Das Warschauer Ghetto wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten gegen die europäischen Juden errichtet und war das bei weitem größte Ghetto seiner Art. Es entstand Mitte 1940 im Stadtzentrum Warschaus, westlich der Altstadt im Stadtteil Wola zwischen Danziger und Glowny Bahnhof und dem Jüdischen Friedhof. Hierher wurden nicht nur Juden aus Warschau, sondern auch aus anderen polnischen Regionen und aus dem unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft stehenden deutschen Reichsgebiet und anderen besetzten Ländern deportiert.
Inhaltsverzeichnis |
Das Warschauer Ghetto wurde in der Nacht vom 15. auf den 16. November 1940 mit einer 18 Kilometer langen und 3 Meter hohen Umfassungsmauer hermetisch abgeriegelt und die anfangs 22 Tore von Wachen der SS bewacht. Das Warschauer Ghetto erhielt – wie andere Ghettos – eine (machtlose) „Selbstverwaltung“ in Form eines Judenrats, dem eine jüdische „Ordnungspolizei“ unterstand. Die Aufgaben des „Judenrats“ unter der Leitung Adam Czerniakows waren vielfältig: sie reichten von der Armenfürsorge über alltägliche Ordnungsdienste, die Einhaltung von Arbeitsbestimmungen bis hin zur Bereitstellung der von den Deutschen geforderten Anzahl an Juden auf dem „Umschlagplatz“ für die Transporte nach Treblinka.
Trotz Überfüllung wurden immer mehr Juden in das Warschauer Ghetto verlegt. Dessen Bevölkerung lag bei etwa 350.000 Menschen, insgesamt wurden etwa 500.000 Menschen in das Ghetto verschleppt. (Zum Vergleich: Ende 1939 lebten in Warschau insgesamt 1,31 Millionen Menschen.) Eine strikte Nahrungsrationierung zog Hunger und Seuchen nach sich. Viele Ghettobewohner wurden von der SS zu Arbeiten in verschiedenen Großbetrieben, den sog. „Shops“ gezwungen.
Trotz der menschenfeindlichen Bedingungen gab es im Warschauer Ghetto ein reges Kulturleben, das sich angesichts des alltäglichen Überlebenskampfes, der Bedrohung durch Hunger, Seuchen und der gewaltsamen „Aktionen“ der Deutschen, in deren Verlauf ganze Häuserblocks umstellt und angezündet wurden, während die vor den Flammen fliehenden Bewohner von SS-Leuten erschossen wurden, weitgehend im Untergrund abspielte: Angefangen bei den sog. „Hauskomitees“, die sich um die Belange der Ärmsten kümmerten, über die Jugendabteilungen, die für Waisenkinder „Kinderecken“ organisierten, Theater spielten (im Waisenhaus von Janusz Korczak) und Bibliotheken betrieben (Bibliothek von Bacia Temkin-Berman), um der gequälten Jugend wenigstens einige kurze Momente der Ablenkung von der Hölle des Ghettoalltags zu ermöglichen, bis hin zu größeren Konzert- und Literaturabenden auf Dachböden und in Hinterhöfen, die jederzeit von der SS entdeckt werden konnten (Theater der Bluma Fuswerk, Sinfoniekonzerte unter Leitung von Szymon Pullman, Auftritte der Sängerin Marysia Ajzensztat und des jungen Geigers Ludwig Holomann oder Ausstellungen des Bildhauers Felix Frydman). Nicht zuletzt entstanden auf diese Weise auch schon in der Anfangszeit des Ghettos 1940/41 wichtige Kontakte für die Arbeit der konspirativen Jugendabteilungen und anderen illegalen Hilfsorganisationen (z. B. Judenhilferat „Zegota“ unter Julian und Helena Grobelny, Wladyslaw Bartoszewski, Adolf Berman u. a., nicht zu verwechseln mit dem von den Deutschen eingesetzten „Judenrat“), die Pläne für den Partisanenkrieg außerhalb des Ghettos und schließlich auch für den Ghettoaufstand vom April/Mai 1943.
