[429] Nötige Einrichtung. – Instrumentierung der ›Meistersinger‹. – Fackelzug durch mehrere Wiener Gesangsvereine. – Konzerte in Pesth. – Aufsatz ›über das Wiener Hofoperntheater‹. – Konzerte in Prag, Karlsruhe, Löwenberg, Breslau. – Mitwirkung in einem Tausigschen Konzert. – Scheitern jeder Hoffnung auf Rußland. – Entschluß, sich für alle Zeiten zurückzuziehen.
Das sonderbarste, fast dämonische Mißgeschick vereitelte jeden meiner Schritte.
Richard Wagner.
Was den Meister – bei seinem innersten Bedürfnis nach Schaffensruhe – gerade für das von ihm gewählte Landhaus des Barons Rachowin (Penzing, Wienstraße Nr. 221) bestimmte, war, neben der verhältnismäßigen Stille seines neuen Aufenthaltes, dessen oberes Stockwerk er allein bewohnte, insbesondere auch der hinter demselben befindliche schöne Garten mit wirklich prächtigen hohen alten Bäumen, in dessen Schatten er seine Morgenspaziergänge machen konnte. Hier hoffte er nun zu dauernder Ruhe eingekehrt zu sein, nachdem er endlich den Weg gefunden, durch – allerdings erschöpfende – Anstrengungen als reisender ›Konzertgeber‹, die ihm gegenüber so zurückhaltende Welt sich zinspflichtig zu machen. Die Zeit der gröbsten äußeren Not dünkte ihm überstanden. Als erste Notwendigkeit stellte sich, nachdem er nun zwei volle Lebensjahre in Gasthofzimmern und provisorischen Niederlassungen verbracht, die Herstellung einer behaglichen äußeren Umgebung in seiner Häuslichkeit dar. Von ihren gastlichen Räumlichkeiten wird uns nächst dem Vorsaal ein Musiksalon und ein Schreibezimmer, Speisezimmer und Schlafstube genannt; außerdem ein ›grünes Eckzimmer‹, ein ›rotes Kabinett‹ und eine Fremdenstube, in der er bei der Entlegenheit seiner Wohnung gelegentlich einen oder zwei Gäste bei sich unterbringen konnte. In seinem Arbeitszimmer soll ein Bild des Hans Sachs in seiner Schusterwerkstatt gehangen haben. Dagegen dürfte uns eine nähere Schilderung der Farbe, wie [429] der Stoffe ihrer Vorhänge, Polstermöbel, Teppiche etc. etc. erlassen sein! Mit Sorgfalt und Liebe sehen wir ihn bemüht, sich sein neugewonnenes Heim auf Jahre hinaus würdig auszustatten, den, wie er vermeinte, letzten Hafen, in den er als nun bald Fünfzigjähriger aus allen Stürmen des Lebens sein Schifflein lenkte, um hier seine unvollendeten Werke zu vollenden. ›Ich bin nur Künstler: – und das ist mein Segen und mein Fluch; sonst möchte ich gern Heiliger sein, und das Leben auf die einfachste Weise für mich abgetan wissen! So renne und jage ich Tor aber, um mir Ruhe zu verschaffen, dh. jene komplizierte Ruhe eines ungestörten, genügend behaglichen Lebens, um – nur arbeiten, nur Künstler sein zu können.‹1 ›Wenn ich nicht arbeite, drückt mich alles, was nach Unnötigkeit aussieht; nur wenn ich die Muse zu mir zaubern und festhalten will, denke ich ernstlich daran, meinen Hausraum mir mit Ruhe und Traulichkeit auszustatten‹ (S. 279). Dies war nun aber jetzt der Fall, und somit verwendete er die Reste seiner durch Reise und Aufenthaltskosten nicht verbrauchten Petersburger Einkünfte auf die Befriedigung des ersten und nötigsten Bedürfnisses. Von diesen war übrigens ein beträchtlicher Teil teils zur Begleichung älterer Schulden verwendet, teils für den Unterhalt seiner Frau nach Dresden gegangen; auch liegt durchaus kein Anlaß vor, sie alles in allem auf mehr als 7000 Rubel abzuschätzen,2 wenngleich der Zeitungsklatsch sie auf 50000 Francs und späterhin ein Ludwig Nohl in seiner kritiklos übertreibenden Art gar auf 35000 Rubel (!) beziffert. Im übrigen stand ihm von seinem einstigen Züricher, resp Pariser Hausrat nur der geringste Teil noch zur Verfügung, indem dieser in seinen Hauptbestandteilen – außer dem Erardschen Flügel – noch von Biebrich aus eben falls nach Dresden gegangen war, um dort die häusliche Niederlassung Minnas zu verschönern. Er hatte demnach ziemlich alles neu zu bestellen, auszuwählen und nach seinen Angaben anfertigen zu lassen, was beinahe den ganzen Monat Mai für sich in Anspruch nahm.3 Nichts anderes wünschte er sich zum Erfolg dieser Mühen, als nur ›wenigstens einmal ein[430] Jahr Ruhe zur Arbeit zu haben!‹ Wäre ihm der Biebricher Aufenthalt nicht in so verhängnisvoller Weise rücksichtslos abgeschnitten worden – um wieviel lieber wäre er bis zur Vollendung seiner ›Meistersinger‹ in einem Zuge ruhig daselbst verblieben, anstatt sich als dirigierender ›Virtuose‹ nach allen Weltrichtungen umtreiben zu lassen! Nie hat er Schott sein damaliges Benehmen vergessen können. Und in der Tat war dadurch eine ganz ähnlich schädliche Wendung in seinem äußeren Dasein heraufbeschworen, wie einst durch Minnas törichtes Verhalten in Zürich und die dadurch herbeigeführte Zerstörung ihres kaum gewonnenen stillen Asyls auf dem grünen Hügel in der Enge.
Im Hoftheater war inzwischen sein ›Tristan‹ unter der Form eines erneuerten Aufschubes ›bis nach den Ferien‹ – definitiv zurückgelegt. ›Diese Ferien gingen vorüber und – von Tristan war nicht mehr die Rede‹, sagt Wagner selbst. ›Ich glaube, es herrschte im Personale allgemein die Ansicht, Ander würde, auch beim besten Willen, seine Partie nicht »aushalten«, geschweige denn öfter durchführen können. Unter so mißlichen Umständen konnte »die Oper« auch unmöglich der Direktion als ein Gewinn für das »Repertoire« gelten. Ich fand dies und vieles andere so ganz richtig und in der Natur der Dinge begründet, daß ich mich endlich gar nicht mehr um Aufklärung über das verschiedentlich mir Hinterbrachte bekümmerte. Aufrichtig gesagt: ich hatte es satt und dachte nicht mehr daran.‹4 – Entsagung und Geduld! Geduld und Entsagung! Dies waren für ihn die einzigen Mittel, um sich aufrecht zu erhalten, bis dereinst auch für ›Tristan und Isolde‹ die rechte Stunde schlagen würde. Einstweilen wandte er sich der Förderung der Partitur des ersten Aktes seiner ›Meistersinger‹ zu und genoß in seiner neuen Umgebung einer wohltuenden Einsamkeit. ›Der kleine Tausig ist mein einziger Umgang: ein gescheiter, ganz ungewöhnlicher junger Mensch.‹5 Auch Cornelius hielt während der ganzen Penzinger Periode treulich zu ihm. ›Ich wünsche mir nur Ungeschorenheit, um ohne Unterbrechung mein Zeug fertig machen zu können. Ob ich etwas davon aufführe oder nicht, ist mir endlich ganz gleichgültig geworden. Ja, daß ich nach meiner äußersten Anstrengung nicht sogleich hier wieder an den Tristan gehen mußte, war mir ganz recht. Am Ende muß man mit dem auskommen, was man sich ist: einigermaßen Respekt vor sich haben dürfen, ist daher das einzige, womit man sich begnügen muß.‹6 ›Bisher habe ich wieder an den »Meistersingern« instrumentiert. Aber es geht sehr langsam; ich bekenne, der üppige Quell der Laune und des Lebensmutes, aus der solche Arbeitslust fließen muß, ist jetzt bei mir versiegt. Ich weiß auch nicht, wo ich es hernehmen soll, im Hinblick der Erbärmlichkeit [431] unserer Theater. In dieser Hinsicht würde mich allerdings das Flottwerden des »Tristan« sehr erfrischt haben.‹7 ›Mein fünfzigster Geburtstag, den ich in voller Abgeschiedenheit, einsam, ohne eine mir gehörige Seele verbrachte, hat auf mich einen großen Eindruck gemacht, der in seinen Folgen sich als ein traurig entscheidender Wendepunkt meines Lebensmutes ausbildet. Es geht nicht mehr – ich fühle mich zu fremd in dieser Welt, in welcher ich für alles, für Kunst und Leben, Wille und Gemüt, mich vollständig gehemmt finde.‹8
