Das Versal-Eszett bezeichnet die umstrittene Großbuchstabenform der Kleinbuchstaben-Ligatur ß (Eszett). Die offizielle Aufnahme dieses Buchstaben in das deutsche Alphabet wurde Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts und nun aktuell Anfang des 21. Jahrhunderts diskutiert und bisher jedesmal verworfen.
Das deutsche ß ist aus einer Ligatur entstanden, die nur im Wortinnern oder am Wortende vorkommen kann und deswegen nur als Kleinbuchstabe existiert. Sobald aber deutschsprachiger Text in Kapitälchen oder Versalien ausgezeichnet wird – seit Einführung der Antiquaschrift als Normalschrift (1941) besonders häufig – gibt es die Meinung, es bestehe Bedarf an einem Versal-Eszett. Im April 2007 wurde schließlich beschlossen, das Versal-Eszett innerhalb der kommenden Monate in den internationalen Schriftzeichenkatalog der Internationalen Standardisierungsorganisation ISO aufzunehmen.
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Das ß hatte sich im Antiquasatz aus dem langen s und dem runden s entwickelt, im Fraktursatz aus langem s und z mit Unterschlinge entwickelt. Noch im 19. Jahrhundert verzichteten die Brüder Grimm im Antiquasatz ganz auf ß, da sie kein eigenes Zeichen dafür schaffen wollten. Sie ersetzten deshalb ß durch sz. Der Reformtext von 1901 orientierte sich an diesem Vorbild und schrieb für den Versalsatz die Ersetzung von ß durch SZ vor. So wurde „Preußen“ im Versalsatz zu „PREUSZEN“.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts bürgerte sich aber immer mehr die Ersetzung durch SS ein. Die Entwicklung der Rechtschreibregeln im Duden spiegelt die Koexistenz der beiden Formen wider. Kurz vor der Rechtschreibreform von 1996 war die Schreibweise SZ nur noch in Ausnahmefällen möglich, wenn eine Ersetzung durch SS zu Verwechslungen führen würde. So wurde „Masse“ zu „MASSE“, aber „Maße“ zu „MASZE“. Die Neue deutsche Rechtschreibung schreibt seit 1996 für den Versalsatz die einheitliche Ersetzung von ß durch den Doppelbuchstaben SS vor. Eine Unterscheidung etwa zwischen "Masse" und "Maße" ist damit im Versalsatz nicht mehr möglich.
Die Ersetzung des ß durch Großbuchstaben führt insbesondere bei Eigennamen zu Mehrdeutigkeiten. Der Name „WEISS“ könnte für „Weiß“ oder „Weiss“ stehen, der Name „LISZT“ für „Lißt“ oder „Liszt“. Deswegen bildete sich als dritte Möglichkeit der Mischsatz heraus. Das ß wird nicht ersetzt. Der Name „Weiß“ wird versal zu „WEIß“, was typografisch äußerst unschön ist, da hier Groß- und Kleinbuchstaben gemischt werden. Diese Regel wird seit den 1980er Jahren bei deutschen Reisepässen und Personalausweisen angewandt, da hierbei die korrekte Wiedergabe der Originalschreibweise wichtiger ist als die typografische Ästhetik. Auch die Deutsche Post empfiehlt, beim Ausfüllen von Formularen in Großbuchstaben das ß beizubehalten. Da das Eszett im Ausland nicht bekannt ist, werden solche Dokumente im Ausland falsch gelesen, und das Eszett wird als b interpretiert (WEIB).
