Wirtschaftsgeschichte Venedigs

Die Fernhändler Venedigs verbanden weit mehr als ein halbes Jahrtausend lang federführend die Märkte[1] Nord- und Westeuropas mit Byzanz und dem Nahen Osten. Dank seines wirtschaftlichen Erfolgs und entsprechender Geldmittel konnte Venedig auch politisch eine Stellung einnehmen, die in krassem Missverhältnis zu seinen sonstigen Ressourcen stand.

Die Stadt am äußersten Ende der Adria profitierte zum einen von ihrer Lage nahe an den Märkten Mitteleuropas, zum anderen von der Zugehörigkeit zu Byzanz. Damit blieb sie unabhängig von den Mächten auf dem italienischen Festland und errang bei zunehmender Autonomie weitreichende Handelsvorrechte in beiden Kaiserreichen. Manche Waren wurden von ihr monopolisiert, die Adria galt beinahe als ihr Hoheitsgebiet. Mit dem IV. Kreuzzug löste sich der wirtschaftliche Gegensatz zu Byzanz in einem heftig umstrittenen Gewaltakt. In dessen Folge wurde der Doge 1204 nominell zum Herrn von drei Achteln des Byzantinerreichs, alle Handelswege standen offen und ein Kolonialreich entstand.

Venedig selbst spielte als Konsumzentrum lange eine untergeordnete Rolle. Doch entwickelte man hier in einem langen Anpassungs- und Lernprozess zum Teil einzigartige Handelstechniken, Gesellschaftsformen und Finanzierungsmethoden, aber auch Mittel der Wirtschaftsförderung, der Versicherung und des Patentschutzes, dazu technische und organisatorische Innovationen, schließlich routinierte Steuerungsabläufe für den Geldmarkt, die der europäischen Entwicklung oft weit vorausgeeilt sind.

Dabei verfügte nur der Adel[2] über das Recht, den Fernhandel zu betreiben[3], derselbe Adel, der auch die politische Führung monopolisierte. Die Händlerrepublik überließ die Produktion und den Klein- und Nahhandel dabei weitgehend den nicht ratsfähigen Schichten, schützte sie notfalls vor Konkurrenz, sorgte für Geheimhaltung – unterwarf sie aber auch strenger Kontrolle.

Von Anfang an hatte sich Venedig scharfer Konkurrenz zu erwehren, und lieferte sich allein mit Genua vier umfassende Kriege. Auch der enorme Aufschwung der Metropole Konstantinopel unter den Osmanen erschwerte den Handel, sobald es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam. Letztlich erlag die flächenmäßig trotz ihres Kolonialreichs winzige Großmacht zwischen den Weltmächten Spanien und Osmanisches Reich der Konkurrenz der atlantischen Metropolen Antwerpen, Amsterdam und London, dazu Portugal.

Im 17. und 18. Jahrhundert basierte die Regionalmacht, die ihr Kolonialreich weitgehend eingebüßt hatte, zunehmend auf der Produktion von Luxusartikeln und der Agrarproduktion der Terraferma, also des seit dem frühen 15. Jahrhundert eroberten oberitalienischen Festlands.

Inhaltsverzeichnis

Einleitender Überblick

Venedigs historische Wurzeln kommen erst in jüngster Zeit wieder ans Tageslicht. Sie reichen bis in etruskische Zeit zurück, und sogar darüber hinaus. Die Stadt selbst führte sich auf spätrömische Ursprünge zurück, sah viele ihrer alten Familien als Abkömmlinge der römischen Flüchtlinge vor der Völkerwanderung. Das verlieh der Stadt eine eigenartige Zwischenstellung zwischen Ost und West, eine Unabhängigkeit aus eigener Wurzel.

Dabei zeigte sich schon im Frühmittelalter, dass die Stadt zunehmend vom Handel mit den Orten Oberitaliens und dabei vorrangig vom Zwischenhandel lebte. Zugleich gelang es ihr, als Teil des Oströmischen Reiches ihre Handelsvorrechte auszubauen. Sowohl Byzanz als auch das Reich waren immer dann bereit, Venedig Vorrechte einzuräumen, wenn sie selbst in Bedrängnis gerieten. Diese umfangreichen Vorrechte, so umstritten sie auch waren, bildeten die rechtliche Basis für die Handelsvorherrschaft Venedigs, genauer gesagt des sich zunehmend klarer definierenden Adels, der sich das Recht auf den Fernhandel, und damit den überwiegenden Teil des Handels zwischen den Kaiserreichen, reservierte. Zugleich verdrängte Venedig die konkurrierenden Orte der Lagune, sicherte sich die Offenheit der Transportwege und schloss Handelsabkommen mit zahlreichen Orten zwischen Istrien, Friaul, Dalmatien und Apulien.

Die Kreuzzüge mit ihren zahllosen Opfern brachten zugleich eine Intensivierung des Handelsaustauschs, von der Venedig an vorderster Stelle profitierte. Schon ein Jahrhundert vor der Eroberung Konstantinopels (1204) florierten in vielen Orten des östlichen Mittelmeerraums Händlerkolonien. Ab 1204 kam ein schmales Kolonialreich zwischen oberer Adria und Kreta hinzu, das das logistische Rückgrat der staatlich gelenkten Schiffskonvois und des freien Handels bildete. Darüber hinaus bot es die Basis für Eingriffe in die regionale Machtbalance und sicherte einen Teil der Versorgung Venedigs mit dem Grundnahrungsmittel Weizen[4].

Die Fernsteuerung des Handels erforderte weniger personale Verbindungen von Investivkapital und Handelstätigkeit in neuen Gesellschaftsformen, zugleich aber auch neue Kontroll- und Steuerungsinstrumente. Die kommerzielle Revolution mit ihren neuen Organisations-, Lebens- und Kulturformen führte zu einer nie gesehenen Dominanz des Wirtschaftlichen, zumal die wirtschaftlich führenden Familien zugleich die politische Macht monopolisierten.

Der ökonomische Erfolg zog wiederum zahlreiche Menschen an, unter ihnen viele Handwerker mit wichtigen Fertigkeiten. So entstanden neue Waren und veredelte Produkte, die wiederum in den Handel flossen.

Kreuzzüge und die Eroberung Konstantinopels öffneten für mehrere Jahrhunderte zugleich den direkten Handel bis tief nach Asien, doch erforderten diese Handelsreisen, ebenso wie die Ausstattung der regelmäßigen Schiffskonvois nach Flandern, Tunesien, Syrien und Konstantinopel, enorme Kapitalmengen, Kredite also. Das wiederum hängt aufs Engste mit der früher als anderswo zunehmenden Marktvermittlung und der Verdrängung des Tauschhandels durch den geldvermittelten Handel zusammen. Damit rückte die Münzpolitik in den Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik, die erst begann, Konturen zu entwickeln. Ein mühsamer und gefährlicher Lernprozess, der auch zu einer rudimentären Wirtschaftspolitik führte, die bis zu Patentschutz, Gewerbeförderung, Schutzzöllen, schließlich sogar in die Einsicht reichte, dass ausländisches Kapital mehr Nutzen als Schaden brachte.

Aus Zolleinnahmen[5] finanzierte die Kommune wiederum ihre Aufgaben, griff aber auch mit einer rigiden Beleihungspolitik auf das Vermögen der reicheren Venezianer zurück, wenn es erforderlich schien. Geld war im Kern aber immer Gold oder Silber, so dass die Wirtschaft Venedigs in einem nur noch schwer vorstellbaren Ausmaß von der rechtzeitigen Zufuhr – und auch dem Abfluss – dieser beiden Edelmetalle abhing. Dabei entwickelte Venedig ein hoch flexibles Wechselkurssystem zwischen Silber- und Goldmünzen, um seine Rolle als Handelsdrehscheibe wahren zu können. Ebenso passte man die Wechselkurse (gelegentlich nach politischen Kriterien) zwischen Binnen- und Außenwährung an, und brachte vor allem in den Kolonien mittels Zwang Wechselkurse zur Geltung, die ausschließlich dem Fiskus dienten.

Darüber hinaus griff man in den großen italienischen Kommunen schon früh zu Zahlungsmitteln, die ohne den teuren und gefährlichen Gold-Silber-Transport auskamen. Kredite wurden so ein Mittel, dem Edelmetallmangel aus dem Weg zu gehen und den Handelsumsatz zu beschleunigen, sei es als bloße Überweisung, als Wechsel, als Anleihe oder als eine Art Händlergeld, das von Hand zu Hand zirkulierte, ohne seinen Wert zu verlieren. Hierin war Italien lange führend, doch ging Venedig eigene Wege. Dabei spielten die Wechsler, aber auch die Händler-Bankiers eine wichtige Rolle, ebenso wie später die staatlich kontrollierten Banken, deren Vorgänger in Venedig die Weizenkammer (Camera frumenti) war. Eine regelrechte Börse hat sich dort allerdings nicht entwickeln können.

Trotz der Dominanz des Zwischenhandels war der Schiffbau von Anfang an die herausragende „Industrie“ und der mit Abstand größte „Arbeitgeber“ seiner Zeit. Dazu kamen im Spätmittelalter die Produktion von Tuchen, von Seide und von Glas, das auf Murano – obwohl bis in die Spätantike zurückreichend – erst jetzt seinen Aufschwung nahm. Von größter Bedeutung waren dabei nach wie vor der monopolisierte Salzhandel[6] und der Getreidehandel, der nicht weniger zum Vermögen des Adels beitrug, als der gesamte übrige Handel.[7]

In der Frühen Neuzeit erreichte die Machtstellung Venedigs ihren Höhepunkt, doch konnte die winzige Großmacht letztlich gegen die riesigen Flächenreiche der Osmanen und Spanier mit ihren enormen Ressourcen kaum noch bestehen. So verlor die Stadt nach und nach ihre Kolonien, büßte schließlich ihre Monopolstellung in der Adria ein. Zudem verdrängten Holländer und Engländer die venezianische Konkurrenz, unterliefen die Monopole, verlagerte sich der Welthandel zunehmend Richtung Atlantik. Darüber hinaus erschwerte der zunehmende Protektionismus in den Staaten Europas und im Osmanenreich den Marktzugang für venezianische Produkte.

Am Ende nahm die Republik Venedig zunehmend Züge eines Agrarstaats an, dessen konservatives Erscheinungsbild, trotz des zunehmenden Tourismus', auf Unverständnis stieß. Zwar gab es keinen breiten Niedergang der Ökonomie, aber doch ein Zurückfallen hinter die schnell expandierenden Handelsmächte des 18. Jahrhunderts.

Die Anfänge in den Bodenfunden: bis zum 6. Jahrhundert

Die Kathedrale auf dem heute fast unbewohnten Torcello
Die Kathedrale auf dem heute fast unbewohnten Torcello

Die Erforschung der frühesten Geschichte Venedigs, genauer gesagt der Lagune, wird seit fünf Jahrzehnten vor allem durch Ausgrabungen vorangetrieben. Dabei hat sich die Entstehung der Lagune als ein sehr komplexer Vorgang erwiesen.[8] So waren im 6. Jahrhundert die Ostränder der heutigen Lagune wohl noch von echten Flussmündungen zerteilt, der Meeresspiegel lag mehrere Meter tiefer. Jagd und Fischfang lassen sich schon für das 2. Jahrtausend v. Chr. nachweisen. Griechische und etruskische Spuren deuten auf frühere Besiedlung hin, als lange angenommen. Scherben zeigen, dass einige Amphoren aus dem Nahen Osten stammen. Chioggia (Clodia) ist sicher eine römische Militärsiedlung gewesen, Rialto möglicherweise noch lange der Ostrand des Festlands. Bei der Restaurierung des Fontego dei Turchi am Canal Grande kam eine Münze aus der Zeit Kaiser Trajans zu Tage, bei San Pietro di Castello und San Giorgio kamen ebenfalls römische Relikte zu Tage.