Eine unerwartete Nachfeier wurde eben diesem fünfzigsten Geburtstage am Abend des 3. Juni seitens mehrerer Wiener Männergesangvereine zuteil. Der Kaufmännische und der Hietzinger Gesangverein, sowie mehrere Verbindungen von Studierenden der Universität und Technik hatten sich zu einem dem Meister darzubringenden solennen Fackelzuge vereinigt, welchem sich zahlreiche einzelne Verehrer an schlossen. In lautloser Stille begab sich der Zug, die Studenten-Verbindungen mit ihren Abzeichen, nach der Villa in Penzing. Vor der Wohnung Wagners wogte die versammelte Menschenmenge, und Männerchöre, darunter der Matrosenchor aus dem ›fliegenden Holländer‹ und der Pilgerchor aus dem ›Tannhäuser‹ schollen hinaus in die stille, warme Sommernacht. Der überraschte, durch diesen Beweis allgemeiner Liebe gerührte Meister erschien auf dem Balkon des Hauses und sprach den vereinigten Sängern und sonstigen Teilnehmern der ihm dargebrachten Huldigung in herzlichen Worten seinen warmen Dank aus. ›Er sei nach Wien gekommen, ohne sich Jemandem vorzustellen, um sich in der Einsamkeit Demjenigen hinzugeben, was ihn mit Freude erfülle und was ihm die Zuneigung der Anwesenden erworben; das Glück habe ihn nun in seiner Einsamkeit aufgesucht und er werde sich bestreben, sich alle die Sympathieen zu bewahren, die ihm zu seiner Freude entgegentreten.‹ Ein donnerndes Hoch der Menge erwiderte der Danksagung des Gefeierten und eine Deputation des Kaufmännischen Gesangvereins begab sich in die Wohnung des Meisters, woselbst ihm in einer kräftig begeisterten Rede des Schriftführers Payer die Glückwünsche des Vereins dargebracht und auf weißem, mit Bändern in den deutschen Farben gezierten Atlaspolster ein Lorbeerkranz dargebracht wurde. Das Atlaspolster trug als Aufschrift die in Gold gestickten Worte: ›Dem verehrten Meister Richard Wagner zum fünfzigsten Geburtstage vom Kaufmännischen Gesangverein, 1863.‹ Eine zweite Deputation der Burschenschaften brachte ihm nun ihre Glückwünsche dar, und begrüßte ihn im Namen der Studenten. In seiner Erwiderung hob er hervor: es erscheine ihm wie ein Fingerzeig des Schicksals, daß er gerade hier in Österreich jene stille Zurückgezogenheit sich habe erwerben können, die er solange vergeblich am Rheine und überall anderswo gesucht. Ein silbernes [432] Horn, welches der Meister in Petersburg zum Geschenk erhalten, ward nun bis zum Rande mit perlendem Champagner gefüllt und daraus in der Runde getrunken, während von der Straße herauf die Chorgesänge ertönten. Es war eine traulich erhebende Feier. Ein Augenblick, wie dieser, in welchem ihm persönlich ganz unbekannte Männer ihr künstlerisches und menschliches Interesse an ihm und seinem Schaffen so warm und innig bezeugten, schien aufs Neue den Bund zwischen dem Künstler und dem Herzen seines Volkes zu besiegeln, der sich durch keine journalistischen Anfechtungen stören und in seinen Kundgebungen hemmen ließ, so sehr auch Neid und Mißgunst ihn sofort wetteifernd zu begeifern suchten.9 Nichtsdestoweniger fühlte er sich kaum in der Lage, ähnlichen beglückenden Empfindungen mit rechtem Genusse nachzuhängen. Bereits sah er sich wieder gezwungen, den drängenden Forderungen der täglichen Subsistenz nachgebend, durch neue Konzertveranstaltungen sich die erforderlichen Mittel zu verschaffen und, um sich die ersehnte Schaffensruhe zu sichern, von eben dieser kostbaren Ruhe immer neue Opfer zu bringen.
Auch ohne den, durch gehässige Übertreibung aufgebauschten Nachrichten von dem ›orientalischen Luxus‹ seiner Penzinger Niederlassung allzu viel Glauben zu schenken, läßt sich doch gleich vergegenwärtigen, daß es – neben anderen schweren Einbußen – gerade nur noch einer solchen vollständigen Hauseinrichtung für ihn bedurft hatte, um seinen Petersburger Ersparnissen ein baldiges Ende zu machen. Schon in einem Briefchen vom 14. Juni an Cornelius, den er seit einigen Wochen nicht gesehen, klagt er in diesem Sinne über eine ›sehr lästige böse Zeit‹, die er durchgemacht und noch weiter vor sich habe. Kurz zuvor hatte er sich an Schindelmeißer nach Darmstadt mit der Bitte gewendet: durch den dortigen Intendanten Herrn von Dalwigk den Großherzog zu bestimmen, daß er ihm seine musikalischen Institute zu einer großen Aufführung, ähnlich der Wiener, zu Gebote stellen, und die Einnahme, mit erhöhten Preisen, ihm überlassen möchte. ›Wenn der Großherzog in dieser Weise großmüthig handelte, würde dies mich wie ihn ehren und könnte für andere Fürsten als ein gutes Beispiel gelten‹10. Die Sache zog sich hin, und kam trotz mehrfachem Hin- und Herschreiben zu keinem Ergebnis.11 Dagegen erhielt er noch während desselben Sommers von der Direktion des Pester Nationaltheaters die Einladung, daselbst zwei große Konzerte zu dirigieren. Dieselben [433] fanden am 23. und 28. Juli statt und bildeten in ihrem äußeren Verlauf eine Fortsetzung der in Wien und Prag erlebten glänzenden Triumphe. Als er an das Dirigentenpult trat, begrüßte ihn eben derselbe nicht enden wollende Beifall, der sich nach jeder Programm-Nummer wiederholte und gerade hier, in der ungarischen Hauptstadt, eine ganz besonders herzliche, aufmunternde und erfrischende Eigenart hatte. Nach der ›Tannhäuser‹-Ouvertüre brach ein Sturm los und steigerte sich zu seltener Gewalt, als Kapellmeister Erkel dem Meister einen Lorbeerkranz überreichte und Wagner ihn umarmte und zweimal küßte.12 Ein paar hübsche Reimzeilen an Tichatschek vom folgenden Morgen (24. Juli) legen von seiner guten Laune Zeugnis ab. Tichatschek, im Begriff gelegentlich einer Gastspielvorstellung in Rostock daselbst den ›Lohengrin‹ zu singen, hatte ihn gebeten, das Honorar für die Partitur nicht zu hoch zu stellen, da in Rostock einzig und allein sein Gastspiel die Oper ermögliche. Direktor des kleinen Rostocker Theaters war damals der, früher in Dresden ansässige Musikdirektor Hünerfürst, welcher Ende der fünfziger Jahre die Konzerte auf der Brühlschen Terrasse geleitet, und nun, um nicht ›gar zu viel Federn lassen zu müssen‹, Tichatscheks Vermittelung angerufen hatte. Dem alten Freunde sandte er nun die folgende humoristische Antwort:
Dem Fürst der Hühner und der Hähne, dem Ritter edler Singe-Schwäne
Geb' ich als Rohstoff ›Lohengrin‹ zur Aufführung in Rostock hin.
Nicht grad' verwöhnt mit Honorar, ein armer Teufel immerdar,
Zu Deutschlands Ehr' sei mir gezahlt, was auf der Leinwand nicht vermalt.
Ich tu's für meinen Tichatschek; darum die Pflöck' zurück ich steck';
Sonst sagt' ich, weil's grad hier geschäh', wohl: Bessama teremtete!
Pesth, den 24. Juli 1863.
Richard Wagner.
