Tizian

Selbstporträt, um 1567
Selbstporträt, um 1567

Tizian - eigentl. Tiziano Vecelli, (geb. um 1477, † 27. August 1576 in Venedig), ital. Maler, Hauptmeister der venezianischen Renaissance.


Inhaltsverzeichnis

Leben und Schaffen

Tizian kam schon als Neunjähriger nach Venedig, um dort in der Malerei ausgebildet zu werden. Als seine Lehrer werden der Mosaikmaler Sebastiano Zuccato, dann Gentile Bellini genannt; doch muss er später auch bei Giovanni Bellini gelernt und sich danach bei Giorgione weitergebildet haben, mit dem er auch gemeinsam Bilder ausgeführt hat (z.B. Fête champêtre, Ländliches Konzert, um 1511). Man erfährt zuerst von seiner Tätigkeit um 1508-09, wo er neben Giorgione die jetzt verschwundenen Fresken am Fondaco dei Tedeschi in Venedig ausführte (die Fresken waren bereits im 17. Jahrhundert stark beschädigt, Fragmente haben sich im Palazzo Ducale und in den Gallerie dell'Accademia in Venedig erhalten). 1511 malte er Fresken in der Scuola del Santo in Padua. 1512 kehrte er nach Venedig zurück. Es entstanden einige Gemälde mit religiösen Inhalten.

Portrait des Dogen Francesco Venier
Portrait des Dogen Francesco Venier

Nachdem er einen Antrag, in die Dienste Leos X. zu treten, zurückgewiesen hatte, nahm ihn der Rat gegen Verleihung eines einträglichen Maklerpatents in Dienst. In der Folge kam Tizian in enge Beziehungen zu Alfons I. von Ferrara (1516 reiste er das erste Mal dorthin), für den er dessen Porträt (Verbleib unbekannt, ein Porträt von 1523? befindet sich heute im Metropolitan Museum in New York), ferner das Venusfest (1518-19) und das Bacchanal (1518-19, beide im Prado in Madrid) und Ariadne auf Naxos (in der Nationalgalerie in London) malte. In Ferrara schloss er auch Freundschaft mit dem Dichter Ariost, den er mehrfach porträtierte. Auch zum Herzog Federico von Mantua trat er um 1523 in nahe Beziehungen; er malte für ihn eine Grablegung (Paris, Louvre).

1516-1518 entstand eines seiner Hauptwerke, die Himmelfahrt Mariä (so genannte Assunta) für die Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari (Venedig). Im 19. Jahrhundert war das Bild in der Akademie der Künste von Venedig ausgestellt, kehrte aber dann wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück. 1523 entstand das Altarbild für die Kirche San Niccolò (Madonna mit sechs männlichen Heiligen, jetzt im Vatikan) und 1519-1526 ein anderes Meisterwerk dieser Periode, die Madonna des Hauses Pesaro (Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig). In das Jahr 1527 fällt seine Bekanntschaft mit Pietro Aretino, dessen Porträt er für Federico Gonzaga malte. 1530 schuf er den Tod des Petrus Martyr für Santi Giovanni e Paolo (1867 durch Feuer zerstört).

Venus von Urbino, 1538, Uffizien, Florenz
Venus von Urbino, 1538, Uffizien, Florenz

1532 begab er sich im Auftrag Federico Gonzagas nach Bologna, wo gerade Kaiser Karl V. weilte; ihn malte er zweimal. Tizian wurde hierauf am 10. Mai 1533 zum Hofmaler Karls und zum Grafen des lateranischen Palastes sowie zum Ritter vom Goldenen Sporn ernannt. Der darauf folgenden Zeit entstammen die Bildnisse Franz' I. und Isabellas d'Este; etwas später folgten die der Geliebten Tizians (Wien, Schloss Belvedere), dann die von Eleonore Gonzaga und ihrem Gatten Francesco Maria (Florenz, Uffizien). Nachdem er 1537 seiner Fahrlässigkeit wegen bezüglich des versprochenen Bildes sein Maklerpatent zu Gunsten Pordenones verloren hatte, malte er in Fresko die dem Rat schon lange versprochene, heute nur noch in Fontanas Stich erhaltene Schlacht bei Cadore (im großen Ratssaal). 1539, nach Pordenones Tod, erhielt er sein Maklerpatent zurück, 1541 wurde er nach Mailand zu Karl V. berufen.