Frühes Glas

Die Produktion von Glas lässt sich inzwischen für das 4. Jahrhundert nachweisen, wobei die Qualität des zugrunde liegenden Sandes in byzantinischer Zeit stark nachließ. Möglicherweise zwang dies die Glasmacher dazu, auf Quarz und Pflanzenasche auszuweichen – eine weit reichende Innovation.[9]

Die wirtschaftlichen Folgen und Voraussetzungen der frühen Kirchenbauten, wie Torcello, San Pietro di Castello und der Markuskirche sind bisher kaum abschätzbar. Das gleiche gilt für die weltlichen Bauten mit ihrem enormen Holzbedarf. Hier können von der jungen venezianischen Stadtarchäologie noch viele Ergebnisse erwartet werden.

Die Anfänge in den Schriftquellen: vom 6. bis zum 9. Jahrhundert

Venedigs Wirtschaftsgeschichte lässt sich zunächst als Geschichte des Handels fassen (zur allgemeinen Geschichte vgl. Republik Venedig). Dabei spielen von Anfang an die Fischerei, besonders aber Meersalz und Getreide die Hauptrollen. Das bestätigt bereits 537/38 ein Brief Cassiodors, der erwähnt, wie die Bewohner der Lagune auf dem benachbarten Festland Salz und Fisch gegen Getreide tauschen [10]. Dabei ist anzunehmen, dass davon auch der Bootsbau profitierte, ebenso wie Reben- und Gemüseanbau.

Aus langobardischer Zeit ist nur wenig bekannt, aber allein die vor den Eroberern in die sich langsam ausdehnende Lagune fliehenden Festlandsbewohner dürften durch ihre Anzahl und durch ihr mitgebrachtes mobiles Vermögen zur Vergrößerung des Handelsvolumens beigetragen haben. Um 750 untersagte der Langobardenkönig Aistulf jeden Handel mit den byzantinischen Untertanen, damit wohl auch mit den Orten der Lagune[11].

Erst um 780 lassen sich Händler in Pavia fassen, die bereits orientalische Waren zum Verkauf anboten, wie Purpurstoffe aus Tyros oder Seide [12]. Ob sie diese Waren nur als Zwischenhändler von Griechen übernommen haben, oder ob sie sie selbst im Nahen Osten eingekauft haben, bleibt unklar. Bereits vor 785 residierten außerdem venezianische Händler in Ravenna und in der Pentapolis, die von den Franken 787/791 „vertrieben“ wurden[13]. Schon früher waren Venezianer zu Zeiten Papst Zacharias' (741–52) im Sklavenhandel mit den Muslimen tätig[14], wobei sie sich die christlichen Sklaven vom Papst abkaufen ließen. Auch beförderten 813 venezianische Schiffe arabische Gesandte[15]. Am Südende der Adria unterstützte ihre Kriegsflotte dennoch 827 die byzantinische Flotte mit 60, wenn auch kleinen Schiffen vor Sizilien, und im folgenden Jahr raubten Venezianer die Reliquien des Evangelisten und Heiligen Markus aus Alexandria.

Aus Sicherheitsgründen bevorzugte man schon früh die Handelsfahrt in carovana, d. h. im Konvoi, zumindest bis zur Straße von Otranto, wo sich die Wege Richtung Sizilien und westliches Mittelmeer, Richtung Nordafrika und Richtung Griechenland und östliches Mittelmeer trennten.

Der Handel war dabei noch überwiegend Tauschhandel. Zwar kannte man Münzen, ja, man prägte sogar eigene Münzen, indem man die kaiserlichen, z. B. die Kaiser Ludwigs des Frommen, übernahm und auf der Rückseite einfach „Venecia“ einprägte[16]. Doch im Allgemeinen bevorzugte man die Münzen Veronas, gelegentlich Paduas. Eine eigene Münzprägestätte, die Zecca (arab. Münze), lässt sich zu Anfang des 9. Jahrhunderts fassen.

Die heutige Lagune
Die heutige Lagune

Torcello, das erste Emporium des byzantinischen Venedig, wurde zunächst von Malamocco, dann von Rialto abgelöst. Möglicherweise analog zum Incastellamento, dem Rückzug der italienischen Bevölkerung aus den Küstenregionen aus Furcht vor den Piratenzügen der Normannen, Araber und auch der Slawen und Ungarn, zog sich die Bevölkerung mehr und mehr auf die besser geschützten Inseln in der Lagune zurück. Zum Rückzug könnten aber auch Epidemien, wie etwa die Malaria beigetragen haben, die wohl Torcello zu schaffen machte. Rialto lag allerdings zu dieser Zeit noch so nah an der Küste, dass man von dort einen berittenen Mann erkennen konnte [17], und wohl noch im 6. Jahrhundert lag Rialto auf dem Ostrand des Festlands (daher Rivo alto (hohes Ufer)?).

Die drei Siedlungskerne um den Bischofssitz Olivolo, um San Marco und auf Rialto bildeten später drei Schwerpunkte, nämlich des Schiffbaus im Arsenal, als politische Schaltzentrale und als Handelszentrum – mit Überschneidungen und Übergangsgebieten.

Die frühe Phase der „Feudalisierung“ mit dem Erwerb umfangreicher Landgüter, wie sie beispielsweise die Dogenfamilie der Partecipazio aufwies, brachte erste, größere Kapitalmengen in die Hand einzelner Familien. Die Landbesitzer züchteten auf ihren Gütern Schweine, Rinder und Pferde, ließen Getreide anpflanzen, dazu Wein, aber sie besaßen auch Jagd- und Fischereirechte, wie ihre Standesgenossen im übrigen Westeuropa. Das Testament des Dogen Giustiniano Participazio von 829 zeigt, dass außer den Wirtschafts- und Wohnbauten Handelsgüter, Schmuck, vor allem aber Bargeld und Kredite zu seinem Vermögen gehörten - und schließlich erhebliche Summen, die zur Zeit seines Todes noch in Handelsunternehmen steckten. Die Führungsschicht war also fast von Anfang an sehr stark im Handel tätig, im Gegensatz zu ihren Standesgenossen auf dem Festland.

Darüber hinaus beteiligte sich die Dogenfamilie am Ausbau der Stadt, denn sie hat offenbar am Bau der Kirchen von San Zaccaria, San Lorenzo, San Pietro di Castello und San Giorgio mitgewirkt, ebenso wie am Bau des frühen Dogenpalasts und an zahlreichen Trockenlegungen der Sümpfe im späteren Stadtgebiet. Wie verstreut die Siedlungsgebiete noch waren, zeigt der Markusplatz, der noch lange zu erheblichen Teilen als Garten genutzt wurde – daher die Bezeichnung Broglio (brolo). Der Holzbedarf für die Pfähle, auf denen immer mehr Häuser gegründet wurden, für die noch überwiegend aus Holz gebauten Häuser selbst, aber auch für die Brücken und – nicht zuletzt – die Schiffe, dürfte zu einem enormen Ausbau der Transportkapazitäten, also der Flotte, geführt haben. Es war gewissermaßen das Zeitalter der (sichtbar) hölzernen Stadt. Aber sie war durch die Raubzüge der Ungarn und Araber gefährdet und ummauerte zumindest den Bereich zwischen Santa Maria del Giglio und dem Kastell von Olivolo.

Zwischen Byzanz und dem Heiligen Römischen Reich: 9. Jahrhundert bis 1171/1204

Venezianische Besitzungen um das Jahr 1000
Venezianische Besitzungen um das Jahr 1000

883 gelang Venedig ein wichtiger Schlag zur Errichtung einer Handelsvorherrschaft. Es zerstörte Comacchio, das die Mündung des Po beherrschte. Damit war der Handel bis Pavia und Piacenza frei – denn schon ein Abkommen mit Karl III. hatte sein Reich dem venezianischen Handel geöffnet. Ähnliche Ziele verfolgte Venedig in Istrien. Capodistria, heute Koper, gestattete ab 932 Venedig freien Handel und lieferte symbolisch einmal im Jahr hundert Amphoren guten Weins. Bis hinunter nach Pola (Pula) beanspruchte Venedig hier „Freundschaft“. Viel schwieriger war das Verhältnis zu den Narentanern, den Piraten Dalmatiens, die sich wohl 948 mit gewissen Erfolgen sogar dem persönlichen Eingreifen des Dogen widersetzten. Erst im Jahr 1000 gelang es dem Dogen Pietro II. Orseolo, die Küste und die meisten Inseln im nördlichen und mittleren Dalmatien der venezianischen Oberherrschaft zu unterwerfen und das Piratenproblem einstweilen zu lösen. Zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert dominierte Venedig zunehmend die Lagune selbst und absorbierte auch die bedeutendsten Orte. Torcello wurde ab dem 12. Jahrhundert nach und nach aufgegeben.

Die Privilegierung im Reich in Kombination mit der Behrerrschung der Adria ergänzte sich mit einer Goldbulle des byzantinischen Kaisers von 992. Im Gegenzug für militärische Hilfe bei verschiedenen Flotteneinsätzen gegen die Araber Süditaliens hatte Kaiser Basileios II. die Abgaben pro Handelsschiff in seinem Reich beinahe halbiert – unter der Bedingung, dass die Venezianer keine Waren für Händler aus Amalfi oder Bari, oder aber für Juden transportierten. Gleichzeitig nahmen Venezianer Handelskontakte bis nach Tunis und Alexandria auf. Dorthin lieferten sie Holz, Waffen und Metalle, und seit dem Sieg über die Dalmatiner auch slawische Sklaven, die sie auf den dortigen Märkten erwarben – auch wenn dieser Handel 960 verboten wurde[18]. Das war aber wohl nicht das erste Mal, dass Byzanz, um Waffenlieferungen an die muslimischen Gegner zu verhindern, die Lieferung bestimmter Güter, wie Holz aus Dalmatien, verbot. Schon Kaiser Leo V. (813–820) untersagte diesen Handel[19], doch in Friedenszeiten wurden diese Verbote offenbar gelockert.

Doch ein Hindernis ließ sich nicht auf diese Art beseitigen, und es sollte der Ausdehnung des Handelsvolumens massiv im Wege stehen: der Mangel an Münzgeld, der sich nicht zuletzt in den enorm hohen Kreditzinsen widerspiegelt. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Summe, die manchmal fünf oder sechs Investoren in eine Schiffsreise steckten, von der Länge der Reise und vom Gewicht des Ankers abhing. Solche Anker erscheinen demzufolge als hoher Wert in vielen Testamenten. Das änderte sich erst nach 1120.

Der eigentliche Durchbruch gelang 1082 mit dem Privileg Kaiser Alexios' I., das den Venezianern freien Handel garantierte und große Teile des Reichs überhaupt erst öffnete. Eigene Kaufmannskolonien, Handelshäuser und Anlegestellen kamen an die Venezianer. Die mit Abstand größte Kolonie entstand aber in der byzantinischen Hauptstadt.

Auch im Heiligen Land, das ab 1098 von den Kreuzfahrern erobert wurde, erhielt Venedig das Recht auf freien Handel, weil es 1100 mit einer Flotte von 200 Schiffen Gottfried von Bouillon unterstützt hatte und vor allem Tyros, das zukünftige Handelszentrum in Syrien erobert hatte. Die Kolonien bestanden zumeist aus einer eigenen Straße, Anlegestellen und Lagerhäusern, einem eigenen Backofen und einer Mühle, ja, einem Bad und privaten Versammlungshäusern – eine fast autarke Stadt in der Stadt, meist sogar ummauert. Ihre Bewohner unterstanden zudem eigenem Recht. Von Syrien und Kleinarmenien aus dirigierten sie den Handel bis tief nach Asien hinein. Zugleich lieferten sie Pech, Metalle und Holz nach Ägypten. Auch der Maghreb wurde häufiges Ziel venezianischen Handels, allen voran Tunis, Bougie und Tlemcen.

