Genossenschaften

[662] Im allgemeinen weist das Genossenschaftswesen ein stetes Wachstum auf, wenngleich bei dieser Entwicklung länderweise mannigfache Verschiedenheiten wahrzunehmen sind. Sie beruhen namentlich auch darauf, daß der Anteil, welchen die einzelnen Bevölkerungskreise, wie die bürgerlichen, bäuerlichen, arbeitenden Klassen, an dem Genossenschaftswesen nehmen, sich je nach den Staaten verschieden stellt, sowie daß im Zusammenhang damit auch die einzelnen genossenschaftlichen Zwecke eine der Bedeutung nach wechselnde Rolle spielen. Nicht selten ist ferner die Erscheinung wahrzunehmen, daß das Genossenschaftswesen nicht vollständig mehr auf dem Boden der Selbsthilfe steht, indem es durch den Staat oder andere öffentliche Gewalten gefördert, sogar unmittelbar unterstützt wird. Umgekehrt ist es namentlich das Konsumvereinswesen, welches durch die Beeinträchtigung des Händlerstandes auf Gegnerschaft stößt, die dann wohl auch gegen die weitere Ausbreitung der Konsumvereine oder wenigstens gewisser Klassen derselben gerichtete Maßnahmen zeitigt.

In Deutschland begann 1849 die Genossenschaftsbewegung mit der Bildung von Vereinigungen von Handwerkern, während später sich namentlich auch die arbeitenden Klassen und landw. Kreise der Assoziation bedienten. Nach den Ermittlungen des Allgemeinen Verbandes (s. unten) bestanden in den einzelnen Jahren (Ende März):

Genossenschaften. Genossenschaften überhaupt und Unterteilung.
Genossenschaften. Genossenschaften überhaupt und Unterteilung.

Von sonstigen Genossenschaftsarten gab es 31. März 1904: 266 gewerbliche und 1837 landw. Rohstoff-G., 105 gewerbliche und 671 landw. Werk-G., 108 gewerbliche und 269 landw. Magazin- und Absatz-G., 345 gewerbliche Produktiv-G., 506 Versicherungs-und sonstige G., 550 Bau-G.

Eine auf die eingetragenen G. beschränkte (ohne die Zentral-G.), nach dem Stande vom 1. Jan. 1903 vorgenommene Zählung ergab für ganz Deutschland 20.755 G. mit 3.139.519 Mitgliedern, davon entfielen auf Preußen 11.780 G. mit 1.710.113 Mitgliedern, auf Bayern 3433 G. mit 349.328, Sachsen 494 G. mit 239.204, Württemberg 1372 G. mit 215.105, Baden 771 G. mit 170.510, Hessen 748 G. mit 103.538 Mitgliedern.

Von den genannten G. waren 14.694 mit 1.727.474 Mitgliedern mit unbeschränkter Haftpflicht, 150 mit 24.268 Mitgliedern mit unbeschränkter Nachschußpflicht, 5911 mit 1.387.777 Mitgliedern mit beschränkter Haftpflicht.

Was die in den obigen Zusammenstellungen nicht berücksichtigten Zentral-G. anbelangt, so gehörten diesen sowohl G. selbst, wie Einzelmitglieder an. Sie sind zum Teil Zentralkredit-G., d. i. im wesentlichen Geldvermittlungsinstitute, teils zum einheitlichen Einkauf und Absatz oder für ähnliche Aufgaben bestimmte Haupt-G. Anfang 1903 gab es 108 Zentral-G., und zwar 56 Zentralkredit-G., 3 Haupt-G. für gewerbliche und 25 für landw. Rohstoffvereine, dann 20 Haupt-G. für den Absatz landw. Artikel, endlich 4 für verschiedene andere Zwecke (An- und Verkauf von Maschinen etc.). Außer diesen genossenschaftlich organisierten Zentral-G. bestehen aber noch andere, nicht genossenschaftlich organisierte Vereinigungen eingetragener Erwerbs- und Wirtschafts-G., so z. B. die Großeinkaufs-Gesellschaft deutscher Konsumvereine in Hamburg, welche allein 1903 einen Warenumsatz von rund 261/2 Mill. M erreichte.

Der 1895 errichteten Preußischen Zentralgenossenschaftskasse waren 1903 an Zentral-G., sowie nicht genossenschaftlich organisierten Vereinigungen von Erwerbs- und Wirtschafts-G. 52 als Verbandskassen angeschlossen. Das ihr aus Staatsmitteln zur Verfügung gestellte Betriebskapital war 1898 auf 50 Mill. M erhöht worden. Im Etatsjahre 1903 hatte sie, unter Fortlassung der Kredite auf Grund von besondern Sicherheiten, in laufender Rechnung 288 Mill. M an Entnahmen und Auszahlungen, 286 Mill. M an Rück- und Einzahlungen, 79 Mill. M an diskontierten Wechseln von Verbandskassen zu verzeichnen.