Seit 1542 bemühte sich Papst Paul III. Tizian nach Rom zu ziehen; 1545 endlich folgte der Künstler dem Ruf; er wurde in Rom glänzend aufgenommen. Er malte das Porträt des Papstes, dann 1545/46 die berühmte Danae (Nationalmuseum zu Neapel, ursprünglich für den Palazzo del Giardino in Parma bestimmt), von der es sehr viele Repliken und Kopien gibt. Auf der Rückreise nach Venedig besuchte er Florenz.

1548 wurde er nach Augsburg zu Karl V. berufen und malte dort Porträts (das Bildnis Karls V. in Madrid etc.). Das Porträt Karls V., das heute in der Münchener Pinakothek hängt, stammt - soviel ist mittlerweile nachgewiesen - nicht von Tizian, sondern von Lambert Sustris (Hans Ost: Lambert Sustris. Köln 1985).

Tizian kehrte bald wieder nach Venedig zurück, wurde aber 1550 abermals nach Augsburg berufen, um das Porträt Philipps II. von Spanien zu malen. Für diesen war er auch nach seiner Rückkehr nach Venedig 1551 außerordentlich viel beschäftigt. 1566 wurde er in die florentinische Akademie aufgenommen. Er starb am 27. August 1576 in Venedig in hohem Alter an der Pest und wurde in der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari beigesetzt.

Zu Tizians Malweise

Portrait Kaiser Karl V., 1548, Alte Pinakothek München. Wird heute Lambert Sustris zugeschrieben
Portrait Kaiser Karl V., 1548, Alte Pinakothek München. Wird heute Lambert Sustris zugeschrieben

Der durch die flandrische Schulen beeinflusste koloristische Realismus der Venezianer gelangte durch Tizian auf seine Höhe. In seiner Auffassung weniger idealistisch als Raffael oder Michelangelo, hat er vor den Römern und Toscanern die malerische Kraft voraus und kommt Raffael in der Schönheitsfülle gleich, Michelangelo in der dramatischen Lebendigkeit der Komposition nahe. Tizian ist der größte Kolorist der Italiener - so geht etwa die Bezeichnung tizianrot auf ihn zurück - und versteht seinen Figuren zugleich den vornehmen Charakter zu geben, der seine eignen Lebensgewohnheiten und die seiner Stadtgenossen kennzeichnet.

Obwohl er sich nicht an die Antike anschloss, so ist er doch zu einer verhältnismäßig ähnlichen Wirkung gelangt, indem sich die Ruhe des Daseins, die edle, in sich befriedigte Existenz in seinen Werken ebenso spiegelt. Ganz vermochte er sich übrigens nicht den Einwirkungen der anderen italienischen Schulen zu entziehen, und zwischen seinen spätesten Arbeiten, worunter die Dornenkrönung Christi in München hervorragt, und seinen früheren, deren edelstes Erzeugnis der Zinsgroschen in Dresden ist, besteht ein beträchtlicher Unterschied. Er wurde später bewegter in der Haltung der Figuren, leidenschaftlicher im Ausdruck der Köpfe, energischer im Vortrag. Seine Historienbilder tragen mehr oder weniger etwas Porträtmäßiges, freilich in großartiger Auffassung, an sich; es gibt darunter einige, die zu den edelsten und unvergänglichsten Erzeugnissen der Kunst gehören, während andere sich mit einer mehr äußerlichen Wirkung begnügen.

Die höchste Befriedigung gewähren seine Bildnisse, die die vornehme Erscheinung der venezianischen Welt mit vollster Treue widerspiegeln und den vollkommensten Ausdruck des venezianischen, von höchster Prachtliebe und sinnlicher Glut erfüllten Lebens darstellen. Zugleich war er als Landschaftsmaler sehr bedeutend, die Landschaft spielt in vielen seiner Gemälde in ihrer großartig-poetischen Auffassung eine Hauptrolle. Poussin und Claude Lorrain haben sich nach seinem Vorbild entwickelt.

