Wie ich von Voigtsberg wegkam

[249] Weihnachten war vorüber. Ein trauriges, freudloses Fest war es für mich gewesen. Es hatte mir vermehrte Arbeit gebracht, aber nicht einmal die Möglichkeit zu einem festlichen Kirchgange, worüber ich bitter weinte. Meine Seele dürstete nach diesem Trost. Von den Eltern war kein Brief, kein Liebeszeichen gekommen, ich fühlte mich durchaus vergessen.

Eines Tages wurde in der dunklen, geschwärzten Küche wieder Branntwein gebrannt, und ich schleppte mühsam die großen Holzscheite aus der Scheune herbei. Ich zitterte vor Kälte, denn ein heftiges Schneegestöber fegte über den Hof. Das dünne Röckchen flog mir über den Kopf, als sei es aus Papier gemacht. Bei dem Bemühen, dem Sturm den Rücken zu kehren, sah ich einen Mann in den Hof einbiegen. Er hatte eine große Pelzmütze mit stattlichen Ohrenklappen auf, und seine Hände staken in mächtigen Fausthandschuhen. Was mochte der bei dem Unwetter hier wollen? Ich kannte ihn gut, es war ein Siebenlehner. Ich nickte ihm flüchtig zu, er blieb stehen und winkte heftig mit beiden Händen, so daß ich wohl zu ihm mußte. Er schrie mir etwas zu, der Sturm trug aber seine Worte ungehört davon. Da er mir scheinbar etwas zu sagen hatte, so deutete ich auf die Scheune. Was konnte der Mann nur von mir wollen?!

Ich packte die Scheite in den Korb und sagte: »Was wollt Ihr doch bei dem Wetter in Voigtsberg?«

»Ja,« sagte er pustend und schnaubend, »setz' dich[249] mal da auf das Bund Stroh, so schnell kann ich nicht damit zurechtkommen.«

Er zog umständlich die Handschuhe aus, knöpfte den dick gefütterten Überrock auf, langte in eine der Innentaschen und klapperte mit Geld.

Gespannt, sprachlos sah ich seinem Tun zu. Die Hand kam gefüllt aus der Tasche zurück, und nun legte er umständlich einen, noch einen – bis sechs zählte ich, ja sechs harte Taler in meinen Schoß.

»Wo kommt denn das schrecklich viele Geld her?!« stotterte ich.

»Wart' doch,« sagte er, und holte aus einer anderen Tasche ein zierliches Päckchen.

Als ich das Seidenpapier entfaltete, lag ein funkelnagelneues Portemonnaie neben den sechs harten Talern. »Noch mehr?« sagte ich, als er wieder mit der Hand unbeholfen in die Tiefe einer Tasche fuhr.

»Ja, noch mehr,« sagte er lachend, »hier ist der Brief dazu. Das war wohl eigentlich zu Weihnachten gemeint, aber da hatte ich gerade soviel zu tun, da konnte ich nicht gut fort. Eine schöne Bescherung, was? Ein bißchen kalt und zugig hier, geh doch hinüber in die Wärme. Und ja, wart' doch noch ein Augenblickchen, das ist noch nicht alles. Deine Mutter schreibt, du sollst sofort deine Sachen packen und zu ihr nach Hamburg kommen. – Aber gleich, sonst geht sie weiter nach Holland, ich soll dir ein bißchen mit allem zurechthelfen, sie hat uns auch einige Kleinigkeiten geschickt. Hier ist auch noch ein Brief für Haubolds.«

War mir doch, als müsse mir das Herz springen vor Aufregung! Fort sollte ich, – und zwar gleich –[250] sofort! Ich öffnete mit zitternden Händen den Brief, seufzte tief auf, als ich sah, wie lang er war, steckte alles in die Tasche, nahm meinen Korb und forderte den Mann auf, mit mir zu Haubolds zu gehen.

Haubold stand vor dem Herd und schaute eifrig in den großen Kessel. Er sah verwundert auf, als der Mann mit mir eintrat. »Wo bleibst du so lange? Wir haben keine Zeit, am Vormittag Besuch anzunehmen!«

Mir traten die Tränen in die Augen, ich hätte gern gestanden: »Ich habe in der Scheune Weihnachten gefeiert,« aber so sagte ich nur: »Hier ist ein Brief von meiner Mutter, ich soll gleich nach Hamburg kommen. Rüdiger-Heinrich soll mir helfen. Darf ich gleich fort?«

Es war nicht nur der Feuerschein, der jetzt das Gesicht von Haubold so rot erglühen ließ.