Eine vollkommene Ergänzung des Privilegs von 1082 stellte das Privileg Kaiser Heinrichs IV. dar, das er zwei Jahre später für das Heilige Römische Reich ausstellte. Kaiser Heinrich, tief verstrickt in den Investiturstreit, erlaubte Venedig den Handel im gesamten Reich, den Reichsbewohnern aber nur den Handel bis Venedig, ausdrücklich nicht darüber hinaus. Damit hatte die Stadt den Adriahandel monopolisiert, denn dort durften nur Waren nach Venedig gebracht werden, d. h. die Stadt setzte das Stapelrecht durch. Stapel und Umschlag zwangen die Händler von außerhalb dazu, sich in Handelshäusern einzufinden, wobei die als „Deutsche“ bezeichneten Händler aus dem Reich im Handelshaus der Deutschen an der Rialtobrücke wohnen mussten. Gleichzeitig zahlten die Venezianer (eine erste systematische Bevorzugung), im Gegensatz zu den Ausländern, die 2,5 % Warensteuer entrichteten, nur die Hälfte. Erstere Abgabe nannte sich Quadragesimum („Vierzigstel“), letztere Octuagesimum („Achtzigstel“). Doch lösten sich diese Bestimmungen zunehmend in Einzelfestsetzungen auf, deren Grundtenor aber der gleiche blieb.

Konstantinopel 1204: Kapitalvervielfachung, Kolonien und Konflikte in der Herrenschicht (1171 bis 1261)

Die größte Händlerkolonie war die von Konstantinopel, die angeblich 10.000 Venezianer beherbergte. Zwar kam es hier immer wieder zu Konflikten, dennoch kam die Verhaftung aller Venezianer am 12. März 1171 und das folgende Handelsverbot offenbar völlig überraschend. Der militärische Gegenschlag scheiterte trotz des Einsatzes von 120 Galeeren. Es kam zu Tumulten und der Doge wurde auf offener Straße erschlagen. 1182 folgte das berüchtigte Lateinerpogrom, dem Tausende zum Opfer fielen. Unter ihnen waren allerdings kaum Venezianer, denn sie kehrten erst 14 Jahre nach ihrer Ausweisung wieder zögernd nach Konstantinopel zurück. Mit dem IV. Kreuzzug bot sich dem Dogen Enrico Dandolo eine Gelegenheit zur Rache. Noch vor der Eroberung wurden Venedig drei Achtel des Byzantinerreiches und auch des großen Händlerquartiers in der Hauptstadt zugesprochen.

Schlagartiger Reichtum und feudaler Lebensstil

Belagerung Konstantinopels
Belagerung Konstantinopels

Die Eroberung Konstantinopels 1204 und die anschließende Errichtung eines Kolonialreichs, machten Venedig zur Vormacht im östlichen Mittelmeer. Dieses Kolonialreich und das Lateinische Kaiserreich (1204–1261) bildeten den politischen Rahmen für die massive Expansion des Handels. Darüber hinaus partizipierten die Händler am intensivierten Warenaustausch mit dem Heiligen Land, wo bis 1291 Akkon eine wichtige Handelsdrehscheibe mit einer eigenen Händlerkolonie bildete.

Die größte Beute, die den Venezianern jemals in die Hände gefallen ist, machte viele Clans in Venedig enorm reich, löste in der Führungsschicht aber auch enorme Spannungen aus. Der Handel war zunächst gar nicht in der Lage, solche Kapitalmengen aufzunehmen, so dass zahlreiche Adlige, aber auch „neureiche“ Popularen, die so genannten „Populari grassi“, Land auf der Terra ferma kauften. Doch der Nachfolger Enrico Dandolos und reichste Mann Venedigs, Pietro Ziani, riegelte 1226 den Immobilienmarkt ab, indem er Folgendes bestimmte: Grund und Boden durften nur noch öffentlich und zu staatlich festgesetzten Preisen erworben werden. Dabei wurde der Preis umso niedriger angesetzt, je näher Verkäufer und Käufer verwandt waren. Damit wurde allen Clans, die nicht bereits Landbesitzer waren, der Zugang zum Immobilienmarkt und damit zu einem adligen (Land-)Lebensstil deutlich erschwert. Im Folgejahr untersagte der Doge jeden Landerwerb im Umland Paduas. Trotzdem konnte der Prozess des massiven Landerwerbs nur verlangsamt werden, so dass schon lange vor der Eroberung der Terra ferma riesige Ländereien in den Händen der Großen (Magni) lagen – trotz des massiven Widerstands der betroffenen Städte.

Der älteste erhaltene Stadtpalast, das spätere Handelshaus der Türken (Fontego dei Turchi)
Der älteste erhaltene Stadtpalast, das spätere Handelshaus der Türken (Fontego dei Turchi)

Doch dank der enormen Bereicherungsmöglichkeiten, die das schlagartig zur Großmacht aufgestiegene Venedig bot, kam es zwischen Popularen und Grandi nur zu vergleichsweise geringen Konflikten. Der Gegensatz löste sich nach und nach dadurch, dass die beiden Gruppen zum neuen, beherrschenden Stand der Magni verschmolzen. Diese teilten sich die politische Macht in den Ratsgremien, Gerichten und Magistraten – und die Gewinne aus dem Fernhandel. Außerdem nahm man den Druck erheblich, indem drei- bis viertausend Männer nebst ihren Familien die Besiedlung Kretas ab 1211 übernahmen. Einige Adlige nutzten die Gelegenheit, um in der Ägäis ganze Inselreiche zu erobern, die sie als Herzöge und Grafen beherrschten. Auch stieg der Bedarf an Schiffsbesatzungen derart an, dass es nicht im Interesse der führenden Familien Venedigs lag, zu viel Kapital in die Landbearbeitung zu investieren.

Des weiteren entstanden sowohl in Venedig als auch im Kolonialreich an vielen Stellen neue Machtpositionen, die den fast ausschließlich adligen Inhabern einerseits ein Auskommen sicherten, ja, geradezu zum Signum der Zugehörigkeit zum Stadtadel wurden, andererseits für Tausende Siedlungs- und Erwerbsmöglichkeiten boten. Dabei unterschieden sich diese Kolonien erheblich von den Händlerkolonien, die rund ums Mittelmeer bestanden.

Kolonialreich und Handelskolonien

Das Kolonialreich zog sich von der Lagune über Istrien, Dalmatien und Albanien mit zahlreichen Stützpunkten bis nach Modon und Koron am Südwestzipfel der Morea, dann weiter nach Kreta. Das Schwarze Meer öffnete sich nur sehr begrenzt. Dort kam es erst um 1300 zur Einrichtung von Kaufmannskolonien. Der Mittelpunkt des Kolonialreichs war zunächst der Podestà von Konstantinopel, bzw. die riesige Kaufmannschaft am Goldenen Horn. Obwohl Venedig gar nicht in der Lage war, drei Achtel des Byzantinerreichs in Besitz zu nehmen, sicherte es sich doch die wichtigsten strategischen Punkte, Häfen, an denen Lagerhäuser, Unterkünfte, Getreide- und Schiffszwiebackspeicher, eigene Flotten und auch Nachrichtensysteme eingerichtet wurden, die den Handel stark beförderten und sicherten. Dazu kamen eigene Kirchen, Bäckereien und Mühlen, so dass die Kolonien eigene Städte bildeten.

Die Inbesitznahme der Kolonien erfolgte nach Grundsätzen des Feudalismus, d.h. die auswandernden Familienzweige, wie die Venier, Michiel, Querini oder Giustinian, erhielten Ländereien mit den daran gebundenen Hörigen oder Sklaven, dazu unterstanden ihnen Vasallen. Das galt vor allem für Kreta, aber auch für Negroponte, Modon und Koron und einige Inseln der Ägäis, wie Naxos, außerdem für die Ionischen Inseln. Auch trugen die neuen Herren Titel wie Duca (Herzog) oder Conte (Graf). In engen Grenzen galt diese Betonung des Feudalen gegenüber dem rein Merkantilen auch für Zypern, wo die Familie Corner di San Luca über Kredite an das Königshaus Lusignan große Güter erwarb, die später für den Anbau von Zuckerrohr dienten, dazu Salinen, die den Export erheblicher Salzmengen ermöglichten.

Alle anderen Händlerkolonien waren in ihrer Gesamtheit wichtig, aber vergleichsweise klein und nicht immer stabil. So saßen in Bari und Syrakus, in Tripolis und Tunis, auf den Balearen und in Valencia, Sevilla und Barcelona, in Montpellier, Nimes und Aigues-Mortes, in Southampton und London, vor allem aber in Brügge – kleine, kapitalstarke, kundige Gruppen von Männern, die das Rückgrat des dortigen Handels mit Venedig bildeten. Dazu kam ein festes Kuriersystem, das Brügge und Venedig binnen acht Tagen verband. Schließlich konnten Händler Stationen in Augsburg, Ulm, Nürnberg, Frankfurt und Köln, ja, auch in Wien nutzen. Darüber hinaus zeigen zahllose Händlerbriefe, dass man sich mit jedem Schreiben über Preisschwankungen, Zolländerungen und Wechselkurse bis hin zu Gerüchten über politische Umbrüche auf dem Laufenden hielt. Dieses dichte Netz von Informationen, Schutz und Kontakten intensivierte und beschleunigte den Waren- und Geldverkehr, und ermöglichte neue Gesellschaftsformen, ja, bald bisher unbekannte Geschäftsformen, nämlich Spekulationsgeschäfte, beispielsweise auf Wechsel.

Gesellschaftsformen

Typische Gesellschaftsform im Mittelmeerhandel Venedigs war die Collegantia. Dabei steuerte ein stiller Teilhaber etwa drei Viertel des Investivkapitals bei, der aktive Teilhaber, der die Handelsfahrt durchführte, den Rest. Zweck, Aufgabenverteilung und Anteile wurden vor der Reise schriftlich festgelegt, doch konnte der aktive Teilhaber seine Gewinne auch schon unterwegs wieder investieren. Stiller und aktiver Teilhaber waren zwei mögliche Rollen, die mit jeder Fahrt neu festgelegt wurden, wobei häufig mehrere stille Teilhaber das nötige Kapital stellten. So wurden die Risiken verteilt und zugleich Kumulationsmöglichkeiten eröffnet. Bei der außerhalb Venedigs stärker verbreiteten Gesellschaftsform der Commenda war hingegen nur ein stiller Teilhaber an einen aktiven gebunden.

In Venedig entwickelten sich dadurch engste Kapitalverflechtungen und Abhängigkeiten, die insbesondere Familiengeschäfte begünstigten. Außerdem war ihre jeweilige Liquidation in jeder venezianischen Kolonie möglich. Die Collegantia verband übrigens auch Geldgeber und Handwerker innerhalb Venedigs noch zu einer Zeit, als diese Organisationsform im Überseehandel längst abgelöst war. Aus dem Überseehandel wurde diese Gesellschaftsform erst im Spätmittelalter durch regelrechte Societates verdrängt, Handelsgesellschaften, die auf längere Zeit angelegt waren. Außerdem ermöglichten doppelte Buchführung und die Einrichtung fester Faktoreien im Ausland eine viel engere Kontrolle und Steuerung, zugleich aber auch eine engere Verflechtung mit den auswärtigen Märkten zwischen Brügge und Tunis, Alexandria und Trapezunt.

Zuwanderung

Die im Vergleich zu diesen zahlreichen Auswanderungen geringe Zahl der Bewohner Venedigs – um 1300 vielleicht 85 bis 100.000 – konnte diesen ständigen Aderlass nur verkraften, weil zum einen aus dem Dogado, also dem Umland der Lagune und ihrer Inseln, viele in die Metropole wanderten, so dass dieses Umland sogar schwere Bevölkerungsrückgänge verkraften musste. Zum anderen förderte Venedig, vor allem nach den schweren Bevölkerungsverlusten durch die Pestwellen ab 1348, massiv die Zuwanderung von Spezialisten, wie Luccheser Seidenwebern (sie wohnten zwischen San Bartolomeo und San Giovanni Crisostomo) oder Mühlenbauern und Bäckern aus dem Reich. Die Stadt wuchs dabei hauptsächlich nach innen, das heißt, bisher von Gärten geprägte Teile der Giudecca und Dorsoduros wurden zunehmend bebaut.

