II.

Der Junggeselle.

[918] 919. Heiraten ist gut, nicht heiraten aber ist besser, sagen mit Apostel Paulus alle jene, die als Junggesellen durch das Dasein wandern, mit ihrem Geschick mehr oder weniger zufrieden sind und bis zu ihrem letzten Atemzuge die Hoffnung aller Mütter bleiben, die immer mit gezücktem Degen herumlaufen, weil sie eine oder mehrere heiratsfähige und heiratslustige Töchter auf Lager haben und gern mit ihnen räumen möchten. Selbstverständlich meine ich die letzte Redensart nur im besten Sinne, denn es wäre mehr als egoistisch, das Gute, das man hat, ganz allein für sich behalten zu wollen, man muß es weitergeben, um damit auch anderen eine Freude zu machen.

»Nicht alle Ehelose« – sagt Karl Julius Weber in seinem Demokrit – »sind Eheverächter. »Manche denken, ehe sie handeln und fragen, bevor sie sich die Flügel an Hymens Fackel verbrennen, ob die Verhältnisse, in denen sie stehen, auch solid, andauernd und verläßlich sind. Heiraten ist kein Gewerbe und bei einem reichen Gott und armen Amt mit weiter Aussicht auf ein Dutzend Vaterunser reibt sich mancher zu spät die Thränen aus den Augen, mit allen Fünfen. Mit dem Heiraten steht es gerade wie mit Reisen, manche festgeschlossene und gewünschte Reise unterbleibt, wenn sie zu weit hinausgeschoben wird. Jedoch bleibt der Unterschied, daß man auf einer Reise umkehren kann, was sich im Stande der Ehe so leicht nicht thun läßt.

Griechische und römische Jünglinge standen vor keinem Hagestolzen auf und die Spartanerinnen peitschten alljährlich im Venustempel die Junggesellen. Geschähe dies auch noch heute, so wäre es mehr als ungerecht. Junggesellen können sehr triftige Gründe haben, die ihnen sogar zur Ehre gereichen. Kränklichkeit und körperliche Gebrechen sind gewiß Gründe, die Ehelose sogar zu Wohlthätern der Menschheit machen. Mangel an Auskommen entschuldigt nicht minder, da kein Manna mehr vom Himmel regnet, und niemand einem etwas giebt, wenn man nichts hat, als höchstens ein Almosen. Der Hauptgrund steigender Ehelosigkeit liegt offenbar im Luxus und Sittenverderben.

Weltliche Hagestolze waren die kräftigsten Stützen des Staates wie Mönche die eifrigsten Stützen der Kirche, und wären letztere geblieben, wie sie sein sollten, wir müßten sie segnen. Die christliche Kirche in ihrer ersten Einfalt glaubte die Lehrer ihrer Naturpflicht entziehen zu müssen, damit sie, unzerstreut durch die Familie, desto freudiger an die große Brüderfamilie der Menschheit sich anschließen und ihr Rat und Tröster sein könnten in stiller Genügsamkeit und Ruhe. Und welche unsterbliche Töchter hinterließen nicht Epaminon das und Nelson, zu Mantinea, Abukir und Trafalgar? Pitt und Thugut aber setzten den verderblichen Franzosenkrieg fort als die hartnäckigsten Hagestolze; der erste liebte bloß die Flasche und der zweite sein l'hombre mit alten Damen. Isolierung zerreißt endlich die Fäden, die uns an die Menschheit knüpfen, und setzt einen starren Egoismus an die Stelle, der seiner Leibidee ganze Generationen zu opfern vermag, und eine Verhärtung aller Gefühle, gefährlicher als vorübergehende Leidenschaft, die wir an Päpsten und Mönchen sehen können.

Thugut fiel wenige Tage vor seinem Ende aus dem Bette und blieb, alles Zuredens ungeachtet, auch liegen; man schob eine Matratze unter, auf der er starb. Wie ganz anders sähe manches in der französischen Revolution aus, wenn nicht so viele Hagestolze im Rat der Nation gewesen wären? Wir haben ein bestimmtes Einkommen zur Bedingung einer Repräsentantenstelle gemacht, gleich gut wäre die Bedingung eines Familienvaters, die dritte allerwichtigste aber – freie britische Rede – mag noch anstehen, man muß nicht alles auf einmal wollen.

Der ami des hommes, Mirabeau der Vater, beweist, daß Hagestolze auch dem Staate sonst nützlich seien: »Die Menschen mehren sich wie die Ratten,« sagte er, »die Bevölkerung richtet sich nach den Mitteln der Subsistenz, Cölibat vermehrt diese Mittel, Hagestolze beschränken sich in der Regel«, was jener Finanzminister gelesen haben muß, der bei einer vorgeschlagenen Hagestolzensteuer auf den Apostel Paulus verwies: »Wer ledig ist, der sorgt, was dem Herrn angehört, und wie er dem gefalle; wer aber freit, wie er dem Weibe gefalle und was der Welt angehört« (der werten Familie und Sippschaft bis ins dritte und vierte Glied) – die Steuer unterblieb. Der Hagestolz entbehrt viel häusliches Glück, wo Weib und Kinder nur halb einschlagen, aber stirbt desto leichter, beruhigt sich leichter im Leben und Unglück, wenn er nur halbweg über Liebe, Freundschaft und Welt unserer Zeit die Augen aufgethan hat; keine bösen Sieben und keine Buben, wie sie heuer sind und dergleichen schon David und Eli kennen, bringen seine grauen Haare mit Jammer in die Grube, und er spricht mit Ruhe: »Stehet auf und lasset uns von hinnen gehen.«

Der Hagestolz verfehlt seine Bestimmung nicht ganz, wenn er auch seine Geschlechtsbestimmung verfehlt; Liebe entbehrt er allenfalls (und doch nicht immer), das ist negatives Unglück; entgeht er aber getäuschter, betrogener Liebe, so ist das positives Glück; nicht so die alte Jungfer, deren einzige Bestimmung die Mutter ist.

Der Ehelose, den weniger Verhältnisse binden, geht überall hin, frei wie die Luft und kühn wie der Adler; im Bewußtsein einer Kraft, die ihm überall Befriedigung seiner geringen Bedürfnisse zu finden verspricht, eilt er von Norden nach Süden, Ost und West, über Meer und Gebirge, kämpft männlich gegen jede Ungerechtigkeit, läßt sich nicht lange hudeln von sogenannten Gnädigen, noch weniger wedelt er mit dem Schwanze des sogenannten Aufwartehündchens und tritt dreist den Schuften unter die Augen; kaum aber drückt er sein süßes Weib an seine Brust, so wird er Herkules am Spinnrocken der Omphale – hoher Sinn und Selbständigkeit sind entflohen, sein Dasein ist Miteigentum von Frau und Kind, denen er Schutz gelobt hat in den Stürmen des Lebens. Ein Alltagsmensch, sobald er ein Stückchen Brot hat, denkt an nichts weiter als ans Heiraten; einer schwachen, sanften und liebenden Seele scheint es schrecklich, allein zu stehen, und ein Schwachkopf sinkt in gezwungener Einsamkeit in Schwermut, während sie den Mann von Geist wieder stärkt und aufrichtet. Der festere, rauhere und selbständigere Charakter geht, wenn es so sein muß, seinen Weg lieber allein. Je mehr er Ehescenen beobachtet, je mehr er über die jetzige Jugend die Achsel gezuckt hat, desto ruhiger geht er seinen Gang; braucht er Hilfe, so findet er sie, und je freundlicher er sich gegen Dienstboten benimmt, desto anhänglicher werden sie, während Kinder gern alles, was man thut, für Schuldigkeit ansehen und manche auf so unverschämte Art, daß mich dergleichen Beobachtungen allein schon vom Heiraten hätten abhalten können; und gerade, wo man sie am ehesten braucht, stellen sie ein abgesondertes Hauswesen an, und man ist dennoch verlassen, wenn man bei ihnen nicht das Gnadenbrot essen mag. Und gerade so geht es auch manchem guten Onkel und mancher Tante; sind sie arm, so sind sie doppelt zu bedauern, und sind sie wohlhabend oder gar reich, so macht man an sie alle möglichen Ansprüche und kann kaum die Zeit abwarten, wo man die Melkkuh ins Haus schlachten darf.

Gar manchem habe ich auf seine unüberlegte Rede: »Wer freit, ist nicht gescheit!« entgegnet: »Wie, was, und du hast nicht gefreit?« Und wenn man in der Jugend erst an die Zeiten eines hilflosen kränklichen Alters denken wollte! Was sind da nicht Frau und Kinder? Mancher wackere Mann betrachtete Freiheit als das höchste Gut, hätte aber besser gethan, Hippels komischen alten Hagestolz vor dessen Buche von den Weibern recht zu betrachten, die Haushälterin, Hund und Katze anmurren.

