Vokativ

Der Vokativ (auch Anredefall) ist ein spezieller Kasus, der gebraucht wird, wenn jemand mit seinem Namen oder seiner Berufsbezeichnung direkt angesprochen wird. Einen Vokativ gab es sehr wahrscheinlich im Ur-Indogermanischen, es gibt ihn zum Beispiel noch im Lateinischen, Rumänischen, Alt- und Neugriechischen, im Irischen, im Bretonischen, im Kurdischen, in den baltischen Sprachen und in Litauisch sowie in den meisten slawischen Sprachen (Polnisch, Tschechisch, Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, Sorbisch, Ukrainisch, Weißrussisch; im Russischen und Slowakischen nur Reste in festen Redewendungen). Im Deutschen kann man ebenfalls von einem Vokativ sprechen, der zwar in seiner Endung immer gleich dem Nominativ ist, jedoch ohne den Artikel des ersten Falles; als Artikel des Vokativs könnte man "o" betrachten, der meist weggelassen wird.

Inhaltsverzeichnis

Beispiele

Vokativbildung in vier historischen indogermanischen Sprachen

am Beispiel des Wortes für "Wolf".

Ur-Indogermanisch Litauisch Latein Altgriechisch Sanskrit
Nominativ *wl̥kʷ-o-s vilk-a-s lup-u-s λύκ-ο-ς (lýk-o-s) vr̥k-a-s
Vokativ *wl̥kʷ-e-Ø vilk-e-Ø lup-e-Ø λύκ-ε (lýk-e-Ø) vr̥k-a-Ø

Erklärung zur Notation: Die mit Bindestrich getrennten Elemente bezeichnen jeweils den Wortstamm, den sog. Themenvokal des Falls und die eigentliche Endung. Das Zeichen "Ø" bedeutet, dass keine Endung vorliegt (wo bei anderen Fällen eine Endung steht). Beispiel im Lateinischen: lupus (Nominativ), lupe! (Vokativ) - aber: lupum (Akkusativ). Der Stern vor den proto-indogermanischen Wörtern bedeutet, dass es sich um hypothetische Wortrekonstruktionen handelt, die nicht durch schriftliche Quellen belegt sind.

Latein

Im Lateinischen ist der Vokativ fast immer mit dem Nominativ identisch. Als Fall mit unterscheidbarer Form erscheint er nur bei den (allerdings recht häufigen) maskulinen Wörtern der o-Deklination, die im Nominativ auf -us enden. In diesem Fall wird aus der Nominativendung -us im Vokativ die Endung -e (z.B. Brutus - Brute!, Christus - Christe!). Eine Ausnahme bilden im Nominativ auf -ius endende Wörter sowie bestimmte Formen des Possessivpronomens: erstere enden im Vokativ auf -iØ (z.B.: Claudia clamat: „Consule tibi, mi filie fili!“ - Claudia ruft: „Sorge für dich, mein Sohn!“), letztere haben eigene Formen.

Griechisch

Im Griechischen ist der Vokativ Singular häufiger vom Nominativ verschieden, der Vokativ Plural ist aber immer identlisch mit dem Nominativ Plural.

  • Altgriechisch: Bei Maskulina der a-Deklination fällt das End-s (-ς) der Endungen -ēs (-ης) bzw. -as (-ας) weg; wenn der Endung -ēs (-ης) ein t (τ) vorangeht (-tēs, -της), ist die Endung -tă (-τᾰ). Beispiele: Nom. tamias (ταμίας), „Verwalter, Schatzmeister“ > Vok. tamia (ταμία); Nom. bouleutēs (βουλευτής), „Ratsmitglied“ > Vok. bouleuta (βουλευτά) . In der o-Deklination wird - ähnlich dem Lateinischen - die Endung -os (-ος) zu -e (-ε): Nom. anthrōpos (ἄνθρωπος) „Mensch“ > Vok. anthrōpe (ἄνθρωπε). In der 3. Deklination entspricht der Vokativ fast immer dem Nominativ, es können aber Akzentverschiebungen oder Quantitätswechsel auftreten.
  • Neugriechisch: Für das Neugriechische können die obigen Regeln für das Altgriechische ungeachtet der unterschiedlichen Aussprache fast unverändert übernommen werden. Bei Nomina auf -tis (-της) endet der Vokativ aber auf -ti (-τη). Die archaische Form mit der Endung -ta (-τα) kann im gehobenen Sprachniveau sowie unter älteren oder konservativen Sprechern auch benutzt werden (siehe Katharevousa) oder zur scherzhaften Parodie dieser Sprachform dienen.

Polnisch

Anders als im Lateinischen ist der Vokativ in den betreffenden slawischen Sprachen nahezu immer vom Nominativ verschieden. Hier einige Beispiele für die Bildung des Vokativ (poln. wołacz) im Polnischen:

Nominativ Vokativ
Pani Ewa (Frau Eva) Pani Ewo! (Frau Eva!)
Pan profesor (Herr Professor) Panie profesorze! (Herr Professor!)
Krzysztof (Christoph) Krzysztofie! (Christoph!)
Krzyś (Koseform von Krzysztof) Krzysiu!
Ewusia (Koseform von Ewa) Ewusiu!
Marek (Markus) Marku!
Bóg (Gott) Boże! (Mein Gott!)

Wenn die Person mit ihrem Namen angesprochen wird, benutzt man oft einfach den Nominativ. Grammatikalisch ist es jedoch falsch. Wenn man hier den Vokativ benutzt, kann es als gehoben klingen, es kann aber auch als sehr höflich, aufmerksam klingen - da man dem Sprecher anmerkt, dass er extra den gehobenen Ton wählte. Beispiel: "Pawel, ..." (Paul, ...") wäre die normale Alltagsanrede während "Pawle, ..." höflich bzw. respektvoll klingt.

Weißrussisch

Im Weißrussischen wird der Vokativ überwiegend in den südlichen und westlichen Dialekten verwendet. Üblicherweise enden Wörter im Vokativ auf -o, oder seltener auf -u. Z.B.: Oma баба (Nom.) - бабо (Vok.), Mutti мама (Nom.) - мамо (Vok.), Opa дзед (Nom.) - дзеду (Vok.).

Serbokroatisch

Auch das Serbische, das Kroatische und das Bosnische besitzt den Vokativ, zum Beispiel: Frau žena (Nom.) - ženo (Vok.), Opa djed (Nom.) - djede (Vok.).

Sorbisch

Das in der Lausitz gesprochene (Ober-)Sorbisch besitzt ebenfalls einen Vokativ. Dieser tritt paradigmatisch jedoch nur bei männlichen Substantiven auf. Meistfrequentiert ist hierbei die Endung -o, doch tritt bisweilen auch -´e auf: Mann muž (Nom.) - mužo (Vok.), Opa dźěd (Nom.) - dźědo (Vok.), Peter Pětr (Nom.) - Pětrje (Vok.).

Von den Feminina hat nur ein Wort einen echten Vokativ: Mutter mać (Nom.) - maći (Vok.).

Siehe auch

Wiktionary
Wiktionary: Vokativ – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen
Quelle:
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