§ 125

[306] Noch mehrere Verdrüßlichkeit haben mir die vielfältigen Durchfälle, zu welchen ich so sehr geneigt bin, verursachet. Laß es sein, daß es manchmal Dysenteria Critica, und was Gutes ist, so daß sich die Natur dessen zu entledigen suchet, was im Leibe überflüssig ist, und solches endlich zu mehrer Gesundheit ausschlägt; so werden Lehrer und Prediger doch öfter dadurch bei ihrem Studiren gehindert, auch wohl gar genötiget ein und andere Predigt auszusetzen; wiewohl dieses letztere mir nur Anno 1719 begegnet, welches das einzige mal in meinem ganzen Predigt-Amte ist, daß ich um Leibes- und Gemüts-Schwachheiten willen eine Predigt wegzugeben, und auszusetzen bin gezwungen worden. Daß man aber im Studiren und Concipiren dadurch gehindert werde, ist leicht zu erachten. Denn so oft man beim Meditiren und Concipiren die Lebens-Geister im Kopfe anstrenget, und also die Kraft der Lebens-Geister im Unterleibe schwächet, die zur Erhaltung, und Stärkung des Toni [Spannung] nötig; so kommt es einen, weil die Nerven dadurch schlapp werden, wieder an, und sucht die Natur ihren fernern Auswurf, gesetzt, daß der Alvus [Unterleib] auch schon ein wenig wieder wäre constringiret [zusammengezogen] worden.

Wer das noch nicht begreifen kann, nämlich daß Meditiren,[306] Denken, insonderheit wenn es mit einigem Kummer, Sorge, oder wohl gar mit dem Affecte einiger Furcht verknüpft ist, den Menschen zuweilen nötige das opus naturæ, oder das Werk der Natur zu verrichten, der denke doch nur an Kaiser Carolum V., der, wenn er mit dem Feinde schlagen sollte, ehe die Schlacht angieng, erst bei Seite gehen, und seinen Leib erleichtern mußte. Ich, der ich mein Lebtage auch auf alle Minima meines Leibes Achtung zu geben mich gewöhnet, und unzählige Dinge entdecket, kann dir mit Grund der Wahrheit sagen, es mag dir nun die Sache lächerlich vorkommen, oder nicht, daß, wenn mein Leib scheint, als wenn er mit mähligem wolle verstopft werden, und ich gerne die ordentlichen und gewöhnlichen Öffnungen desselben zur bestimmten Zeit haben möchte, ich mir etwas Schweres zu denken, und zu sorgen, wo das pro und contra statt hat, vor mich nehme, da ich denn gar bald meinen Endzweck erhalte. Du möchtest sagen: Weil du so sehr auf deinen Leib in allem Achtung giebest, so sollte es ja was Leichtes sein, hinter das zu kommen, und das zu entdecken, was an solchen öftern Durchfällen Ursache ist. Allein ich antworte, daß, wenn man sich auch der genauesten Diæt befleißiget, und auf alles, was schädlich oder gesund ist, auf alle nocentia und juvantia, die sonst der Medicorum Concilia [Ratschläge] heißen, genau Achtung giebet, man doch den Leib nicht ausstudire, noch auslerne; indem vielfältigmal, was zu einer Zeit dem Menschen nützlich, zu einer andern Zeit schädlich ist, und ganz eine widrige Würkung hat; so daß kein Mensch sein eigener vollkommener Medicus sein kann, sondern dem, der ein Arzt ist aller Ärzte, gleichwie er ein König ist aller Könige, Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod in seine Hände stellen muß, und mit Gebet und Gelassenheit mehr, als mit allen Arznei-Mitteln ausrichten kann. Ein einzig kaltes Lüftgen, was etwan in der Nacht bei unvermuteter Entblößung mich angehet, und ein jeder kalter Trunk, der nicht das Maß der ordentlichen Wärme hat, ist schon fähig mir dieses Übel zu erregen. Große Kälte im Winter, und große Hitze im Sommer haben allemal mir diese Plage verursachet. Und wie ich oben erwähnet [S. 195], wenn ich nur höre von Durchfällen, und der roten Ruhr reden, so ist meine Phantasie so ansteckend, und so stark, daß ich denselben Tag wegen Öffnung des Leibes nicht bekümmert sein darf. Ich fragte einst einen Medicum, der des Abends mit mir einem Verstorbenen das Geleite zu seiner Ruhestätte gab, was doch die Ursache solcher Durchfälle, und Leibes-Constitution wäre, welcher mir zur Antwort gab: die Sensibilitas naturæ,[307] welche bei mir so groß, wäre daran Ursache; welche dunkele, und schlechte [simple] Ration [Erklärung] aber mein philosophischer, und zu Demonstrationibus a priori [Beweisen aus Vernunftgründen] gewöhnter Magen nicht wohl vertragen kunte.