Uebel gegen Uebel. Heiraten scheint doch das geringere Uebel; es ist Pflicht des Bürgers, und selbst die Natur, die einundzwanzig Knaben gegen zwanzig Mädchen geboren werden läßt, weist darauf hin, und da sie rechnete, war alles gut. Indessen kann es Verhältnisse geben, wo es sogar Tugend ist, nicht zu heiraten, und doppelte Tugend, je mehr man Beruf dazufühlt. Solon fragte Thales: »Warum heiratest du nicht?« Siehe, da zeigte sich ein Reisender von Athen, der erzählte, daß der Sohn eines berühmten Mannes begraben worden sei, Solons, wenn er nicht irre. – Solon wollte verzweifeln und nun gestand Thales seine List: »Nun hast du die Antwort auf deine Frage. In unseren Zeiten möchte mancher verzweifeln, daß er Söhne hat.« So weit der lachende Philosoph.

[919] 920. Die Stellung des Junggesellen in der Gesellschaft hängt naturgemäß von seinem Alter und dem Amte, das er bekleidet, ab. An einen hohen Beamten in der Mitte der Vierzig wird man in jeder Hinsicht andere Anforderungen stellen, als an einen jungen Leutnant, der die Zwanzig noch nicht erreicht hat, aber, wie die Fliegenden Blätter sagen, für sein Alter noch ganz rüstig aussieht. Denn viele schämen sich, einen allzu jugendlichen Eindruck zu machen, sie bummeln darauf los und ersetzen den fehlenden Bart durch verlebte Gesichtszüge und kleiden sich greisenhaft, um nicht zu sagen mumienhaft.

[920] 921. In seiner Kleidung darf der Junggeselle nicht zeigen, daß er niemanden hat, der für ihn sorgt. Ein abgerissener Hemdknopf, der das Gespräch auf den Vorzug der Ehe brachte, hat schon oft in einer schwachen Minute aus einem eingefleischten Junggesellen, der sich seines Lebens freute, einen schwer geprüften Ehemann gemacht. Aber davon abgesehen, gehört es sich nicht, daß der alleinstehende Herr sich in seinem Aeußeren irgendwie vernachlässigt. Man zieht sich nicht der anderen Leute, sondern um seiner selbst willen gut an, und jener Junggeselle, der da allen Ernstes einmal klagte: »Ich habe so viele Gesellschaften mitzumachen, daß ich in der ganzen Woche nicht aus dem reinen Hemd herauskomme«, hätte noch einmal in die Kinderstube geschickt werden müssen.

[921] 922. Uebertriebene Geselligkeit. Es giebt Junggesellen, die nur in der Geselligkeit und nur von Einladungen leben. Den Morgenkaffee trinken sie zu Hause, aber dann sehen sie ihre Wohnung vor dem Abend nicht wieder. Mittags sind sie hier, abends dort und zum Frühstück finden sie sich auch irgendwo ein. Haben sie zufällig für einen Tag keine Einladung, so sagen sie sich irgendwo an oder sie erscheinen in einem bekannten Hause kurz vor der Mahlzeit und bitten, selbstverständlich, ohne daß ihretwegen auch nur die geringsten Umstände gemacht werden, an derselben teilnehmen zu dürfen. Sie haben ein Talent, ihre schriftliche oder mündliche Ansage in eine Form zu kleiden, daß keine Hausfrau es über das Herz bringt, ihnen einen Korb zu geben, so gern sie dies auch thäte. Das Wort: »Wird man wo gut aufgenommen, soll man nicht gleich wiederkommen« kennen sie nicht. Unterhalten sie sich gut, so sagen sie beim Abschied: »Gnädige Frau, es war reizend bei Ihnen, wie immer; wenn Sie gestatten, sage ich mich an einem der nächsten Abende, sobald meine Zeit es mir irgend erlaubt, wieder einmal bei Ihnen an.« Und war es langweilig, haben sie die Empfindung, gestört zu haben und im Wege gewesen zu sein, so äußern sie: »Wenn ich das nächste Mal komme, gnädige Frau, hoffe ich, Ihnen weniger ungelegen zu sein, als jetzt.« Wieder kommen sie auf alle Fälle und nicht immer sind die häufigsten Gäste zugleich die amüsantesten und interessantesten. Ich kenne einen Offizier, der sich in seiner kleinen Garnison Abend für Abend, den der Himmel in seiner Gnade herannahen läßt, bei irgend einer Familie zum Abendbrot ansagte. Er war verbittert durch seinen Beruf und durch das Leben, er war stumm wie ein Fisch und sagte weiter nichts, als »danke« oder »bitte«. Dafür besaß er im Sitzen eine kolossale Ausdauer, und da er behauptete, nicht vor drei Uhr morgens einschlafen zu können, ging er selten vor zwei Uhr nachts nach Haus. Er war der Schrecken aller, die ihn kannten, aber da keiner den Mut hatte, ihm zu sagen, wie er über ihn dachte, da keiner ihn aufforderte, zu gehen und nimmer wieder zu kommen, so hielt er sich für sehr beliebt und lang weilte alle Menschen weiter.