Mariä Himmelfahrt, 1516-18, Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig
Mariä Himmelfahrt, 1516-18, Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig

Die Zahl seiner Schöpfungen ist außerordentlich groß, besonders aus den letzten 40 Jahren seines Lebens, wo er zahlreiche Schüler zu Hilfe nahm. Aus der ersten Periode seines Schaffens, die etwa bis 1511 reicht und seine Jugendentwickelung umfasst, sind noch zu nennen: die Kirschenmadonna in der kaiserlichen Galerie zu Wien, nebst zwei anderen Madonnen, und Die irdische und himmlische Liebe, in der Galleria Borghese in Rom, Tizians schönstes allegorisches Bild, ausgezeichnet in der Behandlung des Nackten. Von hervorragenden Schöpfungen der zweiten, etwa bis 1530 reichenden Periode muss noch die Auferstehung in der Kirche San Nazaroe Celso in Brescia (1522) erwähnt werden, die Ruhe auf der Flucht und die Madonna mit dem Kaninchen, im Louvre in Paris; das Bildnis der Isabella d'Este im Kunsthistorischen Museum in Wien; das Bildnis der Eleonora Gonzaga von Urbino im Palazzo Pitti in Florenz, weltberühmt unter dem Namen La Bella di Tiziano, das herrlichste Frauenporträt des Meisters; die so genannte Venus von Urbino, in den Uffizien in Florenz, und die so genannte Geliebte Tizians bei der Toilette, im Louvre in Paris.

Zu den Hauptwerken der letzten Periode seines Schaffens zählen noch Das Martyrium des heilige Laurentius in der Jesuitenkirche in Venedig; der Tempelgang Mariä in der dortigen Akademie, die Ausstellung Christi in der kaiserlichen Galerie in Wien, die Dornenkrönung im Louvre, Das letzte Abendmahl im Escorial, Venus mit Amor in den Uffizien in Florenz, die so genannte Madrider Venus (eine ruhende Schöne mit ihrem Geliebten), die Danae im Museum in Neapel, Jupiter und Antiope im Louvre, das Reiterbildnis Karls V. in der Galerie in Madrid (1548 in Augsburg begonnen), Papst Paul III. (1545, im Museum in Neapel), Admiral Giovanni Moro im Berliner Museum. Von Tizians Selbstbildnissen sind diejenigen in den Staatlichen Museen in Berlin (1562? ) und im Prado in Madrid (1567 ) sehr schön. Die Bildnisse seiner Tochter Lavinia sind nicht sicher auszumachen; eines hat sich möglicherweise in der Dresdener Galerie (1565) erhalten. Die Junge Frau mit Fruchtschüssel (um 1555, Staatliche Museen in Berlin) wurde lange Zeit für Lavinia gehalten. 1553 wurde ihm der Auftrag erteilt, den Bildteppich Noahs Geschichte-Gespräch mit Gott zu fertigen. Außerdem malte er als Dank für die Adelsernennung ein Familienwappen des Schloßes Wawel in Krakau mit den Initialen A-S, stehend für Sigismund August, König von Polen.

Himmlische und irdische Liebe (1515), Galleria Borghese, Rom
Himmlische und irdische Liebe (1515), Galleria Borghese, Rom

Diverses

Hugo von Hofmannsthal schrieb ein kurzes Drama über das Ableben des Malers - „Der Tod des Tizian“ (1892).

Literatur

  • Giovanni B. Cavalcaselle, Joseph-Archer Crowe: Tizian, Leben und Werke. Hirzel, Leipzig 1877 (2 Bde.; mit diesem Werk ist die ältere Literatur über Tizian überholt)
  • Corrado Cagli: L'opera completa di Tiziano. Apparati critici e filologici di Francesco Valcanover, Mailand 1969 (= Classici dell'Arte. 32).
  • Theodor Hetzer: Tizian. Klostermann, Frankfurt/M. 1935
  • Giorgio Vasari, Das Leben des Tizian. Edition Giorgio Vasari Band 8. In der neuen Übersetzung von Victoria Lorini. Hrsg. von Alessandro Nova. Bearbeitet von Christina Irlenbusch. 160 Seiten mit vielen, z.T. farbigen Abb. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2005, ISBN 978-3-8031-5027-1

Weblinks

Commons
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Quelle:
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