XVI.

Erschießung Robert Blums in Wien. Steigende Aufregung in Deutschland.

[93] Eine ausführliche Analyse des Inhalts der »Verbrüderung« hat Georg Adler in seinem Buche, »Die erste sozialistische Arbeiterbewegung in Deutschland« gegeben, auf das ich meine Leser verweise. Der Verfasser wundert sich über den revolutionären Ton, der in dieser Zeitschrift weht, und der Ende November 1848, nach der Einnahme von Wien durch Windischgrätz und dem Einzug Wrangels in Berlin, sogar bis zu einem direkten Aufruf sich steigerte, die bedrohten Errungenschaften des März mit den Waffen in der Hand zu verteidigen. Diese Verwunderung des sehr geschätzten Nationalökonomen ist mir nur ein Beweis, daß schon die direkt auf die Ereignisse von 1848 folgende Generation zu abgekühlt war, um für den Aufruhr, der unser Herz bewegte, ein Verständnis zu haben. Die »Verbrüderung« war, was eigentlich selbstverständlich ist, sehr heißblütig, doch verfiel sie niemals in jenen tyrannenmörderischen Posaunenton, der einige Jahrzehnte später von hohlköpfigen Strebern mit lächerlicher Virtuosität geblasen wurde. Den Hauptinhalt bildeten in lebendiger Darstellung eine Reihe von Untersuchungen über die soziale Frage. Der Stil zeichnete sich freilich nicht durch kühle Gemessenheit und Ruhe aus. Das wäre in jener aufgeregten Zeit schlecht am Platze gewesen. Eine Zeitschrift wie »Die Verbrüderung« hatte die Aufgabe, die Massen aufklärend zu packen und zu leiten, und das gelang ihr in gewünschtem Maße.


Nicht wegen der sozialistischen Artikel kam das Blatt übrigens in Konflikt mit der wachsamen Justiz, wenn wir den Ruf zu den Waffen ausnehmen, der kaum unbeachtet bleiben konnte, sondern wegen der sozial-politischen Gedichte, von denen es eines in jeder Nummer brachte. Und die Staatsanwaltschaft der guten Stadt Leipzig bewies wahrhaft ihren vorzüglichen literarischen Geschmack, indem sie mich zuerst wegen des Abdrucks der »Weber« von Heine zur Rechenschaft zog. Wegen Preßvergehens angeklagt, wurde ich vor den Untersuchungsrichter geladen. Dieser, ein noch ziemlich junger Mann, schien von seiner inquisitorischen Aufgabe nicht sehr erbaut. Es war im Herbst des Jahres[94] 1848 und selbst in dem Gemüte eines königlich sächsischen Untersuchungsrichters mochte wohl noch etwas von der allgemeinen Jahresstimmung lebendig sein. Es war auch eine Neuerung im Verfahren eingeführt: die Untersuchung war nicht absolut geheim, zwei »Männer aus dem Volke« wohnten ihr bei. Sie hatten nichts dreinzureden, sie sollten nur als Bürgschaft dafür dienen, daß dem Angeschuldigten nichts Ungebührliches von Seiten des Richters widerfuhr. Ich bestritt, daß das Heine'sche Gedicht einen aufrührerischen Charakter habe. Es sei nicht an die Weber gerichtet, es spreche von den Webern, von dem peinigenden Hunger, der sie quäle und der sie in ihrer Verzweiflung selbst bis zu gotteslästerlichen Worten verleite. Der Untersuchungsrichter lächelte kritisch, die beiden Spießbürger aber, die als Wächter der Gerechtigkeit hinter ihm saßen, lächelten mich verschmitzt und zugleich aufmunternd an. Sie steckten auch noch in der Jahresstimmung und waren zweifellos mit mir einverstanden. Das ermutigte mich, den grandios dramatischen Zug in dem Gedicht ausführlicher darzulegen, die von dem Dichter gesuchte, in so erschütternder Weise herbeigeführte Steigerung als ästhetisch geboten zu bezeichnen, so daß der Fluch der hungernden Weber kaum anders als mit einer Gotteslästerung endigen konnte. Der Richter, in der Form immer liebenswürdig, wollte dies nicht gelten lassen. Was wahrscheinlich mehr Eindruck auf ihn machte, das war der Hinweis auf die Tatsache, daß das inkriminierte Gedicht schon ein Jahr vor der Märzrevolution erschienen war, daß diese die Zensur aufgehoben, und daß die Heine'schen Schriften jetzt offen in allen Buchhandlungen verkauft wurden. Die Zeit habe sich geändert, erklärte ich. Ob es denn die Absicht der Regierung sei, wieder zu einem von ihr selbst aufgegebenen System der Verfolgung des freien Wortes zurückzukehren? Dieser Teil meiner Verteidigung machte jedenfalls mehr Wirkung auf meinen Richter als der ästhetische Teil. Man reichte mir ein Protokoll zur Unterzeichnung, und ich wurde bis auf weiteres entlassen. Als ich mich zurückzog, gaben mir die beiden Tugendwächter wieder ein freundliches Augenblinzeln mit auf den Weg. Die Angelegenheit kam mir sehr ergötzlich vor, auch nach einem zweiten Verhör, zu dem ich mehrere Wochen später vorgeladen wurde. Die Zeiten fingen schon an, sich zu verdüstern. Das glaubte ich daran zu erkennen, daß diesmal nur ein einziger »Mann aus dem Volke« der Sitzung beiwohnte.[95]