Rauschender Applaus hatte in dem ersten Pester Konzerte besonders auch die Introduktion des ›Lohengrin‹, Siegmunds Liebesgesang und den ›Walkürenritt‹ begleitet. Zu fast noch glänzenderen Ovationen führte das zweite Konzert am Dienstag d. 28. Juli, welches in seinem Programm außerdem noch die ›Faust‹-Ouvertüre und das Vorspiel zu den ›Meister singern‹ enthielt. Der Reingewinn für beide Konzerte zusammengenommen betrug zwar nicht mehr als tausend Gulden;13 doch diente er immerhin dazu, in ihm den Glauben [434] an die mögliche Einträglichkeit fernerer Konzertunternehmungen zu befestigen. ›Der unglaubliche Erfolg, den ich soeben wieder in Pest hatte, zeigt mir den Weg, auf welchem ich, wenn auch mit großen Aufopferungen, etwas für meine Zukunft tun kann.‹14
Allerdings bedurfte es für ihn dringernd einer derartigen Aufmunterung, ohne bedeutende Zuflüsse dieser Art ließ sich die Penzinger Niederlassung nicht aufrecht erhalten. ›Nachdem ich fünfzig Jahre alt geworden, muß ich wissen, wovon ich leben soll. Seit der schrecklichen Katastrophe mit Schott15 im vorigen Herbst und dem Innwerden meiner unglaublich hilflosen und verlassenen Lage ist eine wachsende Angst über mich gekommen, die in mir, das fühle ich, keine Ruhe zur Arbeit wieder aufkommen läßt, ehe ich nicht auf jede Weise mir mein Leben einigermaße, gesichert habe. Die Grundlage dazu habe ich mir durch eine dauernde Niederlassung und gründliche häusliche Einrichtung gewonnen. Ich muß nun zunächst sehen, wie ich auch für mein ferneres Auskommen weiter sorge, da ich meiner innersten Überzeugung nach auf die Theater für meine neue Werke gänzlich verzichte.‹16 Während er einer seits mit St. Petersburg, dessen Philharmonische Gesellschaft ihn zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt, in hoffnungsvoller Verbindung blieb, nahm ihn nach mehreren Richtungen hin eine Korrespondenz über bevorstehende Konzerte in Anspruch, die er, um sie in möglichst gedrängter Zeit abzutun, sämtlich in den Monat November und in die ersten Wochen des Dezember verlegte. Auch regte die soeben im Werke befindliche Erdauung eines neuen prachtvollen kaiserl. Opernhauses ihn zu praktischen Vorschlägen für die Hebung der Wiener Hofoper an, um dieses Institut aus seinem offenkundigen tiefen Verfall zu edleren Kunstzielen anzuleiten. Hatte doch noch vor wenigen Jahren, nach den ersten siegreichen Erfolgen seines ›Lohengrin‹ und ›Tannhäuser‹ und seinen ersten persönlichen Erscheinen in Wien vorübergehend selbst die Absicht bestanden, die seit dem Tode Donizettis (!) erledigte Stellung eines ›General-Musikdirektors‹ eigens für ihn wieder in das Leben zu rufen! Schon hatte ihm vor einiger Zeit eine vertraute Unterredung mit dem, ihm befreundeten Redakteur des ›Wiener Botschafters‹ Friedrich Uhl zu einer mündlichen Darlegung seiner auf diese Reform bezüglichen Ansichten [435] und Ratschläge Gelegenheit gegeben, und dieser den Wunsch daran geknüpft, Wagner möchte ›das Gesagte schriftlich für den »Botschafter« näher ausführen‹ (S. 416). Er hatte dies versprochen, doch war geraume Zeit verstrichen, bis er dazu Muße fand. So entstand der ausführliche Aufsatz über ›Das Wiener Hofoperntheater‹, in welchem er die in alle Zukunft gültigen Grundsätze für die gedeihliche Entwickelung einer so hoch bedeutenden Kunstanstalt nach seinen in Deutschland, wie auch in Paris, gemachten Erfahrungen feststellt.17 Es war ein neuer Versuch seines rastlosen Geistes, seine Gedanken durch ein Beispiel zu erklären und sie in die jedesmal gegebenen Umstände hinein zu denken. Es hieße der Wahrheit widersprechen, wollte man sagen, daß seine Ratschläge völlig unbeachtet geblieben wären. Es gab selbst Stimmen, welche es sehr gut und nützlich fanden, daß einmal ›ein Mann wie Wagner‹ die am Tage liegenden Mißstände der Hofoper ›öffentlich frisch von der Leber weg und nach praktischen Gesichtspunkten‹ bespräche. Man bestätigte seine Darstellung der faktischen Verhältnisse, man billigte seine Vorschläge für ›Verminderung der Spielabende‹ usw.; das ›Feuilleton‹ Richard Wagners im ›Botschafter‹ bildete einige Wochen in den artistischen Kreisen Wiens den Gegenstand der öffentlichen und privaten Unterhaltung, dann geriet es auf die Bahn der Vergessenheit. Noch rangen ja die Fundamente des Neubaus sich mühsam aus dem Boden hervor, noch erhoben sich von dem Bauplatz aus die Staubwirbelwinde bis in die umliegenden Straßen, gerade wie vor zwei Jahren, als sich Wagner beim erstmaligen Aufschub der ›Tristan‹-Proben nach Paris zurückbegab. Bis zur Vollendung und Eröffnung des neuen Hauses, auf welches sich die Vorschläge doch bezogen, verging mehr Zeit als nötig war, um – ein ›Feuilleton‹ von Richard Wagner zu vergessen.
Desto trauriger ging es mittlerweile in der gegenwärtigen Oper her. Es kam vor, daß der Meister einer ihrer Aufführungen beiwohnte Nach einer solchen am 20. August richtete er an den Hofkapellmeister Hellmesberger ein paar freundschaftliche Zeilen, in welchen er sein Bedauern ausspricht, daß dieser einen Augenblick habe bezweifeln können, sein Besuch in Penzing könne ihm anders als angenehm sein. ›Wenn es denn der wiederholten Gegenversicherungen bedarf, so seien Sie herzlich gebeten, mich recht bald einmal zu besuchen, – vielleicht verbinden Sie sich einmal mit Freund Esser zu einem gemeinschaftlichen Ausfluge. Sind Sie einmal entschieden, so wäre es vielleicht auch rätlich, mit einer Zeile zuvor mich zu benachrichtigen, damit nicht gerade etwa die Laune mich auf einen ferneren Spaziergang‹ (wie er sie in der schönen Jahreszeit in den Nachmittagstunden fast regelmäßig von Penzing aus unternahm) ›getrieben haben könnte.‹ Dann fährt er, mit Bezug auf die [436] gestrige Aufführung fort: ›Das Orchester hat mich gestern wieder von Herzen gefreut und entzückt; ich hörte von ihm wieder Ausdrucks- und Klangschönheiten, die mir durchaus von keinem anderen Orchester geboten worden. Oh Kinder! Wären die Sänger doch Euer würdig!‹18 Ein anderes Mal, in der zweiten Hälfte des Oktober, erblickte man ihn in der Direktionsloge einer Aufführung des ›Lohengrin‹ beiwohnend: Ander hatte das Wagnis unternommen, nach längerer Zeit des Leidens seine einstige Glanzrolle zu singen. Bereits nach dem zweiten Akte mußte eine halbstündige Zwischenpause gemacht werden, um dem Erschöpften Zeit zur Erholung zu gönnen, damit er den dritten Akt halbwegs zu Ende singen könne. Und diesen Sänger, ein bedauernswertes Bild des Wollens und Nichtkönnens, hatte die Direktion ihm als einzigen Vertreter für seinen ›Tristan‹ zu Gebote zu stellen! Dessenungeachtet erbot sich Wagner, im Hinblick auf die ›Meistersinger‹, endlich dazu, mit besonderer Berücksichtigung des anderweitigen Personalstandes und der vorhandenen Kräfte des Theaters, ein neues Werk eigens für Wien zu schreiben. Der wohlerwogene, schriftliche Bescheid, der ihm auf dieses Anerbieten zuteil ward, sollte ihn völlig versichern, welcher Art seine Stellung auch zur Wiener Hofoper sei. ›Man glaube‹, so lautete diese Antwort, ›für jetzt den Namen »Wagner« genügend berücksichtigt zu haben und finde für gut, auch einen anderen Tonsetzer zu Worte kommen zu lassen.‹ Dieser Andere war – Jacques Offenbach. Wirklich war bei diesem ein besonderes, eigens für Wien zu schreibendes neues Werk bestellt worden: die fertige Partitur lag bereits im Pulte Direktor Salvis. Die Oper war romantisch, dreiaktig, es fehlte ihr selbst an Rittern und Rheinnixen nicht; wozu bedurfte es da erst noch Richard Wagners?
Auf die unruhvolle, von kaum erwünschten, geräuschvollen Erfolgen begleitete Tätigkeit, an den verschiedensten Orten Deutschlands in Konzerten Bruchstücke seiner Werke aufzuführen, denen sich die Bühnen verschlossen, sah er sich nun einzig angewiesen; ja fast mußte er am Ende sein Heil darin suchen, auf diesem Wege durch sein Erscheinen den schlummernden Funken der Begeisterung neu zu erwecken und anzufachen. ›So sehr ich der Ruhe bedürfte, so ängstigt mich auch wieder die gänzliche Aussichtslosigkeit meiner eigentlichen theatralischen Vorhaben.‹ Seine bevorstehenden Konzertaufführungen sollten ihm, neben den davon verhofften Erträgen, dazu dienen, diese Angst loszuwerden und ihn wieder etwas ›der Lebenshoffnung zuzuführen‹.19 Zunächst begab er sich in den ersten Tagen des November nach Prag Ihm zu Ehren ward hier eine Aufführung des ›Fliegenden Holländers‹ veranstaltet; ein wiederholter stürmischer Hervorruf nach jedem Akt gab ihm ein abermaliges [437] deutliches Zeichen der ihm zugewandten Sympathie des Prager Publikums. Bei dem tags darauf (5. November) stattfindenden Konzerte, in welchem Stücke aus ›Lohengrin‹ und den ›Meistersingern‹, der ›Walküre‹ und endlich auch dem ›Tristan‹ (Vorspiel und Isoldens Liebestod) zur Aufführung gelangten, blieben die gewohnten Zeichen des Enthusiasmus nicht aus, weder der einstimmige jubelnde Zuruf bei seiner Begrüßung, noch der, durch den Orchesterdirektor Mildner ihm überreichte Lorbeer, noch endlich der Dacapo-Ruf nach dem ›Walkürenritt‹, – dagegen war dem Meister auch der Erfolg nicht fremd, daß der Ertrag des zahlreich besuchten Konzertes (trotz einer Wiederholung am Sonntag den 8. November) die Kosten nicht deckte! Wie berichtet wird, hatte er ›für die nötigen Auslagen nebst der Einnahme noch 5 Gulden aus Eigenem zu verwenden‹! Fünf Male nacheinander mußte er am Schlusse dieses zweiten Konzertes dem mit endlosem brausendem Jubel verbundenen Hervorruf entsprechen Eine Erinnerung an diesen Abend hat sich in einem Briefchen an den Sänger Krén erhalten, der zu seiner großen Befriedigung im ›Feuerzauber‹ den Wotan gesungen, und dem er nun – noch am Konzertabend selbst – die Anerkennung seines Talentes und intelligenten Eifers bekundet, zugleich mit dem zartfühlenden Bedauern, ihn ›unter dem Einfluß einer, wohl nur durch seine Abgespanntheit veranlaßten Zerstreutheit dem Publikum nicht nochmals vorgeführt zu haben‹. Auch der Gedanke an eine Prager Aufführung des ›Tristan‹ ward in diesen Tagen aufs Neue erörtert, und ein drei Wochen später an die deshalb anfragende Direktion gerichteter Brief des Meisters erklärt: nachdem er die Prager Gesangs- und Orchesterkräfte, sowie die Tüchtigkeit des Kapellmeisters Jahn kennen gelernt, nehme er seinerseits keinen Anstand, ›Tristan und Isolde‹ in Prag zur Aufführung zu bringen.
Unmittelbar von dem zweiten Prager Konzert aus begab er sich nach Karlsruhe, wo er am Mittwoch den 11. November eintraf und sogleich an die Vorbereitungen seines zum 14. November angesetzten ersten Konzertes schritt. Auf besonderen Wunsch der Großherzogin war hierfür zur Verstärkung des Karlsruher Orchesters auch die Mannheimer Hofkapelle vollzählig beordert und eingetroffen. Die beiden Konzerte in der badischen Residenz folgten einander im Verlauf von nicht ganz acht Tagen (14. und 19. November) und enthielten in ihrem Programm außer den anderweitig schon aufgeführten Fragmenten der ›Meistersinger‹ bereits auch das ›Schusterlied‹ des Hans Sachs aus dem, als Ganzes noch gar nicht komponierten, zweiten Akte des Werkes. Gerüchtweise hörte man damals verlauten: es hätten während der Anwesenheit des Meisters höheren Ortes Verhandlungen mit ihm stattgefunden, um ihn dauernd an Karlsruhe zu fesseln. Nach seinen letzten Wiener Erfahrungen wäre eine besondere Pietät für die dortige Hofoper schwerlich der Grund gewesen, der ihn gegen die vorgeschlagene Übersiedelung widerwillig [438] gestimmt hätte! Ebensowenig aber eine etwaige Anhänglichkeit an seine Penzinger Niederlassung, die ihm vielmehr durch alle damit verbundenen unverhältnismäßigen Sorgen schon stark verleidet war. Lag es nun an dem Meister oder an seinen fürstlichen Gönnern, denen es etwa mit ihrem großmütigen Ansinnen doch nicht ernst genug war, um es tatkräftig durchzusetzen, oder mögen noch andere Elemente ihre Hand mit im Spiele gehabt haben, – genug, die Unterhandlungen kamen nicht zum Ziele; wogegen alle darüber nach außen verlautenden Nachrichten die Signatur tragen, als kämen sie direkt aus Eduard Devrients Kanzelei.20 Gab es doch für diesen Letzteren, seitdem er die Neigung seines Souveräns für den Meister wahrgenommen, kein drohenderes Gespenst, als die selbstsüchtig törichte Befürchtung, durch eine fortgesetzte Begünstigung Wagners am Ende gar aus dem Sattel seiner ›päpstlichen‹ Machtstellung gehoben zu werden.
Um sich ein wenig Erholung zu gönnen, und zugleich die alten Freunde nach mehrjähriger Trennung wiederzusehen, machte er von Karlsruhe aus einen Abstecher nach Zürich, wo er sich, ohne die Stadt selbst zu berühren, sogleich in das Haus auf dem ›grünen Hügel‹ begab. Eine Einladung an Herwegh, datiert von ›Montag, 23. November früh‹, setzen wir an dieser Stelle, als einzige Erinnerung an diesen Züricher Aufenthalt, vollständig her: ›Lieber Herwegh! Zeig', daß Du ein vernünftiger Freund bist, und komm' meiner Bitte, welche ich zugleich mit der Familie Wesendonck an Dich richte, den heutigen Abend bei uns zu verbringen, unbedingt und freundlich nach. Ich möchte so gern wieder einmal mit Dir zusammen sein, kann mich aber in Zürich selbst nicht sehen lassen, weil sonst der Zweck meines sehr kurzen Aufenthaltes – Erholung nach großer Strapaze – vereitelt werden müßte. Also: Du kommst?‹ Mit dem gleichen Datum: ›Zürich, 23. November 63‹ ausgestattet, existiert noch ein an Leopold Damrosch nach Breslau gerichtetes Zettelchen, worin er diesem mit ›nur zwei Worten‹ ankündigt, daß es bei der zwischen ihnen getroffenen Vereinbarung bleibe, wonach er am 7. Dezember daselbst ein Konzert zu dirigieren gedenke: ›die Stimmen können Sie jedoch erst am 2. Dezember erhalten, da sie zuvor in Löwenberg gebraucht werden.‹ Eine für den 25. November in Dresden zugesagte Mitwirkung in einem [439] Abonnementkonzert Hans von Bronsarts, welches bei erhöhten Preisen mehrere seiner neueren Kompositionen unter seiner Leitung zu Gehör bringen sollte, hatte er hingegen – wegen Übermüdung – schon von Karlsruhe aus wieder absagen müssen.21 Seine weitere Reiseroute können wir an der Hand verschiedener Briefdaten ziemlich genau verfolgen. Ein Brief an die Stiefschwester Cäcilie Avenarius vom 27. November bezeugt einen kurzen Aufenthalt in Mainz; am 2. Dezember treffen wir ihn bei der Leitung einer Musikaufführung in Löwenberg in Schlesien bei dem, Liszt nahe befreundeten, kunstliebenden Herzog von Hohenzollern-Hechingen; wenige Tage später, am Sonntag den 6. Dezember, kündigt er bereits von Breslau aus in wenigen Zeilen ›an Marie‹22 zu ›nächsten Mittwoch, Abends 1/28 Uhr‹ seine Heimkehr an.
Das Breslauer Konzert war die Veranstaltung eines, in seinen äußeren Verhältnissen ziemlich dürftigen Orchestervereins, den der feinsinnige Leopold Damrosch während der Jahre seines dortigen Aufenthaltes aus dem Nichts hervorgerufen, ohne ihn doch zu einer entscheidenden Blüte bringen zu können.23 Die Berufung Wagners, dem er für die Beschwerden seiner Mitwirkung weder eine bestimmte Garantie, noch eine tatsächlich nennenswerte Entschädigung bieten konnte, war somit von seiner Seite eine starke Zumutung gewesen; er empfand dies selbst und suchte den begangenen Fehler durch eifrige Bemühungen gutzumachen, ihm in seinen finanziellen Schwierigkeiten auf anderem Wege (durch die Intervention eines vermögenden Breslauer Freundes) behilflich zu sein. Die Korrespondenz darüber dauerte auch nach Wagners Rückkehr nach Wien zwischen ihnen fort, leider ohne zu irgendwelchem Erfolge zu führen! Dagegen knüpft sich an den Breslauer Aufenthalt eine bedeutungsvolle, für beide Teile unvergessene erste Begegnung: die früheste persönliche Bekanntschaft mit seiner nachmaligen einflußreichsten und tätigsten, begeisterten und treuesten Gönnerin, der späteren Freifrau von Schleinitz und Gräfin Wolkenstein, damals Frl. Marie von Buch. Das erhabene Werk des Meisters, dem später ihre so erfolgreiche als aufopferungsvolle Förderung galt, war ihr von früh auf in der Dichtung vertraut, die sie schon als zwölfjähriges Kind sich mit flammender Begeisterung zu eigen [440] gemacht. Wagners Dresdener Bekannter, der geistvolle Sonderling Dr. Hermann Franck,24 hatte sein Exemplar der 1853 für die Freunde des Dichters veranstalteten Druckausgabe ihrer Großmutter, Frau von Nimptsch, geliehen, woraus sie denn das göttliche Gedicht, als sie gerade an den Masern krank lag, zum ersten Male begierig verschlungen, ja den ersten Akt der ›Walküre‹ eigenhändig für sich abgeschrieben hatte. Mit Bülows befreundet, war sie dann auch, wenige Jahre später, um die Zeit der drei großen Konzerte im italienischen Theater, in Paris gewesen,25 ohne doch je zuvor den bewunderten und verehrten Meister Auge in Auge begrüßt zu haben. Dies mußte erst der düstere Breslauer Konzertsaal zustande bringen, dessen wenig erfreuliche Erscheinung freilich durch die darin erschallenden Klänge des ›Tristan‹ und der ›Meistersinger‹ wie durch einen entrückenden Zauber aufgehoben und verklärt war.