Ähnliche Kolonien wie die ausländischen Handwerker bildeten die ausländischen Händler in Venedig, die sich, wie die Mailänder, in einer Gasse nahe bei Rialto ballten. Das gleiche galt für die anderen Lombarden, aber auch für die Leute aus der Romagna, der Emilia, und auch für einige der verfeindeten Genuesen. Ab dem 14. Jahrhundert traten die vor allem im Tuchhandel tätigen Toskaner hervor, die aber auch zunehmend im Bankgewerbe eine wichtige Rolle spielten, allen voran die Florentiner. Aus Süditalien kamen vor allem Apulier, dazu Slawen, Griechen und Franzosen, wenn auch in geringerer Zahl. Ab etwa 1250 kamen Leute aus dem Reich – seien es Deutsche, Ungarn, oder Böhmen, die pauschal „Tedeschi“ genannt wurden, im „Handelshaus der Deutschen“ (Fondaco dei Tedeschi) unter. Eigene Visdomini del Fondaco überwachten die Tätigkeiten der Bewohner, Messeti genannte Makler vermittelten den Handel, überwachten aber auch – aus fiskalischen Gründen – ihren gesamten Handel. Schließlich siedelte sich eine Gruppe von Zuwanderern, die Juden, gar nicht so sehr in Venedig selbst an, sondern mehrheitlich in Mestre. Auch sie nutzten ihre Kontakte nach Konstantinopel und in den Nahen Osten, und beteiligten sich am Handel, z. B. mit apulischem Weizen. Darüber hinaus waren sie im Kreditwesen tätig und boten von Mestre aus – zum Ärger der eingesessenen Wucherer – erheblich günstigere Kredite. Erst mit der Gründung des Ghettos ab 1516 lebte der überwiegende Teil der venezianischen Juden in einem abgeschlossenen Quartier.

Venedig als Welthandelsmacht im 13. bis 15. Jahrhundert

Weder das eigentliche Kolonialreich, noch die Summe der Händlerkolonien waren mehr als die Fundamente des venezianischen Fernhandels. Sie öffneten und sicherten aber die Handelswege, die weit nach Asien und Afrika hineinreichten. Mit dem Fall Jerusalems verlagerte sich die Ausgangsbasis des Handels Richtung Bagdad und Täbriz nach Laiazzo in Kleinarmenien. Doch mit der Expansion der ägyptischen Mamelucken bis nach Syrien – 1291 fiel als letzte Stadt Akkon – wurden die Venezianer aus dem Nahen Osten verdrängt.

Reiseroute Marco Polos
Reiseroute Marco Polos

Umso aggressiver drängten sie in den Handel über das Schwarze Meer Richtung Armenien, Persien, Turkestan, bzw. zum Persischen Golf. Venedig war gezwungen, seine Pläne zur Wiedereroberung Konstantinopels, das die Griechen 1261 zurückerobert hatten, spätestens 1282 aufzugeben. Nach zähen Verhandlungen wurde es wieder zum Handel im Byzantinischen Reich zugelassen. Das war umso wichtiger, als die Durchfahrt durch den Bosporus die wichtigste Voraussetzung für den Zentralasienhandel darstellte, dem sich durch die Pax Mongolorum, dem Mongolenfrieden, ungeahnte Möglichkeiten boten. Nicht zufällig reiste Marco Polo von 1278–91 durch Asien. Ein zweiter Weg führte von Trapezunt über den Persischen Golf bis nach Indien, ein dritter, den beispielsweise Giovanni Loredan bereiste, führte von Tana an der Mündung des Don über Wolga und Kaspisches Meer bis nach Indien. Diese Reisen bis an den Rand der bekannten Welt waren in der ersten Hälftet des 14. Jahrhunderts durchaus keine Seltenheit und offenbar so profitabel, dass sie in Venedig Finanziers fanden.

Doch die Hauptmasse des Handels fand wohl weniger auf den Landwegen statt und auch nicht über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Stattdessen entwickelte Venedig ein System regelmäßiger Schiffskonvois und förderte die private Handelsschifffahrt.

Handelsstrukturen im 13. bis 15. Jahrhundert

Gesellschaftsformen und Kredit

Der einfache Kredit mit kurzen Laufzeiten von einem Monat bis etwa einem Jahr spielte im Handel eher selten eine Rolle. Schon die etwa 20 % Zinsen, die als üblich galten, waren eine hohe Hürde. Dazu kamen hohe Bürgschaften in Form von Häusern oder Liegenschaften. Bei Zahlungsverzögerungen verdoppelten sich die Schuld und der Zins nach einem Jahr, bei weiterer Verzögerung wurden Teile des Vermögens eingezogen.

Ebenso riskant war der Handelskredit (mutuo ad negotiandum), der mitunter zu 25 % vergeben wurde, der aber zunehmend durch Teilung des erwarteten Handelsgewinns abgedeckt wurde. Doch auch dieses Kreditmittel war bestenfalls für den Handel in der Stadt und in ihrem Umkreis geeignet.

Für den Überseehandel setzte sich ab der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts zunehmend der Seehandelskredit (prestito maritimo) durch, der eher eine Art Gewinnbeteiligung darstellte. Ließ sich hierbei noch der verborgene Zinssatz ermitteln, so wurde dieser im Seehandels-Wechselkredit gänzlich versteckt. Hierbei legte man im Kreditvertrag nur noch fest, in welcher Münzart, und -menge die Rückzahlung erfolgen sollte und ließ die geliehene Summe unerwähnt. Alle wichtigen Familien Venedigs waren auf diese Art an der Finanzierung des Überseehandels beteiligt. Der Vorteil für die Kreditnehmer lag darin, dass sie über das Geld frei verfügen konnten und keiner sonst üblichen Kontrolle unterlagen. Was zählte, war der Erfolg und die Fähigkeit, Kredit und Zins zu begleichen. Die Comenda, die auf diese Art Geldgeber und Händler verband, weitete sich durch mehrere Teilhaber an einem einzigen Unternehmen zur Colleganza aus. Von Beginn des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts war dies die vorherrschende Form der Handelsgesellschaft.

Die Schwächen dieser Art der Kreditvergabe waren gravierend. Zum einen entwickelte sich nicht die Kontinuität über längere Zeiträume, die die komplexeren Geschäfte erst auf Dauer ermöglichten. Zum anderen wurde die Überprüfung der Abrechnungen, die der Händler nach seiner Rückkehr vorzulegen hatte, fast undurchführbar. Betrug war damit Tür und Tor geöffnet.

Dagegen setzten die Venezianer schon früh zwei Konzepte. Das eine ist das der Familie, d.h. beispielsweise, dass Brüder, auch ohne Vertrag, als Gesellschaft galten, als fraterna Societas. Damit hafteten sie füreinander, was sie wiederum stärker veranlasst haben dürfte, vorrangig Handel mit Familienmitgliedern zu betreiben. Das zweite Konzept, das sich gegen Ende des 14. Jahrhunderts weitgehend gegen die Colleganza durchsetzte, war das Konzept der Handelsgesellschaft, der Societas, die ohne Befristung und ohne Festlegung auf eine einzelne Handelsfahrt bestand. Sie erlaubte es, Faktoreien im Ausland anzulegen, die die Verhältnisse vor Ort kannten und die nötigen Kontakte entwickelten. Vor allem aber erlangte sie größere Kontinuität. Damit gestattete sie beispielsweise die reine Kapitalbeteiligung, die sich nicht mehr auf eine einzelne Handelsfahrt richtete. Wie komplex diese Gesellschaften schon im 14. Jahrhundert waren, zeigt das Archiv des toskanischen Kaufmanns Datini.

Überseehandel

Ein hervorstechendes Merkmal des venezianischen Handels waren die von der Stadt organisierten Schiffskonvois, die Mude. Sie dienten einerseits dem Schutz der Waren, da diese Konvois stark bewaffnet waren und aus mehreren Galeeren bestanden. Andererseits ließen sich die Termine für die Ankunft und Abfahrt der Waren dadurch genau festsetzen. Damit versuchte man das gleichzeitige Eintreffen von zu vielen, aber auch von Warenmangel zu verhindern, was zu heftigen Preisausschlägen führen konnte. Außerdem konnte man so überlange Lagerung vermeiden, was die Kosten und Risiken minderte.

Die Anpassung an die Zeiten der Befahrbarkeit des Meeres und die Passierbarkeit der Alpen stellten dabei die Rahmenbedingungen dar. Zeitgerechte Lieferung der aus der Levante kommenden Waren an die Kaufleute des Reichs und umgekehrt waren eine wichtige Voraussetzung für den schnellen Kapitalumschlag. Spätestens in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts verkehrten die Mude üblicherweise zweimal pro Jahr, eine im Frühjahr, eine zwischen August und September. Dabei hatten die großen Schiffe eine Tonnage bis zu 750, die mittleren zwischen 200 und 500. Anfangs waren die Schiffe, die in die Romania fuhren, kleiner, dafür ihre Zahl größer: meistens neun oder zehn Galeeren. Später fuhren oftmals nur zwei bis vier. Dennoch stieg die Zahl der Mude auf drei, ja bis zu fünf pro Jahr. Darüber hinaus fuhren ab Beginn des 14. Jahrhunderts auch Mude nach England und Flandern, in die Barberia mit ihrem Zentrum Tunis, und nach Aigues-Mortes im Rhône-Delta.

Trotzdem wuchs die Zahl der Schiffe nicht an, von denen in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts je 30–50 teilnahmen, hundert Jahre später nur noch rund 30 bis 40. Allerdings hatte sich ihr Tragvermögen weit mehr als verdoppelt, so dass man damit rechnet, dass die Gesamtwarenlast von 3 bis 5.000 auf 7.500 bis 10.000 Tonnen anstieg. Dazu kam, wenn der Warenzustrom besonders anwuchs, dass sich notfalls auch unbewaffnete, private Schiffe den Mude anschließen durften.

Es ist eben ein Kennzeichen der Waren des Fernhandels, den sich die Adligen vorbehielten, dass sie kompakt und von großem Wert pro Volumeneinheit sein mussten – was sich darin widerspiegelt, dass an der Dogana da Mar, wo alle „teuren“ Waren verzollt und eingelagert wurden, ganze 40 Lastträger (bastasi) arbeiteten, während um die Mehl- und Getreidespeicher mehrere hundert Mann ständig im Einsatz waren.

Die Venezianer nannten diese überaus teuren Waren merci sottili, leichte Waren also. Zu ihnen zählten Gewürze, allen voran Pfeffer, Aromen und Parfüme, Farbpigmente, Edelsteine, Seide, aber auch edle Metalle. Dagegen wurden Eisen, Kupfer, Wollstoffe, später auch Leinen und Seide, exportiert. Allein die Pacht für den Schiffsraum konnte leicht tausend Dukaten überschreiten. Das ist allerdings eine vergleichsweise geringe Investition, wenn man bedenkt, dass die Mude aus Beirut oder Alexandria, die im 15. Jahrhundert verkehrten, Waren für bis zu 200.000 Dukaten an Bord trugen. Schon allein das erklärt, warum immer wieder ganze Piratenflotten, sei es aus Genua, Katalonien oder Tunesien, versuchten, diese Schiffe zu kapern – und warum die Venezianer alles daran setzten, sie davon abzuhalten.

Doch nicht nur die Mude verkehrten als Konvois. Auch Massengüter wie Salz und Getreide, aber auch Öl und Baumwolle, wurden in unruhigen Zeiten in Konvois transportiert, obwohl es sich meistens um private Schiffe handelte. Auch hier griff die Kommune mit Vorschriften, aber auch Subventionen ein. Solche zentralen Steuerungen waren nicht ohne Risiko, denn das gemeinsame Auftreten zahlreicher Händler an einem Ort, ja, schon ihre Ankündigung, führte zu heftigen Preisausschlägen. Das war besonders gefährlich bei Lebensmitteln wie Weizen. Daher fuhren zeitweise vier Mude pro Jahr nach Apulien.

