Staatliche Kunstschule für Textilindustrie Plauen

Das Erzgebirge, Vogtland und Sachsen waren traditionelle Standorte der deutschen Veredlungs-und Textilindustrie sowie des weltbedeutenden Maschinenbaues. Die Mechanisierung speziell in der zweiten Hälfte des 19. Jhdt. bewirkte auch in der vogtländisch-erzgebirgischen Region mit ihren stürmisch sich entwickelnden Wirtschafts-und Industriezweigen eine verstärkte Nachfrage nach ausgebildeten Fachkräften. Mit der Gründung einer Mittleren Königl. Gewerbeschule 1832 im Zentrum des Vogtlandes der Stadt Plauen unter Leitung des Schulleiters Friedrich Krauße begann der Entwicklungsweg am unveränderten Standort einer "Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl.". Über diese Institution, ihre Organisation, Ziele, Methoden, regionale, nationale und internationale Bedeutung gab es bis zum Jahre 1996 nur vereinzelte, fragmentarische Erwähnungen. Ein erstes wissenschaftliches Auswerten der Ergebnisse und deren Darstellen der seit 1968 vom Verfasser betriebenen Forschung zu dieser Einrichtung erfolgte 1996 mit der Veröffentlichung eines Buches " Die Staatliche Kunst-und Fachschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl. 1877-1945".