Durch diesen letzten wohltuenden Eindruck erheitert, sonst aber durch die ununterbrochene Folge anstrengender Bemühungen todmüde und erschöpft, kehrte er von seiner fünfwöchentlichen Konzerttour zurück. Ihr Hauptzweck, eine mehr als augenblickliche Förderung seiner materiellen Lage, war nicht erreicht, und somit das Opfer der Unterbrechung seiner Schaffensruhe vergeblich gebracht. ›Unter gar keinen Umständen kann ich an eine Fortsetzung so eigentümlicher Anstrengungen denken, wie sie mir das »Konzertgeben« verursacht‹, äußert er sich bald darauf. Um so niederdrückender berührten ihn die aus Breslau einlaufenden Nachrichten, wonach es Damrosch nicht gelungen war, ihm die beabsichtigte Hilfe zu vermitteln. ›Sie würdigten die Gründe‹, erwidert er am 15. Dezember diesem teilnehmenden Freunde, ›die mich nach dieser Seite hin hoffnungsvoll stimmten. Nicht ein »reicher« Mensch kann mir helfen, sondern nur ein solcher, welcher mir tief ernstlich helfen will, und der sich hierzu in irgendeiner, wenn auch schwierigen Möglichkeit befindet. Sie wollen weiter suchen? Gewiß, je kapitalkräftiger Sie Jemand antreffen, desto mehr werden ihm die Haupteigenschaften für ein so schwieriges Geschäft fehlen: eigenster Wille und sichres Vertrauen.‹ Über sein Befinden und seine Gemütsverfassung nach dem Fehlschlagen jeder Hoffnung fügt er die bezeichnenden Worte hinzu: ›Seit meiner Rückkehr bin ich noch nicht aus meiner Wohnung herausgekommen: meine Ermüdung ist außerordentlich. Ich starre vor mich hin und werde des Lebens herzlich müde.‹ Da Petersburg, wo er so viel Teilnahme und begeistertes Verständnis gefunden, auf welches er nach den letzten Verabredungen bei seiner Abreise immer noch seine Hoffnung richtete, sich für die beabsichtigte erneute Berufung[441] immer noch schwankend und unsicher verhielt, blieb ihm nichts übrig, als – ›die Aufnahme eines Kapitales von der Höhe der im kommenden Frühjahr daselbst zu erzielenden Einnahmen.‹ Es ward ihm dies, wie er selbst sagt, nur unter den abscheulichsten Opfern möglich. Er geriet durch diesen einzigen Schritt in die schreckliche Abhängigkeit aussaugender Wucherhände Wenn dieses ›Petersburg‹ sich nicht verwirklichte, und keine andere bedeutende Wendung in seinem Leben eintrat, so war ihm die Begleichung dieser Schuld nur zu einem Zeitpunkt möglich, wenn die Mitwelt den an ihm begangenen Raub, ihre große verderbliche Schuld gegen ihn selbst eingelöst hatte: durch Aufhebung des Bannes über seinen gewaltsam niedergehaltenen, durch tausend Intriguen gleichsam unterschlagenen ›Tristan‹, der Verhinderung der Vollendung der ›Meistersinger‹ und seines großen ›Nibelungen‹-Werkes! Sollte er selbst die Aufhebung dieses Bannes, die Vollendung dieser Werke nicht mehr erleben, so wußte er auf alle Fälle, daß er ihr in seinen vollendeten Werken den tausendfachen Wert dieser Schuld, eine unerschöpfliche Fundgrube ungemünzten Edelmetalles zur Ausbeutung durch den ersten besten geschäftskundigen Unternehmer hinterließ! Aber wie sollte er bis zur Erreichung dieses Zeitpunktes für seine eigene Erhaltung sorgen? Was nützten ihm die unermeßlichsten Schätze, so lange sie nicht in landesüblicher Münze ausgeprägt waren? Reflexionen über den materiellen Wert seines geistigen Schaffens, sobald es ihm nicht gelang, ihn durch die Tat zu dokumentieren, waren seinen neuen Gläubigern fern und fremd; sie sind es ja auf lange hinaus selbst dem allgemeinen Urteil des deutschen Philisters geblieben. ›Die beispiellose Engherzigkeit‹, sagt Schönaich, ›welche die finanziellen Kalamitäten Wagners in der öffentlichen Beurteilung und stets von Solchen erfuhren, welche sicher in keiner Weise in Mitleidenschaft gezogen waren, wird seinen Stammesgenossen nimmer zur Ehre gereichen. Die Deutschen haben eine ausgesprochene Vorliebe für billige Genies. Der »Erlkönig« macht ihnen Vergnügen – nicht weniger aber der Preis, für den er geschaffen wurde. Daß Wagner etwas mehr brauchte, als Mozart oder Schubert, machte ihn seinen Landsleuten verdächtig, und nicht einmal die Erwägung alles Kleinsten vermochte ihn zu entschuldigen, daß seine Ansprüche weit geringer waren, als die des Bankdirektors. Was hätte er beginnen sollen? Etwa eine Kapellmeisterstellung anstreben, die man nicht einmal geneigt gewesen wäre, ihm zu übertragen? Die großen Institute wußten sich dienstbarere Geister zu zitieren! Das Genie wird im Kreise der Mittelmäßigkeit stets als Unbequemlichkeit empfunden.‹ Und es darf hinzugefügt werden. Niemand hat lauter und härter über Wagners ›Luxusliebe‹ und seine Wiener Verschuldung abgeurteilt, als diejenigen öffentlichen Vertreter der ›Mittelmäßigkeit‹, welche am eifrigsten an der Unterdrückung seiner Werke gearbeitet haben.
