Der Stern von Betlehem (auch: Dreikönigsstern, Weihnachtsstern oder Stern der Weisen) steht für eine vermutete Himmelserscheinung, die nach dem Matthäusevangelium des Neuen Testaments den Weg nach Betlehem, dem Geburtsort Jesu Christi, gewiesen haben soll (Mt 2,1f EU):
Vers 9 fährt fort:
Diese Bibelaussage, an die das christliche Fest „Erscheinung des Herrn“ („Dreikönigstag“) erinnert, gibt Jesus die Bedeutung eines allen Völkern (nicht nur den Juden) erschienenen Messias.
Seit der Spätantike versuchen verschiedene astronomische und astrologische Theorien, eine damalige Himmelserscheinung nachzuweisen, um damit indirekt die allgemeine Bedeutung von Christi Geburt zu bekräftigen.
Die Suche nach dem Stern von Betlehem begann mit der christlichen Theologie des 2. Jahrhunderts, die stark von hellenistischer Philosophie und Kosmologie beeinflusst war. Dort war die Beobachtung des Sternhimmels wesentlich zur Begründung metaphysischer Welterklärungsmodelle. Besondere Himmelsphänomene wurden schon in den Hochkulturen der Antike - insbesondere in Mesopotamien, Persien und Südamerika - mit wichtigen historischen Ereignissen in Verbindung gebracht.
Einige dieser Erklärungsversuche für den Stern von Betlehem erwiesen sich später als Irrtümer. Andere gelten ihren Vertretern mehr oder weniger als wahrscheinlich. Naturwissenschaftlich bewiesen sind auch sie bisher nicht. Die historische Bibelwissenschaft betont die späte Entstehungszeit und die auf biblische Verheißungen bezogene Verkündigungsabsicht der Geburtsberichte Jesu, deren Bedeutung nur im Glauben zugänglich sei.
Nach Diodor von Sizilien konnten schon die Babylonier oder Chaldäer Kometen beobachten und ihre Wiederkehr berechnen. Dort hatte die „Sternenkunde“ ähnlich wie in den Pharaonendynastien Ägyptens eine zentrale, staatserhaltende Tradition und Funktion. Dabei wurde noch nicht zwischen Sterndeutung (Astrologie) und Sternbeobachtung (Astronomie) unterschieden.
Auch der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras von Samos, dessen Lehren von ägyptischem und persischem Wissen beeinflusst waren, lehrte nach einer Legende: Kometen seien Himmelskörper, die eine geschlossene Kreisbahn hätten, also in regelmäßigen Zeitintervallen wieder sichtbar würden. Dem römischen Autor Seneca zufolge war man in den antiken Großreichen enttäuscht, wenn Kometen nicht wiederkehrten, Vorhersagen darüber sich also als falsch erwiesen.
Diese antike Sternenkunde beeinflusste manche biblischen Motive und von dort aus auch die christliche Theologie. Origenes (185 - ca. 253), Theologe aus der hellenistischen Schule von Alexandria (Ägypten) und Vorsteher der Theologenschule von Cäsarea, vertrat - wohl als einer der ersten - die Meinung, der Stern von Betlehem sei ein Komet im Sinne des Pythagoras gewesen. (Lit.: Origenes, I. LVIII-LIX)
Seit Beginn des 14. Jahrhunderts stellen Künstler den Stern von Betlehem als Kometen dar: so als einer der ersten Giotto di Bondone aus Florenz, nachdem er 1301 den Halleyschen Kometen beobachtet hatte, von dem schon antike Quellen recht oft berichten. Beeindruckt davon malte er zwei Jahre später diesen auf dem Fresco „Anbetung der Könige“ in der Scrovegni-Kapelle in Padua als Stern von Betlehem.
Gegen die Kometentheorie sprechen jedoch mehrere Gründe:
Im 12. und 15. Jahrhundert sahen jüdische Gelehrte in einer Konjunktion (Begegnung) der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische ein Zeichen der Geburt des Messias, die dann jedoch ausblieb.
Der Astronom Johannes Kepler kannte diese Berechnungen. Er konnte im Dezember 1603 eine solche Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn beobachten. Am 9. Oktober 1604 beobachtete er außerdem in über 9 Grad Distanz dazu im Sternbild Schlangenträger (Ophiuchus, damals Serpentarius) das Aufleuchten einer Supernova. Sie wird heute als Typ I klassifiziert, und ihre Überreste sind noch als Supernova 1604 bekannt. Sie geschah zeitgleich mit einer Konjunktion zwischen Jupiter und Mars und in einer Distanz von nur ca. 2 Grad (4 Monddurchmesser) von der damaligen Jupiterposition.
