zusammenhang von Sprache, Bewusstsein und Realität beschäftigt. Damit ergeben sich zwei Untersuchungsfelder: die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit und die Beziehung zwischen Sprache und Bewusstsein. Die Sprachphilosophie steht somit in engem Zusammenhang mit den benachbarten Gebieten der Erkenntnistheorie und der Philosophie des Geistes.
Die Sprachphilosophie ist nicht Sprachanalyse. Sprachanalyse ( →Begriffsanalyse) ist eine seit Sokrates bekannte philosophische Methode, die in den verschiedensten Disziplinen der Philosophie Anwendung findet. In der Sprachphilosophie wird sie insbesondere zur Analyse von denjenigen Begriffen eingesetzt, mit denen die Sprache beschrieben wird, zum Beispiel für die Analyse der Begriffe Bedeutung, Sinn und Begriff.
Die Sprachphilosophie ist auch ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft. Sie ist weder Allgemeine Linguistik, deren Methoden weitgehend empirisch sind, noch Semiotik, die Lehre der Zeichen und Zeichensysteme.
Es lassen sich in der Sprachphilosophie grundsätzlich zwei Zugänge zur Sprache unterscheiden, die Philosophie der idealen Sprache (Ideal Language Philosophy) und die Philosophie der normalen Sprache (Ordinary Language Philosophy). Obwohl historisch gesehen gegensätzlich, lassen sich die beiden Zugänge und deren Erkenntnisse auf die eine oder andere Art miteinander verbinden.
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Die Philosophie der idealen Sprache betrachtet die normalen Sprachen als defizitär, da diese aufgrund verschiedener Ungenauigkeiten nicht den strengen Ansprüchen der Logik genüge. Ziel dieses Zugangs ist die Revidierung oder gar Ersetzung der natürlichen Sprachen für Zwecke der Wissenschaften durch eine ideale, formale Sprache.
Das Projekt hat sich als schwierig in der Umsetzung erwiesen. Das grundsätzliche Problem ist, dass jede Sprache, auch eine formale Sprache, interpretiert werden muss, und die Sprache der Interpretation in der Regel unsere normale Sprache ist. Dennoch hat sich diese Zugangsweise als sehr fruchtbar erwiesen, denn dank der Erforschung von logischen und begrifflichen Zusammenhängen wurden wichtige Erkenntnisse über den Aufbau einer formalen Sprache gemacht.
Als Begründer der Philosophie der idealen Sprache gilt der Mathematiker, Logiker und Sprachphilosoph Gottlob Frege, der dieses Projekt in seiner Begriffsschrift verwirklichen wollte. Weitere wichtige Vertreter sind Bertrand Russell, der zusammen mit Alfred North Whitehead die Principia Mathematica verfasste, Ludwig Wittgenstein in seinen frühen Jahren, d.h als Verfasser des Tractatus Logico-Philosophicus, weiter Rudolf Carnap sowie Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen, die Begründer des Erlanger Konstruktivismus.
Die Philosophie der normalen Sprache betrachtet die normale Sprache nicht als defizitär, sondern als völlig brauchbar für den Zweck, für den sie eingesetzt wird, nämlich zur Verständigung im sozialen Umfeld. Die Aufgabe der Sprachphilosophie sei es nicht, die normale Sprache zu revidieren oder zu ersetzen, sondern beispielsweise durch das Ausweisen von begrifflichen oder regulativen Zusammenhängen zu beschreiben bzw. - wie einige Vertreter hinzusetzen würden - zu erklären.
Als Begründer der Philosophie der normalen Sprache gilt Ludwig Wittgenstein in seinen späten Jahren,d.h. als der Verfasser der Philosophischen Untersuchungen. Weitere wichtige Vertreter sind Gilbert Ryle, John Langshaw Austin und Peter Strawson.
Der Ansatz hat zur Entwicklung der Sprechakttheorie beigetragen, der zu einem wichtigen Bestandteil der linguistischen Pragmatik geworden ist. Zahlreiche Philosophen markieren auch in verschiedenen Einzelfragen die Fruchtbarkeit normalsprachlicher Methodik, darunter etwa in Debatten um die Beziehung von Geist und Materie (deren traditionelle Behandlung nach Ryle zu Scheinproblemen führe).
Einigen Kritikern scheint der damit einhergehende konservative Zug - also das Festhalten am bestehenden Sprachgebrauch - aus verschiedenen Motiven problematisch. Beispielsweise wird der Nutzen präziser theoretischer Sprachen herausgestellt oder eingewandt, im Rahmen normalsprachlicher Ansätze würden Erklärungen und Rechtfertigungen zirkulär oder hätten nur im Geltungsbereich bestimmter Sprachsysteme Gültigkeit. Hin und wieder wird behauptet, bei normativen Problemen führe die Philosophie der normalen Sprache von Haus aus zu naturalistischen Fehlschlüssen. Auch wurde teilweise die Philosophie der normalen Sprache dem Behaviorismus zugeordnet und dann prinzipielle Einwände gegen szientistische Erklärungsmodelle vorgetragen.
