Nachwort.

[144] Die fünfzig Jahre, die seit den Ereignissen verflossen sind, an denen ich teilgenommen, haben Deutschland so viele Veränderungen gebracht, daß es mir Bedürfnis ist, ehe ich meine »Erinnerungen« schließe, eine kurze Betrachtung an das anspruchslos Dargestellte zu knüpfen.

An der Grenze des neuen Reiches eingebürgert, durch den Umgang mit Leuten des jenseitigen Rheinufers, mit deutschen oder deutsch-freundlichen Kollegen an der Basler Universität, und namentlich als Redakteur der »Basler Nachrichten« stehe ich in unausgesetzter Beziehung zur allgemeinen politischen Bewegung, speziell zum politischen Leben in Deutschland. Ich nehme innigen Anteil an seinen glücklichen Fortschritten und nicht minder an seinen, hoffen wir, unbegründeten Sorgen. Die Überzeugung, von welcher alle politisch denkenden Menschen im Jahre 1848 erfüllt waren, daß die deutsche Einheit nicht ohne harte Kämpfe, nicht ohne »Blut und Eisen« errungen werden konnte, ist durch den Gang der Geschichte bestätigt worden. Der Riß, der durch die Reformation das deutsche Volk getrennt hat, ist freilich noch immer nicht ganz geheilt. Wäre er unheilbar? Die konfessionellen Gegensätze bestehen auch in der Schweiz, die selbst unmittelbar vor ihrer politischen Erneuerung des Jahres 1848 einen Bürgerkrieg aus religiösen Motiven durchzukämpfen hatte, die in neuester Zeit noch einen Kulturkampf bestanden hat und doch ist die politische Einheit dieser konfessionell und sprachlich geteilten Nation jetzt felsenfest begründet und über allem Zweifel erhaben. Ich bin deshalb überzeugt, daß auch im neuen deutschen Reich die geschaffene Einheit aus konfessionellen Gründen nicht ernstlich gefährdet ist – so lange nicht ein ungewöhnlicher Unverstand über die Geschicke des Landes verfügt.

Deutschland hat, wie ich überzeugt bin, durchaus keine Ursache, an seiner Zukunft zu zweifeln, so leidenschaftlich auch die Parteikämpfe sind, welche seine Bevölkerung vorübergehend spalten. Man überschaue mit Unbefangenheit, was in den letzten fünfzig Jahren geschaffen worden und man wird über die Größe des Erreichten staunen. Es scheint im Augenblick ein Stillstand in der Entwicklung eingetreten zu sein. Es ist nicht zu besorgen, daß die[145] unterbrochene Arbeit nicht in kürzester Zeit wieder aufgenommen werde. Der konfessionelle Streit, der bis in die Gegenwart wegen des zur Kaiserwürde gelangten protestantischen Fürstenhauses einen unversöhnlichen Charakter anzunehmen schien, wird unter einem jüngeren Geschlecht sich allmählich abschwächen. Nur verlange man nicht, daß in wenigen Jahrzehnten zusammenbreche, woran Jahrhunderte gebaut haben.

