Das Wort Theosophie stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Göttliche Weisheit“ oder „Weisheit der Götter“. Es bezeichnet verschiedene esoterische Lehren. Dieser Artikel behandelt die von Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891) begründete Weltanschauung, die den Anspruch erhebt, als „Synthese von Wissenschaft, Religion und Philosophie“ eine höhere Wahrheit zu repräsentieren, eine neue Ethik zu begründen und eine Vollendung des Seins anzustreben. Ältere Lehren, die ebenfalls als Theosophie bezeichnet werden, siehe unter Paracelsus, Jakob Böhme, Rosenkreuzer, Emanuel Swedenborg, Friedrich Christoph Oetinger und Louis Claude de Saint-Martin[1].
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Blavatskys Theosophie erhebt den Anspruch, dass ihre Lehren auf den geistigen, mentalen und physischen Grundprinzipien und Wirkungsweisen der Natur beruhen. Nach Blavatskys Darstellung resultieren sie aus den Erkenntnissen und Erfahrungen der großen Weisen des Menschengeschlechts, die der Menschheit in ihrer Evolution bereits weit vorausgingen und das geistige Erbe der Menschheit überliefern. Von solchen „Meistern“ will Blavatsky ihr Wissen empfangen haben, wobei es sich zum Teil (Geheimlehre) um die Übersetzung alter asiatischer Geheimliteratur handele.
Begründet wurde diese Lehre durch diverse Schriften Blavatskys, vor allem Isis entschleiert (engl. Isis Unveiled, 1877) und Die Geheimlehre (engl. The Secret Doctrine, 3 Bände, 1888-1897). Zusammen mit Henry Steel Olcott, William Quan Judge und anderen gründete Blavatsky 1875 auch die Theosophische Gesellschaft in New York, USA.
In „Die Geheimlehre“ stellt H. P. Blavatsky drei fundamentale Sätze auf, auf denen die Theosophie beruht (Bd. I, S. 42-46, 1. Auflage 1999, Hannover). Sie postuliert:
Das physische Vehikel: Darunter wird der physische Körper verstanden, durch den sich die menschliche Seele in der physischen Welt bewegt, diese wahrnimmt und an ihr teilnimmt. Der physische Körper wird dabei als nur ein Bestandteil des Menschen angesehen.
Der Astralkörper: Gemeint ist mit diesem Begriff ein angenommener Modellkörper für den physischen Körper und dieser liefere ein Muster, nach dem der physische Körper aufgebaut sei. Phänomene wie Phantomschmerz werden aus theosophischer Sicht durch einen Astralkörper alternativ zur wissenschaftlichen Schulmedizin erklärt.
Prana – Lebenskraft: Diese sei im gesamten Universum unter der Sanskrit-Bezeichnung Jiva vorhanden. Jede theosophisch zu verstehende Wesenheit komme mit einem bestimmten Vorrat an Lebenskraft zur Welt. Dieser wird im Laufe des Lebens benutzt und geht dann in ein großes Reservoir zurück. Die Lebenskraft ändert zwar ihren Zustand, aber sie könne nicht aufgebraucht werden.
Kama – Wünsche: Das Sanskritwort „Kama“ bedeutet Wunsch. Es ist zusammen mit dem Willen die vorwärtstreibende Kraft in der menschlichen Konstitution. Von Natur aus ist Kama zunächst farblos, weder gut noch schlecht, außer in dem Maße, wie es durch den menschlichen Willen im täglichen Leben benutzt wird. Für Kama wird im Kontext mit Wille oft das Symbol von Pferd und Reiter verwendet, in dem Sinne, dass der Reiter, als Symbol für den Willen, das Pferd, die wildgewordenen Wünsche, regulieren muss und die Richtung vorgibt.
Manas – Denken: Das Denken ist die Stufe, die für Menschen als denkende Wesen die wichtigste ist. Manas ist in der Theosophie in Verbindung mit Kama und den niederen Aspketen von Buddhi der Sitz der menschlichen Seele und in sich dual, entweder mehr von niederen Wünschen oder höheren Wünschen beeinflusst.
Buddhi – Unterscheidungskraft: Eine im theosophischen Sinne optimale Unterscheidungskraft sei im Menschen unvollkommen entwickelt. Sie schlägt sich als Intuition in der menschlichen Seele nieder und inspiriert den Menschen zu mehr altruistischen Taten. Über Buddhi ist die menschliche Seele mit der inneren Göttlichkeit, den inneren geistigen Kern verbunden. Helena Blavatsky nannte „Buddhi“ den Rettungsanker für die menschliche Seele.
Atman: In Verbindung mit Buddhi die innere Göttlichkeit des Menschen.
