Zwanzigste Erzählung.
† (67).
Von einer Stadt am Meere und unseres Herrn Marter.

[205] Es war eine Stadt am Meere, die viel von giftigem Gethier zu leiden hatte: unter andern Thieren gab es[205] aber da einen ungeheuren und ungeschlachten Drachen, der alle Tage zur Stadt kam, und die Bürger der Stadt gaben ihm alle Tage ein Thier oder einen Fisch. Nun gingen sie aber zusammen zu Rath, wie sie einen Plan fänden, damit sie die Stadt möchten von dem Jammer freimachen, der in ihr war, und besonders von dem Drachen. Nun kam zuletzt ein Mann von fernen Landen, der ihnen einen Rath gab, sie sollten einen Löwen fangen und denselben an einen Baum hängen, und wenn die andern Thiere den Löwen sähen, dann flöhen sie und absonderlich der Drache. Nun fingen die Bürger zufällig einen Leuen und tödteten ihn, und als er todt war, da hefteten sie ihn mit eisernen Nägeln an einen hohen Baum, also daß man ihn allerwegen sah. Wie nun der Drache zur Stadt kam und den Löwen erblickte, alsbald entwich er von der Stadt und alle die andern giftigen Thiere folgten ihm nach, und also ward die Stadt erlöst.

Quelle:
Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. 3. Auflage, Unveränderter Neudruck Leipzig: Löffler, Alicke 1905, S. 205-206.
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