Die Teilnahme an den Mude erfolgte durch Ersteigerung eines Teils des Schiffsraums (incanti). Diese Versteigerungen waren öffentlich, aber nur wer die vollen Bürgerrechte „de intus et de extra“ besaß, konnte daran teilnehmen. Dazu musste man mindestens 25 Jahre in Venedig wohnen und Bürgen beibringen. Doch die Abriegelung des Adelsstands durch die Serrata von 1297 sorgte langfristig für die Verdrängung der Nichtadligen aus dem Fernhandel. Ihnen blieb nur der Handel im eigentlichen venezianischen Kernraum.

Der Schiffbau wurde zum einen zur Grundlage der Kriegsflotte, aber auch der schnell wachsenden Handelsflotte. Dabei wechselten großzügige Genehmigungen für den Verkauf von Schiffen innerhalb der Adria mit strikten Verboten. Dieser Wechsel hing einerseits von politischen Spannungen ab, andererseits von der Sicherheit der Holzversorgung, die, ähnlich wie die Getreideversorgung, eine Grundfrage des Fortbestehens war.

Das Holz wurde aus dem Cadore über den Piave, oder aus Trentino und Tirol über Etsch und Brenta nach Venedig transportiert, dazu kamen Einfuhren aus Istrien. Entweder erteilte Venedig direkt Aufträge, oder private Unternehmer beschafften das Holz. Von dort wurde Holz durchaus bis nach Alexandria ausgeführt [20]. Sie mussten aber in jedem Falle das Holz erst nach Venedig bringen. Zuwiderhandlungen ahndete man mit Geldstrafen und Konfiskation der gesamten Ware. Noch drastischer verfuhr man bei Pech und Hanf, die ausschließlich an die Giustizieri Vecchi verkauft werden durften, die die Zünfte beaufsichtigten. Zu dieser Zeit führte man jährlich 4 bis 500.000 Libre Hanf ein und 1000 Libre Pech [21].

Der Doge Tommaso Mocenigo nennt 1423 allein 45 Galeeren, 300 Segelschiffe mit mehr als 120 Tonnen und 3000 Schiffe und Boote zwischen 6 und 120 Tonnen. Neben den Galeeren verkehrten also zahllose Schiffe auf Flüssen und entlang der Küsten, und immerhin 300 Segler waren hochseetauglich. Sie transportierten eher Massengüter, erforderten aber immerhin mindestens 27 Matrosen. Diese Massengüter waren in erster Linie Getreide und Salz, aber auch Holz, Felle, Pelze, Wein, Baumwolle. Auch gab es Schiffe, die über Jahre hinweg und vollständig auf eigene Rechnung Handel betrieben, wie schon im 12. Jahrhundert Romano Mairano.

Hirsespeicher am Canal Grande (neben dem Fontego dei Turchi), erbaut ab 1342
Hirsespeicher am Canal Grande (neben dem Fontego dei Turchi), erbaut ab 1342

Händler dieser Art transportierten vor allem zehntausende Tonnen von Salz und bis zu hunderttausend Tonnen Weizen – den überwiegenden Teil zum Weiterverkauf nach Oberitalien. Dabei setzte man jährlich Garantiepreise für Weizen aus, die präzise nach Regionen differenzierten, um den Zulauf bestimmter Sorten und Mengen zu steuern. Da Getreide den natürlichen Zyklen von Aussaat und Ernte unterliegt, der Brotkonsum aber ziemlich unelastisch war, trat eine eigene Institution als Zwischenhändler auf, die Weizenkammer (Camera Frumenti). Dazu bedurfte es aber enormer Geldmittel, die durch Staatsanleihen, Zölle, Getreide- und Mehlverkauf, aber auch Mahl- und Wiegegebühren zusammenkamen. Bald nahmen diese Rücklagen den Charakter einer Staatsbank an, die Einlagen größten Ausmaßes, auch von ausländischen Potentaten, entgegennahm und verzinste, aber auch selbst Kredite vergab. Zugleich ergab sich eine enge Verflechtung mit den Prokuratoren von San Marco, die gern als Schatzmeister oder Finanzministerium bezeichnet werden, sowie der Ternaria und der Camera del Sal, die für Öl und Salz zuständigen Großinstitute.

Flusshandel

Der Handel über die Flüsse Oberitaliens dürfte lange vor dem Überseehandel entwickelt worden sein. 840 garantiert das Pactum Lotharii den Flussschiffern Venedigs innerhalb des Regnum Italicum freie Fahrt über Land und Flüsse (per terram et flumina) und besonders die Freiheit anzulegen, wo sie wollten. Aus den Honorantiae civitatis Papiae können wir entnehmen, dass die Händler der Lagune über Po und Ticino nach Pavia fuhren, um große Mengen Getreide gegen die mitgebrachten orientalischen Waren und gegen Salz einzutauschen. Dabei dürfte das Getreide zu dieser Zeit noch von den königlichen Gütern und den Klostergütern gekommen sein. Aber nicht nur Pavia wurde frequentiert, sondern auch Ferrara, Mantua, Verona, Piacenza und Cremona. Sie waren über den Po und seine Nebenflüsse leicht zu erreichen. Doch die Flussschifffahrt erreichte auch Bologna über den damals noch schiffbaren Reno.

Genau diese schmalen Handelswege, die den Warentransport großen Stils zu Preisen erlaubten, die den Handel erst lukrativ machten, waren dauernde Konfliktherde. Je mehr Venedig von den Waren des Festlands abhängig wurde, desto mehr pochte man dort auf Durchfahrtsrechte und zunehmende Zollbefreiung. Diese Konflikte führten zu zahlreichen offenen Kriegen, zu diplomatischen Auseinandersetzungen, zu Handelsbehinderungen und bei Bedarf gefördertem Schmuggel. So wurde 1263 der Markgraf von Ferrara gezwungen, die Durchfahrt zu garantieren und für Sicherheit zu sorgen.[22] Gleichzeitig patrouillierte eine venezianische Flussflotte auf dem Po und auf der Etsch. Eine bewaffnete Barke konnte zum Schutz von den Händlern herbeigerufen werden.

Holzeinfuhren erfolgten ebenfalls über die Flüsse, vor allem über den Piave-Weg Richtung Cadore. Nach Treviso bestand sogar eine tägliche Verbindung direkt zum Rialtomarkt.

Dabei waren die Flussschiffe zwar eher klein, aber ihre große Zahl erlaubte trotzdem große Mengen zu transportieren, wie z. B. 1219, als rund 4500 Tonnen Weizen von Mailand nach Venedig fuhren.[23]

Überlandhandel

Doch Städte wie Bergamo oder Brixen waren über Flüsse nicht erreichbar. Daher beschloss der Große Rat 1283, die Wege dorthin zu befestigen, was 1286 auch für die Wege der Deutschen und Ungarn gelten sollte. Dabei handelte es sich wohl eher um Saumpfade, als um regelrechte Straßen, die für Karren befahrbar waren. Diese lassen sich erst im 15. Jahrhundert fassen und erreichten auf zwei Wegen das Reich: über Kärnten und über den Brenner.

Die Regulierung der Einnahmen und Ausgaben

Reguläre Einnahmequellen

Venedig erhob zwar in der Frühzeit eine Abgabe auf Landbesitz, die Decima (eine wohl einmalige Abgabe eines Vermögensteils, möglicherweise zum Zeitpunkt des Beitritts zur „Comune“) und darüber hinaus eine Abgabe auf das Fernbleiben vom Militärdienst. Aber ansonsten verzichtete man auf direkte Steuern. Die Decima taucht allerdings später als eine Art Erbschaftssteuer wieder auf.

Dogana da Mar, Zollstelle für Waren aus dem Überseehandel und Lager für Salz und Luxuswaren
Dogana da Mar, Zollstelle für Waren aus dem Überseehandel und Lager für Salz und Luxuswaren

Eine Haupteinnahmequelle bestand in Zöllen und Abgaben. Prinzipiell unterlagen dabei nur Waren, die über Land an den Rialto kamen, einer Abgabe in Höhe von einem Vierzigstel des Warenwertes, dem Quadragesimum. Für Waren, die über See dorthin kamen galt hingegen das Quintum, das Fünftel also. Die Venezianer selbst entrichteten dabei nur den halben Zoll. Wenn sie genauso viele Waren exportierten, wie sie importierten, wurden sie sogar gänzlich davon befreit. Dazu kam eine Gebühr für alle Schiffe, die im Hafen festmachten. Dabei lag der übliche Satz bei 24 Denar pro Schiff. Am stärksten variierte die Ankergebühr, denn Händler aus Imola zahlten nur 2 Denar pro Schiff, die toskanischen dagegen 45.

Dieses Zollsystem, basierend auf Octuagesimum, Quadragesimum und Quintum wurde ab der Mitte des 13. Jahrhunderts weitgehend durch Einzelregelungen ersetzt. Zu den genannten Abgaben zahlte jeder Händler noch eine Summe für sich und für das Schiff, sowie für sämtliche Genehmigungen, die üblicherweise mit besiegelten Schreiben rechtskräftig gemacht wurden.

Umfangreiche Abgaben wurden beim Lagern in den kommunalen Speichern fällig und an der Waage. Dazu kamen Marktgebühren, Gebühren für die Handelsvermittlung (messetaria), für die Benutzung öffentlicher Maße und Gewichte, und vor allem Verbrauchsabgaben. Dabei spielte das Monopol auf Salz eine wichtige Rolle, das man innerhalb der Adria auch rigoros durchsetzte, und sei es durch Zerstörung der Salinen. Innerhalb der Lagune brachte nur das Salz von Chioggia höhere Einnahmen als Ausgaben, klagte im 14. Jahrhundert der Senat.

Lange Zeit blieben Lebensmittelimporte von Abgaben befreit. 1294 wurde erstmals wieder das Quadragesimum auf Getreide erhoben, sofern es aus Oberitalien kam. 1495 beliefen sich allein die Einnahmen aus Weizenzöllen auf rund eine halbe Million Soldi, wahrscheinlich mehr. 1513 wurden sie verdoppelt und neben dem Weizenzoll ein neuer Zoll auf Gerste erhoben. Die Ausfuhr war sogar doppelt so hoch mit Zöllen belastet. Ähnliches galt für andere Lebensmittel.

Anleihen

Die Haupteinnahmequelle bei sprunghaft ansteigenden Ausgaben war jedoch eine andere. Dann lieh sich die Kommune Geld von den vermögenden Familien, vielleicht erstmals 1164. Bis ins 13. Jahrhundert waren dies Imprestiti genannten Anleihen freiwillig, doch das änderte sich 1207.[24]

Um die vermögenden Bewohner auf diese Art an den gemeinsamen Lasten, vor allem an der Kriegsführung zu beteiligen, wurde in der ersten Hälfe des 13. Jahrhunderts ein Estimo, eine Vermögensschätzung, veranlasst. Entsprechend dem darin deklarierten Familienvermögen zahlten die Pflichtigen einen bestimmten Anteil in die Staatskasse, der verzinst wurde. Zugleich durften die Händler nur entsprechend dem im Estimo angegebenen und beeideten Vermögen am Fernhandel teilnehmen. Die Kontrolle erleichterte dabei die Tatsache, dass die Versteigerung von Anteilen am Laderaum der staatlichen Handelsgaleeren öffentlich war. Niemand durfte dort mehr investieren, als an Vermögen im Estimo erschien. Außerdem machte man die Art der Bewaffnung und der Schutzkleidung für die Schiffsbesatzungen von der Höhe des geschätzten Vermögens abhängig – ein sehr handfester, unter Umständen lebensrettender Grund, seine Vermögensverhältnisse korrekt zu erklären.

Die erste Zwangsanleihe wurde wohl 1171 wegen des Krieges gegen Byzanz erhoben. Schon bei der nächsten Anleihe wurde 1187 entsprechend dem Vermögen beliehen. Meistens betrug die Zwangsanleihe 0,5 bis 2% des Vermögens, gemeint ist der mobile Besitz – dazu zählten Waren, Bargeld, Schmuck, aber auch Einnahmen aus Häusern und Grundbesitz.

