Tanktourismus

Benzinpreise im europäischen Vergleich
Zur Veranschaulichung die Benzinpreise für Bleifrei 95 Oktan in den umliegenden Ländern von deutschsprachigen Gebieten (16. Juni 2007)[1]:

Land
Niederlande 1.51
Belgien 1.41
Dänemark 1.38
Deutschland 1.37
Italien 1.351
Frankreich 1.31
Luxemburg 1.18
Polen 1.15
Ungarn 1.13
Österreich 1.13
Slowakei 1.11
Slowenien 1.11
Schweiz 1.06
Tschechische Republik 1.03

1Italiener, die in der Nähe der Schweizer Grenze wohnen, erhalten ihr Benzin zwecks Vermeidung des Benzintourismus verbilligt.

Tanktourismus bezeichnet das Phänomen, dass Kraftfahrer in grenznahen Gebieten auf Grund der Preisunterschiede bei Kraftstoffen im jeweils billigeren Nachbarland tanken. Die Bezeichnung für das bereits vorher existierende Phänomen wurde in Deutschland mit Einführung der Ökosteuer populär.

Der Tanktourismus ist grundsätzlich legal. Lediglich die Beförderung von größeren Mengen Kraftstoff außerhalb des Tanks kann u. a. einen Verstoß gegen verbrauchsteuerrechtliche Vorschriften (Steuerhinterziehung) oder auch Sicherheitsvorschriften darstellen. Der Tanktourismus ist eine Spezialform des Einkaufstourismus. Die Tankstellenbetreiber richten ihre Planungen danach aus und errichten grenznah Kapazitäten, die durch das lokale Umland ohne ausländische Kunden nicht wirtschaftlich wären. Auf der anderen Seite kommt es zu Tankstellenschließungen in der Grenzregion auf der teureren Seite.

Die Auswirkungen des Tanktourismus gehen weit über das Tankstellengewerbe hinaus. Vielfach ist der Tanktourismus auch mit einem Einkaufstourismus verbunden. In der Folge kommt es zu Umsatzeinbußen nicht nur im Tankstellenbereich, sondern auch im Einzelhandel. Zudem verursacht der Tanktourismus eine Verringerung der Steuereinnahmen, insbesondere der Energiesteuer.


Inhaltsverzeichnis

Initiativen gegen Tanktourismus

Die Tankstellenbetreiber der besonders betroffenen Regionen fordern seit Einführung der Ökosteuer Gegenmaßnahmen. Mit diesem Ziel wurden in den betroffenen Gebieten verschieden Aktionen durchgeführt. Als Lösung wurden mehrere Modelle diskutiert, wie eine allgemeine Senkung der Steuern auf Kraftstoff in den Grenzregionen oder ein Kartenmodell, bei dem der Vorteil lediglich Bewohnern der Grenzregion zugute kommen soll. Sowohl von der rot-grünen wie auch von der jetzigen Bundesregierung werden aber gegenüber den Modellen europarechtliche Bedenken geäußert.

Deutschland

Frankreich-Deutschland

Bis etwa zur Jahrtausendwende war der Tanktourismus von Frankreich nach Deutschland beliebt, da ein Liter Benzin zwischen sechs und sieben Französische Franc kostete, während in Deutschland vor Einführung der Ökosteuer ein Liter Benzin noch weit weniger als 2 Mark kostete.

Mittlerweile ist der Tanktourismus für die Deutschen interessant geworden, wenn auch die Ersparnis nur wenige Cent beträgt (beim Diesel etwas mehr).

Deutschland-Luxemburg

Tankstellen zwischen Mertert und Wasserbillig (Luxemburg)
Tankstellen zwischen Mertert und Wasserbillig (Luxemburg)

Seit Mitte der 1970er Jahre blüht der Tanktourismus auch zwischen Deutschland und Luxemburg. Außer Kraftstoff kaufen Deutsche wegen der Steuervorteile dort auch gerne Kaffee und Zigaretten ein. Besonders profitiert davon die nahe bei der deutschen Stadt Trier gelegene luxemburgische Grenzgemeinde Mertert, wo zwischen den Ortsteilen Mertert und Wasserbillig mehr als ein Dutzend Tankstellen an einer Straße liegen. Auch die ehemaligen Zollgebäude am Grenzübergang auf der Autobahn Trier-Luxemburg wurden nach dem Fall der Zollgrenzen durch das Schengener Abkommen zu einer Großtankstelle umgebaut. Durch den Weiterbau der A8 bis nach Luxemburg-Stadt steigerte sich der Tanktourismus vor allem in den ans Saarland grenzenden Orten Schengen und Remich.