  • 1. Zeitperiode: 1877-1904 "Kunstgewerbliche Fachzeichenschule Plauen i. Vogtl.". "Königliche Industrieschule zu Plauen i. Vogt.". Direktor: Prof. Richard Hofmann (geb. 1852- gest. 1904).
  • 1878 Schaffung einer textilen Vorbildersammlung an der Schule als Grundlage für zyklische Wanderausstellungen in die Zentren der Textilindustrie Eibenstock/Erzg., Falkenstein, Frankenberg, Glauchau, Meerane, Oelsnitz/Vogtl., Reichenbach/Vogtl.
  • 1888 Gründung des Vogtländisch-Erzgebirgischen Industrievereins. Ehrenvorsitzender Geheimer Kommerzienrat Otto Erbert, Plauen. Geschäftsführer Hofrat Prof. R. Hofmann, Plauen. Dieser Verein sollte sollte als Bindeglied zwischen Schule und Industrie, wenn auch mit Namensänderungen, bis zur Einstellung des Lehrbetriebes 1944 erfolgreich tätig sein.
  • 1891 Umbenennung: "Königliche Industrieschule zu Plauen i. Vogtl.". 3. Okt. neue Einrichtung eingeweiht. Angliederung einer öffentlichen kunstgewerblichen und textiltechnischen Bibliothek, Tapetensammlung und Textilmuseum. Auf Anregung der Handelskammer Plauen richtete die Schule Außenstellen in Auerbach, Eibenstock, Falkenstein und Oelsnitz/Vogtl. ein. Dieses war einmalig in der höheren kunstgewerblichen Schullandschaft in Deutschland und beweist die Integration der Bildungseinrichtung als Wirtschaftsfaktor im Vogtland, Erzgebirge und Sachsen. "Die neue Anstalt ist im eigentlichen Sinne des Wortes eine Kunstgewerbeschule, welche den älteren Schwesteranstalten in Dresden und Leipzig sich würdig anreiht. Nicht das Ziel unterscheidet sie von letzteren, sondern nur der engere Rahmen ihrer Wirksamkeit." (Auszug aus einem Bericht von Prof. Hofmann 1891).
  • 2. Zeitperiode: 1904- 1918/22 "Königliche Industrieschule zu Plauen i. Vogtl.","Königl. Sächs. Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl.", "Staatliche Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl.". Direktor: Prof. Albert Forkel (geb. 1864- gest. 1904). 3 Hauptabteilungen: Musterzeichnerschule,Web-und Maschinenstickschule, Fabrikanten-und Frauenarbeitsschule.
  • 1913 Margarete Naumann, Mitglied des DWB. Ausstellung im Dresdner Künstlerhaus: "Die handwerkliche Papier-Gestaltungslehre." Beinhaltete schon nachweislich elementare Methodik zur späteren Gestaltungslehre am Bauhaus von Albers und Moholy Nagy und sollte von Prof. Forkel in die Ausbildung an der "Textil-Kunstschule Plauen i. Vogtl." integriert werden.
  • 1914 Cölner Werkbundausstellung. Naumann stellt Arbeiten der Margaretenspitzentechnik in der "Einheit von Kunst und Handwerk" als Verbindung zum industriellen Prozess in Kongenialität zu den gestalterischen Reformbemühungen der Maschinenspitze des DWB-Mitgliedes Prof. Forkel aus.
  • 1914/15 Erstmalig wird an der Plauener Einrichtung als deutschlandweiter Versuch eine Abt. für "Textil-und Flächenkunst" für begabte Mädchen eröffnet und mit Erfolg integriert.
  • 1918 Umbenennung: "Königl. Sächs. Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl." Direktor: Prof. Albert Forkel
  • 1918 Umbenennung: "Staatliche Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl." Direktor: Prof. Albert Forkel
  • 1918 Direktor Prof. veröffentlicht seine deutschlandweit Beachtung findenden "Programmatischen Thesen zur Umgestaltung der textilen Fachschulen Sachsens und der Staatlichen Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl.".
  • 1918/19 Einführung einer Assistententätigkeit an der Einrichtung. Otto Müller, ein Absolvent dieser wird dafür angestellt. Entwickelt gemeinsam mit Prof. Forkel ein "textiles Naturstudium" als Bestandteil des Grundlagentudiums. OME wird später Mitglied der Berliner Künstlervereinigung "Der Sturm". ( Künstlerpseudonym OME-Otto Müller Eibenstock). 1933 von den Nationalsozialismus der "Entarteten Kunst" zugeordnet und mit Mal- und Ausstellungsverbot belegt.
  • 1919 Bahnbrechende Gestaltungsweiterentwicklungen der Maschinenspitze an der Staatlichen Kunstschule für Textilindustrie in Vorwegnahme der später geforderten Einheit von "Kunst und Industrie". Prof. Forkel fordert als erster im Vogtland den Aufbau eines Forschungsinstitutes "Für textile Kunst und Kulturentwicklung" an der "Textil-Kunstschule Plauen i. Vogtl.".
  • 1920 Gründung "Plauener Spitzenkünstlergruppe" mit fortschrittlichen Plauener Firmen wie Schröder & Co., Wilhelm Berkling, Fischer & Co. Walter Poppitz jun., den Kunsthandwerkern und Spitzenkünstlern Albert Forkel, Emil Knoll, Georg Görschen, Richard Ullmann, Kurt Stoß und Margarete Naumann- Dresden. Ein Teil der vogtländisch-erzgebirgisch-sächsischen Textilindustrie; die Lehre und Forschung an der "Staatlichen Kunstschule für Textilindustrie" trugen wesentlich über die Gestaltung von textilen Flächengebilden, deren Technologie und Technik zu einer Demokratisierung nicht nur des Massenproduktes sondern auch zu seiner Verwertung bei.
  • 1921/22 Verständnislosigkeit für zukunftsorientierte Prozesse innerhalb der deutschen Kunstschulreformbewegung und persönliche Befindlichkeiten nicht nur von Plauener Industriellen mit den Zielen der Textilkunstschule unter Prof. Forkel führten zur Herauslösung der Musterzeichnerausbildung aus dieser. Aufsichtsbehörde wurde der Rat der Stadt Plauen, Leiter der Ausbildung Prof. Hempel welcher von einem extra gebildeten "Schulausschuß", dem "Vogtl- Erzg.- Industrieverein" und der "Vereinigung zur Hebung der Spitzenindustrie Plauens i. Vogtl." unterstützt wurde.

* 3. Zeitperiode: 1922-1933 "Staatliche Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl.". Direktor Prof. Karl Hanusch (geb.1881- gest.1969).

  • 1922 Amtseinführung von Prof. Hanusch durch den Vertreter des Sächs. Wirtschaftsministeriums zu Dresden Ministerialrat Dr. Klien.
  • 1922 3 Fachklassen: Möbelstoff, Fuß-und Wandteppiche, Druckstoffe, Tapeten und bunte Gardinen (Madras). Spitzen und Stickereien, englische(gewebte) Gardinen und Tapisserien. Kunstgewerbliche Textilarbeiten (Außenstelle: Submissionsamt Dresden). Einführung der Fachgebiete und Fächer Textilkunst, Teppich-Wirkerei (Gobelin), dekorative Malerei, modische Illustration, Schnittgestaltung verbunden mit intensivierter experimenteller Atelier-und Werkstättenarbeit (Unikate) unter Anleitung von Werkmeistern erweitern das Lehrangebot der Textil-Kunstschule mit ihren Außenstellen für Studienbewerber aus ganz Deutschland. Bedeutung Prof. Hanusch: als bildender Künstler der Industrie über Forschung und Lehre die Herausbildung des Industriealdesigners mit befördert zu haben.
  • 1925 Prof. Hanusch beruft Otto Lange als Prof. für Formenlehre und freies Gestalten, Weiterentwicklung der textilen Ornamentgestaltung. OL (signiert damit Arbeiten) ist Mitglied der Dresdner Gruppe "Sezession 1919".
  • 1926 Prof. Hanusch beruft Johannes M. Avenarius als Prof. für Ornamentmalen, Entwerfen und Kunstgeschichte.
  • 1927 Prof. Hanusch wird in den Museumsrat der deutsch-österreichischen Museumsverwaltung berufen.
  • 1928 Prof. Hanusch beruft Wilhelm (Will) Heckrott als Prof. für Malen und Zeichnen. Stoff- und Studienplan von Heckrott für Farbenlehre an der Textilkunstschule erarbeitet und eingeführt. Gründungsmitglied der Dresdner Gruppe "Sezession 1919".
  • 1931 Berufung des Grafiker Winkler für Formen-und Werklehre sowie Schriftgestaltung.
  • 1933 Artikel in der Zeitschrift -Freiheitskampf- "Kulturbolschewismus an der Plauener Kunstschule"
  • 1933 Vom 7. Juni- 15. Juni werden Direktor Prof. Hanusch, die Lehrprofessoren Avenarius, Heckrott, Lange in Plauen von nationalsozialistischen Kämpfern in Schutzhaft genommen. Ein einmaliger Vorgang an deutschen Kunstschulen und Kunstakademien. Die vier Professoren werden wegen "angeblicher bolschewistischer Auffassungen" fristlos von ihrer Lehrtätigkeit entbunden. Danach initiierte Prozesse, wie durch den sächsischen Gauleiter Mutschmann (ehemaliger Plauen Fabrikant), denen Ausstellungs-, Berufs- und Lehrverbote, sowie Ausschluss aus der Reichskulturkammer folgen.

*4. Zeitperiode: 1933-1934 "Staatliche Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. Vogt." Kommissarischer Leiter: Prof. i. R. Studienrat Paul Lorenz.

*5. Zeitperiode: 1934- 1939 "Staatliche Kunst-und Fachschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl.". Direktor: Studienrat Georg Schauer (geb. 1900- gest. 1989).

  • 1935 Einführung von Studentenausweisen an der Einrichtung
  • 1935 Städtische Fachgewerbeschule für Musterzeichner, Sächsische Höhere Fachschule rückwirkend zum 1. April 1934 in die Staatliche Kunst-und Fachschule für Textilindustrie integriert, um die damit seit Hanusch "verloren" gegangene Industriebezogenheit wieder herzustellen.
  • 1935 Nach Gründung eines "Ausschuß für Förderung der Spitzen aller Art, der Posamenten und der Perlstickerei" wird dieser beauftragt die Modeabteilung an der Textilkunstschule zu unterstützen und den Einsatz von Spitzen- und Stickereiprodukten in der Modebranche zu fördern. Dieses Vorhaben, schon von Prof. Hanusch in Zusammenarbeit mit Wiener Werkstätten geplant, blieb aber nun dem provinziellen verhaftet und erfuhr weder angestrebte nationale sowie internationale Bedeutung für die Wirtschaft.
  • 1937 Berufung von Metz als Fachlehrer und Werkstätten/Atelierleiter für das Fachgebiet Weberei an die "Textil-Kunstschule Plauen i. Vogtl.". Metz wird 1939 zur Wehrmacht einberufen.
  • 1939 Kommissarischer Leiter der "Staatlichen Kunst-und Fachschule für Textilindustrie Plauen i. Vogtl.". Studienrat Kuno Blässig. Schauer wird zur Wehrmacht einberufen. Die personelle und fachlich-künstlerische Substanz des Lehrkörpers an der Einrichtung wird weiter dezimiert und damit fällt die einstmals singuläre Textil-Kunstschule innerhalb Deutschlands und Europas in die Bedeutungslosigkeit.

*6. Zeitperiode: 1942- Umbenennung in "Staatliche Meisterschule für Textilindustrie zu Plauen mit Bücherei und Textilmuseum". Direktor: Studienrat Kuno Blässig

  • 1944 Einstellung des Lehrbetriebes mit der Verpflichtung der verbliebenen Studenten als Zeichner in die vogtländische Rüstungsindustrie.
  • 1945 Zerbombung des Kunstschulareals mit seinen Werkstätten und der umliegenden Gebäudestruktur. Plauen wird zu 72% zerstört.

*1949/50 Fortführung einer "Staatlichen Meisterausbildung" im Gebäude der ehemaligen "Vogtländischen Höheren Stickereifachschule Plauen i. Vogtl.", Heubnerstraße.

  • ab 1952 Beginn der Ausbildung als Facharbeiter Musterzeichner, folgend Textilzeichner, folgend Textilmustergestalter/Abitur. Bundesrepublik Deutschland: Produktgestalter Textil/Leder

Literatur

  • Pyfferoen, Oscar; Rapport sur L`enseignement Professionnel en Allemangne, Bruxelles 1897
  • Hanusch, Karl; Textilwesen und Fachschulen in Plauen, in: Deutschlands Städtebau, Plauen i.V., Berlin-Halensee 1926
  • Flämig, Rüdiger; Die historische Entwicklung des Schulwesens Plauens bis zur Gründung der Fachgewerbeschule für Musterzeichner. Diplomarbeit 1987. Universität Leipzig. Bibliothek
  • Flämig, Rüdiger; Die Staatliche Kunst-und Fachschule für Textilindustrie Plauen- Vogtland in ihrer regionalen und nationalen Bedeutung bis zu ihrer Zerstörung. Dissertation 1994. Universität Leipzig. Bibliothek
  • Dr. Flämig, Rüdiger; Die Staatliche Kunst-und Fachschule für Textilindustrie Plauen-Vogtland in ihrer regionalen und nationalen Bedeutung bis zu ihrer Zerstörung. Sächsische Heimatblätter. Zeitschrift für Sächsische Geschichte, Denkmalpflege und Umwelt. 41. Jahrg. Heft 3/1995
  • Mitteilungen des Vereins zur Förderung des Plauener Spitzenmuseums e.V. Jahresschrift für die Jahre 1995/1996. Die 1900 in Paris stattgefundene Weltausstellung und der sich daraus ergebende Zusammenhang des Künstler -Entwerfers um die Jahrhundertwende in Deutschland sowie die Rolle und Bedeutung der Kunstschule für Textilindustrie in Plauen im Prozess der Kunstschulreformbewegung Deutschlands. Vortrag Dr. Flämig. gekürzte Wiedergabe.
  • Dr. Flämig, Rüdiger; The state art and technical college of textile industry 1877-1945 Plauen Vogtland. Eurostitch Magazine BV. Box 50084, 1306 A8, Almere, Holland. Ausgabe 1996
  • Dr. Flämig, Rüdiger; Staatliche Kunst- und Fachschule für Textilindustrie 1877-1945 Plauen/ Vogtl., Sebald Sachsendruck Plauen.1996. Paul-Schneider-Str.12. 08252 Plauen
  • Dr. Flämig, Rüdiger; Von der gewerblichen Fachzeichenschule zur Staatlichen Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. V. 1877-1922. Kultursoziologie. Aspekte Analysen Argumente. Wissenschaftliche Halbjahreshefte der Gesellschaft für Kultursoziologie e. V. Leipzig 2/1996. D-04328 Leipzig, Döllingstraße 29
  • Dr. Flämig, Rüdiger; Die programmatische Entwicklung der städtischen kunstgewerblichen Fachzeichenschule zu Plauen als ein maßgebender Bedingungsfaktor für die sich herausbildende textile Industriestruktur der vogtländischen Region zu einer singulären Staatlichen Kunstschule für Textilindustrie/Plauen i. Vogtland. in dem Zeitraum 1877 bis 1922. Band I. (unveröffentlicht) 2002
  • Dr. Flämig, Rüdiger; Die Staatliche Kunstschule für Textilindustrie Plauen i. V. von 1923 bis 1944. Kultursoziologie. Aspekte Analysen Argumente. Wissenschaftliche Halbjahreshefte der Gesellschaft für Kultursoziologie e. V. Leipzig 11/2002/2. D-04328 Leipzig, Döllingstraße 29
  • Dr. Flämig, Rüdiger; Der Deutsche Werkbund zwischen Bauhaus, Staatlicher Kunstschule für Textilindustrie Plauen und Wiener Kreis. Kultursoziologie. Aspekte Analysen Argumente. Wissenschaftliche Halbjahreshefte der Gesellschaft für Kultursoziologie e. V. Teil I. 15/2006/2. Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bereich Öffentlichkeit, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin
  • Dr. Flämig, Rüdiger; Der Deutsche Werkbund ... a. a. O. Kultursoziologie. Aspekte Analysen Argumente. Wissenschaftliche Halbjahreshefte der Gesellschaft für Kultursoziologie e. V. Leipzig. Teil II.17/2007/2. Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bereich Öffentlichkeit, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

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