Dass es referierende (d. h. Bezug nehmende) Ausdrücke gibt, scheint unbezweifelbar: Der Name „Sokrates“ bezeichnet den griechischen Philosophen. Wenn man nun eine referentielle Bedeutungstheorie vertritt, d. h. wenn man behauptet, dass die Bedeutung eines Ausdrucks in seiner Referenz besteht, dann stellt sich folgendes Problem: Zwei Ausdrücke, welche dieselbe Referenz haben, d. h. die koextensional sind, haben nicht unbedingt denselben Erkenntniswert. Das berühmte Beispiel von Gottlob Frege ist:
Der Ausdruck „Abendstern“ und der Ausdruck „Morgenstern“ haben dieselbe Referenz, nämlich den Planeten Venus, aber der erste Ausdruck meint den hellsten Stern am Abend, der zweite den hellsten Stern am Morgen. Der Satz lässt sich also mit Hilfe von Kennzeichnungen, d. h. von Ausdrücken der Art „der/die/das A“ so formulieren:
Doch damit ist das Problem noch nicht gelöst, denn die erste Kennzeichnung hat dieselbe Referenz wie die zweite und müsste, wenn die referentielle Bedeutungstheorie wahr ist, dieselbe Bedeutung haben. Das ist jedoch nicht der Fall, denn jemand kann wissen, dass der hellste Stern am Abend die Venus ist, ohne zu wissen, dass der hellste Stern am Morgen auch die Venus ist. Wie ist das Problem zu lösen? Es bestehen grundsätzlich zwei Lösungsansätze, der Ansatz von Gottlob Frege und der Ansatz von Bertrand Russell.
Peter Strawson hat beide Ansätze kritisiert, ebenso Keith Donnellan, der das Problem durch eine Unterscheidung zwischen attributivem und referentiellem Gebrauch zu lösen versucht.
Ein weiteres Problem sind Eigennamen. Wie sind Eigennamen zu analysieren? Auch hierzu gibt es zwei Lösungsansätze, erstens der von Russell und Frege vertretene Ansatz, zweitens der von Saul Kripke und Hilary Putnam vertretene Ansatz.
Traditionelle Bedeutungstheorien gehen davon aus, dass mit der Bedeutung ein Gegenstand bezeichnet ist. Diese Theorien haben jedoch das Problem, dass sie Sätze, in denen Ausdrücke vorkommen, die auf nichts referieren – zum Beispiel: „Pegasus ist ein geflügeltes Pferd“ -, ihnen gemäß keine Bedeutung hätten. Zudem gibt es viele Ausdrücke wie zum Beispiel Konjunktionen und Präpositionen, welche auf nichts zu referieren scheinen. Auch ist "Pegasus" ja nicht nichts, sondern eine fiktive Figur, die als solche durchaus in der Vorstellung existiert.
Moderne Bedeutungstheorien im Geist der Philosophie der normalen Sprache stellen die Frage, wie es überhaupt dazu kommt, dass ein Zeichen Bedeutung hat. Damit gelangen sie zur Ansicht, dass die Bedeutung eines Ausdrucks kein Gegenstand ist, sondern durch den Gebrauch des Zeichens gebildet ist. In der Folge haben sich verschiedene Bedeutungstheorien entwickelt.
Wer spricht, der stellt nicht nur etwas dar, der tut etwas. Diese Erkenntnis hat John Langshaw Austin in einer Vorlesungsreihe im Jahre 1955 formuliert (1962 als How To Do Things With Words publiziert). Austin unterscheidet in der Folge zwischen einem lokutionären, einem illokutionären und einem perlokutionären Akt, vereinfachend gesagt zwischen dem, was mit der Äußerung gesagt wird, was mit ihr getan wird und was mit ihr bewirkt wird. Wenn zum Beispiel jemand äußert "Schiess dieses Tier nieder!", dann hat er damit gesagt, dass die angesprochene Person das Tier niederschießen soll (Lokution), er hat ihr geraten oder befohlen, das Tier niederzuschießen (Illokution) und er hat sie (unter Umständen) überzeugt, dass er das Tier niederschießen soll (Perlokution).
Einige Äußerungen sind sogenannte explizit performative Äußerungen; der Sprecher gibt dabei die illokutionäre Rolle seiner Aussagen explizit an. Zum Beispiel: "Hiermit warne ich Dich!". Eine performative Äußerung ist weder wahr noch falsch; sie kann gelingen oder nicht gelingen. Als Kriterium in der Analyse von Äußerungen gelten dabei die sogenannten Gelingensbedingungen von performativen Äußerungen.
John Searle versucht, Austins Ansätze zu einer Sprechakttheorie zu systematisieren. Er unterscheidet fünf Typen von Sprechakten: Repräsentivum/Assertivum (z.B. etwas behaupten), Direktivum (z.B. jemanden um etwas bitten), Kommissivum (z.B. jemandem etwas versprechen), Expressivum (z.B. jemandem danken) und Deklarativum (z.B. jemanden taufen). Es ist umstritten, wie hilfreich diese Einteilung ist.
Manchmal meinen wir das, was wir sagen; öfters meinen wir jedoch etwas anderes oder etwas mehr als das, was wir sagen; wir deuten es lediglich an. Zum Beispiel sagt jemand als Antwort auf die Frage, wo man Benzin tanken könne, dass es eine Tankstelle um die Ecke gebe. Damit hat die Person nicht gesagt, dass man dort Benzin tanken könne, sie hat es lediglich angedeutet.
Paul Grice hat versucht, diesen Aspekt der Bedeutung als Implikatur zu verstehen. Der Ausdruck „Implikatur“ ist ein Kunstwort, das nur innerhalb von Grice Theorie – und Weiterentwicklungen davon – eine klar umrissene Bedeutung hat. Die Grundidee von Grice ist, die sprachliche Verständigung als ein rationales Handeln anzusehen, das auf dem sogenannten Kooperationsprinzip beruht. Diesem Prinzip sind verschiedene Konversationsmaximen untergeordnet, beispielsweise dass ein Sprecher seinen Beitrag so informativ wie möglich gestalten soll. Wenn wir mehr oder etwas anderes sagen, als wir meinen, aber dennoch kooperativ sind, dann ist dies darauf zurückzuführen, dass eine dieser Maximen nicht eingehalten oder verletzt wird.
Wird ein Ausdruck nicht-wörtlich verwendet, so spricht man oftmals von einer Metapher. Zum Beispiel ist die Redeweise "Du bist meine Sonne" metaphorisch; damit ist nicht gemeint, dass die angesprochene Person tatsächlich eine Sonne ist. Was eine Metapher ist, wie sie erklärt werden soll und was es Hörern erlaubt, eine Metapher zu verstehen, sind allerdings umstrittene Fragen.
Wie können wir erklären, dass Menschen ihre Muttersprache so schnell erlernen können? In der Spracherwerbsforschung gibt es zwei klassische Ansichten, die von Noam Chomsky und von Jean Piaget erstmals formuliert wurden.
Edward Sapir und Benjamin Whorf vertreten die Theorie der sprachlichen Relativität: Sie behaupten, dass die Gedanken insofern relativ zu einer Sprache sind, dass sich gewisse Gedanken nur in bestimmten Sprachen formulieren und verstehen lassen. Sie glauben, dies unter anderem mit empirischen Studien der Sprache von Indianern und Eskimos belegen zu können. Donald Davidson vertritt dagegen die These, dass alle Menschen, insofern sie miteinander kommunizieren, über dasselbe Begriffsschema verfügen, weil ein grundsätzlich anderes Begriffsschema für uns gar nicht verständlich wäre.
Die Sprache ist ein Mittel der Kommunikation. Ein besonders bekanntes Kommunikationsmodell ist das Organonmodell (1933) von Karl Bühler. Bühler unterscheidet zwischen einer Darstellungs-, Ausdrucks- und Appellfunktion des Zeichens. Roman Jakobson erweiterte 1960 das Modell auf sechs Funktionen.
Als Standardmodell der Nachrichtenübermittlung gilt das in der Informationstheorie von Claude Shannon und Warren Weaver entwickelte Sender-Empfänger-Modell (1949). Dan Sperber und Deirdre Wilson haben gezeigt, dass dieses Modell zur Erklärung der menschlichen Kommunikation zu kurz greift und durch ein inferentialistisches Modell erweitert werden muss.
Die von Sperber und Wilson im Buch Relevance (1986) entwickelte Relevanztheorie verbindet Fodors modulare Theorie des Geistes mit Gedanken von Grice. Die Theorie besteht grundsätzlich aus zwei Prinzipien der Relevanz. Das erste besagt, dass der menschliche Geist dazu tendiert, die Relevanz des Inputs zu maximieren. Die zweite besagt, dass jede kommunikative Äußerung eine Vermutung der optimalen Relevanz mit sich trägt. Damit lasse sich sprachliche Kommunikation erklären.
Verschiedene weitere Aspekte der Sprache werden von verschiedenen Teilgebieten der Philosophie untersucht:
Die Anfänge der Sprachphilosophie gehen bis in die Antike zurück. Platons Ideenlehre führt zum Problem der Prädikation: Wie verhalten sich die Einzeldinge zu den Universalien? Aristoteles fährt mit den sprachphilosophischen Untersuchungen fort und entwickelt die Aussagenlogik.
Im Mittelalter werden von Philosophen wie Abaelardus und Duns Scotus logische und sprachphilosophische Untersuchungen unternommen. William von Ockham entwickelt den Nominalismus (siehe Universalienstreit).
Die moderne Sprachphilosophie hat sich als eigenständige Disziplin mit der Entwicklung der modernen Logik durch Gottlob Frege in seinem epochalen Werk der Begriffsschrift etabliert; dieses Werk ist kennzeichnend für die Philosophie der idealen Sprache. Mit den Philosophischen Untersuchungen von Ludwig Wittgenstein beginnt die Philosophie der normalen Sprache. Beide Traditionen haben zur Entwicklung neuer Erkenntnisse und der Erforschung neuer Gebiete geführt.
| Philosophiebibliographie: Sprachphilosophie – Zusätzliche Literaturhinweise zum Thema |
| Wiktionary: Sprache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen |