Anno 1736
§ 162

[392] Da diese unvermutet einfallenden Gewissens-Skrupel schier ein Ende hatten, so meinte ich, ich hätte nun alle Trübsalen und Gemüts-Plagen in meinem Leben erfahren, die nur können gedacht werden, oder die nur jemals andern Menschen auch begegnet;[392] allein ehe ich michs versahe, so stellte sich eine neue, und die allerseltsamste Plage und Verdrießlichkeit bei mir ein, die ich noch in keinem einzigen Buche gelesen, noch jemals etwas davon gehöret. Weil mich bisher so viel Dinge in schnelle Furcht und Zittern gesetzt hatten, so war mir die Furcht im höchsten Grade, und bei jedwedem geringen Dinge ganz natürlich, und zu meiner täglichen Not worden. Ich fieng an vor allem Ungewöhnlichen, und vor allem Ungestalten zu erschrecken. Wie ich einmal ein Ding gesetzt, gelegt, gehenket hatte, so mußte es bleiben, und durfte davon einen andern Tag nicht abweichen, so indifferent auch die Sachen waren. Ich konnte kein leeres Behältnis, wo man gewöhnliche Dinge hinein tut, sehen, Zucker-Thée-Coffée-Schachtel nicht ausleeren, ja so gar keinen Bier-Krug leer stehen lassen. Eine jede Lücke im Repositorio [Bücherregal], wo mir ein Buch fehlte, ließ mir keine Ruhe, bis ich durch ein Buch die Lücke ausfüllte, und zuschloß. Anno 1704 spürte ich davon wohl einigen Anfang, aber ich hatte dazumal nicht sonderlich drauf acht, und betraf auch nur ein, und andere wenige Dinge, so mich in Furcht setzten. Ich besinne mich auch mehr nicht als auf ein einziges Exempel eines Menschen, dem dergleichen, doch nicht in so hohem Grade, begegnet, und welches mir vor etliche 20 Jahren vorgekommen, da ich noch Prediger war; welches mir aber zu solcher Zeit zugleich lächerlich vorkam, weil ich selbsten noch nicht aus der Erfahrung wußte, wie einem solchen armen Menschen zu Mute sein müßte. Das war der alten Hahnischen auf dem neuen Neumarkte ihre Tochter. Sie war ziemlich der Kleider-Pracht und dem Hochmut zuvor, wie sie selber gestand, ergeben gewesen, und war deswegen durch eine Predigt des Herrn Licentiat Werners in der Neuen-Kirche, wie sie mir sagte, gar sonderlich gerühret worden; verfiel aber hernach in ein melancholisches, und ängstliches Wesen, so daß ich auch ersuchet wurde, zu ihr zu kommen, um sie zu trösten. Da ich zu ihr kam, klagte sie mir unter andern, daß sie sich auch so gar vor allen geringen, und nichtswürdigen Dingen fürchtete. Sie zeigte mir ein zweifaches Kleuel [Knäuel], ich weiß nicht, ob Seide, oder Zwirn darauf gewunden war, rund wie ein Ball. Jedes hatte sein besonderes Loch und Behältnis, worein sie es zu tun, und aufzuheben pflegte. Ob es nun gleich einerlei wäre, ob sie dieses in jenes, und jenes in dieses Loch legte, so würde ihr brühheiß, und sie wüßte nicht, wo sie vor Angst bleiben sollte, woferne sie nicht die gewöhnliche Ordnung behielte, sondern die Kleuel verwechseln wollte.[393]

Doch das war nichts gegen dem, was ich jetzt von mir erzählen werde; denn da waren wohl unzählige dergleichen Dinge, die eben solchen Effect und Ängstlichkeit bei mir verursachten, wo ich von der Gewohnheit abgehen wollte. Alle Tage fand sich immer bei mir was Neues, so daß ich in kurzem um alle Freiheit kam, und nicht mehr das geringste zu ändern das Herze hatte, wollte ich mich nicht in Angst und Bangigkeit stürzen. Wenn ich nun folgends etwas Neues geschenkt bekam, oder etwas gekauft hatte, so war neue Not, was ich ihm vor eine Stelle geben, und wie ichs legen, setzen, und henken wollte, so daß ich auch einst, da zwei Disputationes auf einmal einliefen, und weil ich nicht eines werden konnte, welche ich zuerst, oder zum andern auf den gewöhnlichen Disputations-Stoß legen sollte, mein Haupt in die größte Hitze geriet, bis ich endlich die Resolution ergriff, und eine davon wegschenkte. Ob von zweien Bier-Krügen einer da, der andere dorten, einer oben, der andere unten an stehe: ob man ein Licht eher, oder später aufn Licht-Knecht [-Halter] stecke: ob man einen Schlaf-Rock des Abends beim Ausziehen auf diese, oder andere Weise auf den Stuhl werfe, und hundert andere Dinge mehr, sind Sachen, worüber kein Mensch lange Bedenken hat, vielweniger in Streit mit sich gerät; und doch ward mir alles in lauter Gesetze verwandelt. Die Ziffern, womit ich etwas notirte, und aufschrieb, habe ich wohl 5 bis 6 mal ändern müssen, bis sie mir schön und sauber genug heraus kamen. Beim Schlafengehen konnte ich endlich keinen Strohhalm mehr auf dem Boden sehen, welches beim Bettemachen verstreuet worden, ich mußte es erst aufheben. Und ich möchte wissen, was meine damalige Magd muß gedacht haben, wenn sie des Morgens die rote Decke, die mir ehemals der Herr Hof-Rat Steger zu einem Hausrat geschenkt, über das Bette wieder decken sollte, die sie des Abends allemal, wenn sie betten sollte, herunter zu nehmen, und auf einen Kuffer confuse hinzulegen und zu werfen pflegte. Denn weil ich nichts Ungestaltes ohne brühheiße Angst sehen kunte, so hatte ich beim Schlafengehen alle Not, dieselbe auf das allerzierlichste zusammen zu legen, so daß sie dieselbe ganz anders frühe fand, als sie sie des Abends hingeworfen hatte. Es wäre nicht Wunder, wenn sie gedacht hätte: mein Herr wird doch noch närrisch werden. In Summa, es waren nicht drei Viertel-Jahr vergangen, so hatte ich in meinem Hause beinahe 613 Gesetze, so viel die Jüden vor Zeiten im Alten Testamente hatten.

