25. Brief.

[163] Lieber Wilhelm!


Ich fahre fort, Dir noch einige Regeln mitzutheilen, welche die gute Conversation betreffen.

Erniedrige Dich nie zur Verleumdung und Medisance. Jene erzählt falsche Dinge und lügt, diese ist eine üble Nachrede von wahren Dingen. Beydes schwächt und vernichtet den guten Ruf, die Ehre des Andern, ein Gut, das in der menschlichen Gesellschaft so viel werth ist, als das Leben selbst. Die wahre Ehre bestehet in der Meinung Anderer von unserm Verstande, unsern Fähigkeiten, Einsichten, Kenntnissen, Verdiensten, unserer Weisheit, Rechtschaffenheit [163] und Tugend, kurz, von unsern persönlichen Vorzügen, aber nicht in ihrer Meinung von unserm Reichthume, Namen, Stande, Range, unserer Geburt und Würde, welches alles uns keine wahre Ehre geben kann, obgleich Viele sie darin setzen. Wenn nun durch Verleumdung und Medisance, jene gute Meinung von unserm persönlichen Werthe Andern entrissen wird, wenn ihnen gegen unsere Rechtschaffenheit, Wahrheitsliebe, Geschicklichkeit, Fleiß etc. Zweifel beygebracht und sie verführt wer den, uns das Gegentheil von dem Allen zuzuschreiben, und uns ihr Zutrauen zu entziehen: so wird unsere Existenz in der menschlichen Gesellschaft unnütze für uns und für Andere, wir sind in derselben so gut, als todt. Solche entsetzliche, unübersehliche Folgen hat dieses abscheuliche Laster! Wenn die Verläumder, die so bösartig sind, daß sie nichts Gutes und Rühmliches um und neben sich dulden können, ohne es anzutasten und zu verdunkeln und wo möglich zu vernichten, vorgeben, daß die Verleumdung und Medisance so gemein sey, daß sie keine nachtheilige Wirkung mehr habe, so ist dieses Vorgeben ganz falsch. Etwas bleibt immer hängen; der Mensch ist gar zu geneigt, [164] das Böse zu glauben. Denke Dir eine Gesellschaft von Menschen an einem Orte, unter welchen Verleumdung und Medisance herrscht. Was kann das für eine angenehme Gesellschaft seyn? Jeder hat etwas gegen den Andern, Jeder ist sich bewußt, Unrecht gethan und Unrecht erlitten zu haben. Dieses Bewußtseyn hindert alle Annäherung und Theilnahme, alle unbefangene Zutraulichkeit; einer haßt den Andern und verschließt sich vor ihm; Unzufriedenheit, Mistrauen, Entfernung zerstört die Gesellschaft.

Sprich daher nie etwas nachtheiliges von Andern, weder den Gegenwärtigen noch den Abwesenden; und gebietet es in besondern Fällen die höhere Pflicht, um Dich oder Anderer Ehre zu vertheidigen, so thue es kurz und bestimmt, ohne zu großen Eifer und ohne Hitze, um Deiner Wahrheitsliebe nicht zu schaden und Andere nicht zu erbittern.

So sehr Du schuldig bist, einen Jeden anzuhören, ein jedes einfältige und nichtsbedeutende Gespräch, das an Dich ergehet, aufzunehmen, und ihm Deine Aufmerksamkeit zu schenken, so [165] merke doch nie auf die Verleumdungen Anderer, wenn Du nicht glaubst, den Verleumdeten zumal wenn er Dein Freund ist, mit gutem Erfolge entschuldigen, vertheidigen und rechtfertigen zu können. Stimme nicht ein, schweige, lenke das Gespräch auf etwas anders, oder entferne Dich. Der Andere darf nur wissen, daß Du seine Fehler kennst, so ist dieß schon genug, daß er Dein Feind werde.

Scherze nie, als mit der äußersten Vorsicht. Jeder Scherz ist unerlaubt, welcher beleidiget. Scherze daher nie mit Höhern oder in ihrer Gegenwart; denn scherzen ist familiärer Ton.

Scherze nie über Niedere und Untergebene, die sich nicht vertheidigen dürfen, und über welche die Andern, um Dir gefällig zu seyn, noch herfallen und den Scherz bitterer machen. Da der Kampf ungleich ist, und man den Höhern nicht mit gleicher Münze bezahlen darf, so sind alle witzigen, neckenden Ausfälle der Höhern auf die Niedern unfein, unedel, oft grausam.