[922] 923. Gelegentliche Aufmerksamkeiten. Von derartigen Junggesellen giebt es eine ganze Menge und ihre besondere Spezialität besteht darin, daß sie fortwährend Liebenswürdigkeiten und Aufmerksamkeiten empfangen und genießen, aber nie daran denken, sich irgendwie hierfür zu revanchieren. Von einem jungen Menschen wird es kein Verständiger erwarten, daß er eine Einladung ebenfalls mit einer Einladung vergilt, aber wohl wird man von ihm verlangen, daß er für die Dame des Hauses von Zeit zu Zeit einen kleinen Blumenstrauß hat, daß er die Geburtstagsfeste und Neujahr nicht vorübergehen läßt, ohne persönlich zu erscheinen, um zu gratulieren, und daß er auch bei einem Zusammentreffen am dritten Ort nach einer Gelegenheit sucht, um wenigstens der Dame gegenüber ritterlich und zuvorkommend zu sein.

[923] 924. Diskretion in familiären Dingen. Wer viel in einem und demselben Hause verkehrt und dort aus und ein geht, wird selbstverständlich in das dortige Hauswesen einen tieferen Einblick gewinnen und seine Wirte kennen lernen, wie sie sind und nicht nur, wie sie sich in der Oeffentlichkeit oder bei Gesellschaften ihren Gästen gegenüber zeigen, und sie werden vieles hören und sehen, was nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt ist. Ein schlechter Dank für die erwiesenen Aufmerksamkeiten wäre es, wenn der Junggeselle das, was er in dem einen Hause gesehen, in dem nächsten wieder erzählen würde. Und doch geschieht dies leider sehr oft, häufig allerdings nicht in böser Absicht. Aber der Junggeselle, der fortwährend wo anders ist, und sich mit seinen Wirten, die er sehr oft sieht, bis zur Bewußtlosigkeit ausgesprochen hat, fühlt das Bedürfnis, irgend etwas zur Unterhaltung beizutragen, und da ihm nichts Gescheites einfällt, plaudert er von dem, was er am Tage vorher erlebte. Es muß allerdings zugegeben werden, daß sehr oft die Junggesellen hieran nicht allein die Schuld tragen, sie werden zuweilen ausgefragt und sind dann so indiskret, hierauf Rede und Antwort zu stehen. Besser und ein größeres Zeichen von Wohlerzogenheit wäre es, wenn sie sagten: »Ich bin mit der betreffenden Familie so eng befreundet, daß ich bedaure, mich über diesen oder jenen Gegenstand nicht auslassen zu können.«

[924] 925. Besuche des Junggesellen. Wenn der Junggeselle in einer Familie Besuch macht, so wird diesem stets eine Aufforderung zum Kommen vorangegangen sein müssen. Aus eigener Initiative hat er nur bei seinem Vorgesetzten eine Aufwartung zu machen und er darf aus freien Stücken in anderen Häusern nur kommen, wenn er hierfür irgend eine Anknüpfung hat, sei es, daß er von dritten, an einem anderen Orte lebenden Personen aufgefordert wird, der Familie Grüße oder eine Bestellung mündlich zu überbringen, oder daß sonst irgendwie ein Anknüpfungspunkt mehr vorhanden ist.

Er muß seine Aufwartung machen, wenn er hierzu direkt aufgefordert wird oder wenn ein Ehepaar ihm sagt, daß es sich sehr freuen würde, ihn bei sich zu sehen. Bleibt er trotzdem fort, so beleidigt er damit die Dame. Kommen muß er auch dann, wenn er aus irgend einem Grunde nicht die Absicht hat, den Verkehr weiter auszudehnen. Ein Besuch hat nicht unbedingt eine Vergrößerung der Geselligkeit zur Folge. Wer eingeladen wird, hat das freie Recht, abzusagen.

