Die Kunst sich bei dem schönen Geschlechte beliebt zu machen.

[4] Wenn jeder Herr die Dame, welcher er gewogen ist, so behandelte, als sie es wünschte, so würde ihre Gunst zu erringen nicht schwer halten, doch versteht diese Kunst nur ein kleiner Theil der Herren; um also diesen einen Nutzen zu stiften, theile ich meine vieljährigen Erfahrungen öffentlich mit.

Ist die Dame welche der Herr liebt, still und wortkarg, so darf auch er nur wenig sprechen, suche aber ihren leisesten Wunsch zu erfüllen, ohne dabei von seiner männlichen Würde etwas zu vergeben. Besonders im Anfange der Bekanntschaft suche man ihre Achtung zu erringen, denn aus dieser entsteht leicht Liebe. Im Anfange lobe man weder ihre Schönheit, [5] noch ihre Kleidung, denn dies würde nichts helfen, weil es doch nur als Schmeichelei, und zwar nur zu bald, als fade Schmeichelei oder als Spott aufgenommen würde. Erst wenn man die Achtung der Dame besitzt, kann man nach und nach mit Schmeicheleien ihre Gunst zu erringen suchen, und von dieser bis zur Liebe ist es nur ein kleiner Sprung. Besitzt der Herr die Achtung der Dame, so nimmt sie auch seine Schmeicheleien als Wahrheit – als reine Ergießungen seines Herzens auf. Man meide jede Gesellschaft von Damen, wohin die Erwählte nicht geht, um ihre angeborne Eifersucht nicht zu erregen, weil aus dieser leicht Haß entsteht. Geht sie auf einen Ball, so tanze man zuerst und wo möglich ausschließlich mit ihr, oder höchstens ein Mal mit ihrer vertrautesten Freundin, die man artig behandeln, aber nicht schmeicheln darf, weil man nur zu viele Beispiele hat, daß die Freundin der Erwählten die Worte ihres Tänzers ganz anders wieder erzählt hat.

Auf dem Balle lasse man in den Pausen [6] nur den Blick auf der Erwählten ruhen, sei freundlich und bringe ihr Erfrischungen. Man trinke nicht zu viel geistige Getränke, um mehr Muth und Feuer zu bekommen, denn wenn dies der Fall ist, so kommen die wahren Gesinnungen des Herzens nur zu leicht zum Vorschein und man verliert in der Achtung der Dame. Man verlasse den Ball nicht eher, als sie, und bitte, sie nach Hause begleiten zu dürfen, wo man sagen kann:

»Demoiselle N.N., der heutige Ball würde unstreitig der schönste meines Lebens sein, wenn ich das Glück haben könnte, Sie nach Hause zu begleiten.«


Oder:


»Dürfte ich es wohl wagen, Demoiselle, Ihnen mei nen Arm zur Begleitung nach Ihrer Wohnung anzubieten?«


Oder:


»Sie waren heute so gütig, mehreremal [7] mit mir zu tanzen, wofür ich Ihnen meinen innigsten Dank abstatte. Wollen Sie mich daher ganz zu Ihrem Schuldner machen, so erfüllen Sie mir noch eine Bitte und erlauben gütigst, daß Ich Sie nach Hause begleite.«


Oder:


»Wenn Sie sich in meinen Schutz begeben wollen, bestes Julchen, so bin ich so frei, Ihnen meinen Alm anzubieten.«


Ist der Herr mit der Dame schon etwas genau bekannt, so kann er sich ein Küßchen ausbitten, und hat er erst eins, so erhält er auch leicht mehrere. Ist man aber mit der Dame noch nicht genau bekannt, so verlange man ja keinen Kuß, sondern küsse ihr die Hand mit den Worten:


»Nehmen Sie meinen innigsten Dank, schöne Demoiselle N.N., für Ihre gütige Erlaubniß, Sie nach Hause begleiten zu dürfen. Unvergeßlich wird mir dieser Ball bleiben.