Seit 1224/52 übernahm eine eigene Camera Imprestitorum Einzug, Registrierung und Rückzahlung der Anleihen. Sie stützte sich spätestens ab 1243 auf ein einfaches Kataster. Ab 1280 waren nur Vermögen ab 50 Libra betroffen, um 1339 ab 300 Libra, später sogar ab 200 Dukaten. Schon 1268 gab es eine Befreiung von der Anleihepflicht wegen Armut. Wer vermögend war und nicht entsprechend zahlte, wurde mit drakonischen Bußgeldern belegt, im Extremfall wurde sogar sein Haus zerstört – Widerstand galt gleichsam als Hochverrat.

Bis 1262 versuchte man noch, die eingezahlten Summen zweimal jährlich zurückzuzahlen und mit rund 5% zu verzinsen. Das geschah jeweils im März und im September. Doch in diesem Jahr gründete man eine „schwebende Schuld“, den Monte Vecchio, aus dem – so gut es ging – die Anleihen bedient werden sollten.

Jeder, der eine Anleihe zeichnete, erhielt eine Quittung. Diese „Anleihescheine“ konnten wiederum verkauft und beliehen werden. So entwickelte sich auf diese Papiere eine Art bargeldloser, hochspekulativer Verkehr, dessen Kurse sich überwiegend an der außenpolitischen Lage orientierten. Als die Flotte Genuas in der Lagune lag und Chioggia besetzt wurde, fiel ihr Wert um beinahe 90%. Zugleich konnte der Anteil der Anleihen am Vermögen der Zeichner mitunter die 100% weit übersteigen - was nur scheinbar paradox ist, denn die Vermögen wurden von den Zeichnern selbst deklariert, wohl immer weniger in der tatsächlichen Höhe. Die Rückzahlung konnte Jahre auf sich warten lassen. Jedoch blieb die Verzinsung bis weit ins 15. Jahrhundert hinein bei 5% – so stellte also eher eine Dauerrendite dar – und konnte sogar bis über 10% ansteigen, allerdings nur bei freiwilligen Anleihen, die weiterhin erhoben wurden. Gegen 1380 trugen rund 1200 Zeichner, die die Voraussetzungen erfüllten und mindestens 14 Jahre alt waren, die Hauptlast der Sonderausgaben. Nicht aber die laufenden Kosten der Kommune, wie Gehälter der zahlreichen Magistrate, oder die Reparaturen an Kanälen und Anlegestellen. Zwischen 1380 und 1398 bewegten sich die jährlichen Zinszahlungen etwa zwischen 189.000 und 247.000 Dukaten.

Im 15. Jahrhundert senkte man den Zins auf bereits weiterverkaufte Anleihen und bot einen neuen Anleihetyp an, nämlich einen, bei dem der Zeichner sein Vermögen nie wieder sah, aber für alle Zeit Zinsen bezog (a fondo perduto).

sonstige Einnahmequellen, ausländisches Kapital

Weitere Einnahmen bezog die Kommune aus der Verwaltung von Immobilien und Vermögen ihrer Bewohner, z. B. aus Stiftungen, aber auch vom Vermögen der Waisen oder der Entmündigten. Auch mussten Klöster und sonstige kirchliche Einrichtungen Anleihen zeichnen. Als besonders wichtig erwies sich, dass auch Ausländer ihr Vermögen bei der Weizenkammer (Camera frumenti) oder bei den Prokuratoren von San Marco deponierten, Schweizer Nummernkonten nicht unähnlich. Besonders die Signori des Festlandes, wie die Carrara, hinterlegten hier enorme Vermögen, weil Venedig als besonders verlässlich und sicher galt.

Doch bis weit in die 1360er Jahre versuchte eine Fraktion der Fernhändler die ausländische Konkurrenz aus Venedig hinauszuwerfen, was ihr auch zweimal gelang. Erst mit dem erneuten Wirtschaftsaufschwung ab den 1370er Jahren erkannten auch sie die Vorteile, die ausländisches Vermögen bei entsprechenden Kontrollen für Venedig bot.

Geld- und Münzpolitik, Gold und Silber

Venezianische Silbermünze (Denar), 1280
Venezianische Silbermünze (Denar), 1280

Gold und Silber waren als Barren und vor allem als Münzen von viel größerer Bedeutung, als das heute der Fall ist. Sie waren das einzig zweifelsfrei anerkannte allgemeine Tauschmittel. Ihr Ausfall ließ jeden Handel zu bloßem Tauschhandel herabsinken, verlangsamte und verringerte den Austausch bis fast zur völligen Erstarrung. Die fortgeschrittene Ökonomie Europas konnte schon längst nicht mehr auf dieses „Schmiermittel“ verzichten, das aber ganz eigene Gesetzmäßigkeiten erzwang. Der Anteil der Menschen, die so an marktvermittelte Tauschbeziehungen gebunden war, stieg in den Städten Italiens besonders hoch. Dementsprechend empfindlich reagierten alle Beteiligten auf Wertschwankungen.

Da der Bedarf an Münzen, beispielsweise für die Löhne der Handwerker in den schnell wachsenden Städten Italiens, rapide anwuchs, und die in Nordostitalien umlaufenden Münzen einen zu niedrigen Silberanteil für größere Käufe aufwiesen, begann Venedig größere Nominale aufzulegen. Der Dandolo-Grosso, der mit dem IV. Kreuzzug und den damit verbundenen Lohnarbeiten an Arsenal und Flotte seinen Aufstieg nahm, war von Anfang an Münzmanipulationen ausgesetzt, denn sein Silberanteil entsprach nicht seinem nominellen Wert von 24, sondern nur von 21 Denaren.

Der Grosso mit seinem Silberanteil von etwa 2,1 Gramm wurde als Medium für umfangreichere Käufe benutzt. Dazu kamen Soldo und Lira als reine Recheneinheiten – nicht als Münzen! Dabei entsprach ein Soldo di Grossi zwanzig Denaren, eine Libra di Grossi 240 Denaren – ein Wertverhältnis wie in England bis 1972 zwischen Pfund, Shilling und Penny von 1 zu 20 zu 12.

Doch damit nicht genug: Im Binnenhandel lief eine Münze um, die nicht Grosso genannt wurde (der Dicke), sondern Piccolo (der Kleine). Genauso wie beim Grosso, der für den Außenhandel gebräuchlich war, standen auch beim Piccolo als reine Recheneinheiten Libra und Solidus oder Lira und Soldo zur Verfügung. Während der Grosso etwa 2,1 Gramm Silber enthielt, enthielt der Piccolo weniger als ein Zehntel Gramm.

Legt man den Silberanteil zugrunde, so hatten 26,1 Piccoli den gleichen Wert, wie ein Grosso. Ab 1268 durften nicht mehr als 25 der kleinen Denare ins Ausland gebracht werden, so dass ihre Einsatzgebiete sich fast vollständig trennten. Der Piccolo zirkulierte in Venedig und den Orten der Lagune, der Grosso im Ausland.

Fiorino von 1347
Fiorino von 1347

Andere Städte, wie Florenz machten aus dieser radikalen Trennung von Binnen- und Außenwährung ein glänzendes Geschäft. Der dortige Piccolo wurde im Verhältnis zum Fiorino, der im Außenhandel benutzt wurde, von 1 zu 20 im Jahr 1252 auf 1 zu 1560 im Jahr 1492 abgewertet! Damit konnte in Florenz mit fast silberfreien Münzen billig produziert und teuer exportiert werden. Vor allem waren Lebensmittel, die ja im Landgebiet um die Stadt produziert wurden, extrem günstig zu erwerben. Folglich standen billige Arbeitskräfte zur Verfügung. Aber im Gegensatz zu Florenz konnte Venedig kaum Lebensmittel selbst produzieren. Als Mittel zur längerfristigen Vorfinanzierung von Löhnen und Investitionsgütern auf dem Binnenmarkt eigneten sich die vergleichsweise geringfügigen Abwertungen jedenfalls nicht. Da waren eher kurzfristige Interessen des Fiskus ausschlaggebend.

Die Kommune setzte 1236 das Verhältnis zwischen Piccolo und Grosso willkürlich auf 1 zu 38 fest, um Mittel für den Kampf gegen Kaiser Friedrich II. bereitzustellen. Damit musste die Bevölkerung beispielsweise höhere Brotpreise in Kauf zu nehmen. Ähnliches gilt für die Hungerjahre von 1268 bis 1275. Insgesamt war der Piccolo dabei einer langsamen Entwertung ausgesetzt, die wir als Inflation kennen. Befördert wurde diese stetige Abwertung dadurch, dass die Prägung des Piccolo, die Jahrzehnte nicht mehr erfolgt war, 1269 wieder aufgenommen wurde, womit ein Überangebot entstand. Zusätzlich sank das Gewicht auf 0,289 Gramm, was einer Abwertung um rund 7% entsprach. Deutlich wird die spekulative Absicht in der Kombination mit dem wenige Tage später verabschiedeten Beschluss, dass Geschäfte unter 50 Libra grundsätzlich nur noch mit Piccoli getätigt werden durften.

Doch warum sollten Händler einem solchen System der Teilenteignung vertrauen? Den Wissenden oder Weisen (Savi), wie sie in Venedig genannt wurden, also den Männern, die für komplexe Problemlösungen zu Rate gezogen wurden, war das Risiko, dass die Händler Venedig umgehen könnten oder ihren zu riskanten Handel einstellen würden, sehr bewusst. Sie erhielten das Vertrauen ausländischer Geschäftspartner in die Stabilität, indem nur der Piccolo Wertschwankungen unterworfen wurde. Um diese Schwankungen in internationalen Abmachungen nicht berücksichtigen zu müssen, und damit Investoren zu verschrecken, wurde sogar neben Lira di Piccoli und Lira di Grossi eine dritte Zählwährung erfunden, die so genannte Lira a Grossi, deren Verhältnis zum Piccolo immer bei 1 zu 26 lag, egal, wie sich das Wertverhältnis zur Lira di Grossi entwickelte.

Doch es ging nicht nur um Silber und seine Inflation.

Venezianer zahlten im Osten mit Silber und nahmen das dort umlaufende Gold wieder mit. Während Silber im Westen an Wert verlor, floss gleichzeitig das künstlich teuer gehaltene Silber Venedigs nach Osten ab. Venedig drohte sozusagen die Eingliederung in die arabisch-byzantinische Welt, in der Gold vorherrschte, und damit der Verlust der lebenswichtigen Funktion als Handelsdrehscheibe durch Auszehrung seiner Silberreserven.

Florenz und Genua erging es genauso. Sie ließen ab 1252 daher Gold- und Silbermünzen gleichzeitig zirkulieren. Kaiser Friedrich II. erlaubte allen Ausländern, insbesondere den Venezianern, beim Handel Gold zu benutzen.

Venedig zögerte, da hier der Goldzustrom wesentlich geringer war. Erst 1284 begann die Prägung des goldenen Dukaten, der Münze mit dem Dogen oder Dux. Für den Fernhandel standen nun Silbergrossi und Golddukaten zur Verfügung. Ab Juni 1285 war ein Dukaten 18,5 Grossi wert. 1328 senkte der Senat dieses Verhältnis auf 1 zu 24, womit eine Lira di Grossi genau 10 Dukaten entsprach.

Was bei all dem nur begrenzt zu beeinflussen war, war der Wechselkurs zwischen Gold und Silber, also zwischen den wertgebenden Metallen selbst. War Gold 1284 noch elfmal so teuer wie Silber, so stieg der Kurs 1305–1330 auf 1 zu 14,2. Eine Unze Gold entsprach also 14,2 Unzen Silber. Seit den 1330er Jahren kam es jedoch zu einem verstärkten Goldzustrom aus dem Ural und aus dem westafrikanischen Mali. Dieser Goldzustrom bremste den Silberverfall. Außerdem lieferten ungarische Minen ab etwa 1320 große Goldmengen.

