1. Kapitel.

Die Weltschöpfung.

Die Schöpfung der Welt ist eine der gewaltigsten Fragen, mit denen die philosophische und religiöse Spekulation sich befaßt hat, gewaltig schon deshalb, weil eine andere, die höchste Frage, aufs innigste mit ihr verknüpft ist: die Frage nach dem Schöpfer. Diese Zweiheit: Gott und Welt, ihr Wesen und ihre Beziehungen zueinander, bildet zusammen das Problem, aus dessen verschiedener Auffassung die verschiedenen Schöpfungslehren der Völker hervorgegangen sind. Der Lehren treueste Begleiter aber sind die Sagen. So finden wir denn neben einer eigentlichen Kosmogonie überall auch eine kosmogonische Volksüberlieferung, in der die zugrunde liegende Idee in lebendigen Geschichten entweder entfaltet oder verdunkelt ist. Diese Geschichten sind aber wertvoll. Denn gerade die religiöse Unterströmung hat die Menschheitsentwicklung vorwärts treiben helfen und zu oft wunderbaren geistigen Zusammenhängen auch solcher Völker geführt, die örtlich und zeitlich weit auseinander liegen.

Wir haben es hier nur mit solchen Sagen zu tun, die als biblische Legenden gelten dürfen, insofern sie in der Geschichte der Bibel wurzeln. Wiewohl sie sich weit von ihr entfernen, gehören sie doch nicht weniger zu ihr, als die ihr voraufgegangenen oder von ihr abgezweigten Glaubenslehren, als deren Spiegelbild sie sich uns zeigen werden.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 1.
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