Kepler konnte den - wie er annahm - „neuen Stern“ (nova stella) ab dem 17. Oktober 1604 beobachten, da die Supernova eine scheinbare Helligkeit von -2,m5 erreichte und damit der hellste Stern am Abendhimmel wurde. Er konnte sich das Phänomen mit dem Wissensstand des 17. Jahrhunderts nicht erklären und die Distanz zur Erde nicht einschätzen (sie betrug etwa 20.000 Lichtjahre). So glaubte er irrtümlich, der neue Stern sei durch die Konjunktion von Jupiter und Saturn verursacht worden. Er rechnete nun zurück und fand zutreffend heraus: 7 v. Chr. hatte es eine dreifache Konjunktion zwischen Saturn und Jupiter im Sternbild Fische gegeben. 6 v. Chr. zog Mars an den beiden Planeten vorbei. Warum also, so schloss er daraus, sollte damals nicht analog zu 1604 ebenfalls ein neuer Stern entstanden sein? Dies musste der Stern von Betlehem gewesen sein.
Heute weiß man, dass eine Planetenkonjunktion und eine Supernova zwei völlig verschiedene, unabhängige Ereignisse sind. Insofern war Keplers Theorie ein Irrtum. Richtig war jedoch seine Rückberechnung und die Annahme, dass solche Phänomene auch vor Jesu Geburt schon beobachtet und mit besonderen historischen Ereignissen in Verbindung gebracht wurden.
Konradin Ferrari d'Occhieppo wies schon ab 1965[1] in mehreren Büchern auf eine sehr seltene, ungewöhnlich enge, dreifache Jupiter-Saturn-Konjunktion im Zeichen der Fische am 27. Mai, 6. Oktober und 1. Dezember 7 v. Chr. hin (Lit.: Ferrari d' Occhieppo, 2003). Diese scheint gut in den ungefähren Zeitraum der Geburt Jesu zu passen. Occhieppo argumentiert dafür wie folgt:
Ein babylonischer Astronom habe eine solche Konjunktion als Hinweis auf ein Ereignis in Israel (Judäa) in Verbindung mit der Endzeit verstehen müssen. Denn Jupiter war damals der Stern des babylonischen Gottes Marduk, während Saturn das Volk der Juden kosmisch repräsentiert habe. Daraus könnte sich folgende Schlussfolgerung ergeben: Königstern (Jupiter) + Israelschützer (Saturn) = „Im Westen (Sternbild der Fische) ist ein mächtiger König geboren worden.“
Die Planetenbegegnung sei als Ankündigung der Geburt eines großen Königs im Westland zu verstehen gewesen, da sie sich „im Aufgang“ ereignete, das heißt kurz vor Sonnenaufgang sichtbar war. Und diese Ankündigung habe, da Marduk (Jupiter) beteiligt war, auch für Babylonien Bedeutung gehabt.
Die drei Konjunktionen ereigneten sich im Abstand von Monaten, so dass die babylonischen Sterndeuter Mai bis Dezember nach Israel hätten reisen können.
Am 12. November kurz vor Sonnenuntergang hätten sie die Planeten Jupiter und Saturn in der Abenddämmerung direkt vor Augen gehabt, als sie von Jerusalem gen Süden auf das nur etwa 10 Kilometer entfernte Betlehem zugeritten seien. Auf diesen konkreten Zeitpunkt beziehe sich Mt 2,10: Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut.