Binnen weniger Jahre stellte sich Venedig weitgehend auf Gold um, wurde sogar zum größten Goldexporteur, wo es früher der größte Silberexporteur gewesen war. Eine Zeit lang wurde der Wechselkurs zwischen Silber- und Goldgeld noch zugunsten des Silbergeldes hochgehalten, indem man Münzen prägte, die Bruchteile seines Wertes darstellten (Mezzanino und Soldino) – und zwar wiederum mit einem niedrigeren Silberanteil, als es dem Nominalwert entsprach. Außerdem begann Venedig 1330 erstmals mit der Prägung eines tatsächlich als Münze umlaufenden Soldo – allerdings mit einem Wert von 16 bis 18 statt 20 Piccoli.

Das Reich von Mali mit seinen umfangreichen Goldexporten brachte die mittelmeerische Wirtschaft überraschend ins Trudeln. Allein die Pilgerreise König Mansa Musas nach Mekka brachte zehn Tonnen Gold auf den Markt. Die Wertrelation der beiden Edelmetalle fiel von 1 zu 20 (1340) auf 1 zu 11 (1342). Wohl in den 70er Jahren kam es jedoch zu einem fast vollständigen Abreißen der Goldkarawanen. Schließlich erreichte der Wechselkurs 1350 den Tiefststand von 1 zu 9,4. Silber wurde immer teurer, Gold immer billiger.

Unter diesen Umständen war es nicht einfach, den Golddukaten zu stützen, der mittlerweile die wichtigste Münze im Handel mit Syrien und Ägypten geworden war. Man versuchte durch Zollbefreiungen die Zufuhr des jeweils nur mangelhaft einlaufenden Edelmetalls zu verstärken – kein leichter Balanceakt.

1354 stelle Venedig die Prägung des Grosso ein, um durch ein künstliches Unterangebot seinen Wert zu halten – was bis 1379 auch gelang, zumal der Goldzustrom nachließ. In dieser Zeit stabilisierte sich die Gold-Silber-Relation bei etwa 1 zu 9,9 bis 1 zu 10,5, überschritt nie wieder den Wert von 1 zu 12,5. Entscheidend war wohl, dass Venedig seine Gewürze, die es praktisch zu einem Monopol ausbaute, fast nur noch mit Golddukaten kaufte. Venedig wurde damit auf Dauer zum größten „Goldleck“ Europas, eine nicht unwesentliche Ursache für die Goldgier der Eroberer Südamerikas.

Der Zwangsumtausch in Münzen, deren Realwert erheblich niedriger war, als ihr Nominalwert, war ein sehr altes und oft eingesetztes Mittel. 1353 schuf der Senat eine eigene Münze für die Kolonien: den silbernen Tornesello. Fast gleichzeitig, genauer gesagt 1354–1379, wurde die Prägung des Silbergrosso eingestellt. Nie war Silber so teuer, wie in diesen Jahren.[25]

1362 wurde eine große Ladung Torneselli nach Kreta gebracht, wobei es niemand wagen durfte, die neuen Münzen abzulehnen. 1 Tornesello entsprach 1,6 Piccoli, der offizielle Wechselkurs lag aber bei eins zu drei. Die Münze war also fast doppelt so hoch bewertet, wie es dem tatsächlichen Edelmetallanteil entsprochen hätte. Anfangs hatte ein Dukaten 264 Torneselli entsprochen, 1424 bereits 520. Obwohl ab 1400 die Münzproduktion gedrosselt und nach 1423 keine neuen Torneselli mehr in Umlauf gebracht wurden, fiel sein Wert bis 1466 auf 1 zu 792. Anfang 1386 stellte der Senat fest, dass in diesem Jahr 4000 Dukaten Reingewinn aus diesem Geschäft gezogen worden seien, – damit hätte man noch vor gar nicht langer Zeit die gesamte Magistratur in Venedig entlohnen können.

Die Zecca, der Entstehungsort der Münzen, neben der Biblioteca Marciana, rechts der Dogenpalast
Die Zecca, der Entstehungsort der Münzen, neben der Biblioteca Marciana, rechts der Dogenpalast

Ähnlich rücksichtslos verfuhr Venedig, nachdem es ab 1405/20 große Teile Oberitaliens erobert hatte. So brachte die Zecca hier ebenfalls eine Münze in Umlauf, den Bagattino. Er wurde mit den gleichen Mitteln wie in den Kolonien durchgesetzt, und erlitt ein ähnliches Schicksal wie der Tornesello.

Auf der Terraferma kollidierte diese Geldpolitik jedoch zusätzlich mit den Interessen Mailands, das 1429 eine gezielte Destabilisierungspolitik begann, indem es überbewertete Münzen in Umlauf brachte, die im Tausch gegen venezianisches Silbergeld 20% Gewinn einbrachten. Sofort reduzierte Venedig den Silbergehalt des Bagattino von 11 auf 5,5%, also auf die Hälfte. Die Gewinne hieraus dienten der Bezahlung des Söldnerführers Francesco Sforza. Gleichzeitig weigerte sich Venedig, Abgaben seiner neuen „Untertanen“ unter Verwendung des Bagattino entgegenzunehmen, sondern verlangte „gute“ Münzen.

Mailand versuchte es wenig später ein zweites Mal und brachte den Ottino in Umlauf, was neben Einschmelzungen dazu führte, dass sich nur noch der „schlechte“ Bagattino hielt, alle anderen Münzen verschwanden. Dem Rat der Vierzig, dem obersten Gerichtshof in Venedig, war das vollkommen klar: „Unsere Soldini werden aus Venedig von Leuten herausgezogen, die sie einschmelzen, um daraus Gewinn zu ziehen. So verschwinden die Soldini zum Schaden von Land und Kommune aus Venedig, weil sie den Silberanteil herausziehen, der allein 15 Lire 7 Soldi wert ist.“

Erst 1472 verabschiedete sich Venedig von dieser Variante des „Münzimperialismus“, wie er treffend genannt worden ist[26], und der die Terraferma auf Dauer ruiniert hätte. Dies geschah aber nicht aus geldpolitischer Vernunft, sondern offenbar, weil Mailand abermals versuchte, durch Überflutung der Terraferma mit nachgemachten Münzen die venezianische Münzpolitik auszunutzen. Man reduzierte den Wert der bedrohten Münzen abermals um volle 40%, was angeblich einer Vernichtung von einer Million Dukaten gleichkam.

Insgesamt verhinderte diese Münzpraxis die Entwicklung einer Gewinn bringenden Landwirtschaft, da Gewinne ständig vom Fiskus eingestrichen wurden. Die Hauptrolle bei der Versorgung Venedigs konnte durch die Terraferma auch aus diesem Grund erst ab etwa 1570 übernommen werden. Ähnliches galt für die Entwicklung der Gewerbe und insgesamt der Kapitalkraft der venezianischen Kolonien.

Staatsbanken und private Banken, Wechsel und Spekulation

Ohne Zweifel gab es in Venedig sehr reiche Männer, aber sie erwarben ihr Vermögen fast ausschließlich im Handel und mit Immobilien. Man denke nur an Pietro Ziani. Damit steht die Stadt in krassem Gegensatz zu den Metropolen Oberitaliens, wo Städte wie Florenz eher Geldverleiher und Bankiers zu enormen Vermögen brachten, wie die Bardi und Peruzzi. Nur wenige, wie der Paduaner Enrico degli Scrovegni, kamen durch Geldverleihen in Venedig zu größeren Vermögen.

San Giacomo di Rialto
San Giacomo di Rialto

Als erstes dürfte der enorme Bedarf von einer Währung in die andere zu wechseln, dazu geführt haben, dass am Platz vor San Giacomo di Rialto nahe der Rialtobrücke – und in geringerem Maße auf dem Markusplatz – die ersten Wechslertische aufgestellt wurden. Diese Campsores tauschten per Hand Münzen gegen Münzen, so dass sich ein stetig im Fluss befindliches System von Wechselkursen entwickelte. Doch das genügte den Bedürfnissen der Händler nach schnellen Münztransfers zwischen weit auseinander liegenden Orten nicht. So genannte Banchi de scripta, in denen „auf Zuruf“ ein Kunde der Bank von seinem Konto auf ein anderes „überweisen“ konnte, übernahmen zunächst diese Aufgabe. Dazu mussten aber beide, Geber und Empfänger, ein Konto bei derselben Bank haben. Innerhalb Venedigs ließ sich dieses System noch recht mühelos auf den Verkehr zwischen den dort ansässigen Banken ausdehnen. Doch man blieb auf das persönliche Erscheinen des Zahlers und seine mündliche Order angewiesen, um auf den beiden Konten Eintragungen vornehmen lassen zu können.

Was aber half das im internationalen Handel? Ähnlich wie schon auf den Messen der Champagne bediente man sich bald beim Begleichen von Schulden und Krediten zwischen Kunden verschiedener Banken einer einfachen Form des Wechselbriefs. Das ermöglichte die Überweisung durch schriftliche Anweisung, wenn diese Form des Geldtransfers in Venedig auch erst spät greifbar ist.

Bei diesem Vorgang muss man im Auge behalten, dass das Handelsvolumen oftmals den Mengen an verfügbarem Edelmetall vorauseilte, so dass leicht ein Mangel an Münzen entstehen konnte, was die Handelsaktivitäten auf bloßen Tauschhandel zurückwarf. Da war ein „bargeldloser“ oder besser münzloser Geldverkehr bald unverzichtbar.

1356 versuchte man durch eine Initiative zur Gründung einer Staatsbank der daraus resultierenden Probleme Herr zu werden. Sie sollte sowohl für den Geldwechsel, als auch die Geldübertragung „von Person zu Person“ verantwortlich sein. Zugleich sollte sie den Kauf und Verkauf von Edelmetallen, den Grundstoffen der Münzen, regulieren. So hoffte man der Krise der privaten Banken entgegenwirken zu können, und zugleich den immer wichtigeren Geldverkehr zu sichern. Doch der Vorschlag wurde abgelehnt.

1374 schlug man vor, den Banken die Annahme von Depositen zu verbieten, da sie offenbar in undurchsichtigen Spekulationsgeschäften der Bankiers eine ungute Rollte gespielt hatten. Außerdem sollte ihnen der Handel auf eigene Rechnung verboten werden. Doch man hielt die Erhebung hoher Bürgschaften von 3000 Libra für ausreichend, schloss allerdings wichtige Waren vom Handel durch Bankiers aus.

Die Bürgschaften hatten ihren Grund darin, dass einige Banken Kredite vergaben, die nicht durch ausreichende Einlagen gesichert waren. Doch in Venedig war der Handlungsbedarf nicht so groß, da die Camera del Frumento, die Weizenkammer, aber auch die Salzkammer, Kredite vergeben durften.

Wiederum verschärft wurde der Kreditbedarf durch die Kommune selbst. Dabei trat sie nur allzu oft als Kreditnehmer auf, um beispielsweise Kriege oder Weizenimporte zu finanzieren. Obwohl die Zwangsanleihen mit ihrer 5%igen Verzinsung eine gewisse Kontinuität und Störungsfreiheit brachten, störten große Kreditaufnahmen den Kredit- und Geldmarkt und trieben die Zinsen in enorme Höhen. Erst der wachsende Geldumlauf ab der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts reduzierte langsam das Zinsniveau.

Der Wechsel reicht zwar in Genua bis in den Anfang des 12. Jahrhunderts zurück, taucht dann kurz nach 1200 auch in Venedig auf, war aber noch lange ungebräuchlich. Noch 1227 schickte man lieber einem Weizenaufkäufer im städtischen Auftrag unter hohen Sicherheitsmaßnahmen Silberbarren nach Apulien hinterher, als dieses auf den ersten Blick so bequeme Transfermittel einzusetzen. Es dauerte noch ein Jahrhundert, bis der Gebrauch des Wechsels beinahe selbstverständlich war. Mitte des 14. Jahrhunderts taucht dieses Zahlungsmittel in Barcelona und auf Zypern auf, genauso wie auf Kreta und natürlich in Venedig selbst.