Die Lehre der Wiedergeburt der menschlichen Seele in menschlichen Körpern. Die zyklische Wiedergeburt der Seele, um sich evolutionsmäßig weiterzuentwickeln und dabei vergangenes Karma (in vergangenen Leben gelegte Ursachen) abzuarbeiten. Durch das Gesetz von Karma wird jede Wesenheit, jedes Individuum, immer wieder dorthin zurückkehren, wo ihre in einem früheren Leben gelegten karmischen Saaten zur Entfaltung gelangen können. Sie wird unweigerlich mit ihren eigenen karmischen Impulsen wieder konfrontiert. Karma in Verbindung mit der Reinkarnation ist somit die Lehre von der unbedingten Gerechtigkeit und Harmonie. Karma wurde auch die Zwillingslehre zur Reinkarnation genannt, weil eine die andere bedingt. Durch das Legen karmischer Ursachen muss der Mensch wieder inkarnieren, um diese wieder auszugleichen.
Die Lehre von „Ursache und Wirkung“ und die Zwillingslehre der „Reinkarnation“. Jede Handlung ruft eine ihr entsprechende Wirkung hervor. Diese kommt auf ihren Ausgangspunkt, die verursachende Person zurück. In der Regel wird dies als „negativ“ oder „positiv“ erfahren, ist aber letztlich nur die in der ursprünglichen Handlung liegende Charakteristik, die vom Menschen entsprechend empfunden wird. Da alles in der Natur miteinander verbunden ist und gegenseitig ineinandergreift, werden auch andere Personen und Wesen von den Taten eines Einzelnen beeinflusst. Dies ruft dementsprechende Rückwirkungen hervor. Wenn Disteln gesät werden, können nicht Rosen geerntet werden. Somit liegt im Gesetz von Karma eine tiefgehende Ethik. Karma ist kein Fatalismus, da der Mensch immer einen freien Willen besitzt.
Theosophie versteht unter Universaler Bruderschaft mehr als eine rein politische oder soziale Verbindung, sondern betrachtet Universale Bruderschaft als eine Tatsache in der Natur, die auf dem Aufbau und der Struktur der Natur basiert. Universale Bruderschaft ist eine spirituelle oder geistige Einheit, die darauf beruht, dass alle Wesenheiten in der Essenz ihre Lebenswurzel im kosmischen Bewusstsein haben. Somit sind alle Wesen durch innere Bande miteinander verwandt, und daraus resultiert, dass die Kooperation und das „Miteinander“ in der Natur eine wesentlich stärkere und natürlichere Komponente in der Evolution ist, als das sogenannte „Überleben des Stärkeren“. In der Universalen Bruderschaft liegt auch das Fundament für menschliche Ethik. Die Anerkennung der „Universalen Bruderschaft“ ist die einzige Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Theosophischen Gesellschaft.
Evolution im Sinne der Theosophie bedeutet „Auswickeln“, das „Entfalten“, „Ausrollen“ verborgener Kräfte und Fähigkeiten, die der betreffenden Wesenheit angeboren sind und ihr innewohnen – ihre eigenen essenziellen und charakteristischen Merkmale, oder allgemein ausgedrückt, die Kräfte und Fähigkeiten ihres eigenen Charakters.
Der Mensch (wie tatsächlich alle sich evolvierenden Wesen) enthält alles in sich, was der Kosmos enthält, da er ein untrennbarer Teil von ihm und sein Kind ist. Man kann den Menschen nicht vom Universum trennen. Alles, was das Universum enthält, ist auch in ihm enthalten, latent oder aktiv; und Evolution ist das Hervorbringen dessen, was im Innern ist. Ziel dieser Evolution ist das Erreichen der sogenannten 5. Einweihung - jenes Stadiums, ab dem eine weitere Inkarnation nicht mehr erforderlich ist. Das Entwicklungsziel des Menschen ist hiermit erreicht. Das ist vergleichbar mit der Möglichkeit des Ausstieges aus dem Inkarnationsrad, wie es aus dem Buddhismus bekannt ist. Eine genaue Beschreibung dieses Evolutionsweges findet man u. a. in Blavatskys Buch „Stimme der Stille“ (Original: „Voice of the Silence“). Hier findet man auch erläutert, welche Bedeutung die sogenannten Meister der Weisheit (oder auch einfach kurz „Meister“ genannt) für die Entwicklung eines jeden einzelnen Menschen in der Endphase seines Inkarnationsweges haben. Besonders seien hier jene erwähnt, die auch bei der Gründung der Theosophischen Gesellschaft die treibende Kraft im Hintergrund waren, nämlich die Meister Kuthumi und Morya.