Neben dem konfessionellen Streit ist es der die ganze Welt beherrschende Kampf des vierten Standes um seine Selbständigkeit, der die schwere Sorge der Gegenwart bildet. Dieser Kampf, von dessen Anfängen ich in den vorliegenden »Erinnerungen« als Augenzeuge und Beteiligter erzählt habe, hat seither sein damals ins Auge gefaßtes Ziel erreicht, er hat eine starke Arbeiterpartei geschaffen und so deren geschichtliche Berechtigung bewiesen. Damit ist sicherlich sein Abschluß nicht gewonnen, er tritt vielmehr in eine neue Phase. Eine starke Partei ist entstanden, sie lebt, der Boden zu ihren Füßen ist geebnet. Man ist gespannt auf die Schöpfungen, die sie in Aussicht genommen, sie soll jetzt bauen. Was wird sie bauen? Nichts anderes als was die Zeit ihr zu bauen gestattet. Ein Baum wird seine Äste nicht in hohen Lüften wiegen, dessen Wurzeln nicht tief und weit herum im Erdreich ihre Stütze gefunden haben. So ist in der Geschichte niemals ein neuer Gedanke zur Wirklichkeit geworden, dessen Macht nicht in der Vergangenheit wurzelt. Annehmen, daß in dieser Welt, mit ihren Kasten, ihren Glaubens- und Standesunterschieden, die in der Erziehung, in der Geburt und im Besitz sich äußern, mit ihren Eitelkeiten, ihren Mißbräuchen, mit allen ihren offnen und geheimen Lastern in absehbarer Zeit, bloß durch eine dekretierte Änderung der öffentlichen Einrichtungen eine Welt der materiellen Gleichheit und Selbstverleugnung entstehen könne, das ist ein so in die Augen springender Aberglaube, daß selbst diejenigen, welche an die Verwirklichung eines solches Traumes zu glauben sich einbilden, sich im Grunde doch bewußt sind, daß sie solches sich eben nur einbilden. Der neue Bau, zu dem der Grundriß noch fehlt, wird noch lange nicht begonnen, er wird überhaupt nicht begonnen werden. Denn es gibt weder einen alten, noch einen neuen Bau, es gibt nur einen einzigen, ewigen Bau, den der Menschheit Urväter begonnen haben, an welchem ein Jahrhundert nach dem andern sich beteiligt hat, indem es verfallene Teile fortgeräumt, um sie durch neue zu ersetzen, und auf[146] dem festen Grunde des mühsam Errungenen weiter in die Höhe zu streben, der Gesittung, der Wohlfahrt, der Freiheit einen Tempel zu errichten, zu dem unablässig Steine herbeigetragen werden, der nie ganz vollendet wird und an dem doch Geschlecht um Geschlecht ewig fortarbeiten. Erlahmen die einen, so werden sie durch andere abgelöst, auf Zeiten der Zwietracht folgen kurze Pausen scheinbarer Eintracht. Fort und fort jedoch, wie die nie rastende Stromeswelle, setzt die Jagd nach dem ersehnten und nie erreichbaren Glück wieder ein, das allgemeine Drängen nach einem Ziel, dem unsere Phantasie die verführerischsten Farben leiht, hört niemals auf und keiner erreicht es und jeder verfolgt es. Denn nicht das ferne Ziel bewirkt es, daß unsere Augen leuchten – am Ende entdecken wir vor dem Ziele doch immer das dunkle Grab – das Rennen selbst ist unser Bedürfnis und unser Glück, das Ringen, das Vorwärtsdrängen an sich, weil es uns belebt, über die Gemeinheit und die Wirrnisse des Daseins erhebt und für alle Mühsal und Sorgen des Tages uns entschädigt. Darum treibt es uns voran, ewig voran.

Welches Urteil nun haben wir Jubilare einer gewaltigen Bewegung von der Zukunft zu erwarten? Sie wird gerecht sein, sie wird sagen: Vorwärts wolltet ihr? Recht so. Ihr Unterdrückten, Übersehenen, Vergessenen, ihr habt euch an einem Tage heißen Zornes gegen diejenigen erhoben, die aus eurer Schwäche ihre Kraft gewonnen hatten und euch mißachteten. Ihr habt euer Leben eingesetzt und habt jene bekämpft. Wer darf euch tadeln? Ihr wurdet niedergeschlagen. Was tut's? Ihr habt denen, die euch das Gesetz gemacht und euch beherrscht haben, eure vereinte Kraft gezeigt. Sie rächten sich an solchen, die in ihre Hände gefallen waren, durch grausame Härte; aber sie haben euch kennen lernen und sie begannen diejenigen zu achten, von denen man bisher kaum gesprochen. Ihr erhebt euch aus eurer Niederlage, ihr seid stark geworden. Nur einige Jahrzehnte und ihr stellt eine Macht dar, die aus dem Nichts zum Lichte emporgedrungen ist; man muß mit euch rechnen, ihr steht da als ein lebendiges Zeugnis für die Gesetze der Völkerentwicklung. Mehr noch: Aus den Reihen eurer angeblich geborenen Gegner treten die Denkenden zu euch heran, sie prüfen die Ideen, die eure Waffen waren und die euch getrieben zum Bau von Barrikaden und zur Bekämpfung eines erstarrenden, dem Tode geweihten Systems; eure Ideen erwerben euch Anhänger und immer mehr Anhänger[147] im andern Lager, es kommt euch Hilfe von drüben und ihr werdet nicht mehr als tolle, hirnverbrannte Wesen betrachtet und verabscheut. Die Besten von drüben sagen: Sie haben recht gehabt und hätten wir schon damals aufrecht gestanden, wir hätten neben ihnen gestanden.

Das ist der Sieg der Ideen, der mehr wert ist als der Vorteil des Augenblicks, mehr als materielle Kraft und zufällige Überlegenheit der Arme oder der Zahl, und dieser Sieg über die Geister, er ist die wirkliche, die eigentlich gewonnene Schlacht. So dürfen wir, die Achtundvierziger, in unseren alten Tagen mit Beruhigung aussagen: Wir haben nicht vergeblich gerungen.

Übersehen wir jedoch eines nicht: Die Zeiten sind nicht mehr dieselben. Das, was die Jugend vor fünfzig Jahren in den Kampf getrieben, war der Kampf um die politische Gleichberechtigung und die Einheit der Nation. Die Ernte ist eingeheimst worden, so weit sie reif war. Und so wird auch in Zukunft Frucht um Frucht einzeln gepflückt werden, doch nicht eher als bis sie völlig reif ist. Es kommt auch keinem vernünftigen Menschen mehr in den Sinn, für irgend eine Forderung mit einer anderen Waffe als dem Stimmzettel zu kämpfen. Diese Waffe ist von unwiderstehlicher Macht, wenn der öffentliche Geist sie trägt. Im Bewußtsein der Mitlebenden muß eine Forderung als gerecht und verständig, d.h. als erfüllbar anerkannt sein, soll sie als Gesetz ins Leben treten. Auf sozialem Gebiete gibt es keine gewaltsamen Umwälzungen. Was man die Wandlungen der Produktionsformen zu nennen berechtigt ist, das ist stets die Frucht vorausgegangener allmählicher Wandlungen im Verkehr der Nationen, die Folge der Vermehrungen der Bevölkerung, der Entdeckung neuer Seewege, der Unzulänglichkeit der alten Produktionsformen zur Deckung der gesteigerten Bedürfnisse gewesen. Es gibt rasch verlaufende politische Revolutionen und sie können lokal beschränkt sein, es gibt soziale Evolutionen, die sich langsam und nur unter dem Einfluß des allgemeinen Weltverkehrs vollziehen. Wohin diese Evolutionen schließlich führen werden, das braucht heute unsere Sorge nicht zu sein. Die Menschheit ist noch jung. Warum soll sie nicht noch hunderttausend Jahre und noch viel länger leben? Welchen Grund haben wir heute von dem Siege des vierten Standes das Aufhören aller Klassenkämpfe, d.h. eine Entwicklungsstufe zu erwarten, die etwas wie das Paradies auf Erden wäre? Diese Anschauung gelangt sichtbarlich auch in den Kreisen zur Herrschaft,[148] die sich, so lange es sich um das allgemeine Stimmrecht handelte, als revolutionär bezeichneten. Aus den Sozialrevolutionären werden Sozialreformer, das liegt im Zuge der Zeit.

Wollen wir mit Obigem sagen, daß Deutschland ganz sorglos in die Zukunft schauen darf? Sicher nicht. Infolge seiner Lage im Zentrum Europas, von mehr als einer feindlichen Macht an seinen Grenzen bedroht, wird es noch lange auf seine Sicherheit gegenüber äußeren Feinden zu achten haben. Daß seine innere Entwicklung sich ohne allzu harte Reibungen vollziehe, möge man besonders da nicht außer Augen lassen, wo man für Deutschlands Zukunft zumeist verantwortlich ist.[149]

Quelle:
Born, Stephan: Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Berlin, Bonn 1978, S. 144-150.
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