Die St.-Stephani-Kirche ist das Wahrzeichen von Calbe. Mit ihren beiden 57 m hohen Zwillingstürmen ist sie eine der größten Kirche im Salzlandkreis.
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Eine frühe St.-Stephani-Kirche wurde wahrscheinlich im 10. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Schenkung des Königshofes an das neue Erzbistum Magdeburg als erzbischöflicher Repräsentationsbau an der Stelle des Chorraumes der heutigen Hallenkirche errichtet. Die Hypothese von der Gründung der Stephanskirche durch den Halberstädter Erzbischof Hildegrim um 820 lässt sich nach neueren Erkenntnissen kaum aufrechterhalten. Einige Reste einer ottonischen oder romanischen Basilika sind im Ostbau (Chor) in 1,6m Tiefe erhalten. Brandspuren an den aufgefundenen Mauerresten legen den Schluss nahe, dass die Kirche bei einer Feuersbrunst, vielleicht während der Welfen-Staufer-Kriege, zerstört wurde. Danach entstand eine frühgotische Basilika aus Sandstein, die später hochgotisch verändert wurde und von der ein Teil als rechteckiger Chorraum der jetzigen Kirche erhalten ist.
Seit dem 14. Jahrhundert sind Bemühungen um Veränderungen und Vergrößerungen des Kirchenbaues zu erkennen, bis man sich schließlich im 15. Jahrhundert entschloss, eine der gewachsenen Bevölkerungszahl Rechnung tragende, geräumige spätgotische Hallenkirche – vorwiegend aus Bruchsteinen - zu errichten, die 1495 fertig gestellt werden konnte. Die Türme und das Hauptschiff sind aus Bruchsteinen gebaut, die Ecken und Portale aus Sandstein. Der älteste Teil des jetzigen Gebäudes ist der Choranbau, an den im 15. Jahrhundert die Hauptschiff-Halle angefügt wurde. Die beiden Teile bilden keine bauliche Einheit.
Die Gesamthöhe der Türme einschließlich des Knaufes beträgt 57,3m. Das "Schiff"-Langhaus hat innen eine Länge von 29,2m, das Mittel-Schiff ist 9,7m und die Seiten-Schiffe sind je 4,5m breit. Die Höhe des Mittelschiffes beträgt 13,7m, die der Seitenschiffe 13,6m. Die Hallenkirche hat außen eine Gesamtlänge von knapp 60m. Einschließlich der Strebepfeiler und des Kapellenanbaues ist sie etwa 38m breit.
Das Maßwerk der gotischen Fenster weist auf die Verwendung älterer, hochgotischer Teile des Baues hin. Das beachtliche Haupt-Portal mit den zwei Spitzbogen-Türen wurde nachträglich in das bereits früher begonnene Turmhaus eingefügt. Im Südturm wohnte der Türmer, ein städtischer Angestellter, dem auch die Feuerwache oblag. Ein Balken für seinen Lastenaufzug ist noch zu sehen.
Seit dem 16. Jahrhundert gibt es einen Verbindungsgang zwischen den beiden Türmen mit einem späteren, kleinen Barocktürmchen.
Die Sandstein-Kränze mit symbolischen Menschen- und Dämonengestalten über den Südtüren, die religiöse Moral-Geschichten erzählen, sind leider schon stark verwittert.
Auf den Strebepfeilern sitzen 14 Chimären oder „Himmelswächter“ (ohne Wasserabfluss-Funktion) zur Abwehr böser Kräfte, die neben dämonischen Gestalten in der Mehrzahl Karikaturen von Zeitgenossen darstellen.
Die Chimären an der St.-Stephani-Kirche lassen sich in 3 Gruppen einteilen: 2 Fabelwesen (Hybride), 4 Tiere und 8 Menschen. Die Menschendarstellungen bilden 4 Untergruppen. Dies sind: 2 Nackte, 2 Modenarren, 3 Kirchenleute und ein Jude mit der Judensau. Während die Fabelwesen und Tiere in symbolisierter Form das Böse abwehren sollen, sind die meisten der Menschen-Figuren als Karikaturen auf persönliche Schwächen und Laster, auf menschliche Sündhaftigkeit zu verstehen. Judenhass und Judenverachtung werden an der Stephanikirche Calbe ebenso wie auch in jener Zeit an mehreren anderen Kirchen sichtbar. Eine der Chimären-Spottfiguren stellt einen Juden dar, der einem Schwein das Hinterteil küsst (Judensau). Eine andere Skulptur zeigt einen Fettwanst, der sich überfressen hat. Dass auch eine Nonne (oder Begine?) (s. Abb.) und zwei Stifts- oder Klosterbrüder in die Karikaturen-Gruppe aufgenommen wurden, zeigt, wie sehr der Verfall der klösterlichen Kultur ins allgemeine Bewusstsein gedrungen war. Die lutherische Reformation stand unmittelbar bevor.
Auf der Südseite befindet sich die Wrangel-Kapelle. Der Schlussstein des Wrangel-Kapellen-Gewölbes gibt ebenso wie das Wappen über der Tür die Jahreszahl 1495 an. Simon Hake (spätere Schreibweise: Hacke) war der Stifter der Kapelle. Es gibt eine Vermutung, dass der Begriff Wrangelkapelle sich aus der Tür herleitet und diese ursprünglich Prangel-Tür hieß, was soviel wie Knüppel(=Balken)-Tür bedeutet. Es ist aber wahrscheinlicher, dass der Name sich vom schwedischen Feldherrn Carl Gustav Wrangel ableitet, dessen Frau Anna Margareta Wrangel Gräfin von Salmis aus Calbe stammt. Teile des schwedischen Heeres hielten sich in den 1630-er und 1640-er Jahren mehrere Male in Calbe auf, und es ist anzunehmen, dass General Wrangel die Hake-Kapelle an der Kirche, in der seine schöne Frau die Taufe erhielt, großzügig ausstatten ließ. Dadurch blieb wohl der Kapellenanbau im kollektiven Gedächtnis der Einwohner als „Wrangel“kapelle in Erinnerung.
Über der Tür der Wrangel-Kapelle befindet sich eine Sonnenuhr, das Wappen des Erzbischofs Ernst II. von Sachsen und ein altes Sandstein-Kruzifix, das möglicherweise noch von der romanischen oder frühgotischen Basilika stammt. Dieser Teil der Kirche, das Portal der Kapelle - und nur dieses -, ist aus Backsteinen gebaut, es ist damit das südlichste Denkmal der norddeutschen Backsteingotik in Europa.
Später fungierte die Wrangel-Kapelle als Leichenhaus, in der oberen Etage wohnte der Totengräber. Auch die Bibliothek und das Archiv der Kirche waren zeitweise in dieser Oberetage untergebracht
Von den Säuberungs- und Restaurierungs-Aktionen nach der Einführung der Reformation in Calbe (1542) sowie der Jahre 1866 und 1966 blieben im Innern der Kirche erhalten:
Da der Altaraufsatz, die einst vorhandenen Emporen und das Gestühl nach zwei Jahrhunderten recht morsch waren, wurden sie im 19. Jh. entfernt.
Sehenswert sind im Inneren weiterhin:
und
1992, 1994, 1998/99 und 2006 fanden u. a. mit Hilfe erheblicher Spenden der Calbenser und ihrer Freunde umfassende Sanierungsarbeiten am Kirchengebäude statt, die noch nicht abgeschlossen sind.
Bearbeitet nach und teilweise zitiert aus: Dieter H. Steinmetz, Auf historischer Spurensuche - Ein Stadtrundgang in Calbe an der Saale.
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