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[465] »Mein Gott, mein Gott, so hast du mich verlassen!«

Im Dome ward zu Nacht der Ruf vernommen;

Wer ihn erhob? sie wußten's nicht zu fassen.

Am Hochaltar, worauf ein Licht geglommen,

Bewegte sich gespenstisch die Gestalt,

Aus deren Mund der Schmerzensschrei gekommen.

Sie warf sich dann zur Erde, mit Gewalt

Die Stirne schlagend an des Estrichs Steine,

Die Wölbung hat vom Schalle widerhallt.

Dann war's, als ob sie unaufhaltsam weine,

Und in den Tränen Linderung gefunden;

Sie stöhnte bei der Kerze letztem Scheine.

Und als der Nacht unheimlich bange Stunden

Verflossen und der Morgen sich erhellt,

War's still, und die Erscheinung war verschwunden.

Nun eilt zum Kirchgang die erwachte Welt,

Es drängen sich die Chorherrn zum Altar;

Drauf ragt ein Kruzifix, erst aufgestellt. –

Ein Gnadenbild, wie nie noch eines war;

So hat der Gott den Todeskampf gerungen,

So bracht er sich für uns zum Opfer dar.

Es sehend, schreit der Sünder reudurchdrungen

Zu dem, der Sündern auch das Heil gebracht,

Und: »Christ' eleison!« schallt von allen Zungen.[465]

Nicht scheint das Werk von Menschenhand gemacht;

Wer möchte so das Göttliche gestalten?

Wie seltsam stieg es auf im Schoß der Nacht? –

Des Meisters ist es, der uns hingehalten

Mit Ausflucht lange zögernd, zweifelsohne

Das Äußerste der Kunst noch zu entfalten. –

Was bringen wir dem Trefflichen zum Lohne?

Es ist das Gold, das schlechte, nicht genug;

Gebührt dem Edlen nicht die Lorbeerkrone?

Und bald geordnet ward ein Ehrenzug,

An welchem Lai und Priester Anteil nahmen;

Voran ging, der den grünen Lorbeer trug.

Und wie sie vor des Meisters Wohnung kamen,

War weitgeöffnet, aber still das Haus,

Auch still beim Widerhall von seinem Namen.

Wohl schallten Pauk und Cymbeln mit Gebraus

Zu der Drommeten gellend hellem Ton,

Doch niemand kam zum Festempfang heraus.

Verödet war das Haus am Morgen schon,

Aus dem ein Nachbar sich entfernen nur

Sah pilgernd einen schlichten Menschensohn.

Die Herren traten spähend auf den Flur,

Sie brachen sich durch wüste Zimmer Bahn,

Sie trafen nicht auf eines Menschen Spur;

Sie riefen, ohne Antwort zu empfahn,

Und hörten leer die Räume widerhallen;

Sie drangen in die Werkstatt: was sie sahn –

Darüber läßt das Lied den Schleier fallen.


Quelle:
Adalbert von Chamisso: Sämtliche Werke. Band 1, München [1975], S. 465-466.
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