Wenig später haben sich Bankiers als „Wechselmakler“ (sensali di cambio oder mezzani) auf die Spekulation auf Wechsel spezialisiert. Dabei werden für diese Geschäfte bereits Provisionen eingezogen, dazu die Kosten für Wechsel, Briefe und andere Posten. Doch gegen diese Praxis, die um 1375 noch nicht etabliert war, gab es offenbar Widerstand. Dennoch erkannten die Gerichtshöfe diesen Anspruch an, wenn sie auch die Höhe der Provision auf ein halbes Prozent reduzierten.

Eine andere, weniger an einzelne Personen gebundene Art der Spekulation lebte von den schwankenden Geldmärkten. Sie war damit auch sicherer für den „Anleger“. So stieg der Bedarf an Gold, wenn die regelmäßigen Schiffskonvois nach Syrien und Ägypten ausliefen, um dort Luxuswaren einzukaufen. Dadurch wurde der Geldmarkt eng und man erzielte regelmäßig höhere Gewinne auf Wechsel, die beispielsweise in Brügge oder Barcelona ausgestellt wurden, um sie entsprechend der üblichen Frist, der Usanza, in Venedig einzulösen.

Gewerbe und Zünfte

Venedig war keine reine Handelsstadt. Die Schiffbauindustrie mit ihrem gewaltigen Bedarf an Holz, Metall, Pech, Hanf und dergleichen war ein starker Impulsgeber. Dazu kam die „Bauindustrie“, die Wirtschafts-, Versammlungs-, Wohn- und Repräsentationsräume für die geschätzten 140.000 Einwohner der Stadt vor der ersten Pestwelle (1348) bereitstellte. Der Ruf nach Luxuswaren und die Möglichkeiten des Erwerbs aufgrund der wachsenden Vermögen in der Stadt, schufen Gewerbe, die Leder, Pelze, teure Tuche, Edelsteine, aber auch Waffen, Kristalle und Glas in höchster Qualität bereitstellten. Zugleich hatten diese Waren einen gewissen Anteil an der „Handelsbilanz“, denn sie ließen sich auch in den Ländern der Levante absetzen.

Scuola Grande di San Marco
Scuola Grande di San Marco

Jeder Import konnte dabei zu neuen Veredlungen führen. So wurde syrische und zypriotische Seide zu Barchent weiterverarbeitet. Davon wurde wiederum ein erheblicher Teil über die Alpen verkauft, ebenso wie Zucker, Öl und Wein, aber auch Seide.

Die Handwerke waren in zunftartigen Verbänden organisiert, den Scuole, die aber in Venedig nie die Macht gewannen, wie etwa in Florenz. Zum einen wurden sie stärker kontrolliert und gesteuert, zum anderen stärker in die Staatsrepräsentation eingebunden, was der Anerkennung ihrer wichtigen Rolle gleichkam. Zugleich verhinderte schon ihre starke Aufsplitterung in 52 Arti, Zunftgruppen also, eine größere Machtballung.

Schiffbau
Squero bei San Trovaso, unweit der Zattere
Squero bei San Trovaso, unweit der Zattere

Marangoni und Calafati, Schiffszimmermänner und Kalfaterer, gehörten zu den wichtigsten Handwerken, die durch den Ausbau der Schiffswerften in der Stadt, den squeri, vor allem aber durch das Arsenal stark zunahmen. Dabei bestand eine natürliche Konkurrenz um ihre Arbeitskraft zwischen dem überwiegend staatlichen Kriegsschiffbau und dem eher privaten Bootsbau, wenn es auch Überschneidungen gab. Auf Anordnung der führenden Organe mussten die beiden Handwerksgruppen ihre Arbeit liegen lassen und im Arsenal mitarbeiten. Zwar mussten die Meister in einer Art Handwerksrolle eingetragen sein und durften bis zu zwei Gehilfen mitbringen, aber ansonsten war der Betrieb des Arsenals in der Hand der Kommune, die für Verpflegung, Material und Arbeitskräfte sorgte – und deren Entlohnung, sei es als fest Beschäftigte, sei es als Tagelöhner. Die squeri, die von einem oder einer Gruppe von Gesellschaftern geführt wurden, engagierten im Allgemeinen einen Protomaestro, der wiederum Maestri einstellte. Sie, die eher Facharbeiter darstellten, erhielten einen Werk- oder Wochenlohn, durften aber Lehrlinge und Gehilfen mitbringen. Dabei konnte der Besitzer des squero genauso gut die Arbeit steuern, oder seine Arbeitsstätte den Auftraggebern überlassen, die nur Pacht dafür zahlten. Tommaso Mocenigo, Doge von 1414 bis 1423, berichtet, dass in Venedig 3000 Marangoni und weitere 3000 Calafati arbeiteten. Während der großen Expansionsphase des Schiffbaus nach 1204 dürfen wir vermutlich von noch höheren Zahlen ausgehen.

Schifffahrtsmuseum, ursprünglich Zwiebackspeicher für die Flotte und das Arsenal, 14. Jahrhundert
Schifffahrtsmuseum, ursprünglich Zwiebackspeicher für die Flotte und das Arsenal, 14. Jahrhundert

Das Potenzial des Schiffbaus für den Export war enorm, aber Sicherheitsinteressen und die Wahrung von Produktionsgeheimnissen – immerhin hing die Sicherheit Venedigs von technischen Vorsprüngen besonders im Bau der Kriegsschiffe ab – veranlassten spätestens 1266, dass Ausländer nur noch mit Genehmigung des Dogen, der Quarantia (des obersten Gerichtshofs) und des Großen Rates Schiffe in Venedig bauen lassen durften. Zwar lockerte man zeitweise diese Restriktionen, doch 1292 wurde dieses Verfahren untersagt. Ähnliches galt für die Segelmacherei und die Seilwinderei, die überwiegend für den stadtvenezianischen Markt und die Marine arbeiteten. Allein die Segelmacher und Seilwinder brauchten große Mengen an vergleichsweise rohen und äußerst robusten Tuchen und Fasern, während selbst einfache Kleider aus feineren und teureren Tüchern hergestellt wurden. Auch unterschieden sich ihre Ausgangsmaterialien und ihre innere Organisation dermaßen, dass sie eine weitgehend unabhängige Entwicklung nahmen.

Tuche

Allgemein war die handwerkliche Produktion eher auf den lokalen Markt ausgerichtet. Dennoch brauchte auch diese Produktion Rohstoffe aus weit entfernten Gegenden. So importierte man Baumwolle von Sizilien ebenso, wie aus Ägypten und Syrien. Im 15. Jahrhundert produzierten auch die Kolonien, wie Kreta, später auch Zypern Baumwolle und vernachlässigten dabei sogar die Getreidekultivierung.

Die Tuchindustrie hatte in Venedig zunächst große Schwierigkeiten. Der überwiegende Teil der Tuche wurde importiert. Außerdem mangelte es in Venedig immer an genügend Süßwasser und Energie, um Wolle walken, waschen und färben zu können. Dazu schickte man große Pakete nach Treviso, ja manchmal sogar nach Padua oder Portogruaro. In jedem Falle kann man die venezianische Tuchindustrie nicht entfernt mit derjenigen von Florenz vergleichen. Erst um 1300 kann man eine gewisse Förderung durch die Magistrate der Stadt erkennen, als Verbote aufgehoben oder für zehn Jahre der kostenlose Gebrauch entsprechender Gebäude auf Torcello und Murano erlaubt wurde. Auch Anweisungen an alle Magistrate, nur venezianische Stoffe zu tragen, sorgten für einen Anstieg der Produktion.

Doch der Entwicklung der Wollindustrie standen Handelsinteressen und auch fiskalische Interessen im Wege. Zum einen importierten die Fernhändler die feinsten Wollstoffe aus Flandern, um sie in den Nahen Osten zu exportieren. Trotzdem dürfte davon viel in Venedig „hängen geblieben“ sein, was der lokalen Industrie geschadet haben dürfte. Auch die noch nicht voll entwickelten Qualitäten aus der Toskana standen schon im 13. Jahrhundert auf der Liste der hohen Zölle, die dem Fiskus zuflossen – erst recht, als sie später die besten Tücher überhaupt lieferten. Fiskus und Fernhändler hatten weder Interesse an einer heimischen Industrie, noch hatte man das nötige Know-how – und wenn, dann ging es in der überlegenen Konkurrenz unter.

Ganz anders war die Situation der Seidenindustrie, die schon vor der Zuwanderung aus Lucca bestand, aber durch diese einen starken Impuls in Menge und vor allem Qualität erfuhr. Die Meister waren hoch qualifiziert und stießen durch ihre Arbeit andere Produktionen an, wie Färbereien und Goldwirkereien. Solche Prachtstoffe wurden zunehmend von einer reich gewordenen Händlerschicht nachgefragt und zugleich ins Reich und sowohl ins westliche Mittelmeer exportiert, als auch ins Osmanenreich.

Rohstoffe und Veredlung

Die Raffinierung des Zuckers kam vor allem im 14. Jahrhundert auf. Der Rohzucker kam dabei vor allem von Zypern, aber auch von Sizilien und aus Ägypten. Das wiederum stärkte die Nachfrage nach Kupfer für die Kessel, die mitunter sehr groß waren. Schon 1291 machte man daraus ein Staatsmonopol, um einen Teil der Gewinne abschöpfen zu können, aber auch um dafür Sorge zu tragen, dass genügend Kupfer zu angemessenen Preisen für die Münzprägung übrig blieb. Kupfer wurde ja nicht nur in reinen Kupfermünzen verarbeitet, sondern auch als Legierung für Silbermünzen.

Glas

Spätestens in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts entwickelten sich die Vorläufer der heute noch bekannten Glasindustrie auf Murano, wenn ihre Tradition auch wesentlich weiter zurückreicht (s.o). Bis 1291, als ein Verbot wegen der Brandgefahr die Glasöfen aus dem Stadtgebiet verbannte, bestanden auch Glasbetriebe innerhalb der Stadt, deren Vorläufer bis in die Antike zurückreichen. Die Organisation scheint der des privaten Schiffbaus ähnlich gewesen zu sein. 1295 wurden alle Meister aus der Zunft entfernt, die auch nur einen der inzwischen zahlreichen Glasöfen außerhalb Venedigs betrieben. Außerdem durfte kein Ausländer (nissun forestiero) in die Geheimnisse der Glaskunst eingeweiht werden[27].

Glas wurde fast ausschließlich mit der Glasmacherpfeife geblasen und gedreht, selbst Fensterglas wurde so hergestellt. Dabei wurde die noch weiche Blase aufgeschnitten und gewalzt. Glasfenster waren lange ein ungeheurer Luxus, was sich nicht nur aus der aufwändigen Technik und dem hohen Energiebedarf erklärt, sondern vor allem daraus, dass für die Gewinnung eines der Vorprodukt, der Pottasche, enorme Pflanzenmengen verbrannt werden mussten. Um ein einziges Kilogramm Pottasche zu gewinnen, brauchte man 1000 Kilogramm Holz. Die Beimengung von Pottasche zur Glasmasse war notwendig, um den Schmelzpunkt von etwa 1800° auf 1200° C zu senken. Als Grundmasse für das Glas achtete man streng darauf, möglichst weißen Sand für das cristallo zu benutzen. Dieses Glas war ein Soda-Kalkglas, das mittels Manganoxid entfärbt wurde. Soda wurde ausgelaugt und versiedet, bis ein möglichst reines Salz entstand. Hochreiner Glassand aus dem Ticino oder gebrannter Marmor dienten als Grundstoff.[28]

Behauptung zwischen den Weltmächten (Mitte 15. Jahrhundert bis 1571)

Kriegskosten

Im 15. Jahrhundert dominierten zwei Reiche zunehmend den Mittelmeerraum, nämlich Aragon, das sich 1492 mit Kastilien zu Spanien vereinte, und das Osmanenreich, das zunächst vor allem in Kleinasien und auf dem Balkan expandierte,