[166] Scherze nie mit denen, die keinen Scherz verstehen, nie mit stolzen, eingebildeten, eingeschränkten, empfindlichen Personen, die auch den unschuldigsten Scherz übel aufnehmen.

Scherze nie mit denen, die nicht Geist und Witz haben, Dir den Scherz zurückzugeben; es kann kein Vergnügen machen, an Schwachen zum Ritter zu werden.

Scherze nie über etwas, das ernsthaft ausgelegt werden kann. Die Wohlthätigkeit und Freygebigkeit eines Mannes, die Tugend einer Frau muß über alle Zweifel erhaben seyn, wenn Du über des erstern Geiz und über der letztern Koquetterie scherzen willst.

Scherze nie auf Kosten der Ehre eines Andern, welches keine andern, als ernsthafte Folden haben kann.

Scherze nie über die Leibesgebrechen und das Unglück eines Andern; eine solche Niedertächtigkeit würde Dir nie vergeben werden.

Scherze nie über religiöse Dinge, die dem Menschen heilig sind, und wenn sie auch wirklich in das Lächerliche fielen.

[167] Scherze nie über eine ganze Nation, ein ganzes Geschlecht, einen ganzen Stand unter den Menschen. Jene scherzenden und witzigen Einfälle und Anekdoten über Advokaten, Soldaten, Pfarrer, Hofleute, Bürger etc. sind ein gemeiner, verbrauchter, armseliger Witz, der von eben soviel Ungerechtigkeit, als Unverstand zeugt. Jeder Stand, jedes Geschlecht hat seine Würde und seine hohen Verdienste, in jedem gibt es gute und böse, dumme und kluge, aufgeklärte und unwissende.

Scherzen kannst Du am gehörigen Orte und in gehöriger Gesellschaft über kleine moralische Eigenheiten, Lächerlichkeiten im Aeußern, besondere auffallende Gewohnheiten, besonders über Anmaßungen, Misverständnisse etc. aber nie anders, als wenn Du Talent und ein gutes Herz hast, wenn Du es auf eine angenehme, seine, nicht plumpe, grobe Art, ohne alle Bosheit, mit Achtung und Wohlwollen, mit dem Lobe einer andern guten Seite thust, so daß Dein Scherz nie wehe thut, nie beleidigt. Derjenige, über welchen Du scherzest, darf, wegen Deines Scherzes, nicht schlechter von sich denken. Einen [168] solchen guten Scherz wird man wohl aufnehmen und ihm die beste Auslegung geben. Dieß sind aber sehr seltene Fälle. Ich habe einen einzigen Mann gekannt, der mit seinem seinen Witze und vortreflichen Herzen diesen guten Scherz verstand, den man nie übel aufnahm.

Bey deinem Scherze mache nie den Spasmacher. Dieser unterhält mit seinen Sammlungen von Schwänken und Einfällen nur eine kurze Zeit, und wird nachher verachtet. Die niedrigste, unedelste Spasmacherey ist, wenn man Anderer Miene, Sprache, Geberden, Gang nachäffet, Grimassen schneidet, über Alles lacht und Andere lachen macht. Solche Spasmacher werden wohl in mancher Gesellschaft gesucht. Es ist aber eine sehr schlechte Ehre, die nie lange dauert, so wie es überhaupt nicht rühmlich ist, wenn man nur um einzelner Dinge willen, etwa weil man gut spielt, gut tanzt, hübsche Späschen macht in gewisse Gesellschaften gezogen wird.

Eine Art von Scherz ist die Persiflage, wenn man Jemanden aufziehet, und zum Gegenstand [169] des Scherzes macht, ohne daß er es merkt, ihn lächerliche Dinge sagen läßt, einfältige Geständnisse herauslockt etc. Will man Dich persifliren, so gib nur gleich zu erkennen, daß Du die Absichten merkst. Fährt man fort, so spotte selbst mit über die Sache, übertreibe sie, mache sie lächerlich, so machst Du den ganzen Spott unkräftig.

