Die Völkerpsychologie gilt, wie die französische "Massenpsychologie", als eine Vorgängerin der modernen Sozialpsychologie. Sie ist eng verbunden mit dem Namen Wilhelm Wundt, dem Begründer der Psychologie. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Moritz Lazarus und Heymann Steinthal begründet, und von Wundt - unter großer Kritik - als Disziplin der Psychologie definiert und fortgeführt.
Die Völkerpsychologie war von Wundt als Gegenstück zu seiner Psychologie des Individuums konzipiert und sollte sich mit historischen und (aus heutiger Sicht) "sozialen" Dimensionen des menschlichen Erlebens und Verhaltens beschäftigen. Betrachtet wurde das Volk, wobei Lazarus und Steinthal hier das Konzept des Volksgeistes entwickelten, das als Gebilde von übereinstimmenden, historisch herausgebildeten Wertvorstellungen definiert wurde. Wundt widmete sich der Weiterentwicklung dieser Sichtweise und verstand unter Völkerpsychologie eine (aus heutiger Sicht) kulturhistorische Analyse von Aspekten des Volksgeistes, insbes. der Sprache.
Die Völkerpsychologie gilt als "Vorgängerin" der Sozialpsychologie, obwohl sie tatsächlich kaum Beiträge, nicht einmal besondere Impulse oder Ideen tradieren konnte. Die Völkerpsychologie, schon vorher stark kritisierte Randerscheinung, spielte ohnehin nach Wundts Tod in der Psychologie keine Rolle mehr. Viel einflussreicher war sie hingegen auf die Ethnologie, sowie auch auf die frühe Soziologie.
Wichtige frühe Theoretiker der Soziologie, wie Durkheim und Simmel, haben Völkerpsychologie studiert.
Lazarus war "akademischer Lehrer Simmels" [Köhnke 2003 S. xi, vgl. auch S. xv, xxi, xxii]). In den meisten Simmel-Biographien wird zumindest erwähnt, dass Simmel "Völkerpsychologie" studiert hat.
Eckhardt 1997 erwähnt für Wundts Völkerpsychologie bedeutende Einflüsse u.a. auf die US-amerikanischen Soziologen Ch.H. Judd [s.105] und George Herbert Mead [S.107-109], auf den Anthropologen Franz Boas [S.109-110] und den Historiker Karl Lamprecht [S.111-112]).
Laucken 1998 schreibt S.88/89: "Wygotski war einer der vielen später berühmt gewordenen jungen Wissenschaftler, die zeitweise bei Wundt in Leipzig studiert und hospitiert haben (andere sind z.B. Bechterew, Boas, Durkheim, Malinowski, G.H. Mead, Sapir, W.I. Thomas, Whorf)."