Da Planetenumlaufbahnen als vorwärts-rückwärts-Bewegung in Relation zu Fixsternen erscheinen, hätten die Sterndeuter an einem Drehpunkt dieser Bewegung den optischen Eindruck eines Stillstands (Mt 2,9) gehabt. Dieser habe sich genau am 12. November 7 v.Chr. stundenlang ab 18:30 Uhr Ortszeit ereignet.[2] Demnach sei dieses Datum als Tag der Auffindung des Geburtsortes Jesu anzunehmen. Es komme gar nicht so sehr auf die drei Konjunktionen der beiden Planeten an, sondern dass jene sehr dicht beieinander erstmals seit 854 Jahren im Sternbild der Fische stillstanden und damit auf ein ungewöhnliches Ereignis hinwiesen.[3]
Dieser „Stillstand“ von Jupiter oder Saturn ist den Astronomen als nicht ungewöhnlicher, rein perspektivischer Effekt bekannt: Die Erde überholt gewissermaßen die äußeren Planeten auf der Innenbahn, wodurch sich scheinbar die Bewegung der Planeten umkehrt. Ungewöhnlich ist nur bei dieser dritten Konjunktionsannäherung ein gleichzeitiger Stillstand von Jupiter mit Saturn nebeneinander im Sternzeichen der Fische, im Grunde ein Jahrtausendereignis. Normalerweise müssten die beiden Planeten, wie z. B. auch der Mond, im Laufe von Tagen von den anderen Sternbildern überholt werden.[4]
Für einen Geburtstag Jesu im frühen November spreche auch, dass sich später im Winter in Israel keine Hirten auf den Feldern befunden hätten. Denn im Winter wächst kein Gras wegen zu geringer Sonneneinstrahlung.
Occhieppo betrachtet Mt 2,1-12 also wegen der inhaltlichen Details als schriftlichen Augenzeugenbericht der drei Weisen oder eines ihrer Begleiter. Er habe Matthäus vorgelegen, dieser habe ihn abgeschrieben. Demzufolge übersetzt er den oben zitierten Text wie folgt wortwörtlich:
Diese Theorie ist zur Zeit sehr populär und gehört jedes Jahr in der Weihnachtszeit zum Standardprogramm von Planetarien. Sie erscheint zunächst plausibel, ist aber vielen gravierenden Einwänden und ebenso skeptischen Fragen ausgesetzt wie die frühere Kometentheorie. Beispiele:
Die vielfachen historischen und astronomischen Argumente gegen Occheppios Theorie brachten einige Astronomen dazu, nach anderen Konjunktionen um die Zeitenwende zu forschen. Sie fanden weitere sehr enge Konjunktionen bzw. Bedeckungen, diesmal von Jupiter und Venus.
3 v. Chr. am 12. August passierte Venus den Jupiter mit einem Abstand von 0°4'. Bei dieser Konjunktion schienen die Planeten mit bloßem Auge betrachtet fast miteinander zu verschmelzen. So muss es in Persien bei hellem Tageslicht sichtbar gewesen sein. Beim Sonnenaufgang am Folgetag waren sie schon wieder sichtbar getrennt.
2 v. Chr. am 17. Juni passierten die beiden Planeten einander mit einem Abstand von nur 0°0'36". Diese Konjunktion war ebenfalls in Persien sichtbar. Um 20:58 Uhr Ortszeit schienen die beiden Planeten sich zu decken.
Gegen jede noch so enge Konjunktion besteht der Einwand: Zuvor waren zwei Sterne sichtbar, so dass die Bedeckung als Bewegung aufeinander zu erkennbar blieb. Wieso eine solche Bedeckung - und wieso gerade diese - den Aufbruch von - diesmal persischen - Sterndeutern nach Judäa veranlasst haben soll, bleibt unerklärt.
Der Altorientalist und Religionswissenschaftler Werner Papke rekonstruiert den Stern von Betlehem aus einem Himmelsmodell des alten Babylon, wie es das Gilgamesch-Epos im 3. Jahrtausend v. Chr. beschrieb. Die damaligen Sternbilder der Babylonier waren teilweise andere als die heute bekannten. Das Sternbild der Jungfrau etwa befand sich im Bereich des damaligen galaktischen Nordpols, den Gilgamesch als Thron der Götter ansah. Dieses Sternbild hieß in Babylon ERUA.
Die einzelnen Keilschriftzeichen für E4.RU6.U2.A hatten für sich jeweils wieder eine eigene Bedeutung: E4 hieß „Same“, RU6 war das Zeichen für das Wort „Edin“ - Eden -, und U2.A ist das zusammengesetzte Zeichen für „hervorbringen“ oder „gebären“. Für E-RU-A gewinnt Papke daher die Bedeutung: diejenige, die den Samen von Eden gebären wird.
Falls dies zutrifft, würde der Name an eine biblische Erzählung erinnern: In Gen 3, der Geschichte vom Sündenfall im Garten Eden, spricht Gott eine Verfluchung, aber auch eine Verheißung für alle Nachkommen Adams und Evas aus. An Eva gerichtet heißt es dort (Vers 16): Unter Mühen sollst Du Kinder gebären. Weiter heißt es (Vers 20): Adam nannte sein Weib Eva, denn sie wurde die Mutter allen Lebens. Diese indirekte Verheißung wird von manchen Bibelauslegern auch auf den zukünftigen Erlöser bezogen.
