Als Strahlungsaustausch bezeichnet man den Austausch von Energie zwischen zwei Systemen oder einem System und seiner Umgebung mittels elektromagnetischer Wellen. Die Bilanz über diese Strahlungsflüsse bezeichnet man als Strahlungsbilanz.
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Von besonderer Bedeutung ist der Austausch von Wärmestrahlung. Jeder Körper mit einer Temperatur über dem absoluten Nullpunkt sendet Wärmestrahlung aus, die von anderen Körpern und gegebenenfalls auch von ihm selbst absorbiert wird. Der Wärmeaustausch mittels Strahlung ist daher ein in der Alltagsumgebung ständig und überall ablaufender Vorgang. Er stellt neben Wärmeleitung und Konvektion den dritten Mechanismus für Wärmetransport dar. Im Vakuum ist Strahlungsaustausch die einzige mögliche Form der Wärmeübertragung (z.B. für die Temperaturkontrolle bei Raumfahrzeugen).
Von den beiden anderen Wärmetransportmechanismen unterscheidet er sich dadurch, dass die Wärmestrahlung nicht nur in einer Richtung (von warm nach kalt) transportiert wird, sondern gleichzeitig die von dem kälteren Körper ausgesandte Wärmestrahlung auf den wärmeren trifft und von diesem absorbiert werden kann. Dies widerspricht nicht dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, welcher in der Formulierung nach R. Clausius einen Prozess verbietet, bei dem nichts geschieht außer der Übertragung von Wärme von einem kälteren zu einem wärmeren Körper.[1](S. 876) Wegen der gegenseitigen Sichtbarkeit beider Körper muss jedoch auch gleichzeitig Wärmestrahlung des wärmeren Körpers auf den kälteren treffen, so dass der Strahlungstransport von kalt nach warm nie isoliert auftreten kann und die Voraussetzung des Verbotes nicht greift. Da zudem in der Nettobilanz stets mehr Wärmestrahlung vom wärmeren Körper zum kälteren übertragen wird als umgekehrt, sind insbesondere die vom Zweiten Hauptsatz geforderten Entropiebilanzen erfüllt.
Die Berechnung der beim Strahlungsaustausch übertragenen Energiemengen ist im Allgemeinen recht kompliziert, vor allem wenn mehrere Körper mit komplexen Geometrien und komplizierten Strahlungseigenschaften beteiligt sind. Auch das zwischen den Körpern befindliche Medium kann durch Absorption und Eigenemission am Strahlungsaustausch teilnehmen. Obwohl im Prinzip mit Hilfe der Theorie des Strahlungstransports alles der Berechnung zugänglich ist, wird bei den vielfältigen Verhältnissen die genaue Berechnung sehr umfangreich und hat oft wenig praktischen Wert. Nur für einfache oder vereinfachte Situationen ist eine leicht überschaubare Lösung möglich. Solche einfachen Lösungen sind jedoch für viele Praxisfälle hinreichend genau.
Vereinfachungen können darin bestehen, die Anzahl der beteiligten Körper auf die wichtigsten zu beschränken (Benutzung von Sichtfaktoren) und vereinfachende Annahmen über die Strahlungseigenschaften der Körper zu treffen (sie z.B. als Lambert-Strahler, Graue Körper oder Schwarze Körper zu behandeln).
Es werden zwei zueinander parallele ebene Oberflächen betrachtet. Sie sollen sehr groß gegenüber ihrem Abstand sein (d.h. seitliche Verluste sollen vernachlässigbar bleiben) und unterschiedliche, aber jeweils einheitliche und zeitlich konstante absolute Temperaturen T1 und T2 haben. Ihre Emissionsgrade seien
und
, ihre Reflexionsgrade
und
.
Laut Stefan-Boltzmann-Gesetz sendet Oberfläche 1 Strahlung der Intensität
aus. Die gesamte Strahlung
trifft auf Oberfläche 2 mit dem Reflexionsgrad
, welche den Anteil
absorbiert und den Anteil
auf Oberfläche 1 mit dem Reflexionsgrad
zurückwirft. Diese reflektiert wiederum den Anteil
auf Oberfläche 2, welche davon den Anteil
absorbiert. Nach weiteren Reflexionen absorbiert Oberfläche 2 die Strahlungsintensitäten
,
usw. Die insgesamt von Oberfläche 2 absorbierte Strahlung ist die Summe all dieser Anteile:
.Der letzte Schritt folgt aus der Summenformel für die unendliche geometrische Reihe in der Klammer. Einsetzen liefert
.Den Rest der ursprünglich ausgesandten Strahlung hat die Oberfläche 1 im Verlauf der Mehrfachreflexion selbst absorbiert, wie sich durch entsprechende Rechnung zeigen lässt.
Eine analoge Betrachtung liefert die von Oberfläche 2 ausgesandte und von Oberfläche 1 absorbierte Strahlungsleistung
. Die Netto-Strahlungsbilanz ist die Differenz der von beiden Oberflächen absorbierten Strahlungsintensitäten:

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mit dem Strahlungsaustauschgrad[5]
.
Die von Oberfläche 1 auf Oberfläche 2 übertragene Nettostrahlungsleistung
ist also aus zwei Gründen geringer als ihre thermische Eigenemission
. Zum einen wird ein Teil der ausgesandten Strahlungsleistung durch die von Oberfläche 2 ausgehende thermische Emission
kompensiert. Zum anderen erhält Oberfläche 1 einen Teil ihrer Ausstrahlung durch Oberfläche 2 (unabhängig von deren Temperatur) wieder zurückreflektiert:
ist kleiner als
und
. Wird
und /oder
verringert, der jeweilige Reflexionsgrad also erhöht, so wird
schnell sehr klein: die beiden Oberflächen tauschen allein aufgrund ihrer Reflexionseigenschaften kaum mehr Strahlung aus. Sie stellen einen Strahlungsschutzschirm dar, welcher Wärmestrahlung sehr effizient unterbinden kann.
Für praktische Anwendungen ist die Differenz vierter Potenzen unbequem. Sie lässt sich durch zweimalige Anwendung einer binomischen Formel auflösen in
.Definiert man eine Temperatur
mittels
,so lässt sich der Nettowärmestrom einfach schreiben als
. |
Die Temperatur
liegt zwischen
und
. Wenn zwischen den beiden Temperaturen kein großer Unterschied besteht, reicht es oft, für
den Mittelwert beider Temperaturen zu verwenden oder sogar
oder
selbst.
J. Stefan hat das Stefan-Boltzmann-Gesetz auf Grund des Strahlungsaustauschs entdeckt. In seiner Arbeit von 1879 „Über die Beziehung zwischen der Wärmestrahlung und der Temperatur“ (Sitzungsberichte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften - Wien 1879) hat er auf Seite 414 die Gleichung für den Strahlungsaustausch (siehe oben) verwendet, die seine Versuchsergebnisse am besten beschrieben hat. Da er noch nicht die heutige Messtechnik hatte, bestimmte er den Wärmestrom über die Abkühlgeschwindigkeit, d.h. über die zeitliche Änderung der Temperatur T1.
Ausführlichere Behandlung des Strahlungsaustauschs planparalleler Oberflächen