Die Reaktion hatte mehr Zuversicht gewonnen. Robert Blum war in der Brigittenau zu Wien standrechtlich erschossen worden.

Man täuscht sich wohl nicht, wenn man annimmt, daß zwischen Osterreich und Preußen eine Verständigung über die gleichzeitig zu ergreifenden Schritte gegen die Folgen der Märzrevolution stattgefunden hatte. In beiden Ländern wurden schon Mitte August Truppenmassen zusammengezogen, welche die Aufgabe hatten, die »Ordnung« wiederherzustellen. Von Böhmen aus sollte eine Armee unter dem Oberbefehl des Fürsten Windischgrätz die Eroberung Wiens besorgen, in der Mark Brandenburg kommandierte General Wrangel die zum Einzug in Berlin bestimmte Armee. Als Fürst Windischgrätz vorrückte, um Wien zur Unterwerfung zu zwingen, schickte das Frankfurter Reichsministerium zwei Kommissäre zur Vermittlung an ihn ab, die der österreichische Feldherr einfach zu den Ministern nach Olmütz sandte, welche die ungebetenen Gäste mit einigen Höflichkeitsphrasen von sich abschüttelten. Die Linke des Frankfurter Parlaments glaubte ihrerseits zwei Vertrauensmänner nach Wien senden zu müssen. Sie beehrte mit dieser Mission Robert Blum und Julius Fröbel. Man begreift nicht recht, welchen Zweck sie damit im Auge hatte. Einen Volksredner wie Blum brauchten die Wiener Aufständischen nicht, einen Schriftsteller wie Julius Fröbel noch weniger. Womit das Frankfurter Parlament allein etwas hätte ausrichten können, das besaß es eben so wenig wie irgend eine andere deutsche Volksvertretung: ein Parlamentsheer. Da ein solches nicht improvisiert werden konnte, so war es im Herbst des Jahres 1848 jedem politisch denkenden Deutschen klar, daß für den Augenblick die Errungenschaften des März im höchsten Grade gefährdet waren, und daß man im Kampfe gegen die militärisch organisierte und nach einer blutigen Entscheidung dürstende Reaktion wieder auf das nicht organisierte und schlecht gerüstete freiheitsliebende Volk angewiesen war. Ein Widerstand gegen die fürstliche Macht hätte vielleicht bei gleichzeitiger Erhebung aller größeren Städte noch einige Aussicht auf Erfolg geboten. In Österreich war darauf nicht zu rechnen. Ein intelligenter Mann wie Robert Blum sah die Hoffnungslosigkeit einer Erhebung der Hauptstadt gegen die 90000 Mann des Fürsten Windischgrätz sicherlich ein. Er glaubte es trotzdem seiner Vergangenheit und seiner Ehre schuldig zu sein, mit seinem Leben für eine Sache einzustehen, die für den Augenblick verloren war, die jedoch aus[96] jedem Tropfen Blutes, das für sie vergossen worden, für künftige Tage neue Stärke erzeugte. Robert Blum stand mit dem Volk auf den Barrikaden. Er wurde auf Befehl des siegreichen Generals am 4. November mit Fröbel in seinem Gasthof verhaftet, und am Morgen des 9. November in der Brigittenau standrechtlich erschossen. Er hatte wie ein Mann gelebt, er starb wie ein Mann, und die Nachricht von seinem Tode erweckte eine ungeheure Erregung in allen deutschen Landen, mehr als irgendwo anders in Leipzig, das ihn als seinen Vertreter ins Frankfurter Parlament gesandt hatte. Hier wie aller Orten wurde für den geliebten Volksmann eine Totenfeier veranstaltet. Leipzig war zu jeder Zeit wesentlich Geschäftsstadt gewesen, deren Bewohner wohl stets den lebendigsten Anteil an den Geschicken des Vaterlandes nahmen und opferwillig für dasselbe eintraten, sich auch in jeder Bewegung als Freunde der bürgerlichen Freiheit erwiesen; dem Charakter eines alten Handelszentrums gemäß war Leipzig jedoch niemals revolutionär. Ich war deshalb gar nicht überrascht, als ich an dem Morgen, der die Nachricht von der Hinrichtung Robert Blums brachte, in der Bevölkerung auch nicht die leiseste Spur aufrührerischer Erregung, sondern nur tiefe Ergriffenheit und resignierte Trauer auf allen Gesichtern sah. In dichten Haufen standen die Leute aus dem Kleinbürgerstande auf den Straßen zusammen und besprachen die entsetzliche Nachricht aus Wien. Diejenigen, welche den Dahingeopferten persönlich gekannt hatten, fielen einander weinend in die Arme. Die scheinbar ohnmächtigen Tränen waren nicht unfruchtbar für die Neugestaltung Deutschlands. Jede große Sache muß ihre Märtyrer aufweisen können, deren Glorienschein für kommende Geschlechter als Gedenkzeichen und unvergängliche Ermahnung wirkt. Ungarn, Österreich, Deutschland befanden sich vor fünfzig Jahren in einem Krieg zwischen vorwärts strebenden Völkern und rückwärts drängenden Regierungen. Der Krieg schlug anfangs zum Vorteil der Reaktion aus. Diese hatte unrecht, die Kriegsgefangenen durch den Strang oder durch Pulver und Blei des Lebens zu berauben. Die standrechtlichen Hinrichtungen, wo sie auch nach dem Siege der Reaktion ausgeführt wurden, haben nirgends den Eindruck eines vollzogenen Rechts, sondern eher den persönlicher Rache gemacht; sie haben nicht gehindert, daß in Ungarn, in Österreich, in Deutschland die vorwärts strebenden Völker einen gewaltigen Schritt vorwärts getan,[97] und daß die vormärzlichen politischen Zustände beinahe zu einem Mythus geworden sind.

Am 9. November war Robert Blum in der Brigittenau erschossen worden; einen Tag vorher hatte General Wrangel, als Befehlshaber der Truppen in den Marken, seinen Einzug in Berlin ohne Widerstand ausgeführt, einige Tage später verhängte er den Belagerungszustand über die preußische Hauptstadt, die Bürgerwehr wurde zur Ablieferung ihrer Waffen aufgefordert, die Nationalversammlung geschlossen und nach Brandenburg verlegt. Ihre letzte Handlung war der Beschluß der Steuerverweigerung. Er blieb ein Schlag ins Wasser. Was im 17. Jahrhundert in England unter ganz anderen Verhältnissen sich als wirksam erwiesen hatte, machte zwei Jahrhunderte später keinen Eindruck mehr. Die Regierung forderte momentan keine direkten Steuern ein, und die wohlhabenden Bürger, welche ins Gewicht fallende direkte Steuern zu bezahlen hatten, waren reaktionär geworden; sie sehnten sich nach »Ruhe und Ordnung«, nach Belebung der stockenden Geschäfte. In den breiteren Volksschichten hatte man die Augen nach Frankfurt gerichtet, man war auf die neue Reichsverfassung gespannt, die aus dem Professorenparlament hervorgehen sollte.

Ich wollte mich selbst von dem Stand der Dinge überzeugen und ging nach der Erklärung des Belagerungszustandes auf einige Tage nach Berlin. Am Anhalter Bahnhof wurde ich wie alle Reisenden nach dem Paß gefragt. Ich hatte keinen, nannte mich aber. Einem Herrn mit einem blauen Fez auf dem Haupte gefiel es, zu bestätigen, daß ich der sei, für den ich mich ausgegeben. Man ließ mich ein. Einer der ersten, denen ich auf meinem Wege in die Stadt begegnete, war Johann Jakoby. »Sie wollen doch hier nichts anfangen?« rief er mir erschrocken zu. Die Frage war sehr bezeichnend für jene Tage. »Durchaus nicht!« konnte ich mit gutem Gewissen antworten. Jakoby und seine Freunde erwarteten alles von ihrem Steuerverweigerungs-Beschluß. Vollständig aufgeklärt über den Stand der Dinge kehrte ich nach wenigen Tagen nach Leipzig zurück.

Quelle:
Born, Stephan: Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Berlin, Bonn 1978, S. 93-98.
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