Das vierzehende Capitel.

Wie der Teuffel dem D. Fausto seines Lebens Ende hat angekündet.

[606] DAs Stundglas hatte sich nunmehr umgewendet, war ausgelauffen, die bestimmten vier und zwantzig Jahr D. Fausti, oder die Zeit und End[605]schafft seiner Versprechung war nun am nächsten, deßwegen erschiene ihm der Teuffel abermal, und zwar in eben dieser Gestalt als er damals den verdamlichen Bund mit ihm aufgerichtet hatte, zeigete ihm so bald seine Obligation und Handschrifft, darinnen er ihm mit seinem eigenen Blut seinen Leib und Seel verschrieben hatte, mit Anzeigung, daß er auf morgende folgende Nacht sein verschriebenes Unterpfand holen, und hinweg führen wolte, dessen er sich denn gäntzlich versehen solte: darauf der Teuffel verschwunden.

Wie dem D. Fausto hierüber müsse zu Mut gewesen seyn, ist leichtlich zu erachten; es kam das pœnitere, Reue, Furcht, Zittern, Zagen, und seines Hertzens Bangigkeit mit aller Macht an ihn, er wande sich hin und wider, klagte sich selbst an ohn Unterlaß wegen seines abscheulichen und greulichen Falls, und weinet, zabelt, fochte, schrye und härmete die gantze Nacht über.

In solchem erbärmlichen Zustand erschiene ihm sein gewesener Geist Mephostophiles zur Mitternachtszeit, sprache ihm freundlich zu, tröstet ihn und sprach: Mein Fauste, sey doch nicht so kleinmütig, daß du von hinnen fahren must, gedencke doch, ob du gleich deinen Leib verlierest, ists doch noch lang dahin, daß du vor dem Gericht GOttes erscheinen wirst; du must doch ohne das sterben, es sey über kurtz oder über lange, obschon du etlich hundert Jahr, so es müglich wäre, lebtest: Und ob du schon als ein Verdammter stirbst, so bist dus doch nicht allein, bist auch der Erste nicht; gedencke an die Heiden, Türcken, und alle Gottlosen, die in gleicher Verdamniß mit dir seyn, und zu dir kommen wer[606]den. Sey behertzt und unverzagt, dencke doch an die Verheissung unsers Obristen, der dir versprochen hat, daß du nicht leiden[606] sollest in der Hölle wie die andern Verdammten. Mit solchen und mehr andern Worten, wolte der Geist ihn behertzt machen, und in etwas aufrichten.

Da nun D. Faustus sahe, daß dem ja nicht anderst seyn kunte noch wolte, und daß der Teuffel, versichert sein Unterpfand nicht würde dahinden lassen, sondern auf die folgende Nacht gewiß holen, stehet er früh Morgens auf, spatzieret etwas vor die Stadt hinaus, und nach Verfliessung etwan anderthalb Stunden, nachdem er wieder nach Haus kommen, befiehlet er seinem Famulo, daß er die vorige Studiosos, seine ehedessen vertraute Freunde, noch einmal zu ihm in das Haus beruffen solte, er hätte ihnen etwas nothwendiges anzudeuten.

Als nun diese vermeinten, D. Faustus würde sich vollend bekehren, namen sie den obbemeldten Magistrum mit sich, und als sie bey D. Fausto ankommen, bate er sie, daß sie ihm doch sämtlich wolten gefallen lassen, und mit ihm noch einmal in das Dorff Rimlich spatzieren, denn daselbst wolte er sich mit ihnen lustig erzeigen, welches er etliche Zeit bisher unterlassen hätte.

Die Studenten waren deß zu frieden, und spatzireten mit einander dahin, hatten unter weges allerley Discurs, und nachdem sie daselbst angelanget, ließ D. Faustus ein gutes Mahl zu-richten, und stellte sich auf das möglichste mit ihnen fröhlich, daß sie also beysammen recht [607] fröhlich waren bis auf den Abend, da sie alle, ausgenommen Fausto, wieder nach Hause gedachten.

D. Faustus aber bate sie demnach gar freundlich, daß sie doch wolten nur noch dieses einige mal diese Nacht über allda in dem Wirthshaus bey ihm verharren; es wäre doch schon die Zeit zur Anheimkunfft zu spät, er müste ihnen nach dem Nachtessen etwas sonderbares vorhalten: Welches sie denn, weil es doch nicht anderst seyn können, ihme zugesaget.


Anmerckung.

I. Daß allhie der Geist den D. Faustum wegen seiner Verdamniß, mit dem Exempel anderer Verdamten trösten will, gibt Anlaß und Gelegenheit zu forschen, was es für eine Beschaffenheit mit den Verdamten[607] in der Hölle haben werde?

Es zeiget die heilige Schrifft an etlichen Örtern klärlich an, was für ein erschröckliches Urtheil und Sententz die Verdamten dermaleins werden ausstehen und erfahren müssen.

Denn sobald ihr Ende daher kommt, und sie den Tod vor ihnen sehen, da lassen sich die bösen Geister finden mit ihrem scheußlichen und greulichen Ansehen, und dringen hart auf ihn, und wie Bernhardus sagt, die bösen Geister besitzen die Thür, und warten auf die Seele.