Zeugnis für die Entwicklung des Genossenschaftswesens legen auch die Verbände ab, die eine engere Verbindung unter den einzelnen G. herstellen. 1864 wurde der Allgemeine Verband der auf Selbsthilfe beruhenden deutschen Erwerbs- und Wirtschafts-G. begründet, als dessen Anwalt ursprünglich Schulze-Delitzsch wirkte, während gegenwärtig Hans Crüger die Anwaltschaft besorgt. Der Verband umfaßte 1904: 963 Kredit-, 272 Konsum-, 106 Bau-G. und 59 G. einzelner Gewerbe, zusammen 1400 G. Seit 1902 ist ein wesentlicher Rückgang in der Beteiligung der Konsumvereine eingetreten. Außer dem Allgemeinen Verbande gab es 1904: 34 selbständige Verbände, wie der Reichsverband der deutschen landw. G., der Generalverband ländlicher G. (nach dem System Raiffeisen) u. a. Letzterer zählte Ende 1903: 4243 G., davon 3749 Raiffeisenvereine und 494 Betriebs-G. Der Zentralverband deutscher Konsumvereine hatte Ende 1903: 684 Verbandsvereine, von welchen 639 nähere Angaben für 1903 lieferten, 575.449 Mitglieder, 1597 Verkaufsstellen und einen Gesamtumsatz von 176,5 Mill. M aufwiesen.

Eine zusammenfassende Statistik der Geschäftsergebnisse der deutschen G. zu bieten, ist zur Zeit nicht möglich, es sei daher nur auf folgende die Kredit-G. und die bedeutendsten Verbände betreffende Zusammenstellung verwiesen:

Genossenschaften. Geschäftsergebnisse bedeutender Verbände.*Einnahmen und Ausgaben zusammen.
Genossenschaften. Geschäftsergebnisse bedeutender Verbände.*Einnahmen und Ausgaben zusammen.

In Österreich bestanden Ende 1903 folgende G.:

Genossenschaften. G. in Österreich Ende 1903.
Genossenschaften. G. in Österreich Ende 1903.

Die Vorschußvereine beruhen mit unwesentlichen Ausnahmen auf den beiden Systemen von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen; letzteres System ist hauptsächlich in ländlichen Kreisen verbreitet. Die Zahl der Raiffeisenkassen betrug Ende 1903: 4125, d. i. 63,3 Proz. sämtlicher Vorschußvereine. Die Konsumvereine haben ihre größte Verbreitung unter der deutschen Bevölkerung Österreichs, erst in letzter Zeit wird auch in slaw. Gegenden der Bildung von Konsumvereinen mehr Interesse zugewendet. Unter den sonstigen G. sind die verschiedensten Arten, wie Rohstoff-, Werk-, landw. An- und Verkaufs-G. etc. vertreten. Der Allgemeine Verband der deutschen Erwerbs- und Wirtschafts-G., 1872 gegründet, umfaßte Mitte 1904: 743 G. 358 ihm angehörende Vorschußvereine gewährten 1903 insgesamt 394,67 Mill. Kronen an Krediten, 243 Konsumvereine erzielten einen Bruttoertrag von 5,26 Mill. Kronen, d. i. 13,5 Proz. des Gesamtbarertrags, welcher bei dem Ersten Wiener Konsumverein (mit 11,10 Mill. Kronen) am größten war. – In Ungarn wurde 1898 eine Landes-Zentral-Kredit-G. gegründet, zu der 1902: 1511 G. mit 317.854 Mitgliedern im Verbandsverhältnis standen.

In Großbritannien ist vor allem das Konsumvereinswesen mächtig entwickelt. Gezählt wurden 1901: 2050 G. für Warenumsatz und Warenerzeugung. Von diesen berichteten 1850, die zusammen Waren im Werte von 80,19 Mill. Pfd. St. umsetzten und im Werte von 9,41 Mill. Pfd. St. erzeugten. Unter den vier Großeinkaufsgesellschaften ragt die englische hervor (1901: 17,64 Mill. Pfd. St. Verkäufe). Sie unterhält Niederlagen, Produktionswerkstätten für Biskuits, Wäsche, Fleisch- und Schuhwaren, Getreidemühlen u. a. Die Schott. Großeinkaufsgesellschaft in Glasgow setzte 1901 Waren im Werte von 2,92 Mill. Pfd. St. um. Verhältnismäßig stark entwickelt sind in England die Bau-G., zurückgeblieben die Kreditvereine (1901: 81 nachgewiesen mit 6014 Mitglieder, 1,48 Mill. Pfd. St. Einlagekapital und 140.000 Pfd. St. Reservefonds).