Aus diesen bitteren Nottagen um die Mitte des Dezember 1863, unmittelbar [442] nach seiner Rückkehr, haben wir hier einer kleinen Episode zu gedenken, in welcher das für die Bedrängnis eines leidenden Mitmenschen stets offene, großmütige Herz des Meisters sich in seinem Mitgefühl rührend und ergreifend bekundet. Den Musikern des Wiener Hoforchesters war er stets dankbar und freundschaftlich gesinnt und hätte dies, wo es in seinen Kräften stand, jederzeit durch die Tat bekundet. Nun hatte sich einer dieser ›Hof- und Kammermusiker‹ der Kaiserstadt, vielleicht in der irrtümlichen Annahme, er werde goldbeladen von seiner Reise zurückkehren, mit der dringenden Bitte um ein Darlehen an ihn gewendet, das er ihm damals, vor seiner Abreise, nicht hatte bewilligen können. Seitdem waren Wochen vergangen, doch ließ es ihm keine Ruhe, daß er die an ihn gerichtete Bitte hatte abschlagen müssen. Über Geschäften und Sorgen aller Art vergessen, taucht ihm der Gedanke an jenen Bittenden plötzlich wieder auf, – zwei Tage nach dem traurigen Brief an Damrosch (17. Dez.). Die Mittel, deren er zu eigener Entlastung in schwerer Bedrängnis bedarf, sind so ansehnlich, daß ihm der Gegenstand jener Bitte dagegen gering erscheint. Er wendet sich brieflich an seinen Schützling, dessen Adresse er nicht einmal genau weiß, da er dessen an ihn gerichteten Brief nicht mehr auffinden kann, mit der Erkundigung, ob ihm ›jener kleine Dienst noch helfen könne‹. Wolle er ihm seine Adresse genau aufgeben, so könne er sicher sein, am nächsten Donnerstag die verlangte Summe zugeschickt zu erhalten.26 ›Das war ein schöner Zug von ihm‹, sagt in einem ähnlichen Falle der von ihm beschenkte Robert Franz (S. 155). Wir nannten ihn soeben einen ergreifenden und rührenden Zug; aber wir möchten verstärkend hinzufügen, daß uns überhaupt nicht leicht ergreifendere und rührendere vorgekommen sind, als die in Wagners Dasein so oft sich wiederholenden Fälle, in denen die eigene Not ihn eine fremde Bedrängnis zwiefach mitempfinden und das in ihn gesetzte Vertrauen eines Bedürftigen selbst unter schwierigen Verhältnissen rechtfertigen läßt.27 Der ›nächste Donnerstag‹, zu welchem er, ›da er selbst vorher seine Geldangelegenheiten nicht in Ordnung bringen könne‹, die zugesagte Hilfe in Aussicht stellt, war übrigens der Weihnachtsabend des Jahres 1863. Von der leutseligen Art, wie er das Ansuchen seines treuen Penzinger Dieners Franz Mrazek, bei einem ihm geborenen Kinde Patenstelle zu vertreten, wegen seines protestantischen Glaubens ablehnt, dann aber, als der Priester zur heiligen Handlung erscheint, dennoch mit anwesend ist und zum Vaterunser und Mariengruß mit niederkniet, den Täufling aber mit einem Muttergottesbilde in silbernem Rahmen beschenkt, erfahren wir aus anderer Quelle. Kurz zuvor – am 20. Dezember – hatte er von einem, ihm persönlich fernstehenden Wiener Dichter und Schriftsteller, [443] Ludwig Foglar, eine briefliche Zuschrift erhalten, worin ihm dieser seinen peinlichen Verdruß darüber aussprach, daß ein älteres Gedicht von ihm, dessen Entstehungsgrund ein ganz andersartiger, weit abliegender gewesen, in einer Wiener Zeitung kürzlich in einer Weise zum Abdruck gebracht worden sei, daß es der Mißdeutung unterliege, als wäre dessen Spitze gegen ihn, den verehrten Meister, gerichtet. ›Wollen Sie sich doch‹, erwidert ihm Wagner, ›nichts mich Betreffendes zu Herzen gehen lassen! Ich bin unachtsamer und gleichgültiger gegen jede Art journalistischer Besprechung, als es den Herren wünschenswert und genugtunlich sein dürfte. Auch das in Rede stehende Scherzgedicht war mir weder zu Gesicht noch zu Ohren gekommen. Was mir aber tiefe und ernste Freude macht, ist, wenn ein geistvoller, wiederum ernster Mensch mir bezeugt, daß er sich mir nahe fühlt. Ich danke es dem Ihnen widerfahrenen kleinen Streiche, daß Sie sich von Neuem ernst und freundlich zu mir gewandt haben!‹28
Wir haben diese letzten kleinen Vorfälle aus seinem täglichen Leben in ungezwungener Weise aneinandergereiht, gleichsam zum Ersatz für anderweitige lebensvolle Züge, die uns einstweilen noch abgehen und den Verkehr mit seinen engsten und wertgeschätztesten Freunden, vor Allem dem Dr. Standhartner betreffen. Bekanntlich haben sich gerade seine intimsten Freunde und nächsten Bekannten in bezug auf die Veröffentlichung von Mitteilungen über ihren Verkehr mit dem Meister am meisten zurückhaltend bewiesen, wodurch eine Lebensbeschreibung Wagners heutzutage oft in wesentlichen Punkten lückenhaft bleiben muß und durch die Vordringlichkeit minderwertiger Beziehungen nicht selten gar ein schiefes und verzerrtes Ansehen erhält. So viel in unseren Kräften stand, haben wir diesem Übelstand nach besten Kräften auszuweichen gesucht, aber das oft Empfundene möge dennoch hiermit einmal zum Ausdruck gelangen.
Noch vor Ende des Jahres war er dazu veranlaßt, abermals in einem großen Orchesterkonzert freundschaftlich mitzuwirken, welches am 27. Dezember von Tausig im großen Redoutensaale veranstaltet wurde. Von seinen eigenen neueren Kompositionen waren dafür das Schusterlied des Hans Sachs (ges. von Mayerhofer), außerdem das Tristan-Vorspiel in seiner Kombination mit Isoldens Liebestod bestimmt; von Siegfrieds Schmiedeliedern, die durch den Tenoristen Bachmann gesungen werden sollten, wurde, wie es scheint, wegen Indisposition des Sängers abgesehen. Dagegen war die Wahl Wagners u.a. auf die ›Freischütz‹-Ouvertüre gefallen. In der hierzu angestellten Probe ereignete es sich, daß das Wiener Hoforchester durch seine Anforderungen in Betreff des Vortrages dieser Ouvertüre völlig außer Fassung geriet. Es [444] zeigte sich nämlich gleich am Beginn, daß das Adagio der Einleitung bisher ›im Tempo des Alphorns oder ähnlicher gemütlicher Kompositionen, als leichtbehäbiges Andante‹ gespielt worden war. Dies erinnerte den Dirigenten sehr lebhaft an seine Dresdener Kapellmeister-Erfahrungen.29 Die ihm damals zuteil gewordenen ermutigenden Zeugnisse der Witwe Webers und des alten Dotzauer30 kamen ihm in den Sinn und bewogen ihn, diesmal auf die letzten Konsequenzen einer Reinigung des gebräuchlichen Vortragsmodus für dieses Tonstück zu dringen, wie er sie später in der Schrift ›über das Dirigieren‹ niedergelegt hat.31 ›Das Orchester studierte das bis zum Überdruß bekannte Stück vollständig neu. Unverdrossen änderten die Hornbläser unter der zartsinnig künstlerischen Anführung R. Lewis den Ansatz, mit welchem sie bisher die weiche Waldphantasie der Einleitung als hochtönig prahlendes Effektstück geblasen, gänzlich, um der Vorschrift gemäß zu dem Pianissimo der Streichinstrument-Begleitung in ganz anderer Weise den beabsichtigten zauberischen Duft über ihren Gesang auszugießen.‹ Nachdem er so dem einleitenden Adagio seine schauerlich geheimnisvolle Würde zurückgegeben, ließ er der wilden Bewegung des Allegros vollen leidenschaftlichen Lauf und ermäßigte zur rechten Zeit das Tempo wieder soweit, daß er unmerklich zum richtigen Zeitmaß für den zarteren Vortrag des sanften zweiten Hauptthemas gelangte. Nicht minder ward er jeder weiteren Nuance des feingegliederten Tonwerkes gerecht. Ihrer Gewöhnung gegenüber überrascht waren die Musiker besonders am Schlusse der Ouvertüre, als er nach den prachtvoll ausgehaltenenC-dur-Dreiklängen und den sie bedeutungsvoll hinstellenden großen Generalpausen statt der üblichen Abhetzung des jetzt zum Jubelgesang erhobenen zweiten Themas, für den Eintritt desselben nicht die heftig erregte Nuance des ersten Allegrothemas, sondern eben die mildere Modifikation des Zeitmaßes anwendete. So gelangten die bei der damaligen Tausigschen Konzertaufführung anwesenden Wiener Musikfreunde einmal dazu, unter Wagners Leitung diese ›arme vielbesudelte Ouvertüre‹ anders als sonst zu hören. Man behauptete, das Tonstück zuvor gar nicht gekannt zu haben, und bestürmte den Meister mit Fragen, was er nur damit angefangen? Herr Dessof aber, welcher als damaliger Wiener Kapellmeister den Freischütz im Hoftheater demnächst zu dirigieren hatte, war der Meinung, dem Orchester seine ihm von Wagner gelehrte neue Vortragsart der Ouvertüre belassen zu sollen; er kündigte ihm dieses lächelnd mit den Worten an: ›Nun, die Ouvertüre wollen wir also Wagnerisch nehmen.‹32