Von den Verdamten aber, und deren Straffe in der Hölle, spricht Anshelmus: Es werden die Verdamte und Gottlosen in der Hölle mit schwerer Straff gedrucket werden, daß sie weder Hände noch Füsse, noch irgend ein ander Glied am Leibe regen können, und man wird zie zu allen dem das ihnen zu wider ist, zwingen, und von allen Dingen abhalten, die sie gern haben wolten, und wird ein solche ewige Zweytracht seyn, daß Leib und Seel nimmer eins werden. Darum wenn die Verdamten von der grausamen Marter [608] aufgefressen seind, werden sie in ihren Straffen so grosse Wehetage und Schmertzen erleiden, daß sie an nichts anders als an die Straff dencken mögen, sie werden begehren zu sterben, und werden doch nicht sterben können.

S. Augustinus saget auch hiervon also: O Tod, Tod, wie gut, wie über die massen lieb wärest du wol denen, welchen du bey ihrem Leben so bitter gewesen bist! sie werden sich nach dir allein sehnen, die dich doch am hefftigsten gehasset haben.

S. Gregorius spricht: die Verdamten und Gottlosen hätten lieber ewig leben mögen, auf daß sie in Ewigkeit gesündiget hätten, darum gebühret diß dem gerechten Richter, daß sie nimmer ohne Marter seyn, wie sie in diesem Leben nimmer ohne Sünde seyn wollen; und weil ihnen denn um deßwillen billich das Paradeyß ist zugeschlossen, werden sie mit unaussprechlichem Feuer in alle Ewigkeit gepeiniget.

Der weise König Salomon redet auch von der Verdamten Gelegenheit und Zustand, und zeiget an, wie sich die Verdamten in jenem Leben in ihren Hertzen und Gedancken beissen und fressen werden, wenn er spricht Sapient. 5: Alsdenn wird der Gerechte stehen mit grosser Freudigkeit gegen die, so ihn geängstiget, und seine Arbeit verworffen haben, wenn sie dieselben denn sehen, werden sie grausam erschrecken für solcher Seligkeit, der sie sich nicht versehen hätten, und werden unter einander reden, das ist der, den wir für einen Spott hatten, und für ein hönisches Beyspiel. Wir Narren hielten sein Leben für unsinnig, und sein Ende für eine Schand, wie ist Er nun gezehlet unter die Kinder GOttes, und sein Erbe ist unter den Heiligen?

[608] Und ferner: Es werden die Verdamten sagen und klagen, wir haben eitel unrechte und schädliche Wege gegangen, und haben gewandert wüste Unwege, aber deß HErrn Wege haben wir nicht gewust! Was hilfft uns nun der Pracht, was bringt uns nun der Reichthum samt dem Hochmut? Es ist alles dahin gefahren wie ein Schatte, und wie ein Geschrey.

Es sagt Chrysostomus: Etliche vermeinen, die ihre Verdamniß bereits fühlen, wenn sie nur der ewigen Straff entfliehen möchten, wolten sie gern deß Himmels entperen, und wissen wol, daß das viel eine grössere Plage sey, von dem Angesicht und Reich GOttes geschieden seyn, und von dessen Gnad und Güte ausgeschlossen werden, welche den Auserwählten bereitet ist, denn bey den Verdamten bleiben müssen. Ist das [609] nicht erschröcklich zu hören? Ich kenne, und will euer nicht. Fürwar man solte lieber zehen hundert tausendmal in dem Abgrund der Höllen sitzen, als diese Wort von dem Sohn GOttes anhören.

O ewiger GOtt, welch ein erschröcklicher Donnerschlag wird das seyn allen Teuffeln und Gottlosen? darum sie denn auch gehen werden in die ewige Pein, Matth. 25. Und der HErr wird regnen lassen über sie, Blitz, Feuer und Schweffel, und wird ihnen ein Wetter zu Lohn geben, Psalm 11. Er wird sie mit Feuer tieff in die Erde schlagen, daß sie nimmermehr aufstehen, Psalm 140. Die Grube ist von Gestern her zugerichtet, und dieselbige ist auch dem König bereitet, tieff und weit genug. So ist die Wohnung drinnen Feuer und Holtz die Menge, der Athem deß HErrn wird sie anzünden, wie ein Schweffel-Strom, Esa. 30. Es wird nicht eine Glut seyn, dabey man sich wärme, oder ein Feuer, da man um sitzen möge, Esa. 47. Ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verleschen, und werden allem Fleisch ein Greuel seyn. Esaj. 66. Feuer und Würmer seynd die Rache über die Gottlosen, Syrach 7. In Carne cruciabuntur per ignem, in Spiritu per Vermem, sagt Bernhardus, das Feuer wird den Leib, den Geist aber wird der Wurm deß Gewissens quälen und peinigen.