Endlich sey kurz, natürlich, leicht und zweckmäßig in deinen Komplimenten. Ein Kompliment ist keine Verbeugung, wie manche Deutsche, sogar Lehrer der Höflichkeit wähnen, sondern eine verbindliche Rede. Der artige Mann sagt gerne Jedem etwas verbindliches, ohne den Schmeichler zu machen, ohne Uebertreibung, auf eine natürliche, ganz ungesuchte Art, indem er bey Jedem leicht die gute Seite auffindet und sie mit Feinheit ins Licht zu stellen weiß.

Man sagt Komplimente, um seine Theilnehmung an einem glücklichen oder unglücklichen Ereignisse zu bezeugen. Diese müssen kurz, herzlich seyn, der natürliche Ausdruck wahrer Empfindungen, nicht lange, studirte Reden. Man macht ferner Jemanden ein Kompliment, um [170] ihm seine Zuneigung, seinen Diensteifer, seine Achtung, Ehrerbietung, Treue, seinen Gehorsam, seine Unterwürfigkeit zu erkennen zu geben. Ohne Jemanden zu übersehen und zu vernachlässigen oder sich blos an wenige Personen, die etwa Mode sind, zu fixiren, unterscheidet der höfliche Mann die Vorzüglichern von den Gewöhnlichern, hebt Jener Vorzüge hervor, ohne diese in den Schatten zu stellen, umarmt nur seine Freunde, ohne die Andern zu beleidigen.

Endlich macht man Komplimente, um Jemanden ein Lob zu ertheilen. Thoren und Schmeichler loben und bewundern alles, und werden fade; was aber wirklich Lob verdient, muß man gerne loben, um nicht zu zeigen, als sey man neidisch; nur darf man das Lob nie übertreiben, damit es nicht der Schein einer beleidigenden Ironie erhalte.

Diese letztern Komplimente sind sehr schwer, sie erfordern viel Geschicklichkeit, wenn man nicht in den Verdacht der Schmeicheley fallen will. Erstlich wirst Du nie etwas loben, was tadelnswürdig ist; dieß wäre Falschheit und Betrug. [171] Glaubst Du aber etwas lobenswürdiges an Jemanden zu finden und es hervor ziehen zu müssen, so mußt Du ihn zu überreden wissen, daß Du von der Wahrheit dessen, was Du sagst, überzeugt seyst; dann ist Dein Kompliment verbindlich, denn es ist aufrichtig, wenn auch derjenige, der es empfängt, weiß, daß es ganz oder zum Theil Unwahrheit sey. Vermeide daher alle Uebertreibungen, alle schwerfällige Weitläuftigkeiten, sie sind geschmacklos, verächtlich und werden sehr oft beleidigend. Ziehe das Lob nie herbey, es muß aus Deiner Unterredung von selbst hervorspringen. Abwesende lobe gegen diejenigen, die nicht ermangeln werden, ihnen. Dein Lob zu wiederholen; dieß ist das beste Lob, weil es mehrere Zeugen hat.

Geize nicht nach dem Lobe und den Komplimenten Anderer, wie ein eitler Fat. Macht man sie Dir, so empfange sie mit Würde und Anstand ohne dabey weder eine falsche Bescheidenheit zu affectiren, noch Dich zum Stolze und zur Eitelkeit verleiten zu lassen. Man muß aus dem Lobe Anderer, wenn wir es auch wirklich verdienen, nicht zu viel machen; sie sind selten [172] im Stande, uns und unsere Verdienste richtig zu beurtheilen. Unsere Ehre beruht auf unserm innern Werthe, den Andere selten kennen. Unser eigenes Bewußtseyn desselben muß uns bescheiden, aber auch feste feste machen, nicht schüchtern, blöde und verzagt, aber auch nicht unverschämt, dreiste und zudringlich. So gehe Deine Wege, mein lieber Neffe, mit sicherm Schritte fort. Mache Deine. Grundsätze und Handlungen nicht von der Menge abhängig und frage nicht sklavisch: was wird man dazu sagen? Nein, sondern frage vielmehr bey Deinen Handlungen, wo Du ungewiß bist: was würde hier in diesem Falle der oder jener rechtschaffene, weise Mann thun, was würde er sagen, wie würde er handeln? –


[173] ** den 16. Nov. 1802.


Quelle:
[Anonym]: Briefe über die Höflichkeit und den Anstand oder die feine Lebensart. Leipzig 1804, S. 163-174.
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