Von Neuem suchte er mit dem Beginn des Jahres 1864 Vergessenheit für die wenig tröstlichen Berührungen mit der Außenwelt in der Wiederaufnahme der immer wieder unterbrochenen ›Meistersinger‹. Aber Krankheit und [445] Sorge stellten sich als Hindernisse von außen und innen bedrohlich ihm in den Weg. Kein schneidenderer Kontrast als zwischen der befreienden Macht des Humors in diesem Werke und dem völligen Mangel an Freiheit, der seinen Schöpfer bedrückte! Kein schärferer Gegensatz, als zwischen der sprudelnden Fülle dieser Musik, und den beengten Lebensbedingungen des Künstlers, die ihm jede Aussicht vorenthielten, durch seine Schöpfungen wirken und erfreuen zu können! Auch die mit Prag über eine dortige Aufführung des ›Tristan‹ geführten Unterhandlungen führten zu keinem Ziel. ›Tristan und Isolde‹ war zur Fabel geworden. Der Meister selbst wurde hier und da ›freundlich behandelt‹. Man lobte ›Tannhäuser‹ und ›Lohengrin‹, im Übrigen schien es mit ihm aus zu sein. Das Publikum jauchzte ihm entgegen, wo er sich blicken ließ; dagegen war und blieb die stimmführende Kritik feindlich gegen ihn gesinnt33 und die Direktionen der Theater verschlossen ihm ihre Türen. Die Veröffentlichung der Dichtung vom ›Ring des Nibelungen‹ war gänzlich ohne Folgen geblieben. Allerdings wäre es, nach seinen eigenen Worten, ›etwas Neues in der Geschichte der modernen deutschen Publizistik gewesen, wenn die dichterische Arbeit eines Opernkomponisten neben den Elaboraten literarischer Poeten von Fach in ernstliche Betrachtung gezogen worden wäre‹. Hier gab es nur Schlaffheit und Unfähigkeit, aus dem Mittelmäßig keits-Fahrwasser gegenseitiger Anempfehlung und Lobpreisung sich einen kräftigen Impuls in eine neue Richtung zu geben. Wohin er blickte, kein teilnehmendes Lebenszeichen, überall Schweigen und Ode. Von seinen alten Freunden fühlte er sich verlassen; selbst mit Liszt war er seit zwei Jahren außer jeder direkten brieflichen Verbindung. Hierzu kam der Gipfelpunkt äußerer Not und Bedrängnis: das ›sonderbarste, fast dämonische Mißgeschick‹ hatte seit Jahren ›jeden seiner Schritte vereitelt‹ und ihn dem Untergang nahe gebracht. Der lähmende Druck, den dies Alles auf ihn ausübte, drohte mit dem eintretenden Frühjahr 1864 den Rest seiner Schaffensfreude zu untergraben. Er beschloß seinen Penzinger Aufenthalt aufzugeben und sich jeder Versuchung zu weiterer Berührung mit dem umgebenden Kunsttreiben zu entziehen. Was an unvertilgbarem [446] Selbstgefühl in ihm lebte, wies ihn gebieterisch auf Entsagung, auf strenge Abweisung jeder schmeichelnden Hoffnung, die ihn nur fortgesetzt in unwürdigen Bemühungen erhalten konnte. Es war keine schwächliche Entmutigung, die ihn dazu bewog; seine stählerne Natur, die eine Niederlage nicht kannte, die von innen heraus allen Feinden zum Trotz immer wieder zu neuer Betätigung drängte, konnte nicht entmutigt, nur gewaltsam geknickt und gebrochen werden. Hierfür drohte nun endlich der Zeitpunkt zu kommen. ›Ich hab' keine Lust mehr: die Erschütterungen und das Erkennen der Ohnmacht des Einzelnen sind zu groß und bestimmt‹, hatte er schon im vorigen Sommer gerufen. ›Von mir gilt einfach der Ausdruck. das Leben – satt haben. Mir fehlt nicht mehr als Alles, um menschlich leben zu können.‹ Das Schlimmste, eigentlich Ausschlaggebende war die schwere Enttäuschung, die ihm im entscheidenden Augenblick aus St. Petersburg seitens seiner dortigen hohen Gönner und begeisterten Verehrer zuteil wurde. Man hatte ihn damals mit der Aussicht entlassen, ihn schon im Herbst oder Winter daselbst wieder mit dem gleichen Enthusiasmus zu empfangen. Statt dessen zerschlug sich in letzter Stunde aus unbekannten Gründen jedes fernere auf Rußland berechnete Konzertunternehmen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu seinem, bereits einmal in Paris (S. 262) gefaßten Entschlusse zurückzukehren: sich für alle Zeiten zurückzuziehen, für immer jeder künstlerischen Unternehmung zu entsagen, in der Einsamkeit Welt und Menschen zu vergessen und seine Tage in völliger Abgeschiedenheit zu beenden. Was ihn in den letzten drei Jahren von der Ausführung dieses Planes zurückgehalten, zeigte sich jetzt als Täuschung. Ihn hatten die begeistertsten Akklamationen des Publikums begrüßt; aber sie waren gegen die entscheidenden Faktoren machtlos gewesen. Ihn hatten die Versprechungen deutscher Theater hingehalten, aber sie hatten sich als trügerisch erwiesen.
Etwas besonders Ängstliches und Bedrängendes aber gab seiner Lage das Verhalten seiner Wiener Gläubiger. Mit dem Ausfall der verhofften Petersburger Einnahmen war er ganz in ihre Hand geliefert. ›Es bestand damals (in Österreich) noch die Personalhaft, die der Gläubiger über den Schuldner gesetzlich verhängen lassen konnte. Ein solcher immerhin möglicher Eklat mußte unter allen Umständen vermieden werden.‹ Seine besten Freunde rieten ihm deshalb, Wien in möglichst unauffälliger Weise zu verlassen. Noch immer hoffte er auf die entscheidende Intervention eines reichen Gönners und war nach mehreren Seiten hin um eine solche bemüht. Noch einmal gedachte er des ihm durch Damrosch empfohlenen begüterten Breslauer Verehrers, als er, um dem Äußersten zuvorzukommen, noch im letzten Moment (17. März) an den Ersteren die Zeilen richtete: ›Mein bester Damrosch! Stellen Sie, ich bitte inständig, den eingeschlossenen Brief schleunigst unserem Freund (Gottwald) zu. Helfen Sie ihm, damit er mir ein Helfer in größter [447] Not werde!‹ Schon einige Tage vorher (14. März) hatte er aber seine Schweizer Freunde von seiner ›verderblichen Lage‹ andeutend in Kenntnis gesetzt und sie vertrauensvoll um ihre Gastfreundschaft gebeten, – mit anderen Worten: sich bei ihnen, in seinem eigenen, seit fünf Jahren verlassenen Häuschen zum Besuch angemeldet. Aus Zartgefühl war dies nicht in direkter Ankündigung, sondern in einem Briefe an Frau Dr. Wille in Mariafeld geschehen. ›Ich bitte Sie‹, heißt es darin, ›mit unseren Freunden darüber Rücksprache zu nehmen, ob sie es für möglich halten, für diesen Sommer mich bei sich aufzunehmen. Auf diese Weise könnte der Zweck meiner letzten Drangsale erreicht werden. Da ich meine hiesige Niederlassung jedenfalls, wegen herausgestellter zu großer Kostspieligkeit derselben, aufzugeben mich genötigt sehe, handelt es sich zunächst darum, mir für die Zeit, welche ich noch zur Vollendung meiner »Meistersinger« nötig habe, ein hierzu dienliches ruhiges und anständiges Unterkommen zu verschaffen. Der rein sachlichen Lage nach wäre dies am entsprechendsten im Hause der Familie Wesendonck zu finden. Da nun frühere Einladungen, für einige Zeit meinen Aufenthalt bei ihnen zu nehmen, von meinen Freunden bisher noch nicht eigentlich zurückgenommen worden sind, knüpfe ich hieran den für mich höchst wichtigen, ja entscheidenden Versuch zur Rettung meiner Arbeit. Wohl haben sich Bedenken gegen eine beständige Übersiedelung dorthin geltend gemacht. Eine solche beabsichtige ich aber nicht. Dem Ermessen der Frau W(esendonck) ist es gänzlich überlassen, ob mein Arbeitszimmer im Hauptgebäude, oder in dem ehemals von mir bewohnten Nebenhäuschen hergerichtet werden soll. Einige nötige Meubles stehen mir noch zur Disposition, und sie könnten mit verwendet werden. Im Übrigen erbitte ich mir nur Kost und Bedienung. In keiner Weise werde ich sonst lästig fallen. Ich bitte Sie nun, schnell hierüber Mitteilung zu machen und wende mich an Sie, um vorerst zu erfahren, ob man überhaupt meinen Wunsch für erfüllbar hält.‹ Wie seltsam, daß ihm das gastliche Haus der altbewährten Züricher Freunde gerade jetzt, in den Zeiten der Not, verschlossen bleiben sollte! Aber es war wirklich so. ›Es war zur Zeit nicht einzurichten, wie Wagner es gewünscht hatte‹, läßt sich Frau Wille darüber vernehmen. Sogleich nach Empfang der Nachricht zögerte er keinen Augenblick, sich an Dr. Wille mit der einfachen Ankündigung zu wenden: er wolle (nach den Worten der gleichen Erzählerin) ›in Freundschaft nach Mariafeld kommen, zu kurzem Aufenthalt, um von dort aus weitere Pläne und Wege zu bestimmen‹.
Unmittelbar darauf – es war am Mittwoch der sog. ›stillen Woche‹ – reiste er, von seinen wenigen treuen Freunden zum Bahnhof begleitet, über München nach Zürich ab.
2 Die durch Fr. Rösch aus den Archiven der St. Petersburger Philharmonischen Gesellschaft mitgeteilte ›Abrechnung‹, eigenhändig durch Wagner quittiert, gibt allein schon über die Verwendung eines Teiles derselben Auskunft: Am 4. Febr., heißt es darin, sei eine Summe von 500 Rbl. als Vorschuß nach Deutschland gesandt, am 26. Febr. 22 Rbl. im Petersburger Zollamt für Musikalien entrichtet etc.
3 In jeder Weise gab er dadurch dem scheelsüchtigen Klatsch seiner Wiener Feinde auf lange hinaus reichlichen Stoff; seine darüber dem Tapezier Schweighart, der für ihn arbeitete, übermittelten Notizen und schriftlichen Angaben gelangten in der Folge in Wiener Zeitungen schmachvoll unbefugterweise zum öffentlichen Abdruck, und der obengenannte Literat, sonst ein beeiferter Anhänger, hat sogar in einer seiner vielgelesenen Schriften die unsinnige Behauptung verbreitet: ›Wagners Samtsofa sollte 3000 Fl. gekostet und die eigens für seine Penzinger Villa angefertigten Tapeten am »Graben« zur Bewunderung ihrer Pracht ausgehangen haben!!‹ (s. L. Nohl ›das moderne Musikdrama‹, Wien 1881, S. 231).
4 ›Einladung zur Aufführung des »Tristan« in München (1865),‹ Bayreuther Blätter 1890, S. 177.
5 An Malvida 22. Juni 1863.
6 Ebendaselbst.
7 An Weißheimer 10. Juli 1863.
8 Ebendaselbst.
9 ›Herr Richard Wagner sitzt auf seinem Landaufenthalte in Penzing‹, ließ sich z.B. kurz nach den geschilderten Vorgängen ein deutsches Musikblatt im reinsten Tone des Neides schreiben, ›und arbeitet an der Vollendung seiner begonnenen Opern. Wenn er diese fertig, sie zur Aufführung gebracht und damit Erfolg gehabt, dann gehört er zu den Glücklichen, die schon bei Lebzeiten unsterblich werden. Für diese Unsterblichkeit werden die Wiener sorgen, vorausgesetzt, daß sie bei guter Laune sind. Auf Blumen, Lorbeern und Silberkronen, Ehrenbecher und silberne Taktierstäbe wird es ihnen dabei nicht ankommen‹ (Signale v. 25. Juni 1893).
10 Weißheimer S. 246
11 Näheres a. a. O. S. 243/44. 249. 250.
12 ›Richard Wagners Musikaufführung (in Pest) gestaltete sich zu einer der glänzendsten Huldigungen, die einem gefeierten Manne nur dargebracht werden können. Ein distinguiertes Publikum erfüllte die Räume des Hauses und empfing den Komponisten mit lang anhaltendem Beifall. Der Erfolg während des ganzen Abends war ein so allgemeiner, daß es keinem Zweifel unterliegt, Richard Wagner habe vollständig durchgegriffen‹ (N. Berl. Mus. Zeitg. v. 5. Aug. 1863).
13 Ein Wechselprotest im gleichen Betrage, datiert ›Wien, 4. August 1863‹ wurde inzwischen in der Wohnung des ›dort nicht angetroffenen und verreisten Akzeptanten Richard Wagner‹ aufgenommen von dem k. k. Notar Dr. Olschbaur (nachmals Präsidenten des Wiener Männergesangvereins)!
14 An den Pester Aufenthalt erinnert auch ein Brief des Meisters an den Herrn Cornel Abranyi, Redakteur des ›Zenesseti Lapok‹, datiert aus Wien vom 8. August, und angeblich über ›ungarische Musik‹ handelnd (Österlein, Katalog II, S. 24).
15 Mit Schott unterhielt der Meister trotz des Mißklanges ihrer letzten Begegnung dennoch einen fortdauernden geschäftlichen Briefwechsel, wie E. Kastners KatalogA1 durch Angabe der nachstehenden Briefdaten ausweist. Biebrich 3. 25. Sept, 21. Okt., 13. 25. Dez. 1862; 8. 27. Jan., 18. Mai, 12. Sept, 2. 19. Okt., 11. 16. 20. Nov. 1863; 22. Jan., 29. Febr., 29. März, 25. April, 6. Mai 1864.
16 Weißheimer S. 251–52.
17 Gesammelte Schriften, Bd. VII, S. 365/94.
18 Es soll sich angeblich um eine ›Lohengrin‹-Aufführung gehandelt haben, es war uns nicht möglich, diese Behauptung näher auf ihre Richtigkeit zu prüfen.
19 Weißheimer S. 245.
20 ›Wagner soll Bedingungen gemacht haben, welche selbst seine hohen Gönner überspannt finden mußten‹, wurde z.B. den Signalen aus Karlsruhe geschrieben. ›Er verlangte 6000 Gulden lebenslänglichen Jahresgehalt, freie Wohnung mit Emolumenten im Schlosse (!!), Freiloge im Theater (!) und Hofequipage (!). Doch vielleicht hätte man ihm auch diese exorbitanten Forderungen bewilligt, er verlangte aber auch noch die Aufführung seines »Tristan« in der allernächsten Zeit! Da singen seine Gönner an zu begreifen, daß er das Unmögliche begehre und – die Sache zerschlug sich vorerst.‹ Auf die boshafte Vermischung von Wahrheit und lügnerischer Entstellung in diesem Bericht braucht nicht erst hingewiesen zu werden. (Signale für die musikal. Welt, vom 27. November 1863.)
21 N. Berl. Mus. Zeit. v. 9. Dez., und Signale v. 27. November 1863
22 ›Fräulein Marie‹, seine Haushälterin in Penzing, aus welcher der perfid persönliche Klatsch des großen ›Kritikers‹ Hanslick eine – – ›niedliche Balletttänzerin‹ (!) macht, welche daselbst ›seinen Gästen die Honneurs gemacht‹ hätte!
23 Vgl. Bülow an Pohl: ›und so ist Damrosch unseligerweise wieder an das für ihn so sterile Breslau gebunden – armer talentvoller honetter Kerl – muß sich mit der größten Misère durchschlagen!‹ (27. Sept. 61). Erst viel später in Amerika, von wo aus er die Fahrt zum ›Ring des Nibelungen‹ über den Ozean antrat, erhielt er als Leiter der ›Philharmonic Society of New York‹ und nachmals der ›deutschen Oper‹ daselbst den rechten Spielraum für seine bedeutenden Fähigkeiten.
24 Band II, S. 111. 116. 122. 454.
25 Vgl. die briefliche Erwähnung Bülows an seine Mutter: ›Mimi Buch war gestern bei Madame Liszt (Liszts Mutter), um mich zu sehen‹ (22. Januar 1860, Bülows Briefe Band III, Seite 293).
26 Die auf uns gekommenen Dokumente dieses kleinen Vorfalles siehe im Anhang.
27 Vgl. auch S. 41 dieses vorliegenden Bandes (Züricher Theaterbankerott).
28 Nach E. Kastners Briefkatalog Nr. 807 befindet sich das Autograph dieses Briefes im Besitz des Herrn Regierungsrats Dr. Heinrich Steger in Wien.
29 Band II, S. 72/73.
30 Ebendaselbst.
31 Ges. Schr. Bd. VIII, S. 366/73
32 Ebenda S. 373.
33 Noch einmal hatte sich diese Wiener ›Kritik‹ aus der Schule des ›Musikalisch-Schönen‹ anläßlich des Tausigschen Konzertes gegen ihn aufgebäumt und zu den schärfsten Waffen der Verleumdung und Schmähung gegriffen: ›der krasse Materialismus winsele in der Ouvertüre zu »Tristan« in unfruchtbaren Wendungen um ein paar in gequälter Tonfolge herausgestöhnte Noten‹; ›alle gespreizten Spezialerklärungen des Programmes über die der Musik zugrunde liegenden Empfindungen helfen nicht über die Dürre der musikalischen Erfindung hinaus‹; das Schusterlied des Hans Sachs sei ›teils platt und gewöhnlich, teils unpassend, übertrieben und aufgedunsen im Ausdruck‹; ›jedes dieser Musikstücke enthalte in sich das vollständigste Zeugnis, daß der Komponist am Ende seines Lateins stehe‹; ›es müsse selbst für Wagners Anhänger peinlich sein, derlei Verirrungen grenzenlosester Ohnmacht als das Evangelium der Zukunft anzupreisen‹ etc. etc. (Signale für die musikal. Welt 1864, Nr. 4).
A1 E. Kastner: Briefe von Richard Wagner an seine Zeitgenossen 1830–1883, Berlin, Liepmannssohn 1897.
Buchempfehlung
Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.
62 Seiten, 3.80 Euro
Buchempfehlung
Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.
430 Seiten, 19.80 Euro