Nach Ansicht der Theosophen gab es Theosophie als universelles Bemühen um das Verständnis des Göttlichen, des zugrundeliegenden Planes der Evolution, in allen alten Kulturen, so namentlich in Indien, aber auch im altem Griechenland, wie die Schriften von Platon, Plotin und anderen Neuplatonikern zeigen sollen. Nach dem sonstigen Sprachgebrauch und aus Sicht der Esoterikforschung[1] liegen die Anfänge der Theosophie jedoch erst im 16. und 17. Jahrhundert, u.a. bei Paracelsus und Jakob Böhme.
Die „moderne“ Theosophie beginnt am 17. November 1875 in New York mit der Gründung der Theosophischen Gesellschaft (TG) unter der Leitung von Helena Petrovna Blavatsky und Henry Steel Olcott. Die Bezeichnung „theosophisch“ wurde dabei einem Wörterbuch entnommen; sie impliziert keine nähere Beziehung zu dem, was es bis dahin vor allem im deutschen Sprachraum unter dieser Bezeichnung gegeben hatte. Den von Olcott ursprünglich angedachten Zweck dieser Gesellschaft würde man heute als die wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften bezeichnen. Das blieb jedoch nur eine Idee, und als 1877 Blavatskys erster Bestseller Isis entschleiert (Isis Unveiled) erschien und nach 10 Tagen bereits vergriffen war, hatte die Gesellschaft eine neue Aufgabe als Organisation der Anhänger Blavatskys. In Deutschland kam es 1879 zur ersten Gründung einer allerdings inoffiziellen Gruppe, der „Loge Isis“ in Hamburg; 1884 folgte die erste offizielle Loge Germania.
Nach dem Tod Blavatskys 1891 kam es innerhalb der TG zum Streit über die Lehre und auch über die Nachfolgeschaft von Frau Blavatsky. 1895 spaltete sich die TG (siehe Judge Case) in zwei große Richtungen, einerseits die sogenannte Theosophische Gesellschaft Adyar (Adyar-TG) unter der Führung Olcotts und andererseits die Theosophische Gesellschaft in Amerika (TGinA) unter William Quan Judge. Die Adyar-Richtung hat ihren Hauptsitz in Adyar bei Madras, Indien, wo sie für lange Zeit eine nicht unbedeutende Rolle in der indischen Gesellschaft spielte. Die TGinA zog von New York nach Point Loma, Kalifornien, wurde daraufhin „TG-Point Loma“ genannt, später nach Covina, daher „TG-Covina“, und schließlich nach Pasadena, wo sie sich heute (2007) noch befindet und unter TG-Pasadena bekannt ist. In Point Loma entstand Anfang des 20. Jahrhunderts unter der Leitung von Katherine Tingley, der Nachfolgerin von Judge, und später auch Gottfried de Purucker, die theosophische Community Lomaland mit einer theosophischen Universität, an der unter anderem Sanskrit gelehrt wurde.
Sowohl von der TGinA als auch der Adyar-TG spalteten sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zahlreiche Logen ab und gründeten eigene, zum Teil konkurrierende Organisationen. Dies führte zu einer verwirrenden Zahl von unterschiedlichen Theosophischen Gesellschaften, die jedoch alle von sich behaupten, die „wahre“ und „echte“ Theosophie zu vertreten. In Deutschland ist noch eine von Franz Hartmann beeinflusste Internationale Theosophische Verbrüderung (ITV) zu nennen, nach ihrem Gründer „Hartmannianer“ genannt. Aus der zur Adyar-TG gehörenden Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft ging 1912/13 die Anthroposophische Gesellschaft unter Rudolf Steiner hervor. Die Gründe für diese Abspaltung waren vor allem die Hinwendung der Adyar-TG zum Hinduismus unter der neuen Präsidentin Annie Besant seit 1907 und besonders die Verehrung Jiddu Krishnamurtis als wiedergeborener Christus und kommenden Weltlehrer im Order of the Star in the East, die mit seiner „Entdeckung“ durch Charles W. Leadbeater im Jahre 1909 einsetzte.
Neben den genannten sind zahlreiche andere religiös-reformerische und esoterische Organisationen aus der Theosophie hervorgegangen oder haben Einflüsse aus ihr aufgenommen. Im deutschen Kontext bedeutend war die Ariosophie des Guido von List als eine unter vielen ideologischen Quellen des Nationalsozialismus. List griff Inhalte der Theosophie wie die Wurzelrassentheorie, die als rassistisch und fragwürdig interpretiert werden können, auf und verband sie mit der völkischen Runenlehre. Seine Lehren sind aber in vielen wesentlichen Grundsätzen deutlich verschieden von den theosophischen Lehren und können als Missbrauch der Theosophie angesehen werden.