(→ Hauptartikel: Aufstand im Warschauer Ghetto)
Das Warschauer Ghetto wurde ab dem 22. Juli 1942 im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ schrittweise aufgelöst. Die Ghettobewohner wurden in Vernichtungslager geschickt, die meisten von ihnen nach Treblinka. Mit den fortschreitenden Deportationswellen wurden die Ghettos räumlich verkleinert, bis sie schließlich vollständig „liquidiert“ wurden, so der deutsche Sprachgebrauch. Im Norden des Warschauer Ghettos lag der so genannte „Umschlagplatz“, ein kleiner Güterbahnhof, der dem Abtransport in die Vernichtungslager diente. Nach den großen Deportationen im Sommer 1942 war das Ghetto kein „Wohnbezirk“ mehr, sondern ein großes Zwangsarbeitslager, von den Deutschen als „Restghetto“ bezeichnet, das kein geschlossenes Gebiet mehr darstellte. Jetzt waren viele der verbliebenen Gefangenen des „Restghettos“ von ihren wenige Straßen weiter noch lebenden Familienangehörigen abgeschnitten, und auch die „Shops“ – so nannte man die deutschen Unternehmen, die auf dem Ghettogelände, aber auch außerhalb, auf der „arischen“ Seite produzierten – waren für viele nun unerreichbar – dabei bedeutete ein Arbeitsnachweis in einem der „Shops“ („Zwangsarbeitserlaubnis“) das (vorläufige) Recht zu überleben. Nachdem auch die letzten „Shops“ auf der „arischen“ Seite außerhalb des Ghettos Anfang September endgültig geschlossen worden waren, folgten weitere Verkleinerungen des verbliebenen Ghettos. Da die Deutschen nun viele jüdische Zwangsarbeiter des Ghettos nicht mehr benötigten, mussten sich am 6. September 1942 um 10 Uhr morgens alle Ghettobewohner im Karree zwischen Mila-, Lubecki- und Stawkistraße versammeln – zu neuerlichen Selektionen, die das Ghetto weiter verkleinern sollten. Einer der Bewohner der Milastraße, bis dahin angestellt im „Shop“ der Ostdeutschen Bautischlerei-Werkstatt, beobachtete das Geschehen der sog. „Großen Aktion“ an jenem Morgen:
Auf diese Weise wurde das Ghetto von den Besatzern wiederholt brutal verkleinert, und bei den verbliebenen Ghettobewohnern, die oft den Verlust ihrer gesamten Familie, von Verwandten und Freunden zu beklagen hatten, wuchsen Unsicherheit und Bedrohung von Tag zu Tag. So beschlossen die übrigen Ghettoinsassen (es lebten Anfang 1943 offiziell noch etwas mehr als 40.000 Menschen im Ghetto; Historiker gehen jedoch von weiteren bis zu 30.000 illegalen Ghettobewohnern aus, von denen ein kleiner Teil bis April 1943 fliehen konnte), den sicheren Tod vor Augen, sich nicht wie Schafe zur Schlachtbank führen zu lassen, sondern bewaffneten Widerstand gegen die SS-Einheiten und ihre Helfer zu leisten. Am 19. April 1943 begann die Jüdische Kampforganisation (poln. Żydowska Organizacja Bojowa oder ŻOB bzw. ZOB) den mehrere Wochen dauernden Aufstand im Ghetto. Der Aufstand wurde bis zum 8. Mai in der sog. „Aktion Reinhard“ von der SS unter Jürgen Stroop blutig niedergeschlagen. Der Widerstand hielt aber noch bis zum 16. Mai an. Erst mit der vollständigen Niederbrennung des gesamten Ghettos konnte die SS das Gebiet unter ihre Kontrolle bringen. Der Kampf um das Ghetto dauerte länger, als der Einmarsch in Polen gedauert hatte. Das Ghetto selbst wurde nun endgültig aufgelöst und vollständig zerstört, die noch verbliebenen Bewohner wurden entweder an Ort und Stelle erschossen oder aber in Vernichtungslager abtransportiert. Nur einige wenige konnten durch die mit Rauchbomben und Sprengsätzen präparierte Kanalisation entkommen. Am 16. Mai 1943 konnte SS-Brigadeführer Stroop in seinem Bericht nach Berlin melden:
Mit dieser trostlosen Meldung endet die Geschichte des Warschauer Ghettos, dessen verzweifelte, mutige Bewohner noch im letzten Augenblick der Agonie ihre Würde zu bewahren versucht hatten. Es ist kaum zu glauben, aber in den Trümmern und Brandstätten des Ghettos blieben nach dem Abzug der Deutschen noch immer Menschen zurück, die bis zur Befreiung dort ausharrten; man nannte sie nach dem Krieg die „Robinsons des Ghettos“.
Arnold Schönberg setzte den Opfern mit seiner Komposition Ein Überlebender aus Warschau (A Survivor from Warsaw) ein musikalisches Denkmal.
Ein anderes Konzentrationslager wurde inmitten der Stadt bis Juni 1943 errichtet, in das weitere Menschen aus dem Deutschen Reich und den besetzten Ländern deportiert wurden. Auch viele aus dem Ghetto entkommene und im polnischen und deutschen Teil Warschaus untergetauchte Juden sowie deren mutige Lebensretter wurden hier eingesperrt und gefoltert. Zur Internierung von „aufgeflogenen Untergrundkämpfern“ und auch Juden diente den Besatzern weiterhin das (seit 1829 bestehende) Pawiak-Gefängnis, auf dessen Gelände fast täglich Erschießungen durch die SS stattfanden.
Die Geschichte des Ghettos wurde 2001 unter dem Titel „Uprising“ (dt. „Der Aufstand“) verfilmt.
Nach jahrzehntelanger Diskussion wurde am 26. Juni 2007 gegenüber dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos der Grundstein für das Museum zur Geschichte der polnischen Juden gelegt. Das Museum soll dabei die gesamte Geschichte der Juden in Polen und nicht nur die Zeit des Warschauer Ghettos dokumentieren. Die Eröffnung des Museums soll im Jahr 2010 stattfinden.