Ein höherer ästhetische Anspruch als bei Dokumenten besteht bei Plakaten und insbesondere bei Grabinschriften, wo ebenfalls der korrekte Name unbedingt erhalten bleiben soll. Dieses Problem wird von den Gestaltern seit jeher unterschiedlich ansprechend gelöst, durch (fälschliche) Verwendung des gemeinen ß oder eigene Konstruktionen einer versalen Version.[1]
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts haben nur sehr wenige Schriftgestalter für ihre Schriftarten eine zusätzliche Glyphe entworfen, die das Eszett im Versalsatz repräsentieren soll (siehe unten). Bis zum Verbot der Gebrochenen Schriften durch Adolf Hitler im Jahr 1941 waren diese – besonders die Frakturschriften – im deutschen Sprachraum allerdings die vorwiegenden Schriften, und bei den Gebrochenen Schriften gab es keine Versal- oder Kapitälchenschreibweise, da die Großbuchstaben eigens auf das Zusammenspiel und den Fluss mit den Kleinbuchstaben gestaltet wurden und es sich gestalterisch verbot, ausschließlich Versal zu setzen. Es gibt kaum Beispiele für Versal-Eszett in Beschriftungen und im Druck. [2]
Der Bedarf nach einer Normierung eines Versal-Eszett wurde schon Ende des 19. Jahrhunderts formuliert. Im Duden von 1925 steht, wie in den vorausgegangen Ausgaben: „Für ß wird in großer Schrift SZ angewandt, z. B. MASZE (Maße) – aber MASSE (Masse), STRASZE, PREUSZEN, MEISZNER, VOSZ. Die Verwendung zweier Buchstaben für einen Laut ist nur ein Notbehelf, der aufhören muss, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe für das große ß geschaffen ist.“ [3] Ein geeigneter Buchstabe wurde jedoch nie erfunden, ist wahrscheinlich auch nicht möglich, da die Versalbuchstaben auf die römischen Buchstaben zurückgehen und nur sehr wenig mit den Kleinbuchstaben gemein haben.
Der Interessensverband Rat für deutsche Rechtschreibung e.V. rief 2005 dazu auf, Abhilfe zu schaffen.
Im Jahr 2004 beantragte der Typograf Andreas Stötzner, Autor der Zeitschrift SIGNA, beim Unicode Consortium die Aufnahme eines Latin Capital Letter Double S in Unicode.[4] Der Antrag wurde verworfen, da die Existenz dieses Buchstabens nicht ausreichend bewiesen war, sowie aus technischen Gründen. [5]
Ein zweiter Antrag auf eine Aufnahme des Versal-Eszetts als LATIN CAPITAL LETTER SHARP S ist 2007 vom zuständigen DIN-Komitee gestellt worden.[6] Im Rahmen der 50. Sitzung der zuständigen ISO/IEC-Working-Group vom 23. bis 27. April 2007 ist beschlossen worden, das Versal-Eszett solle gemäß diesem Vorschlag im Unicode-Standard die Stelle U+1E9E erhalten.[7]
Die Medieval Unicode Font Initiative erarbeitet Zeichenbelegungen für Mittelalterforscher. Im Entwurf zur Version 2.0 der Zeichenbelegung wird geplant, Latin Capital Letter Sharp S als Zeichen U+E3E4 zu codieren. [8]
Die Gegner des Versal-Eszett meinen, dass die Form im deutschen Text mit einem B verwechselt werden könnte. Statt des Textes "DAS GROßE ESZETT" könnte man fälschlicherweise lesen: "DAS GROBE ESZETT", da die Unterschiede nicht deutlich genug sind. Keine der bisher vorgeschlagenen Formen hat dieses Unterscheidungsproblem ß = B überzeugend gelöst.
Weiteres Hauptargument gegen ein großes ß als eigenes Zeichen ist die Tatsache, dass es sich beim ß um eine Ligatur aus zwei Kleinbuchstaben handelt, und diese vom Formenkanon her per Definition nicht zu den Großbuchstaben passen können. Die Großbuchstaben (Versalien oder Majuskeln) entwickelten sich vor mehr als 2.000 Jahren; die Kleinbuchstaben (Minuskeln) erst ca. 800 Jahre später.
Es gibt nur sehr wenige Schriftarten, die mit einem Versal-Eszett entworfen wurden. Alle gängigen Schriftarten, wie z. B. die Futura oder Helvetica haben kein Versal-Eszett.
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nur sehr wenige Schriften mit einem Versal-Eszett-Entwurf. Bei fast allen modernen Schriften, wie der Futura, gab es einen solchen Entwurf nicht.
Otto Schwarzer: Für ein großes SZ. In: Sprachreport, Heft 2. 1993, S. 11-13. Institut für deutsche Sprache. Mannheim 1993. Behandelt auch die typographische Gestaltung.
Weiterführendes Material
Anbieter kommerzieller Computerschriften mit Versal-Eszett