»Ihr habt mich wohl verstanden!« sagte er mit einer deutlichen Handgebärde nach der Tür.

Der Mann stotterte verlegen: »Bedenkt, sie ist doch noch ein Kind, man muß ihr doch zurechthelfen, – es ist eine weite Reise, wenn sie auch nicht viel hat, aber sie soll ihr bißchen Kram doch mit haben!«

Haubold knüllte den Brief, den er während der Rede des Mannes gelesen hatte, wütend zu einem Ballen zusammen und warf ihn in die Flammen. »Schert Euch fort! Das Mädel bleibt, wo sie ist! Die Mutter hat sie uns übergeben. Wenn sie sie haben will, da mag sie sie selber holen! – Nach Hamburg! – Na, das ist was Schönes! – Das könnt' ich ja vor Gott nicht verantworten, da geht sie zugrunde! Hier bleibt sie!«[251] Ich brachte das viele Geld weinend in meine Kammer. Der Mann stand bei meiner Rückkehr noch immer in der Küche.

»Hol' Wasser!« befahl Haubold. Der Mann folgte mir. Ich war in höchster Aufregung, ich hätte den Mann schütteln können. »Steht mir doch bei, Rüdiger-Heinrich!« bat ich weinend.

»Was kann ich dabei tun, wenn die Leute nicht wollen! Pack' deine Sachen zusammen und reise.«

»Als ob ich das könnte! Das wage ich doch gar nicht!«

»Na, siehst du, ich auch nicht!« Damit bog er nach der einen, ich nach der andern Seite.

Ich stellte meine Kanne unter den Strahl, eilte zu meinen Freunden, legte den Brief auf den Tisch und sagte erregt: »Lest den Brief und helft mir! Ich muß zu meiner Mutter! Wenn ich nicht bald komme, treffe ich sie gar nicht mehr. Wenn ich hier länger bleibe, gehe ich zugrunde!«

Sie trösteten und versprachen mir ihren Beistand. Bei Haubolds wurde der Sache mit keinem Wort Erwähnung getan. Das vermehrte meine Erregung. Mit niemandem konnte ich sprechen, und doch war mir, als müsse ich ersticken vor Aufregung. Freude, Hoffnung, Zweifel, alles gärte in mir.

In der Dämmerung kam Fritz. Ich meinte, mir müsse das Herz stillstehen. Hatte er wirklich den Mut, für mich zu kämpfen? Als er mich sah, schob er mich in die Küche, schloß die Tür und ging in die Stube.

Ich hörte, wie er mit erzwungener Ruhe fragte, ob ich reisen dürfe? Mann und Frau antworteten erregt und wiesen ihm die Tür.[252]

»Gut,« sagte er, »nun werde ich andere Wege einschlagen! Ich dachte, es wäre im Guten und in Ruhe gegangen! – Ein kleines, schwächliches Kind so auszunutzen, weil sie niemanden hat, der nach ihr sieht, das ist Sünde! Jetzt geh' ich erst mal zum Schulzen, und dann werde ich es allen im Dorfe erzählen. Ich prophezeie euch, ihr seid bald eure Kundschaft los!«

Er ging. Haubolds schalten, ich weinte, und doch fühlte ich Hoffnung und Freudigkeit, daß jemand für mich eingetreten war.

Am nächsten Tage kam ein Bergmann, gab mir meinen Brief und sagte: »Der ist beim Schulzen gewesen. Heb' ihn gut auf! Ich soll dir sagen, niemand darf dich zurückhalten. Wir sind alle auf deiner Seite!« Dann ging er hinein und sprach mit Haubolds.

Wie waren die Stunden lang und qualvoll! – Am Brunnen sah ich Gustel. »Hab' nur Mut, und sei nicht aufgeregt! Es wird alles gut, sollst mal sehen! Wir sind Dorfeingesessene, Haubolds sind die Fremden. Über dich ist schon viel im Dorf gesprochen. Alle finden sie, so darf das nicht weiter gehen. Sie lassen dich schon von alleine gehen, wenn sie sehen, daß niemand mehr zu ihnen kommt. Wenn du weißt, daß du frei kommst, da häng' dein rotes Tuch ins Fenster. Dann wissen wir doch, daß wir dich bald erwarten können! Das wird 'ne Freude, wenn du kommst!«

Es kamen wirklich keine Bergleute mehr.

Da sagte Haubold an einem der nächsten Morgen: »Heute abend reis', wohin du willst. Du wirst schon in dein Verderben rennen!« – – Das war ein böses Wort![253]

Als ich das Haus, in dem ich so schwere, einsame Monate verlebt hatte, hinter mir wußte, kam ein großes Glücksgefühl über mich.

Frei! – Das stürmische Wetter war vorbei. – Über dem festgefrorenen Schnee flutete das sanfte Licht des Mondes. Als ob mir die Welt gehörte, so glücklichen Herzens ging ich in das Häuschen am Brunnen.

An der Tür stand Mutter Lehmann: »Ich hab' Erbernbackchen (Kartoffelkeulchen) in der Pfanne und schönen weißen Kaffee!«

Da tafelten wir großartig!

»Was wird aus dir?« Diese Frage stand bei uns allen im Mittelpunkt. »Laß nur,« sagte Mutter Lehmann, »es wird sich schon alles zum Guten wenden, wenn sie erst ihre Mutter wieder hat!«

Vater Lehmann meinte: »Das viele, viele Geld! Wenn du doch nur gut acht auf dein Geld geben willst! Du bist doch noch ein Kind, wie leicht kann's dir gestohlen werden, oder du kannst es verlieren!«

»Ach,« sagte Mutter Lehmann, »das Geld ist doch nicht die Hauptsache, sie muß aufpassen, daß sie nicht in schlechte Hände gerät.«

Wie dachte ich mir die Zukunft? Wahrscheinlich würde ich mit der Mutter reisen, natürlich nach Holland zu den Leuten, von denen sie die Bilder hatte. Ich habe ihnen wunderbare Dinge vorphantasiert, dann aber sangen wir alle zusammen:


»Lacht nach bangen Kummertagen

Dir ein freundliches Geschick,

Darf das Herz mit Jubel sagen:

Sei willkommen, Silberblick!«[254]


Ich jubelte die Worte in das kleine Stübchen hinein, als ob ich mir die Brust frei singen müßte von all der überstandenen Pein.

Mutter Lehmann sah meine Sachen nach. »Die Unterröcke sind ja wohl nie ordentlich trocken geworden,« sagte sie, »und geflickt müssen sie werden, ehe du auf die große Reise gehst.«

Wir standen vor Kommodenschubladen und suchten Flicken, die Röcke sahen nachher aus wie Landkarten so bunt. Da war ein Stück Hosenzeug vom Fritz, ein Stück bunter Damast vom Kanapee, auch ein Stück Kattun fand seine Verwendung, aber die Röcke wurden trocken und heil. Den Konfirmationsrock hatte ich gespart, der war wie neu, und darauf war ich stolz.

In den geborgten Sachen der Gustel, da mein Zeug gewaschen wurde, ging ich eines Tages nach Nossen. Da Gustel viel größer und kräftiger war als ich, so spielte ich in ihrem Zeug eine komische Figur. Ich mußte aufs Amtsgericht, um mir einen Paß zu besorgen. Als einer der Herren meine Personalbeschreibung aufnahm, kicherte er und machte die andern auf mich aufmerksam. Wie ich mich schämte! Lächerlich war ich ihnen! – Konnte ich in dem Aufzug wohl zum Pastor gehen? Ich wollte ihn doch so gern noch sehen, ehe ich Sachsen verließ, ich wollte ihm danken für alle Hilfe, die ich durch ihn erfahren hatte. Aber –! wenn er nun auch lachte? Nein, das konnte, das durfte er nicht! Er mußte doch ebenso denken wie die Mutter: »Das was außen herumhängt, das ist ganz gleichgültig, darauf kommt's an, was drin steckt in der Hülle«, deshalb überwand ich die Scheu und klopfte schüchtern an. Nach[255] der soeben erlebten Erfahrung beobachtete ich des Pastors Gesicht argwöhnisch. Das Leben war ja so bitter ernst seit langer Zeit. – Nein, sein Gesicht drückte nur Staunen aus, als ich in diesem wunderlichen Aufzug bei ihm eintrat. Ich war so erregt, daß ich zuerst nur stockend erzählen konnte, weshalb ich kam.

Als er von meinem letzten Aufenthalte hörte, fragte er mitleidig, wie ich Weihnachten verbracht hätte, ob ich mir doch die eigentliche Weihnachtsfreude nicht habe rauben lassen, ob ich auch einen Stollen gehabt habe? Er stand bei der Frage auf, ging an den Schrank und holte mir eine dicke Scheibe Stollen. Das rührte mich so tief, daß ich in heftiges Weinen ausbrach und ihm schluchzend weiter erzählte, daß ich schon in den nächsten Tagen nach Hamburg wolle.

»Du nach Hamburg?!« rief er in abwehrendem Staunen, »das ist doch nichts für dich!«

So, da war es wieder! Haubold hatte es gesagt, in Wut, drohend. Er hatte mir sicheres Verderben prophezeit, und nun auch der Pastor, er, der es gut mit mir meinte, und der sicher mehr davon verstand, als wir alle. Meine Freude, der ich durch begeisterten Gesang noch vor kurzem Ausdruck verliehen hatte, erlitt einen starken Dämpfer, und ängstlich ruhten meine Blicke auf dem blassen Gesicht des Pastors.

»Das ist gerade für dich eine sehr gefährliche Stadt,« sagte er eindringlich und legte seine Hand auf meine Schulter.

Für mich? Warum so gefährlich gerade für mich? Ängstlich fragend sah ich ihn an, da fuhr er langsam sinnend fort: »Ja, für dich! Du hast gefährliche Gaben,«[256] – ich erschrak – »du hast eine ungewöhnlich starke Sehnsucht nach Anschluß. Der natürliche Zusammenschluß fehlt dir, nun suchst du ihn dir zu ersetzen. Das ist kein Unrecht an und für sich, aber für eine, die so herumgestoßen wird, wie du, da ist es eine gefährliche Mitgabe! Du bist ja viel zu jung, und du empfindest viel zu lebhaft, als daß du imstande wärest, die Geister zu prüfen, die deinen Weg kreuzen! Zeigst du in einer Stadt wie Hamburg, daß du dich nach Liebe und Anschluß sehnst, o, so finden sich Menschen genug, die diesem Bedürfnis entgegenkommen! Aber hüte dich! Nur einer kann das Sehnen deiner Seele stillen. Suche nicht bei Menschen Trost und Anschluß, für dich gibt's den noch lange nicht. Lerne mit dir selbst fertig werden! Oder, halt! Ich kann dir doch einen Anhalt schaffen. Willst du mir das feste Versprechen geben, daß du diesen Halt suchen und benutzen willst?«

Ob ich wollte!

»Gut! Versprich mir, daß du Pastor Meinel, Vorsteher der Zionsgemeinde, so bald wie möglich aufsuchen willst? Die Adresse weiß ich nicht, er wird sich schon finden lassen. Bring ihm einen Gruß von deinem Pastor, er kennt mich nicht, aber das tut nichts. Er wird dir beistehen mit Rat, an ihm wirst du einen Halt haben. Ich kann mich auf dein Versprechen verlassen?«

Weinend gab ich mit Handschlag das feste Versprechen, alles zu tun, was der Hamburger Pastor mir raten würde.

Von allen nahm ich kurzen, eiligen Abschied. Ich ging zu den guten Winklers, zum Größel-Lenchen und zu den beiden Sparmanns.[257]

Die letzte Nacht wurde nicht viel aus dem Schlaf. Noch vor fünf Uhr weckte Mutter Lehmann. Alle teilten mein Reisefieber. Der Tragkorb war gepackt, eilig wurde Kaffee getrunken, dann nahm Fritz den Korb auf den Rücken. Er und die Gustel brachten mich die zwei Stunden Wegs bis Nossen. Der Mond schien auf den Schnee, zum letztenmal hörte ich das: »Rrr–ting!« vom Signalglöckchen der »Alten Hoffnung Gottes«.

Als wir erst die Chaussee erreicht hatten, faßten wir uns alle drei an der Hand. Was wir auf dem langen, stillen Wege sprachen, hatte etwas Traumhaftes. Die nächtliche Stille dämpfte unsere Stimmen. Eine Erinnerung wurde in mir wach, schon einmal war ich in früher Dämmerung diese Straße zu Dreien gewandert, auch damals waren wir einem fernen, unbekannten Ziele nachgegangen. Tief bewegt nahmen wir in Nossen Abschied voneinander, mit der ernsten Versicherung, einander nie zu vergessen, was das Leben auch bringen möge. Ein letztes, wehmütiges: »Glück auf!« der Geschwister, und der schwerfällige Wagen rummelte durch die Neugasse den Schloßberg hinunter.[258]

Quelle:
Bischoff, Charitas: Bilder aus meinem Leben. Berlin 1912, S. 249-259.
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