Ein Junggeselle, der eine Einladung von einer Familie, die er noch gar nicht kennt, erhält, sollte es persönlich unter seiner Würde halten, diese anzunehmen. Sagt er zu, so zeigt er damit, daß er überall dort zu haben ist, wo es etwas Gutes zu essen und zu trinken giebt. Ebensowenig dürften aber auch Familien einen unverheirateten Herrn, den sie noch nie von Angesicht zu Angesicht sahen, nur deshalb einladen, weil sie gehört haben, daß er ein guter Tänzer oder ein liebenswürdiger Gesellschafter sein soll. Selbst der Mangel an Herren giebt zu diesem Schritt keine Berechtigung. Man setzt sich einem gesellschaftlichen Refus aus, denn jeder verständige Junggeselle wird sagen: wie kommen die Leute dazu, dich aufzufordern, sie wissen doch gar nicht, ob du in ihrem Hause verkehren willst?

[925] 926. Eine eigentümliche Sitte herrscht in den Pariser Pensionaten, wo es bei den kleinen Tanzfesten und Gesellschaften, auf denen die jungen Mädchen den Verkehr mit dem anderen Geschlecht lernen sollen, zuweilen an Herren mangelt. Die Vorsteherin weiß sich auf eine sehr einfache Art und Weise zu helfen. Sie geht zu der Direktion eines großen Verkaufshauses, des Louvre oder Au bon marché, und läßt sich einfach eine bestimmte Anzahl von den jungen Verkäufern, die stets über sehr gute Umgangsformen verfügen, für ihr Fest kommandieren. Häufig werden die jungen Leute hiefür bezahlt, oft aber kommen sie auch aus freien Stücken, denn es macht ihnen natürlich Spaß, auch einmal gesellschaftlich mit den Damen jener Kreise zu verkehren, die sie sonst stets bedienen müssen. Schon zu wiederholtenmalen soll es vorgekommen sein, daß eine sehr reiche und sehr vornehme junge Pariserin bei dieser Gelegenheit ihr Herz für immer an einen eleganten Verkäufer verlor und ihn später auch heiratete.

Welches Gesicht würde wohl ein deutsches Pensionatmädchen machen, wenn man ihr zumutete, auf einer Gesellschaft mit einem jungen Manne zu tanzen, der am Vormittag noch hinter dem Ladentisch stand und ihr drei Meter Seidenband abmaß!

[926] 927. In Offizierskreisen besteht die gute und praktische Einrichtung, daß von Zeit zu Zeit im Kasino ein Liebesmahl als sogenannter Gästetag stattfindet. Es ist hier dem Offizier Gelegenheit geboten, einen Herrn, in dessen Hause er viel verkehrt, auch seinerseits einmal einzuladen und nicht nur beständig Gast, sondern auch einmal Wirt zu sein. Es wäre lächerlich, wenn der jüngste Leutnant sich einer alten Excellenz gegenüber revanchieren würde, und gar zu jungen Herren wird sogar von älteren Kameraden abgeraten, sich jemanden einzuladen. Immerhin ist diese Sitte aber sehr hübsch, und auch der civilistische Junggeselle, der ein gewisses Alter erreicht hat und eine Stellung einnimmt, sollte es nicht versäumen, auch seinerseits hin und wieder den Gastgeber zu spielen. In seine Wohnung wird er wohl nur dann seine Gäste einladen, wenn er seine eigene Wirtschaft hat, und nicht nur ein oder zwei Zimmer inkl. Morgenkaffee bewohnt. Ist er für gewöhnlich bei sich zu Hause, hat er seine eigene Wirtschafterin und angemessene Wohnräume, so wird es jeder richtig finden, wenn er das Frühstück oder das Mittagessen in seinen eigenen vier Wänden und nicht im Restaurant giebt. Ladet er Damen zu sich ein (selbstverständlich in Begleitung der Ehemänner), so hängt es ebenfalls von seinem Alter und von seiner Stellung ab, ob er sie zu sich bittet oder in diesem Falle nicht besser ein Restaurant aufsucht. Junggesellen, die offiziell Festlichkeiten geben müssen und einen großen Verkehr haben, lassen ihren Haushalt immer von einer Hausdame führen, die dieselbe gesellschaftliche Stellung innehat, wie sie die Hausfrau haben würde. Ihr gelten die Besuche und man hat sich ihr in jeder Weise gegenüber zu benehmen, wie man es der Gattin des Gastgebers gegenüber thun würde.

