30.

[219] Und die Sonne küßt den Schnee vom Dach,

und leise summt die Glut in den Kaminen.

Lächelnd tritt das Weib ins Turmgemach;

breit vom Morgenglanz beschienen

sinnt der Mann auf seine Arbeit nieder.

Er blickt nicht auf. Sie lächelt wieder.

Leise naht sie ihm in heller Freude,

weich umwogt vom Mutterhoffnungskleide:


Lukas – mir war so fröhlich eben:

ich saß und dachte in dich hinein:

der Name, den wir unserm Kind bald geben,

soll auch der Name deines Bergwerks sein.
[220]

Und mir kam ein Wort, das wie vom Himmel fiel:

nimm all dein Schicksal als Kinderspiel!

Denn gelt: den reichen Seelen

darf das Glück nicht fehlen,

das sie Andern zeigen als ein Ziel –


Da blickt er auf – sie fühlt sich erbleichen:

seine Augen gleißen, Spott nistet drin.

Seine Hand weist auf einen Bauplan hin:

da liegt ein Brief mit seltsamen Zeichen.

Die Chiffern wogen ihr wie ein Meer.

Rauh kommt seine Stimme zu ihr her:


Ja, ein Spiel – nenn's Schicksal, nenn's Glück, Gott, Welt –

nur: lerne verlieren, willst du gewinnen!

Ich werde mein Werk hier nicht beginnen.

Du wirst bald allein hier auf Namen sinnen;

was du ahntest, hat sich eingestellt,

Hier: aus alter Freundschaft hat man mir diesen

gnädigen Wink von »oben« verschafft:

binnen vier Wochen bin ich verhaftet

oder verbannt – auf amtsdeutsch: landesverwiesen.

Nun heißt es, stolz an neue Arbeit gehn,

damit wir vor dem Gott in uns bestehn!


Aus seinen Augen weicht aller Spott.

Zwei Menschen beugen sich vor Gott.

Quelle:
Richard Dehmel: Zwei Menschen. Berlin 1903, S. 219-221.
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