Sie werden mit Frost und Kälte gestrafft werden, Matth. 8. 22. Sie werden mit abscheulichem Dampff und Gestanck geplaget werden, Apoc. 14. 20. Sie werden Hunger und Durst leiden, Esa. 65. Apoc. 18. Jerem. 19. Es wird ihnen nicht ein Tropffen Wassers gereichet werden, Luc. 16. Die Teuffel werden ihre Peiniger seyn, Matth. 5. Quos habuerunt Tentatores in culpa, habebunt Tortores in pœna, sagt abermal Bernhardus. Dieselbigen Teuffel, so sie zu Sünden gehetzt und getrieben haben, werden sie dort martern und plagen. Sie werden immer und doch nimmer sterben können, Apoc. 21. Darum so werden sie unter einander reden mit Reue, und für Angst deß Geistes seufftzen. Sap. 5.[609] Sie werden ihre Hände über dem Kopff zusammen schlagen, ruffen und schreyen: O Jammer und Noth! O Höll und Tod! O Elend ohne Ende! O Sterben ohne Sterben, O alle Stunde sterben, und doch nimmermehr sterben! O Scheiden wie thust du so wehe, O Hände-schlagen, O Grißgramen, Seufftzen und Weinen! O immer Heulen und Ruffen, und doch nimmermehr erhöret werden! Unsere Augen [610] mögen nimmer anders sehen denn Angst und Noth: unsere Ohren mögen nichts anders hören denn Angst und Wehe. O ihr Hügel fallet über uns, O ihr Berge decket uns! Ach was verweilet ihr? was haltet ihr so lang auf? warum überwerfft ihr uns nicht für dem jämmerlichen und greulichen Anblick? O Leiden dieser und jener Welt wie bist du so ungleich? O gegenwärtige Pein, wie bist du so ungleich gegen der Freud und Wollust, die wir ehedessen genossen haben? Ach wehe und aber wehe, daß wir Mosen und die Propheten nicht haben wollen hören, daß wir anjetzo von Gott ohn allen Trost und Hoffnung ewig ewig müssen gescheiden seyn! Wir begehrten nichts liebers, denn wenn ein Berg wäre so breit als der gantze Erdboden, und um sich so groß, daß er allenthalben den Himmel berührte, und käme ein Vögelein je über hundert Jahr einmal, und holete von dem Berg so groß als ein Senffkörnlein, und so fortan, bis der grosse Berg durch soviel unaussprechliche Zeiten von dem Vögelein hinweg getragen würde, daß alsdenn auch unsere Marter ein Ende haben möchte! aber das kan nit seyn, darum bleiben wir ewiglich in der Pein, und können nichts als Ach und Wehe schreyen.


II. Hergegen in dem Himmel, in dem ewigen seligen Leben, wird seyn alles lauter Freude, ewiges Wolleben, Fried, Sicherheit, und ewigwärende Glückseligkeit, eine Schönheit ohne Häßlichkeit, eine Stärcke ohne Schwachheit, und ein unsterbliches Leben; da alles beständig seyn, und alles schön grünen wird; da die Heiligen sich freuen werden wegen der Lustbarkeit deß Orts, wegen der frölichen und seligen Gesellschafft, wegen Verklärung der Leiber, wegen der Welt, so sie verachtet, und wegen der Hölle, deren sie entrunnen: da sie kommen werden aus der Arbeit in die Ruhe, aus dem Glauben in das Anschauen, aus dem Weg und Wanderschafft in das rechte Vatterland, in die himmlische Hütten, und in die Landschafft der Lebendigen: da all ihr Verlangen ein Ende nemen, da sie all ihres Leids und Bekümmerniß vergessen werden: da man nicht auf leibliche Art zu Tische sitzen, essen und trincken, sondern auf eine geistliche Weise mit Abraham, Isaac und Jacob ewig wolleben, da alles genug vorhanden, und die Erbschafft Christi, wegen so grosser Anzahl der Miterben nicht gemindert werden, da der König die Gottheit, das Gesetz die Liebe, das Volck die lobwürdige Gesellschafft der Seligen und Auserwehlten seyn[610] wird: da die Auserwählten in einem Augenblick, wo sie wollen, werden seyn können; und da in [611] Summa eine solche Freude seyn wird, welche alle andere Freude weit weit übertrifft, und gegen welcher alle andere Frölichkeit eine Traurigkeit, alle Lieblichkeit ein Schmertz, alles süsse bitter, aller Wolstand ein Ubelstand, und alles was belustigen kan, beschwerlich ist, und da alle diese Freude, die kein Aug gesehen, kein Ohr gehöret, und die in keines Menschen Hertz kommen ist, kein Ende nemen, sondern ewig bleiben wird.

Derohalben, wenn wir schon täglich grosse Marter und Pein leiden, auch die Qual der Höllen selbst eine Zeit lang versuchen solten; so solten wir doch dieses alles gedultig leiden, damit wir allein solches grossen Guts, und solcher überschwenglicher und unaussprechlicher Freude, welche GOtt den Seinigen im ewigen Leben zubereitet hat, möchten theilhafftig werden, und Christum sehen und kennen: mit welchem wir, wenn wir also hie in dieser Welt ritterlich kämpffen, und durch Leben und Tod, in starckem Glauben an ihn, hindurch dringen, ewig leben und herrschen werden.[611]

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 606-612.
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