Der Schmetterling.

[140] Saß ein minnigliches Mägdlein

Auf der blumenreichen Flur,

Und zum Kranz manch liebes Blümlein

Wand es sinnig mit der Schnur.


Reine Kindesunschuld strahlte

Auf der Augen blauem Grund;

Und mit holder Anmut malte

Heitre Jugend ihren Mund.


Auf die frischen herz'gen Lippen

Flog ein bunter Schmetterling;

Wollte dort ein Küßchen nippen.

Und – die Maid den Näscher fing.


Sprach der Schmetterling, der lose:

»Süßes Mädchen, zürn' mir nicht!

Glaubt' Dein Mündchen eine Rose,

Das Auge ein Vergißmeinnicht.«


Und der Schmetterling fliegt weiter;

Sinnend still die Jungfrau steht. –

Doch, ihr Mädchen, seid gescheiter,

Wenn es an das Küssen geht!


Nach dem Küssen trägt Verlangen

Auch so mancher Jüngeling;

Keiner läßt sich aber fangen

Leicht, wie jener Schmetterling.


7. Juni, 1883.

Erakegli.

Quelle:
Warker, N.: Wintergrün. Sagen, Geschichten, Legenden und Märchen aus der Provinz Luxemburg. Arlon: Willems, 1889/90, S. 140-141.
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