Durch den Tanktourismus nimmt Luxemburg jährlich etwa 600 Millionen Euro ein.[2]

Der Tanktourismus (inbegriffen die Treibstoffeinkäufe des Transitverkehrs) macht 75% der Luxemburg zugeordneten Treibhausgasemissionen aus dem Verkauf von Treibstoff gemäß dem Kyoto-Protokoll aus. Dies sind 40% der Gesamt-Emissionsbilanz des Landes.[3]

Deutschland-Österreich

Zum Nachweis des Tanktourismus zwischen Deutschland und Österreich wurde bereits in den 1970er Jahren österreichischer Kraftstoff eingefärbt und es wurden an der Grenze Proben aus den Autotanks entnommen. Auch heute weist das Hauptzollamt Passau darauf hin, dass "Privatpersonen zusätzlich nur einen Reservebehälter mit maximal 20 Liter Kraftstoff für den Eigenbedarf steuerfrei aus Österreich nach Deutschland verbringen" dürfen. Wenn der mitgeführte Kraftstoff die Höchstmenge überschreite, würde beim Grenzübertritt die Mineralölsteuer fällig. Wenn die Einfuhr nicht deklariert werde, mache sich der Einführer strafbar. In bestimmten Regionen führte der Tanktourismus dazu, dass Tankstellen direkt hinter der Grenze eröffnet wurden, wie etwa in Passau wo in Achleiten eine Tankstelle in das ehemalige Grenzgebäude einzog. Auch in Salzburg-Liefering sowie Bad Reichenhall-Schwarzbach wurden unmittelbar hinter den früheren Grenzgebäuden auf österreichischer Seite neue Tankstellen errichtet.

Beim Benzin macht der Tanktourismus in Österreich etwa 20% des gesamten Verkaufsvolumens des Landes aus.[4] Ein weiterer Nebeneffekt ist, daß die zugeordneten CO2-Emissionen rechnerisch dem Land Österreich zugeschlagen werden, obwohl sie in und durch Deutschland verursacht werden.

Deutschland-Polen

Ebenfalls seit der Grenzöffnung 1990 wird auch in der grenznahen Region in Polen gern von Deutschen getankt. Immer wieder wird von Werkstätten in Deutschland der angeblich schlechte Treibstoff in Polen als Ursache für Fahrzeugpannen genannt. Inwieweit dies der Wahrheit entspricht, ist umstritten. Aus diesem Grund liegen in ganz Polen oft in Tankstellen die Lieferscheine der Raffinerie Schwedt/Oder öffentlich aus. Fast alle polnischen Tankstellen beziehen Benzin und Diesel aus Deutschland. Panscherei sowie Manipulationen an den Zapfanlagen werden ebenfalls oft vorgeworfen.

Deutschland-Schweiz

An den Schweizer Grenzorten ist die Tankstellendichte auf Grund des Benzintourismus weitaus höher und die Benzinpreise sind dort auch in Euro angeschrieben. Während das Benzin in der Schweiz und in der deutschen Exklave Büsingen am Hochrhein je nach Standort und Wirtschaftslage (Wechselkurs usw.) zwischen 20 und 30 Cent günstiger ist und somit für die Deutschen attraktiv sind, ist der Dieselpreis in den beiden Ländern ähnlich.

Deutschland-Tschechien

Seit der Grenzöffnung Anfang der 1990er Jahre blüht auch der Tanktourismus zwischen Deutschland und Tschechien. Neben Tankstellen entstand auch in grenznahen Gebieten viel Kleingewerbe. Viele der grenznahen Straßen wurden ausgebaut und es wurden Tankstellen, Casinos und weitere Gewerbegebäude errichtet.

Deutschland-Niederlande

Dieselkraftstoff ist in den Niederlanden ungefähr 10–15 Cent günstiger als in der Bundesrepublik Deutschland. Im Grenzgebiet tanken daher viele Dieselfahrzeuge auf niederländischer Seite. Bei Benzin liegt die Ersparnis auf deutscher Seite wiederum bei mindestens 10 Eurocent pro Liter. Tankstellen auf deutscher Seite werden daher von niederländischen Benzinern gerne angesteuert.

Schweiz

Neben dem Tanktourismus an der Grenze zu Deutschland (siehe oben) gibt es einen Tanktourismus in das Zollausschlussgebiet Samnaun, wo das Benzin ca. 35 Rappen und Diesel ca. 45 Rappen billiger sind, als in der Restschweiz.

Frankreich

Viele Franzosen aus Lothringen fahren ins luxemburgische Schengen, um dort zu tanken und einzukaufen.

Quellen

  1. Aktuelle Benzinpreise in Europa: TCS Suisse (PDF)
  2. Deutsches Auswärtiges Amt: Informationen zu Luxemburg: Wirtschaftspolitik: Staatshaushalt
  3. Umweltministerium Luxemburg: Nationaler Allokationsplan 2008 - 2012 für Luxemburg, Seite 17f.
  4. Lebensministerium.at: Tanktourismus verursacht rasantes Steigen der Treibhausgasemissionen in Österreich, 03.05.2005
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