Papke findet darin einen Bezug zu ERUA und folgert daraus: Eine Supernova oder auffällige Sternenkonjunktion, die im „Schoß“ dieses babylonischen Sternbilds aufleuchtete, musste für die Weisen in Babylon das Zeichen dafür sein, dass der Erlöser nun geboren sei. Er meint, die dreimalige Konjunktion von Jupiter und Regulus in den Jahren 3 und 2 v. Chr. sei als dieses Zeichen aufgefasst worden. Demzufolge übersetzt er Mt 2,2ff folgendermaßen:
Auch diese Theorie basiert auf einer Reihe von Ungewissheiten:
Auf den letztgenannten Einwand antwortete Papke mit dem Hinweis auf den galaktischen Sternenstaub, der gerade in diesem Himmelsbezirk durch neue Teleskope nachgewiesen wurde und sich als Rest einer Supernova interpretieren lasse bzw. deren Lichtreste absorbiere. Doch auch dann bleiben die übrigen oben genannten Fragen. So ist auch Papkes Deutung - ungeachtet wahrscheinlicher historischer Abhängigkeiten der Genesis vom Gilgameschepos - bis auf weiteres nicht beweisbar.
Einen völlig anderen Ansatz präsentierte 1999 Michael M. Molnar. Er argumentierte nicht primär naturwissenschaftlich, sondern fragte zuerst danach, wer die „Magier“ in Mt 2 waren und was sie selbst für bedeutend gehalten hätten.
Zunächst stellte er fest, dass sämtliche der oben dargestellten Deutungen Vorgänge heranziehen, die einem neuzeitlichen Astronomen seit Kepler spektakulär vorkommen müssen. Die „Weisen“ waren jedoch wohl Astrologen, denen damals etwas anderes wichtig war: ihre Berechnungen zu geometrischen Relationen zwischen den Planeten und bestimmten Sternbildern. Kometen und explodierende Sterne tauchten in ihren Horoskopen nicht auf, und Konjunktionen etc. hatten bei verschiedenen astrologischen Schulen sehr unterschiedliche Bedeutungen.
Molnar argumentiert, daß sich diese Sternbilddeuter nur dann auf den weiten Weg nach Judäa gemacht hätten, wenn ihre Berechnungen ein außergewöhnlich wichtiges Ereignis - wie die Geburt eines sehr mächtigen Königs - vorhergesagt hätten, und fragt weshalb sie dieses Ereignis ausgerechnet in Judäa vermuten sollten? Molnar zog dazu den Tetrabiblos des Ptolemäus heran. Dieser besagt, dass das herodianische Königtum in Judäa vom Sternbild Widder regiert wurde. Daher hätten zeitgenössische Astrologen eine Geburt, die unter dem Zeichen des Widders stattfinden würde, in Judäa lokalisiert.
Damit werden zwei alte Probleme gleichzeitig lösbar: Weshalb zogen die Magier nach Westen, obwohl der Stern doch im Osten sichtbar war? Und warum hatte sich in Jerusalem niemand um diese Erscheinung gekümmert? Zur ersten Frage führt Molnar aus, dass die Aussage „...wir haben seinen Stern hervorkommen gesehen...“ für einen Astrologen seinerzeit den heliakischen Aufgang - also im Osten - bedeutet habe. Zur zweiten Frage stellt er fest, dass die Juden in Judäa grundsätzlich kein Interesse an Astrologie hatten. Daraufhin suchte er ein Datum, an dem eine berechnete Planetenkonstellation aus der Sicht damaliger außerisraelischer Sterndeuter nicht nur eine königliche Geburt in Judäa vorhersagte, sondern auch besonders bedeutend war.
Er stieß auf den 17. April des Jahres 6 v. Chr.: An jenem Tag hatte Jupiter seinen heliakischen Aufgang im Sternbild Widder. Ferner war die Sonne laut Molnar „exaltiert“ (besonders mächtig) im Sternbild Widder, ebenso die Venus. Die „Regenten der Widderdreiheit“ waren sämtlich in diesem Sternbild versammelt, die Sonne und der Mond hatten ihre planetarischen „Diener“ nahebei und – um das Maß voll zu machen - erfolgte noch am selben Tag eine Jupiterbedeckung durch den Mond.