[8] Herzlich wünsche ich, daß Ihnen das Vergnügen wohl bekommen mag.«


Oder:


»Durch Ihre freundschaftlichen Gesinnungen und durch das Glück, daß Sie mir erlaubten, Sie nach Hause zu begleiten, ist dieser Ball der schönste meines Lebens geworden. Ewig, ewig wird die Erinnerung an ihn in meinem Gedächtniß fortleben. Sollte Ihnen daher meine Begleitung nicht unangenehm gewesen sein, so werde ich bei der ersten Gelegenheit Sie wieder um die Erlaubniß bitten, Sie begleiten zu dürfen.«


Oder:


»Sollte Ihnen, schöne Demoiselle N.N., meine Begleitung nur den hundertsten Theil so angenehm gewesen sein, als mir die Ihrige, so schätze ich mich unendlich glücklich. Möge Ihnen dieser Ball recht gut bekommen!«


Sollte der Herr Zeit haben, ein Instrument [9] zu erlernen, hauptsächlich die Guitarre, so will ich ihm dies anrathen. Er bringe ihr dann, wenn sie nach seiner Meinung in das Bettchen gehuscht ist, eine Nacht-Musik. Hat er eine gute Stimme, so kann er auch leise eine beliebte Arie singen, die von den Freuden der Liebe handelt.

Im Anfange der Bekanntschaft zeige man sich furchtsam und werde erst nach und nach dreister und fröhlicher. Man wage erst dann ein Geschenk zu machen, wenn man ihrer Achtung versichert ist, und zwar mit der Bitte, mehr auf den guten Willen zu sehen, als auf den Werth. Man kleide sich stets reinlich, und wenn es die Kasse erlaubt, auch kostbar, denn das eitle schöne Geschlecht übersieht oft, durch das Aeußere geblendet, die inneren Fehler. Aber selbst eine kostbare Kleidung, ohne Geschmack gewählt, ist geringer, als eine schlichte reinliche. Man suche daher bei der Dame zu erforschen, ob sie das Prahlende oder das Einfache liebt; weiß man dies erst, dann kann man sich auch leicht darnach [10] kleiden. Ist der Herr blaß, so rathe ich ihm, sich stets etwas dunkel zu kleiden; ist er aber roth, so kleide er sich hell, doch wird er durch ein schwarzes Halstuch und Oberhemd auch gut aussehen, besonders wenn er braun im Gesicht ist.

Noch ist zu empfehlen, an der Wohnung der Erwählten wöchentlich wenigstens einigemal vorüber zu gehen und ihr ein tiefes und freundliches Kompliment zu machen. Sollte indessen, wider Erwarten, die Dame den schönen Gefühlen der Liebe dennoch lange widerstehen, so sei der Herr traurig, nahe sich ihr stets mit einem Bücklinge, meide jede Gesellschaft, selbst männliche, und hänge in der freien Natur seinen Lieblingsgedanken nach. Sollte er die Freundin der Erwählten genau kennen, so kann er ihr seine unaussprechliche Liebe zu ihrer Freundin gestehen. Diese wird nicht ermangeln, der glücklichen Erwählten eine getreue Mittheilung zu machen; ihr weiches weibliches Gefühl wird erwachen, Liebe und Mitleid schlagen in [11] ihrem Herzchen ein Lager auf und bald wird ein gegenseitiges Liebesgeständniß erfolgen. –

Ist die Dame, welche der Herr liebt, lustig und sehr gesprächig, so muß sie ganz anders behandelt werden, als die stille und wortkarge. Der Herr muß auch viel sprechen und zwar etwas frei, ohne die Gunst der Schönen zu verscherzen. Man sei auf jede nur mögliche Art gefällig gegen sie, lobe mit einer ernsthaften Miene ihre schöne Gestalt, die Purpurlippen, welche unser Herrgott nur zum Kusse so schön geformt habe, die weißen kleinen Zähne, die blauen oder schwarzen Augen, das schöne geformte Gesicht u. dgl. m. Man kleide sich schön, ziehe wenigstens täglich einen andern Rock an, wenn es nämlich die Kasse erlaubt einen solchen Aufwand zu machen, und zeige, daß man Geld in der Tasche habe. Wenn der Herr besonders nicht in seiner Vaterstadt ist, so kann er auch etwas lügen und der Dame sagen, daß sein Vater ein Doktor sei, wenn er auch nur ein armseliger Bartputzer ist. Sollte die lustige [12] Dame auch wirklich die Wahrheit erfahren, so wird sie ihm eine solche Lüge leicht verzeihen, während die stille Dame ihre ganze Verachtung dem Lügner würde empfinden lassen.