Und nur dir zu zeigen, wie schwach meine Natur schon Anno 1715 gewesen, so beredete mich dazumal ein gewisser Medicus, eine Laxation einzunehmen. Ich sagte ihm, er sollte mir es ja nicht stark geben; denn ich hätte schon meine ordentliche Laxier-Pillen, deren mäßige Würkung mir bekannt wäre. Er meinte aber, ich sollte dafür nicht sorgen; denn es wäre so schwach, daß es aufs höchste drei, oder viermal seine Würkung nur tun würde; und siehe, da ich den Laxir-Trank eingenommen, so hatte ich denselben Tag 30 Sedes [Stuhlgänge], so daß mir wegen Entgehung der Kräfte angst und bange dabei wurde. Ich ließ solchen Trank noch einmal machen, und um desto besser hinter meine Natur zu kommen, so mußte ihn meine Magd einnehmen, bei der es eintraf, was der Medicus von mir gesaget, daß er nämlich drei, oder viermal seine Operation [Wirkung] tun würde. Ich habe mich aber nach der Zeit dieses Trankes mehrmalen bedienet, aber nur die kleine Hälfte desselben eingenommen, da ich denn ordentlich meine 15 bis 16 Sedes davon habe, ohne daß ich einen Abgang der Kräfte, sondern vielmehr gar guten Nutzen davon verspüre. Vier Jahre hernach aber bekam ich einst die Dysenterie in hohem Grade, so daß mein Leben nur an einem Faden hieng. Es war der heiße, und dürre Sommer Anno 1719, und ich gieng in einem sehr warmen Tage nach Lindnau zu meinem Brotmanne spazieren. Um der Sonnen-Hitze zu entgehen, machte ich den Spazier-Weg durch das Rosental am Wasser hin, und da ich um 11 Uhr bis zur Pfingst-Wiese kam, und von derselben auf den Kuh-Turm zugehen wollte, war nicht nur das Gras von der Sonnen-Hitze ganz verdorret, sondern die Stuppeln und das Erdreich brennten dermaßen mich in die Füße, daß ich den Brand nicht vertragen, sondern die Beine, wie wir zu reden pflegen, auf die Achseln nehmen, und laufen und springen mußte, so geschwinde als ich kunte, ärger als 12 Jahr zuvor in Mucke, da ich bald im Feuer umkommen wäre. Sonntags drauf, welches der 10. Sonntag nach Trinitatis war, war ebenfalls eine ungewöhnliche Hitze, und hatte im Predigen stark geschwitzet. Mein Breyhan [Weißbier] war des Abends säuerlich, und, da ich mich kaum niedergeleget hatte, so nahm der Durchfall seinen Anfang, und währete ohne[308] Aufhören die ganze Nacht bis Morgens um 5 Uhr. Ich war so matt, daß ich auf allen vieren kriechen mußte, mein Gesinde zu wecken. Weil die Feuchtigkeiten mir alle entgangen waren, so bekam ich nicht nur an Händen, Fingern, und Füßen, und an allen Teilen des Leibes den Krampf, sondern auch unsäglichen Durst. Bier wollte ich nicht trinken, und Thée-Wasser mußte erst gekocht werden. Es wurde solches aber noch zu rechter Zeit fertig; daferne ich aber eine Minute länger hätte warten müssen, so hätte ich solchen nicht mehr zu mir nehmen können. Denn die Mattigkeit hatte mir den Mund schon zugeschlossen, so daß ihn meine Magd schier mit Gewalt öffnen, und den Thée Anfangs Löffel-weise in den Hals schütten mußte. Ich kunte auf dem Bette keine Hand noch Fuß mehr bewegen, und war das Blut bereits schon alles in den Unter-Leib getreten. Es starben denselben Sommer viel Leute am Durchfall und rote Ruhr, so daß sie in zwei, drei Tagen tot waren. D. Naboth, den ich zu mir holen ließ, sagte mir das Leben schon ab; doch durch den häufigen Gebrauch des Thée-Wassers, und der Arznei, die er mir gab, hörten noch denselben Tag die Stühle wieder auf.

Quelle:
Bernd, Adam: Eigene Lebens-Beschreibung. München 1973, S. 306-309.
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