In Frankreich (einschließlich Algier) weist die amtliche Statistik für Anfang von 1904 nach: 307 gewerbliche Arbeiterproduktiv-G., 1819 Konsumvereine (darunter 718 Genossenschaftsbäckereien). Den zwei für Kreditvereine und Volksbanken bestehenden Verbänden waren Ende 1903: 1045 Vereine angeschlossen, zu welchen noch etwa 300 außerhalb der Verbände stehende zu rechnen sind. Ziemlich zahlreich sind dabei die landw. Kredit-G., unter denen sich auch viele Raiffeisenkassen von ausgesprochen kath. Charakter befinden. Unterstützt wird die Genossenschaftsbewegung zugunsten des landw. Kredits durch staatliche Mittel, dann auch durch die Bank von Frankreich. Sehr zahlreich sind ferner G. der Landwirte zum Zwecke gemeinsamer Butter-, Käse- oder Broterzeugung, dann auch für Versicherung (gegen 5000, zumeist für Viehversicherung). Eine zusammenfassende Statistik aller der verschiedenen Genossenschaftsarten fehlt. Gide, ein bekannter Vorkämpfer des Genossenschaftswesens, schätzt die Zahl sämtlicher Kooperativgesellschaften auf etwa 9000, wovon etwa drei Viertel auf die landwirtschaftlichen entfallen. Die Arbeiterproduktiv-G. werden bei Vergebung von öffentlichen Arbeiten, sowie durch staatliche Unterstützungen begünstigt.

In Belgien finden sich zahlreiche G. und Verbände von solchen vor, namentlich macht auch dort die Landwirtschaft reichlich Gebrauch vom Genossenschaftswesen. Die Konsumvereine sind zum größten Teil in den Händen der Arbeiterpartei, die bedeutendsten unter ihnen sind der Vooruit, die Maison du Peuple in Brüssel und die Populaire in Lüttich.

Italien besitzt eine rege Genossenschaftsbewegung. Der Stand der dortigen G. geht insbesondere aus Feststellungen hervor, welche der Nationalverband (Lega nazionale delle cooperative italiane) 1903 gemacht hat. Dabei wurden ermittelt: 1053 Konsumvereine, 838 Produktiv- und Arbeits-G., 447 Kreditvereine, 84 sonstige G., zusammen 2422 Vereine. Außerdem besteht eine größere Zahl sog. Banche popolari (Volksbanken).

In den Niederlanden wurden 1. Okt. 1902: 1295 G. gezählt. Bedeutend ist der Anteil der Molkerei-G. daran (539), auch bezüglich anderer Genossenschaftsarten, wie der Bau-G. etc., werden belangreiche Fortschritte verzeichnet.

In Dänemark wurden 1903: 900 Konsumvereine mit 150.000 Mitgliedern gezählt, die 1896 unter dem Namen des Vereins dän. Konsumvereine begründete Großeinkaufsgesellschaft verzeichnete einen Jahresumsatz von 20 Mill. M. In den landw. Kreisen ist das Genossenschaftswesen bereits sehr verbreitet; so ermittelte man 1903: 1046 Genossenschaftsmolkereien, zahlreiche Einkaufs-G. für Futterstoffe und Dünger u. a. Bemerkenswert sind auch die dän. Bau.-G. und Genossenschaftsschlächtereien.

In der Schweiz sind sowohl mehrere Arten landw. G., sowie namentlich Konsumvereine zu größerer Bedeutung gelangt. Für letztere besteht ein Verband, der 1903: 142 Verbandsvereine mit 109.357 Mitgliedern und 509 Verkaufsstellen aufwies. Die den Mitgliedern geleisteten Rückvergütungen betrugen 3,12 Mill. Frs. Die den Einkauf von Waren für die Verbandsvereine besorgende Zentralstelle hatte 1903 einen Umsatz von 6,18 Mill. Frs.

Aus Rußland wird insbesondere eine Zunahme der landw. G. gemeldet, die auch Unterstützungen seitens der Regierung oder Landschaft genießen und Verkaufsstellen von Geräten und Sämereien einrichten, Versuchsfelder anlegen, sich mit Pferdezucht befassen u. a.

In den Ver. Staaten von Amerika sind bes. entwickelt die Bau- und Darlehns-G. (Buildings and loan associations), die dem Sparzweck und der Gewährung von Baukapitalien an ihre Mitglieder dienen. Die Gründung solcher Gesellschaften geht auf das J. 1831 zurück; 1903 zählte man bereits 5350 Bau-G., die an Aktiven 599,55 Mill. Doll. besaßen.

Zur Pflege internationaler Beziehungen dienen die ins Leben gerufenen Internationalen Genossenschaftskongresse. Der sechste Kongreß dieser Art fand 1904 in Budapest statt.[662]

Quelle:
Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 1. Leipzig 1911., S. 662-663.
Lizenz:
Faksimiles:
662 | 663

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Frau Beate und ihr Sohn

Frau Beate und ihr Sohn

Beate Heinold lebt seit dem Tode ihres Mannes allein mit ihrem Sohn Hugo in einer Villa am See und versucht, ihn vor möglichen erotischen Abenteuern abzuschirmen. Indes gibt sie selbst dem Werben des jungen Fritz, einem Schulfreund von Hugo, nach und verliert sich zwischen erotischen Wunschvorstellungen, Schuld- und Schamgefühlen.

64 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon