In Acht und Bann

Es ist unser Stolz, die geschichtliche Bewegung zu begreifen und einzusehen, was sich vollziehen muß.«

So sprach mein edler Freund Wilhelm Bracke 1871 zu Braunschweig vor seinen Richtern. Zu diesem Verständnis des Geschehenen und Geschehenden ist die Sozialdemokratie durch die materialistische Geschichtsauffassung gelangt, und ein wesentlicher Teil ihrer Stärke beruht wohl darin, daß sie ihre ganze politische Betätigung damit in Einklang gebracht hat.

In der Tat – die Menschen groß und klein sind alle nur Werkzeuge der historischen Notwendigkeit, bewußt oder unbewußt. Das zeigt sich am eindrucksvollsten in den Wirkungen der großen Katastrophen der Weltgeschichte. Darüber sagt Karl Marx in der Vorrede zu seinem Hauptwerk:

»Wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete, so der amerikanische Bürgerkrieg des neunzehnten Jahrhunderts für die europäische Arbeiterklasse.«

Wenn dieser Satz richtig ist – und das läßt sich unschwer erweisen – so kann man nur staunen, welche verschiedenartigen Elemente im nordamerikanischen Bürgerkrieg zu unbewußten Werkzeugen der gleichen historischen Notwendigkeit wurden. Die schutzzöllnerischen Yankees des Nordens mit ihrem Anhang von Staatsmännern und Offizieren, unter welch letzteren sich eine Menge feudaler preußischer Junker befanden. Großindustrielle und Farmer. Bürger und Proletarier – sie alle halfen die Sturmglocke für die europäische Arbeiterklasse läuten. Dabei glaubten die herrschenden Klassen des Nordens nur gegen die freihändlerischen Bestrebungen der Sklavenhalter des Südens zu kämpfen, während die Massen für die Abschaffung der Negersklaverei begeistert waren. Nur unter den vielen aus Europa vertriebenen Achtundvierzigern, die an dem großen Kampfe teilnahmen, mögen einzelne seine ganze historische Bedeutung erfaßt haben.

So paradox es dem deutschen Spießbürger klingen mag – der Kampf Bismarcks gegen die Sozialdemokratie erscheint nur als eine Fortsetzung dessen, was mit dem amerikanischen Bürgerkrieg begonnen wurde. Auch dieser »starke Mann«, dem seine Verehrer schier übermenschliche Eigenschaften zuschrieben, war nur ein Werkzeug der historischen Notwendigkeit, als er diesen Kampf begann. Er wollte die Sozialdemokratie aufs äußerste drangsalieren und zur Verzweiflung treiben, um sie dann bei einer vermeintlich kommenden bewaffneten Erhebung mit einem[3] Schlage zu vernichten. Aber Bismarck läutete auch nur die Sturmglocke für die Arbeiterklasse. Denn daß er mit seinem Ausnahmegesetze wider seinen Willen die Sozialdemokratie gefördert hat, das sahen schließlich auch solche Politiker ein, die sich in seiner Gefolgschaft befanden. Aber sie standen vor einer Unbegreiflichkeit, da sie die Klassenherrschaft für etwas »Ewiges« hielten. Sie konnten es nicht begreifen, daß die geschichtliche Bewegung vom Feudalismus über den Kapitalismus zum Sozialismus führen muß und daß die Sozialdemokratie ein notwendiges Glied in der Kette dieser Entwicklung ist.

Der Zusammenstoß zwischen den Besitzern der industriellen und agrarischen Produktionsmittel – also den herrschenden Klassen – und dem klassenbewußten modernen Proletariat ward auch in Deutschland unvermeidlich und Bismarck, dem Leiter des Klassenstaats, fiel dabei von selbst die Rolle des Sturmbocks zu. Da er aber eine in den Zeitverhältnissen selbst wurzelnde neue Macht vernichten wollte, so verlief der Kampf ganz anders, als er sich ihn vorgestellt hatte. Bismarck mußte die Erfahrung machen, daß er mit seinem Sozialistengesetz nicht nur der Sozialdemokratie, sondern der ganzen Arbeiterklasse Wunden schlug und damit die Klassengegensätze verschärfte. Der Staat mußte so den Arbeitern immer mehr als feindselige Macht erscheinen und sie von sich abdrängen. Um dem vorzubeugen, entschloß sich Bismarck, den Arbeitern sozialpolitische Zugeständnisse zu machen, um sie damit für seine Regierung zu gewinnen und von der Sozialdemokratie abzuziehen. Diese Zugeständnisse waren durchaus ungenügend, und die Arbeiter ließen sich mit ihnen nicht einfangen. Aber nachdem der Kanzler sich einmal mit der Sache befaßt, ließ sie ihn nicht mehr los. Seine politischen Handlanger sprachen vom »Patrimonium der Enterbten«, und er selbst proklamierte im Reichstag ein »Recht auf Arbeit«, allerdings in preußisch-bureaukratischem Sinne. Er mußte, um den Arbeitern die Wohltaten seiner Sozialpolitik anzupreisen, als »Sozialdemagoge« auftreten und so gegen seinen Willen indirekt für den Sozialismus Propaganda machen, dessen entschiedenste Bekenner er in die Acht erklärt hatte. Während die Sozialdemokratie von der Regierung aufs grimmigste verfolgt wurde, jammerte die liberale Bourgeoisie, daß die Minister im Reichstage »sozialdemokratische« Reden hielten. Ihr war so bang um ihren Geldsack, daß sie behauptete. Bismarcks Sozialpolitik führe direkt in den sozialdemokratischen »Zukunftsstaat« hinein.

Dieser Kampf zog die Aufmerksamkeit der ganzen Kulturwelt auf sich und die Sozialdemokratie gewann Sympathien und Anhänger in Kreisen und an Orten, von denen sie es sich nie hätte träumen lassen. Je gehässiger die Achtung und Verfolgung, desto schneller das Wachstum der Partei, nachdem einmal die erste, auf das Ausnahmegesetz unvermeidlich folgende Verwirrung überwunden war. Wilhelm Liebknecht zeichnete geistreich und treffend die Situation, indem er sagte:

»Der Reichskanzler hat nicht uns, sondern wir haben ihn.

«[4]

Das Gefühl der Unbesiegbarkeit, das wir aus dieser Erkenntnis schöpften, half uns dem schweren Ungemach trotzen, dem wir ausgesetzt waren. Daß der Kanzler aber mit seinem Sozialistengesetz so vollständig Bankerott machen und darüber stürzen würde, wie später geschah, das wagten wir damals noch nicht zu hoffen. Auch gewährten alle tröstlichen historischen Betrachtungen, so sehr sie geeignet waren, unsere Standhaftigkeit zu steigern, doch keinen direkten Schutz gegen die Mißhandlungen, mit den wir zurzeit heimgesucht wurden.

Man hat die zwölf Jahre, während deren das Sozialistengesetz bestand, das Heldenzeitalter der Sozialdemokratie genannt. Ich möchte diese Bezeichnung weniger auf die bekannten Führer, als auf die Namenlosen angewendet wissen, die in jener Zeit verzweifelten Kampfes die größten Opfer gebracht haben. Diese Tausende und aber Tausende sozialistisch gesinnter Proletarier hielten an ihrer Sache mit einer Entschlossenheit fest, die durch nichts erschüttert werden konnte. Sie konnten nicht auf Nachruhm hoffen, diese Tapferen, welche die Geheimorganisationen füllten und damit der Partei wieder ein festes Rückgrat gaben; welche unter den größten Gefahren die verbotenen Schriften verbreiteten oder Deckadressen für die Verbreitung lieferten; welche, unablässig von der Polizei verfolgt, Wahlflugblätter und Stimmzettel unentgeltlich bei jedem Wetter hinaustrugen, oftmals bei Schnee und Regen bis hoch in die Gebirge hinauf; welche bei aller eigenen Not oft Scherflein für die Opfer des Ausnahmegesetzes gaben und welche für dies alles keinen anderen Lohn erwarten konnten, als verhaftet, bestraft, ausgewiesen und von ihren »patriotischen« Arbeitgebern auf die Straße geworfen zu werden. Hunderte, Tausende dieser opfermütigen Parteigänger sind von solchem Schicksal betroffen worden. Und wie viele Opfer des kleinen Belagerungszustandes sind verschollen, vergessen, verdorben, gestorben!

Wer denkt heute noch an jene drei Berliner Parteigenossen, den Former Otto Bachmann, den Schlosser Paul Hensel und den Gürtler R. Nauen, die im Winter 1887 – vor der »Angstwahl« – einer geheimen und von der Polizei gesuchten Vertrauensmännerversammlung außerhalb der Stadt anwohnten und dort möglichst schnell nach Berlin zu befördernde Wahllisten in Empfang nahmen? Sie nahmen den Rückweg über den zugefrorenen Spandauer Schiffahrtskanal, brachen auf dem dünnen Eis ein und ertranken!

Wer kennt noch den Namen jener sächsischen Bergmannsfrau, deren Schicksal seinerzeit die Arbeiterwelt so lebhaft bewegte? Bei ihr fand Haussuchung nach verbotenen Schriften statt, und die hochschwangere Frau wurde unter den Kleidern bis auf den bloßen Leib betastet. Außer sich vor Zorn und Scham stürzte sie sich in einen Teich, kroch aber, da das Wasser nicht sehr tief, wieder heraus und gab einem Kinde vorzeitig das Leben. Das Kind starb, die Mutter, die man im kläglichsten Zustande auffand, blieb leben. Als diese Sache im sächsischen Landtage vorgebracht wurde, meinte ein gemütvoller fortschrittlicher Abgeordneter,[5] ein Polizeibeamter habe jederzeit das Recht, eine körperliche Durchsuchung vorzunehmen und, wenn dabei ein Frauenzimmer einen verbotenen Gegen stand unter den Kleidern versteckt halte, diesen hervorzuziehen. – – –

Ich mußte also im Winter 1880 binnen 48 Stunden Hamburg verlassen, nachdem ich den Ausweisungsbefehl erhalten. Ich war momentan heimatlos im Vaterland.

In solcher Zeit treue Freunde zu haben ist von unschätzbarem Werte, und ich darf sagen, daß es mir an solchen nicht gefehlt hat. Von meinen Jugendfreunden gingen mir die meisten entsetzt aus dem Wege. Aber es gab auch solche – und mehr als man glauben sollte – die nun gerade zeigen wollten, daß sie sich vor der Polizei, die unsereinen stets umschnüffelte, nicht fürchteten; dies taten namentlich Dr. Karl Röder, der schon genannte Sohn des Professors des Naturrechts in Heidelberg, und der Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Köhler in Mannheim, beide von Breitenbronn her mit mir befreundet.

Sehr wichtig war, daß mein Freund und Parteigenosse Max Neißer in Bremen, der daselbst ein Korrespondenzbureau errichtet hatte, mir eine Stellung darin anbot. Ich sagte natürlich mit Freuden zu, entschloß mich aber auf das Drängen meiner Frau, die es in diesem Unglück zu ihren in Mainz wohnenden Verwandten zog, auf kurze Zeit dahin zu gehen.

Eine Kolonie von hamburgischen ausgewiesenen Sozialdemokraten hatte sich in dem gegenüberliegenden Harburg gebildet, von wo aus auch die in Hamburg einstweilen weiter erscheinende »Gerichtszeitung« redigiert wurde. Ich wurde eingeladen, dahin zu kommen, aber ich tat es nicht, da ich einsah, daß diese Ansiedelung nicht von Bestand sein werde. In der Tat wurde die »Gerichtszeitung« bald verboten, über Harburg der »kleine Belagerungszustand« verhängt und alles, was sich von bekannten Sozialdemokraten dort befand, ausgewiesen. In diesem Strudel ging auch der »Wahre Jakob« unter. Wir wagten es, die Polizei in seiner letzten Nummer zu verspotten. Auch ich erhielt ein Aufenthaltsverbot für den Harburger Bezirk, obschon ich dort nicht gewohnt hatte.

Als ich Ende 1880 nach Mainz kam, sollte ich erfahren, daß die Verwirrung, welche das Sozialistengesetz angerichtet hatte, noch nicht überwunden war.

Die Parteigenossen empfingen mich sehr liebenswürdig, und Paul Stumpf bewährte sich als alter Freund. Mein Jugendfreund Karl Röder, der in Darmstadt als Arzt praktizierte, kam öfter herüber zu mir. Auch junge Leute aus bürgerlichen Kreisen führten sich bei mir ein; so ein Ingenieur Grünewald, der mich partout für südamerikanische Kolonialprojekte gewinnen wollte, und der damalige Studiosus und spätere hessische Landtagsabgeordnete Frenay, der unlängst als Bürgermeister von Bensheim verstorben ist.

Da ich unter den Mainzer Parteigenossen viele Freunde hatte, so entstand der Wunsch, mich in Mainz zu halten. Man schlug mir vor, ein Wochenblatt herauszugeben, wozu Abonnenten gesammelt werden sollten.Ich bezweifelte, daß diese Sache Bestand haben könne, wenn man mich auch auf die »milde Praxis« der hessischen Polizei verwies, durch welche das »Offenbacher Abendblatt« am Leben geblieben war. Außerdem wollte ich auch auf die mir in Bremen zugesicherte Stellung nicht verzichten. Ich versprach also nur, das Wochenblatt einzurichten, damit nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten es ein anderer weiterführen könne.

Mit Feuereifer wurden Abonnenten gesammelt. Ein mir befreundeter Wirt, der Parteigenosse Förster, brachte allein deren tausend auf und kam freudestrahlend mit der Liste zu mir.

Das Blatt sollte »Demokratisches Wochenblatt« heißen, welcher Name aus Vorsicht gegenüber der Polizei gewählt war.

Aber ich mußte bald sehen, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Das hochwohllöbliche Komitee, welches die geheime Organisation leitete, war nicht sofort und offiziell von dem neuen Unternehmen in Kenntnis gesetzt worden. Da mehrere Mitglieder des Komitees mit mir befreundet waren und ich von diesen keinen Widerstand erfahren hatte, war es mit der Form nicht so genau genommen worden. Als ich nun mit den Abonnementslisten vor dem Komitee erschien, stieß ich auf einen unerwarteten Widerstand. Der Vorsitzende erklärte mir, daß das Komitee das Unternehmen nicht billigen könne, denn aus dem Titel des neu zu gründenden Blattes gehe hervor, daß ich ein Organ für die bürgerliche Demokratie – die, beiläufig bemerkt, schon zwei Organe am Platze besaß – gründen und die Parteigenossen dazu benützen wolle.

Ich verschmähte es, mich gegen diese Insinuation zu verteidigen und meinen bitteren Empfindungen als ausgewiesener Sozialdemokrat Ausdruck zu geben. Meinen Freunden gab ich mit Dank und mit Bedauern über diese Wendung der Sache die Listen zurück. Alsdann reiste ich nach Bremen ab, während meine Frau vorläufig bei ihren Verwandten in Mainz blieb.

Ich machte halt in Hannover, wo mir eine Anzahl Parteigenossen, an ihrer Spitze der treffliche Rudolf, einen sehr liebenswürdigen Empfang bereiteten. Ich bin heute noch gerührt, wenn ich an dieses Beispiel schöner Brüderlichkeit im Unglück denke.[8]

Quelle:
Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2 Bde, 2. Band. München 1919, S. 3-9.
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