Nach dieser Theorie hätten die Astrologen tatsächlich die Geburt eines bedeutenden Königs in Judäa „vorhersehen“ können und wären auch dorthin gereist, so dass ihr Bericht darüber dann seinen Weg in das Neue Testament finden konnte. Ebenso ist aber auch denkbar, dass ein Evangelist die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland Jahrzehnte später erdachte – allerdings auf der von Molnar dargestellten Basis damaligen astrologischen Wissens.
Auch dieser Erklärungsansatz lässt viele Fragen offen: Das Tetrabiblos des Ptolemäus wurde erst etwa ein Jahrhundert nach den Evangelien verfasst. Kannten babylonische Astrologen die dort beschriebenen Deutungen? Wie leitete sie der Jupiteraufgang im Osten genau an den Geburtsort Jesu? Wie gelangte ihr Bericht zu einem Evangelisten, während jüdische zeitgenössische Quellen davon schweigen? Oder welche Hinweise gibt es sonst auf ein derart detailliertes astrologisches Wissen des Evangelisten?
In der historisch-kritischen Bibelexegese wird der Stern meist als mythologisches oder symbolisches Verkündigungsmotiv ohne realen Hintergrund aufgefasst. Dabei wird der Matthäustext auf seine eigene Aussageabsicht, seinen unmittelbaren Kontext und weitere biblische Bezüge befragt, um nicht zu vermeintlich wissenschaftlichen Fehldeutungen zu gelangen.
Außergewöhnliche Himmelsphänomene wurden sowohl in der antiken Umwelt als auch im biblischen Israel als Hinweise auf besondere Geschichtsereignisse aufgefasst. Sie waren in Israels Prophetie jedoch meist Zeichen für kommendes Unheil. So sollten im Zusammenhang des angekündigten Endgerichts Sterne „vom Himmel fallen“ (z.B. Mk 13,25) oder „sich verfinstern“ (z.B. Joel 4,15). Dagegen heißt es in 4. Mose 24,17ff:
Diese Weissagung ist eine der frühesten biblischen Ankündigungen, die später auf den Messias als Retter Israels bezogen wurden. Dabei ist dieser hier mit einem gewöhnlichen, außenpolitisch erfolgreichen König identisch. Das Zitat steht im Rahmen der Erzählungen vom Seher Bileam (4. Mose 22,24) und verweist, laut manchen Historikern, wahrscheinlich auf das Königtum Davids, als die angekündigten Siege über Israels Nachbarvölker schon errungen oder absehbar waren. Sie geben einen ersten Hinweis auf die spätere jüdische Messiaserwartung, die in der Davidzeit ihre historischen Wurzeln hat.
Die Erwartung eines Königs der Heilszeit, der Israel aus der Hand seiner übermächtigen Feinde befreit und diese vernichtet, hat nach vielen Wandlungen auch das Bild der Evangelien von Jesus mitbestimmt. Der durchgängige Rückbezug auf biblische Verheißungen ist gerade für den Evangelisten Matthäus typisch.
So kann der Stern von Betlehem, der vor den Weisen herging und sie nach Israel führte, eine Erinnerung an den Stern aus Jakob sein, der in Israel „aufgehen“ sollte: Er will offenbar die universale Bedeutung dieses neuen, ganz anderen Königs aussagen, der Israels Feinde eben nicht vernichtete, sondern von deren Weisen als ihr König erkannt wurde - im bewussten Kontrast zu Herodes, dem jüdischen König im Gefolge Davids, der Jesus ablehnte und wie der Pharao verfolgte (Mt 2,13-20). Er wurde erst durch die „Heiden“ aus dem Ausland darauf aufmerksam gemacht, dass seine Macht begrenzt war, und musste sich daran erinnern lassen, dass schon ein jüdischer Prophet eben nicht die Hauptstadt Jerusalem, sondern das unscheinbare Dorf Betlehem als Geburtsort des künftigen Messias angekündigt hatte (Mt 2,3-8 / Buch Micha 5,1).
So ist der Stern im biblischen Kontext als Symbol der Erkenntnis des wahren Retters gegenüber dem Hochmut der eigenmächtigen Gewaltherrscher in Israel zu sehen. Sein Erscheinen muss also nicht unbedingt als reales Ereignis „bewiesen“ werden.
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