Doch ich würde ein solches Joch gerne getragen haben, dergleichen[394] die Jüden trugen; denn das war ihnen doch von Gott auferleget worden, und hatten alle Gesetze ihren guten Grund, warum sie ihnen gegeben worden. Hier aber bei mir waren lauter indifferente Dinge, die Gott weder geboten noch verboten, und es war da auch keine Conscientia scrupulosa und scrupulirendes Gewissen, als ob ich mich gefürchtet hätte zu sündigen, wenn ich etwas anders legte und setzte. Denn ich wußte, daß der Mensch in diesen Dingen höchst frei; und wenn einer noch so einfältig, daß er keine indifferente Handlungen statuiren wollte, worüber die Theologi streiten, so hätte er doch diese Dinge vor indifferent und gleichgültig halten müssen. Gleichwohl aber war es bei mir nicht einerlei, ob ich dieses oder jenes so und nicht anders setzte und legte; denn wo ich meine Freiheit brauchen wollte, die Gott allen Menschen in diesem Stücke gegeben, und wider das tun, was mir gleichsam zum Gesetze worden, so konnte ich vor Hitze und Ängstlichkeit keinen Schlaf in meine Augen bringen; ja ich habe wohl eher in der Nacht aufstehen, und das ändern müssen, was ich gerne meine Freiheit zu brauchen anders gesetzt und geleget hatte. Und wenn mir ein Teller aus Versehen in der Stube wäre liegen geblieben, und mir solches des Nachtes eingefallen wäre, ich hätte keine Ruhe gehabt, noch schlafen können, wenn ich nicht aufgestanden, und denselben in die Küche getragen hätte.

Du möchtest sagen: Ich hätte nicht weichen, und meiner Einbildung nicht nachgeben, sondern den Schlaf in Wind schlagen sollen: ob man nun einmal eine Nacht schliefe, oder nicht, was würde denn das zu sagen haben? man schlafe die folgende Nacht desto besser. Allein so gedenken gesunde Leute, und so gedachte ich, da ich noch ein Studente war, und manchmal bei der Compagnie über Nacht blieb, ohne daß wir uns schlafen legten. Aber, wer so oft, wie ich, erfahren hat, wie bei schwächlichen Leuten eine schlaflose Nacht die andere nach sich ziehet, und was endlich durch Mangel des Schlafes vor erbärmliche Zufälle [Zustände] im Haupte entstehen, der wird ganz anders reden, und sich notwendig vor nichts so sehr, als vor schlaflosen Nächten hüten und fürchten müssen. Zu dem würde ich endlich den Schlaf nicht geachtet haben, wenn ich nur in Gemüts-Ruhe hätte im Bette liegen können; so aber entstund lauter Streit, Sorge und Angst, ob es nicht eine Versuchung Gottes wäre, daß, da ich merkte, daß diese Dinge von einem Milz-süchtigen Leibe herkämen, (wie denn in den Tagen, wo ich keinen dolorem gravativum [drückenden Schmerz] auf dem Milze fühlte, ich manchmal[395] Courage und Herze genug hatte etwas zu ändern, und etwas Ungewöhnliches und Ungestaltes zu ertragen) ich nicht vielmehr der Schwachheit des Leibes condescendiren [nachgeben], solche mit Gedult ertragen, und auf Gottes Hülfs-Stunde warten sollte. Des Tages hatte ich zwar auch öfters großen Streit und Kummer, ob ich nicht aus Mißtrauen gegen Gott sündigte, daß ich mich vor allen geringen Dingen fürchten, und es nicht auf Gottes Hülfe wollte ankommen lassen; ja manchmal dachte ich gar: wem dienest du denn, mit dieser deiner Furcht? Gott dienest du nicht; denn der hat dir diese Dinge weder geboten noch verboten; so dienest du also wohl gar dem Teufel, den [dem] du dich hast zum Knecht und Sklaven machen lassen, und bist beinahe dem gleich, von dem du neulich in einem Journal gelesen hast, der da klagte, daß er vom Teufel angefochten würde, und der, wenn er aß, etwas von seiner Speise mußte auf den Boden tragen, gleichsam dem Teufel auch etwas vorzusetzen, wollte er anders nicht lauter Angst und Unruhe haben. Doch wie gedacht, weil ich so gar sehr den Grund von diesen Dingen in der kränklichen Disposition meines Milzes fand, so war die Furcht Gott zu versuchen bei mir größer, als die Furcht auf Gott nicht zu vertrauen.

Quelle:
Bernd, Adam: Eigene Lebens-Beschreibung. München 1973, S. 392-396.
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