Sollte man mit der Erwählten auf einem Balle zusammenkommen, so tanze man mit ihr den ersten Tanz und dann mit andern Damen, um ihre Eifersucht zu erwecken, wodurch sich schnell die Liebe zeigt. Schmollt die Dame nicht über ein solches Verfahren, so kann man sich darauf verlassen, daß man ihr gleichgültig ist. Wenn sie aber schmollt und ein recht böses Gesicht macht, so ist es bestimmt: man ist ihr nicht gleichgültig. Es ist zwar wahr, daß sich das schöne Geschlecht sehr verstellen kann und laut lacht und kichert, wenn ihm das Herz vor Schmerz zerspringen möchte; doch wer nur etwas Erfahrung hat, wird diese erkünstelte Freude dennoch von der wahren unterscheiden können.

Der Herr sei dreist und suche seine Dame durch angenehme Erzählungen, wahr oder unwahr, zu unterhalten, wenn sie sich nur gut [13] zuhören. Wenn eine solche Dame nach Hause begleitet wird, so kann der Herr mit Pathos ausrufen:


»Göttliche Laura! Meine Brust drohte vor Wonne zu zerspringen, als ich Sie leicht, wie einen Zephyr, durch den Saal schweben sah. Ihre Füßchen schienen kaum den Boden zu berühren. Sie waren wie ein Engel aus jenen Zonen. Gern hätte ich unausgesetzt die ganze Nacht mit Ihnen getanzt, wenn ich es nicht für meine Pflicht gehalten hätte, mit der Madame N.N. und der Demoiselle N.N. auch zu tanzen; doch gönnte ich das hohe Glück, mit Ihnen zu tanzen, auch andern Herrn. Sein Sie versichert, daß so lange ich athme, werde ich Sie nicht vergessen. Zum glücklichsten Menschen aber werden Sie mich machen, wenn Sie den nächsten Ball wieder durch Ihre Gegenwart verschönern, und mir, Ihrem unterthänigsten Diener, die Wonne wieder gönnen, mit [14] Ihnen zu tanzen und Sie nach Haufe zu begleiten!«


Sollte es aber dem Herrn von der Natur versagt sein, viele Worte zu machen und nicht fröhlich zu sein, wie die Erwählte des Herzens, so suche er die schwachen Seiten der Dame abzumerken und sich dann hierdurch ihre Gunst zu erringen. Ueberhaupt muß, wenn der Herr wortkarg ist, er sich bemühen, seine Gesinnungen nach den ihrigen zu richten. Durch gleiche Gesinnungen oder durch gegenseitige Achtung wird die Liebe natürlich am leichtesten befördert.


Wenn die Herzens-Dame geizig ist, so mache man ihr auch nur geringe Geschenke und zeige sich stets als ob man reicher sei, als es wirklich der Fall ist. Ist aber die Dame verschwenderisch, so mache man ihr kostbare Geschenke, denn wenn man sie erst zur Frau hat, so kann man ihr die Sucht zu glänzen schon vertreiben. Ist sie mildthätig, so schenke man [15] auch den Armen reichlich und bemühe sich, daß sie dieß erfahre. Ist sie traurig, so erkundige man sich theilnehmend nach der Ursache, und sei es auch.


Hat die Erwählte noch Eltern, so suche man ihnen auf jede nur mögliche Art gefällig zu sein, besonders gilt diese Regel bei der Mutter. Ein altes Sprichwort sagt schon: »Wer die Tochter haben will, muß die Gunst der Mutter besitzen.« Man sei Freundlich gegen sie, sage, daß sie täglich corpulenter und jünger werde, lobe ihre weiße Wäsche, ihr gutes Essen, die geschmackvolle Verzierung der Stube, die schönen Gemälde u.d.m. Ueberhaupt suche man den Eltern Stadtneuigkeiten oder Anekdoten zu erzählen und sage nie ein zweideutiges Wort, denn auch hierdurch steigt man in der Achtung der Eltern, und wenn sie erst den Courmacher der Tochter loben, so ist die Hälfte des Sieges schon gewiß. Man braucht dann nur noch ein kleines Scharmützel auf das Herz [16] der Tochter auszuführen und ein glänzender Sieg ist erfochten.


Wenn die angegebenen Regeln alle befolgt werden, so erringt jeder Herr die Gunst seiner Erwählten mit Zuversicht.

Quelle:
[Anonym]: Der galante Stutzer. Nordhausen 21829, S. 4-17.
Lizenz:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese gibt sich nach dem frühen Verfall ihrer Familie beliebigen Liebschaften hin, bekommt ungewollt einen Sohn, den sie in Pflege gibt. Als der später als junger Mann Geld von ihr fordert, kommt es zur Trgödie in diesem Beziehungsroman aus der versunkenen Welt des Fin de siècle.

226 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon