Stabat mater

Eine Darstellung der Mater Dolorosa auf einem Gemälde von Luis de Morales.
Eine Darstellung der Mater Dolorosa auf einem Gemälde von Luis de Morales.

Das Stabat mater (nach dem Gedichtanfang: „Stabat mater dolorosa“, lat. „Es stand die Mutter schmerzerfüllt“) ist ein mittelalterliches Gedicht, das die Gottesmutter in ihrem Schmerz um den Gekreuzigten besingt. Die Verfasserschaft wird traditionell den Franziskanern Iacopone da Todi († 1306) oder Johannes Bonaventura († 1274) zugeschrieben, ist aber nicht sicher nachweisbar.

Das Stabat mater wird am Fest der Sieben Schmerzen Mariä (15. September) sowie am Freitag nach dem ersten Passionstag als Sequenz gebetet oder gesungen.

Das Stabat mater fand 1521 Eingang in das „Missale Romanum“, wurde aber wie fast alle Sequenzen durch das Konzil von Trient aus dem Gottesdienst verbannt. 1727 wurde es in das Brevier der katholischen Kirche aufgenommen und gehört seither wieder zur katholischen Liturgie.

Inhaltsverzeichnis

Text

1.

Stabat mater dolorosa
Juxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius.
Cujus animam gementem
Contristatam et dolentem
Pertransivit gladius.

2.

O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater unigeniti
Quae moerebat et dolebat.
Pia Mater, dum videbat
Nati poenas incliti.

3.

Quis est homo qui non fleret,
Matrem Christi si videret
In tanto supplicio?
Quis non posset contristari,
Piam matrem contemplari
Dolentem cum filio?

4.

Pro peccatis suae gentis
Jesum vidit in tormentis
Et flagellis subditum.
Vidit suum dulcem natum
Morientem desolatum
Cum emisit spiritum.

5.

Eja mater fons amoris,
Me sentire vim doloris
Fac ut tecum lugeam.
Fac ut ardeat cor meum
In amando Christum Deum,
Ut sibi complaceam.

6.

Sancta mater, istud agas,
Crucifixi fige plagas
Cordi meo valide.
Tui nati vulnerati
Iam dignati pro me pati,
Poenas mecum divide!

7.

Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
Donec ego vixero.
Juxta crucem tecum stare
Te libenter sociare
In planctu desidero.

8.

Virgo virginum praeclara,
Mihi jam non sis amara,
Fac me tecum plangere.
Fac ut portem Christi mortem,
Passionis eius sortem
Et plagas recolere.

9.

Fac me plagis vulnerari,
Cruce hac inebriari
Ob amorem filii,
Inflammatus et accensus,
Per te virgo sim defensus
In die judicii.

10.

Fac me cruce custodiri,
Morte Christi praemuniri,
Confoveri gratia.
Quando corpus morietur
Fac ut animae donetur
Paradisi gloria.

Metrische Analyse

Das „Stabat Mater“ besitzt zehn Strophen, die nochmals unterteilt sind in zwei Teilstrophen à drei Zeilen. Dies deutet daraufhin, dass das „Stabat Mater“ als Sequenz von zwei Halbchören gesungen worden ist, wobei zuerst der erste Halbchor die erste Teilstrophe auf eine Melodie gesungen und dann der zweite Halbchor mit der zweiten Strophe auf die gleiche Melodie geantwortet hat. Am Beispiel der ersten Strophe erkennt man, dass „Dolorosa" sich auf „lacrimosa“ der zweiten Zeile reimt, sowie „gementem“ auf „dolentem“, und „filius“ auf „gladius“.

Verfasserfrage

Da sowohl Bonaventura, als auch Jakob von Todi als Verfasser des Stabat Maters gelten, stehen im Folgenden Gründe, die für Bonaventura oder Jakob von Todi sprechen. Was besonders bei Bonaventura auffällt, ist, dass er sich sehr mit der Bibel beschäftigt und sogar Kommentare über das Lukas- und das Johannesevangelium geschrieben hat. Daher muss ihm aufgefallen sein, dass sich die Szene unter dem Kreuz vom Lukas zum Johannesevangelium ändert. Wahrscheinlich ist dies ein Grund dafür, dass am Anfang fast genau Johannes 19,25 zitiert wird. Weiterhin beschäftigt er sich stark mit der Mystik seiner Zeit, deswegen könnte er auch das „Stabat Mater“ als ein Mittel betrachtet haben, um die Schmerzen Jesu und Maria nachzuvollziehen. Ein Argument gegen Bonaventura als Urheber ist, dass er die Bibel als Quelle göttlicher Erkenntnis betrachtet, aber nicht will, dass man zu viel in diese Quelle hineininterpretiert, da er zu einer Zeit lebt, die von vielen Konflikten innerhalb der Kirche geprägt ist. Daher kann man nicht sicher sein, ob er als Urheber in Frage kommt. Bei Jakob von Todi kann man ebenso nicht genau sicher sein, ob er die Sequenz geschrieben hat. Sein Lebenslauf sagt aus, dass er sich nicht so intensiv mit Mystik beschäftigt hat wie Bonaventura, aber die franziskanische Mystik gekannt hat, die Jesus nacheifern will. Dies zeigen auch seine Gedichte, die sehr stark von dem Wunsch geprägt sind, Jesus gleich zu kommen. Ebenso hat er durch einen tragischen Unfall seine sehr junge Frau verloren und konnte somit die Verlustgefühle nachempfinden, die Maria ebenso quälten.


Vertonungen

Das Stabat Mater ist oft von klassischen Komponisten vertont worden. Nicht immer wurde der gesamte Text verwendet, unterschiedliche Anlässe der Stücke und persönliche Prägungen der Komponisten führten oft zur Akzentsetzung etwa unter den Themen: Trost, Leid, Klage. Die alte gregorianische Choralmelodie wurde von Josquin und Palestrina schon im 16. Jahrhundert polyphon vertont. Viele weitere Komponisten schufen Vertonungen des Stabat Mater, die auch heute noch oft aufgeführt werden (nach dem Komponistennamen folgt die Besetzung):

Verschiedenes

Nach der Uraufführung von Gioacchino Rossinis Stabat Mater in Paris schrieb Heinrich Heine eine begeisterte Kritik, in der er diese Musik mit der "glutvollen Malerei der italienischen und spanischen Schule" vergleicht.

Das ungeheure erhabene Martyrium wurde hier dargestellt, aber in den naivsten Jugendlauten, die furchtbaren Klagen der Mater dolorosa ertönten, aber wie aus unschuldig kleiner Mädchenkehle, neben dem Flor der schwärzesten Trauer rauschten die Flügel aller Amoretten der Anmut, die Schrecknisse des Kreuztodes waren gemildert wie von tändelndem Schäferspiel, und das Gefühl der Unendlichkeit umwogte und umschloss das Ganze wie der blaue Himmel, der auf die Prozession herableuchtete wie das blaue Meer, an dessen Ufern sie singend und klingend dahinzog!

Siehe auch

Literatur

  • Paul-Gerhard Nohl: Lateinische Kirchenmusiktexte. Bärenreiter, Kassel 1996, ISBN 3-7618-1249-3

Weblinks

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