[927] 928. In Amors Banden soll es sich nach den Berichten eingeweihter Kenner – relata refero! – ganz gut leben lassen, aber viele Junggesellen, namentlich jüngere Herren, vergessen doch, daß diese Dinge nicht bloß eine ewig heitere, sondern auch eine ernste Seite haben. Ein leider sehr starker Prozentsatz unserer unverehelichten Herrenwelt huldigt der ebenso geschmacklosen wie unerträglichen Gewohnheit, den »angenehmen (?) Schwerenöter« bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit herauszubeißen und mit dem oft genug nur in der Einbildung vorhandenen Glück in der Liebe zu renommieren. Die Eitelkeit dieser Herren wird häufig noch durch den Umstand bestärkt, daß die jungen Mädchen, namentlich in kleinen Städten, für nichts auf der ganzen Welt so viel Interesse bekunden, als für die Galanterien der jungen Herren. Sie wissen alles und beschäftigen sich mit allem, sie können stundenlang darüber sprechen, daß der Assessor A gestern der Zofe der Frau Rittmeister nach der Gesellschaft anstatt eines Trinkgeldes ein viel zu freundliches Lächeln gestiftet hat, daß der Leutnant B, als er sich unbeobachtet glaubte, der doch nicht zur Gesellschaft gehörenden Tochter des Kaufmanns Y eine Kußhand zuwarf, und was dergleichen welterschütternde Sachen mehr sind. Hören die Junggesellen dann, daß man ihr Thun und Treiben bespricht, so werden sie noch hochmütiger und eingebildeter, als sie es häufig schon von Haus aus sind.

Diskretion ist Ehrensache. Dieses Wort, das man jetzt täglich liest und das dadurch fast zur leeren, trivialen Redensart, bei der sich kein Mensch mehr etwas denkt, geworden ist, sollte für die Junggesellen bei allen Angelegenheiten, in denen die Damen eine Rolle spielen, das A und O ihres Lebensbekenntnisses sein. Die schöne Devise des de la Motte-Fouqué heißt: »L'âme à Dieu, l'epée au roi, le coeur aux dames, l'honneur puor moi.« Die Seele für Gott, den Degen für den König, das Herz den Damen, die Ehre für mich. Aber man darf das Herz nicht auf der Zunge spazieren tragen, und wer kein Elender sein will, muß es verstehen, zur rechten Zeit nicht nur zu schweigen, sondern auch für die Ehre einer Dame in der Oeffentlichkeit einzutreten, wenn man fühlt, daß man zu ihrem Schutze berufen ist.

Viele Junggesellen haben die häßliche Gewohnheit, sich in Männerzirkeln in abfälligen Neußerungen über das weibliche Geschlecht zu verbreiten, aus irgend einem Einzelfall verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen und schließlich keinen guten Faden an der ganzen Weiblichkeit zu lassen.

Zuweilen nützt es, wenn man solche Herren fragt: »Urteilen Sie über Ihre eigene Mutter und Ihre eigene Schwester ebenso?« Dann sehen sie ein, daß sie den Mund doch zu voll nahmen und daß sie mehr behaupteten, als sie verantworten können. Mit etwas zögernder Stimme sagen sie dann: »Natürlich giebt es auch Ausnahmen.« Häufig aber werden sie auch sehr grob und fragen entrüstet: »Wie können Sie auch nur im Scherz so etwas sagen?«

Leute von solchem Benehmen gehören unter tausend Malen neunhundertneunundneunzig Mal zu denjenigen, die sich in der Damenwelt der denkbar größten Unbeliebtheit erfreuen und die auf der Seite ihres Buches, auf der sie ihre Erfolge zu verzeichnen pflegen, weiter nichts als leeres weißes Papier haben. Mit den Erfolgen in der Liebe geht es wie mit jedem anderen Erfolg: wer es wirklich zu etwas bringt, wer groß und beneidet dasteht, ist fast immer bescheiden und spricht von allen möglichen Dingen, nur nicht von sich und von dem, was er sich selbst und seiner eigenen Tüchtigkeit verdankt. Wer da viel geliebt hat, dem wird nach einem alten Wort auch viel vergeben werden, wer aber über seine Liebschaften viel gesprochen hat, verdient nach seinem Tode in der Hölle einen ganz besonders heißen Platz in unmittelbarster Nähe des Fegefeuers zu erhalten.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 918-928.
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