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Im Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR vom 21. Dezember 1972 (am 21. Juni 1973 in Kraft getreten) wurde die Einrichtung Ständiger Vertretungen beschlossen (Artikel 8). Im folgenden steht StäV - je nach Kontext (im Singular oder Plural) - für Ständiger Vertreter oder Ständige Vertretung.
Die StäV waren praktisch Botschafter (die DDR nannte sie auch so). Sie mussten sich bei dem jeweiligen Oberhaupt des anderen Staates akkreditieren, der BRD-StäV beim Staatsratsvorsitzenden, der DDR-StäV beim Bundespräsidenten. Im Unterschied zu herkömmlichen Botschaftern (die seit 1961 gemäß der Wiener Konvention tätig sind) galt folgende Überkreuz-Regel:
Das Wörtchen „bei“ in der Bezeichnung „StäV der BRD bei der DDR“ drückt aus, dass Ost-Berlin nach dem Viermächte-Status nicht zur DDR gehörte (so wenig wie West-Berlin zur BRD). Der Grund für die Abweichung vom normalen Botschaftsbetrieb lag in den gegensätzlichen staatspolitischen Auffassungen. Die StäV wurden darum auch nicht „gemäß“, sondern „entsprechend“ der Wiener Konvention behandelt.
Für die BRD blieb die deutsche Frage bis 1990 offen, d.h.
Für die DDR hingegen war die deutsche Frage abgeschlossen, spätestens seit 1974, als die DDR-Verfassung von 1968 geändert wurde, insbesondere der Artikel 8, der das Gebot der Wiedervereinigung enthielt („Die Deutsche Demokratische Republik und ihre Bürger erstreben. .. die schrittweise Annäherung der beiden deutschen Staaten bis zu ihrer Vereinigung auf der Grundlage der Demokratie und des Sozialismus“). Für die DDR gab es zwei deutsche Staaten, die jeweils für den anderen Ausland waren.
Beide deutschen Staaten waren Frontstaaten, hinter denen mächtige Verbündete, USA bzw. UdSSR, den Ton angaben. BRD und DDR hatten ein existentielles Interesse an der Entspannung, denn beide wussten, dass ein „heißer Krieg“ als Fortsetzung des kalten ihr Ende auf dem Schlachtfeld Mitteleuropas sein würde (Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen, NATO-Doppelbeschluss). Darüber hinaus gab es wirtschaftliche Interessen, die sich unterteilen lassen in normale und besondere (spezifisch deutsche). Die normalen bestanden im Warenverkehr und der Schaffung von Arbeitsplätzen (in der BRD hingen ungefähr eine halbe Million Arbeitsplätze vom DDR-Handel ab). Die besonderen ergaben sich aus den unterschiedlichen staatspolitischen Auffassungen und dem Wirtschaftsgefälle zwischen BRD und DDR.
Die Aufgaben der StäV waren die von Botschaftern, die sich allerdings mit den Besonderheiten der deutsch-deutschen Beziehungen auseinandersetzen mussten. Sie überbrachten oder empfingen Vorschläge oder Beschwerden der Regierungen und führten Verhandlungen oder nahmen an Verhandlungen teil, zum Beispiel betreffend
Die StäV der BRD hatten es außerdem mit einer Aufgabe zu tun, die sich 1984 und 1989 zu einem Problem auswuchs: Wie verschaffte man DDR-Bürgern, die in die StäV geflohen waren, eine Ausreisegenehmigung? Die Verhandlungen darüber (mit dem Rechtsanwalt Dr. Vogel oder Honeckers Sonderbeauftragtem Schalck-Golodkowski) wurden geheim und ohne Aufzeichnungen geführt (die Lösung bestand oft darin, dass die Flüchtlinge an ihren Wohnort zurückkehrten und einen Ausreiseantrag stellten, den die DDR-Behörden vereinbarungsgemäß genehmigten). 1984 und 1989 musste die StäV in Berlin zeitweise schließen, weil 55 bzw. 131 DDR-Bürger dort Zuflucht gesucht hatten (sie wohnten im Konferenz-Pavillon, dem sog. „Gartenhaus“ hinter dem StäV-Gebäude).
Die StäV der BRD in Berlin (Hannoversche Straße 28-30):
Die ersten drei StäV der BRD stammten aus der Zeit der Regierung Schmidt. Die Regierung Kohl (sie setzte die Ost-Politik Brandts und Schmidts fort) beließ Bräutigam im Amt.
Die StäV der DDR in Bonn (Godesberger Allee 18):
Moldt und Neubauer „büßen“ für die Parteidiktatur der DDR: Ihnen wurde nach der Wiedervereinigung jede (zum Beispiel ihren Kenntnissen der ehemaligen Ostblockländer) angemessene Tätigkeit verweigert, sowohl im öffentlichen Dienst als auch bei Wirtschaftsunternehmen.
Der Dienstsitz Hannoversche Straße 28-30, heute Dienstsitz des BMBF, war für Ost-Berliner das „weiße Haus“, für die Stasi „Objekt 499“. Im Dachgeschoss (dem Scharoun-Atelier) wohnten zu StäV-Zeiten BGS-Beamte. Das Grundstück war seit dem 18. Jahrhundert Kasernenstandort (zuerst Kavallerie, im 19. Jahrhundert Garde-Artillerie). Zwischen 1912 und 1914 wurde das heutige Gebäude als Kaserne errichtet für die Maschinengewehr-Kompanien des Kaiser-Alexander-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 und des II. Garderegiments zu Fuß. (Hans Leip hat hier nicht seine „Lili Marleen“ gedichtet, sondern in der Habersaathstraße, der früheren Kesselstraße). 1938 war es Polizeikaserne (Polizeischule Mitte). 1948 übergab die SMAD das im Krieg leicht beschädigte Haus der Akademie der Wissenschaften. 1949 baute Scharoun ein aufgekoffertes Dachgeschoss als Atelier. Es diente dem Institut für Bauwesen der Akademie der Wissenschaften. 1950 wurde das Institut aufgelöst und (am 1. Januar 1951) die Deutsche Bauakademie gegründet (zeitweise auch Sitz der Redaktion der Zeitschrift „Deutsche Architektur“). 1973 räumte die Deutsche Bauakademie das Haus, das für die StäV umgebaut wurde. Seit 1995 Baudenkmal. Die Residenz der BRD-StäV befand sich in der Kuckhoffstraße (Pankow).
An den Dienstsitz Godesberger Allee 18 (Bonn-Godesberg, zwischen Kennedy-Allee und Wurzerstraße) erinnert ein Schild (Teil des Bonner Projektes „Weg der Demokratie“) mit der Inschrift: „Ständige Vertretung der DDR 1978[?]-1990 / Landesvertretung Sachsen 1991-1999 / Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern 1991-2000“. Heute (2006) ist hier die Deutsche Gesellschaft für Ernährung untergebracht. Die Einrichtungsgegenstände der StäV wurden auf einer Kölner Auktion versteigert. Die Residenz der StäV befand sich in Bornheim-Hersel, Rheinstraße 232. Das Gebäude wurde abgerissen.
Die „Straße des 17. Juni“ mündet auf den „Platz des 18. März“. Diese Namen weisen auf zwei Daten hin, die ungefähr die Zeitspanne begrenzen, in der sich der Prozess der Wiedervereinigung abgespielt hat: den Tag des Aufstandes 1953 und den der Volkskammerwahl 1990 (die Bezirksverwaltung Mitte erklärt den Namen des Platzes auf der Feldseite des Brandenburger Tores allerdings nur mit dem 18. März des Revolutionsjahres 1848 und erwähnt nicht den Tag der einzigen freien Volkskammerwahl). Zwischen diesen Eckdaten wirkten Kräfte, die den Ostblock erschütterten: Aufstand in Ungarn, Prager Frühling, Gewerkschaftsbewegung in Polen, Generationenwechsel im Kreml, die Wirtschaftsschwäche des Ost-Blocks und die Ost-Politik Willy Brandts und Walter Scheels (auf die Egon Bahrs berühmte Formel von 1963 zutraf: „Wandel durch Annäherung“). Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher setzten die Ost-Politik der sozialliberalen Koalition fort und nutzten die Möglichkeiten, die sich während der schwer kalkulierbaren Entwicklung 1989 und 1990 darboten. Ohne die Perestroika Gorbatschows hätte die schnelle Einheit Deutschlands nicht stattgefunden. Aber das Hauptverdienst um die Wiedervereinigung gebührt der DDR-Bevölkerung selbst (zum Beispiel Leipziger Montagsdemonstrationen 1989/90, Beitrittsbeschluss der Volkskammer vom 23. August 1990). Im Rahmen dieses Prozesses haben seit 1974 die StäV gearbeitet, man darf sagen: darauf hingearbeitet, sich entbehrlich zu machen. Das amtliche Schild der BRD-StäV war wenige Tage vor der Wiedervereinigung gestohlen worden. Franz Bertele ließ auf eigene Kosten ein neues anfertigen, um es am 2. Oktober 1990 feierlich abschrauben zu können. Dieses neue Schild hing bis Frühjahr 2006 im Bonner Haus der Geschichte, heute ist es im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Das amtliche Schild der DDR-StäV hängt im Haus der Geschichte.
An der Hauptpforte des BMBF in der Hannoverschen Straße, auf dem kleinen Platz zwischen dem BMBF-Westflügel und einem Gebäude der HU, stehen drei Ginkgo-Bäumchen. Der Aktionskünstler Ben Wargin hat sie am 28. November 2000 dort aufgerichtet. Bereits im November 1988 hatte er Ginkgos in den Hof der StäV gepflanzt (sie wurden bei der Renovierung des Anwesens herausgerissen). Der erste StäV, Günter Gaus, berichtete im Januar 1981 (dem Monat seines Ausscheidens als StäV) in einem Interview mit der ´Zeit´, bei einem Besuch des Goethehauses in Weimar habe ein DDR-Bürger Frau Gaus ein Ginkgo-Blatt geschenkt und dazu das Gedicht „Gingo biloba“ (Goethe verzichtete auf das k, außer in seinem Manuskript) aus dem „West-östlichen Divan“ rezitiert. Die zweite Strophe lautet, auf die charakteristische Form der Blätter (biloba - zweilappig) anspielend:
Bei Goethe (einem Vorläufer Darwins) schwingt auch ein entwicklungsgeschichtliches Interesse mit, vor allem aber die Erkenntnis, dass sich hinter der kulturellen Vielfalt (oder je nach Sichtbeschränkung und Gewichtung) hinter dem Dualismus der Welt (Westen - Osten) ein einheitliches Muster erkennen lässt, ein Urbild. Für das Ehepaar Gaus und den DDR-Bürger war das Ginkgo-Blatt Symbol des geteilten, aber zusammengehörigen Deutschlands, für den Nachmieter im Haus der StäV, das BMBF, ist es vielleicht ein Symbol der Verschiedenheit und gleichzeitigen Zusammengehörigkeit von Ost und West im Licht der Aufklärung und des gegenseitigen Verstehens (im übrigen symbolisiert es auch die Geschichte des Ministeriums selbst: es ist im November 1994 aus zwei Ministerien hervorgegangen, dem BMBW und dem BMFT, das nach der Auflösung der StäV hier seine Außenstelle unterhalten hat).