Der Timaios ist ein um 360 v. Chr. verfasstes theoretisches Spätwerk des griechischen Philosophen Platon, das sich auf naturphilosophische Überlegungen, Kosmologie und eine metaphysische Erklärung des Aufbaus der Welt konzentriert. Zusammen mit dem fragmentarisch erhaltenen Kritias und dem geplanten, jedoch niemals tatsächlich geschriebenen Hermokrates war der Timaios vermutlich als Teil einer Trilogie gedacht, welche einen Bogen von Kosmologie und Theologie hin zur Staatsphilosophie Platons schlagen hätte sollen.[1] In kürzerer Form als im Kritias erwähnt der Timaios auch den Kampf zwischen dem archaischen Athen und der Insel Atlantis und stellt somit einen staatsutopischen Ausblick auf den platonischen Mythos des Folgewerks her. Aufgrund dieser inhaltlicher Überschneidungen mit demKritias spricht man in der Forschung häufig zusammenfassend von Timaios-Kritias.[2]
Nach einem einleitenden Gespräch zwischen den Dialogteilnehmern Sokrates, Timaios, Hermokrates und Kritias, welches schemenhaft den Idealstaat der Politeia resümiert, beginnt die eigentliche Rede des Astronomen Timaios von Lokri.[3] In der darauf folgenden Abhandlung grenzt sich der Timaios von Platons früheren Dialogen dadurch ab, dass er nach einem kurzen dialogischen Vorgespräch als fast ununterbrochener Monolog geschrieben ist.
Die literarische Hauptfigur Timaios von Lokri ist einem im 5. Jahrhundert v. Chr. lebenden Pythagoreer entlehnt, dessen historische Existenz jedoch umstritten ist. Neben dem nach ihm benannten Dialog lässt Platon ihn auch im Kritias auftreten.
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Nach Platons Angaben findet der fiktive Dialog einen Tag nach einem weiteren Gespräch statt, bei dem Sokrates seinen Idealstaat - ähnlich wie in der Politeia - präsentiert hätte (Tim. 17 b-c). Darauf folgt eine kurze Rekapitulation der Kernpunkte dieses Idealstaates, welche sich auf dessen ständestaatlichen Aufbau, Erziehung und Lebensweise der Herrscher und eugenische Maßnahmen beschränken (Tim. 17 c-19 a). Sokrates erwidert, dass er sich eine paradigmatische Umsetzung dieses Modells wünsche, „denn gern wohl möchte ich etwa jemandem zuhören, wenn er erzählt, wie unser Staat die Wettkämpfe, die ein Staat zu bestehen hat, mit anderen Staaten austrägt und wie er in geziemender Weise in den Krieg eintritt [...].“ (Tim. 19c)
Hermokrates will Sokrates' Wunsch nachkommen und erwähnt, dass Kritias auf dem Heimweg vom gestrigen Gespräch eine „Sage aus alter Überlieferung“ eingefallen wäre, welche zu dem eben rekapitulierten Staatsmodell passe (Tim. 20 b). Kritias gibt darauf einen kurzen Überblick über das - im Sinne der platonischen Staatsphilosophie - ideale Ur-Athen und seinen Kampf gegen die Insel Atlantis vor neuntausend Jahren, welcher mit dem Untergang beider geendet hätte (Tim. 20 d ff.).
Kritias legt schließlich die Reihenfolge der einzelnen Vorträge fest: Timaios solle mit seiner Rede über die „Entstehung der Welt“ bis zum „Ursprung des Menschen“ beginnen, worauf Kritias anschließend den Schwerpunkt der Staatsphilosophie am Beispiel des Atlantis-Mythos aufgreifen und Hermokrates seinerseits die Trilogie abschließen würde (Tim. 27 a-b).
Daraufhin beginnt Timaios mit einem Götteranruf seinen Vortrag über Kosmologie.
Der „Timaios“ ist Platons Beitrag zur Physik (im ursprünglichen Sinne von „Naturlehre“): er behandelt Ordnung und Phänomene der Natur sowie des menschlichen Körpers (Physiologie). Beides wird in Form einer „wahrscheinlichen Erzählung“ (griech. eikôs mythos) vorgetragen, die berichtet, wie ein nur Demiurg (griech. „Handwerker“) genannter, vollkommener und neidloser Gott die Welt durch das Zusammenwirken von Vernunft und Notwendigkeit erschafft. Wie wörtlich diese Darstellung zu nehmen ist - sprich ob nach Platons Meinung die Welt wirklich im zeitlichen Sinne nach und nach entstand und ob dies tatsächlich durch die Lenkung eines personalen Gottes geschah - ist in der Forschung umstritten.
Zentraler Bestandteil der Platonischen Naturphilosophie ist die Lehre von den vier Elementen Erde, Feuer, Wasser und Luft, denen jeweils einer der vier so genannten Platonischen Körper zugeordnet wird: der Erde der Würfel, der Luft der Oktaeder, dem Wasser der Ikosaeder und dem Feuer der Tetraeder.
„Timaios“ ist eine der beiden Schriften des platonischen Spätwerks, in denen von Atlantis berichtet wird; eine ausführliche Fassung folgt im „Kritias“. Zusammen mit dem „Kritias“ und dem geplanten, jedoch niemals verfassten „Hermokrates“ dürfte dieser Dialog Platons als Trilogie konzipiert gewesen sein, welche neben der Kosmogonie des „Timaios“ und der Geschichte der Menschheit im fragmentarischen „Kritias“ wahrscheinlich auch die Beschreibung des Werdegangs zum Idealstaates im „Hermokrates“ umfassen sollte.[4]
siehe Hauptartikel: Timaios von Lokri
Timaios von Lokri, der im gleichnamigen Dialog Platons wie auch im „Kritias“ einen Dialogteilnehmer darstellt, war ein im 5. Jahrhundert v. Chr. lebender Philosoph aus der Schule der Pythagoreer. Seine historische Existenz bleibt jedoch unsicher, da er lediglich bei Platon Erwähnung findet.
Den ersten Kommentar zum Timaios schrieb der antike Philosoph Krantor von Soloi († 276 oder 275 v. Chr.), der jedoch lediglich fragmentarisch im Timaios-Kommentar des Neuplatonikers und Neupythagoreers Proklos aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. erhalten blieb. Krantor betont vor allem hinsichtlich der platonischen Kosmologie die Zeitlosigkeit der Seinsordnung. Dass Platon im Timaios den Kosmos als eine vom Demiurgen geschaffene Ordnung beschreibt, die von der zeitlichen Dimension abhängt, ist nach Krantors Auffassung nicht wörtlich als zeitliches Nacheinander zu verstehen, sondern vielmehr als mythische-didaktische Illustration der Abhängigkeit des Bewirkten vom Verursacher.
Die Erzählung von Atlantis, die Platon im Timaios kurz eröffnet, hielt Krantor für eine geschichtliche Tatsache, für die er als einer der Ersten über Platons Angaben hinausgehende historische Beweise suchte. Krantor behauptet, auf Stelen im ägyptischen Sais, aus dem die Atlantis-Erzählung laut Platon ursprünglich stammen solle, Aufzeichnungen entdeckt zu haben, welche dies bestätigen würden.[5]