Stabreim ist der im Deutschen übliche Begriff für alliterierende altgermanische Versmaße.
Die relativ freie Alliteration ist von der germanischen Versform des Stabreims, der strengen Regeln in Hinsicht auf Betonung und Alliteration folgt, scharf zu unterscheiden:
(Edda, Havamal Nr. 44, nach Genzmer)
Damit haben wir die Form der germanischen Dichtung in einem kleinen Beispiel vor uns:
Es gibt, für uns ungewohnt (für das 19. Jahrhundert noch ungewohnter!), kein festes Metrum, die Zahl der unbetonten Silben ist frei; man zählt bis zu 14 unbetonte Silben in einem Vers – theoretisch könnte so ein Vers aber auch aus nur vier (allesamt betonten) Silben bestehen. Der Edda-Vers hat, wie das obige Beispiel zeigt, nur wenige unbetonte Silben, der altdeutsche und angelsächsische weist manchmal viele auf. Wir wissen nicht, welche Form die ursprüngliche ist, ob also der südgermanische ein „Schwell-Vers“ oder der Eddavers ein „Schrumpf-Vers“ ist.
Die Betonung können nur inhaltlich wichtige Wörter tragen. Deren betonte Silben alliterieren zum Teil, sie „staben“ (S). Die dritte betonte Silbe trägt den „Hauptstab“ (HS), von ihr ist auszugehen. In der ersten Vershälfte trägt die erste und/oder die zweite betonte Silbe den Nebenstab (NS) – mindestens eine der beiden stabt mit der dritten betonten Silbe. Die vierte betonte Silbe trägt in aller Regel keinen Stab – das ist für die Form etwas entscheidend Wichtiges. Wir haben also drei Möglichkeiten, den Langvers zu staben (betonte Silben sind mit Großbuchstaben angezeigt, die Anzahl der unbetonten Silben kann dabei frei variieren):
x x x x x NS x x NS / x x x HS x x X x x x x NS x x x x x x x X x / x x HS x x x x X x x x x x x x x X NS x / x x x HS x X x.
Jeder Langvers hat zweimal zwei betonte Silben, er besteht somit aus zwei Halbzeilen mit einer Zäsur in der Mitte. Vor allem in der Spruchdichtung gibt es auch zweihebige „Kurzverse“, wobei beide Betonungen staben, wie unser Beispiel in Zeile 2 und 4 zeigt, also:
x x x S x S
Schließlich ist noch zu beachten, dass s, sk, sp, st nicht untereinander staben, also z. B. Sieg nicht mit Speer und auch nicht mit Stab.
Alle Vokale staben untereinander. Allerdings wird oft argumentiert, sie stabten nur scheinbar; in vielen Varietäten des Deutschen beginnt nämlich kein Wort wirklich mit einem Vokal, in diesem Falle stabt also in Wirklichkeit noch vor dem (scheinbar „am Wortanfang“ stehenden) Vokal erklingendene Knacklaut (siehe dort), und dieser stabt wie jeder andere Konsonant auch. Diesen Laut nehmen wir heute nur deshalb nicht bewusst wahr, weil dieser Laut in der lateinischen Sprache fehlte, und es daher auch keinen lateinischen Buchstaben dafür gibt. Dadurch kann er im lateinischen Alphabet, anders als etwa im hebräischen oder arabischen, nicht niedergeschrieben werden.
Die hier beschriebene Grundform des Stabreims ist in der altnordischen Dichtung noch verschiedentlich weiter entwickelt worden.