Geburtstage.

[114] »Es ist doch hübsch, daß es Geburtstage gibt,« schrieb mir einmal eine Freundin. »Zum neuen Jahre gratuliert alle Welt aller Welt; an unserem Geburtstag bekommen wir die Glückwünsche allein!«

Das heißt mit anderen Worten: Es ist uns angenehm, schmeichelhaft, einmal die Hauptperson zu sein, der Mittelpunkt, um den sich die Aufmerksamkeit von Freunden und Verwandten dreht.

Und das ist in der That so. Schon das kleine vier-oder fünfjährige Wesen hat dieses Gefühl, und man thut wohl, es nicht allzusehr zu nähren. Daß Eltern und Geschwister, auch wohl die kleinen Gespielen dem Kinde gratulieren, ist natürlich und schön; aber man sollte nicht, wie dies zuweilen geschieht, eine Gesellschaft auch Erwachsener für diesen Tag einladen, in welcher das Geburtstagskind dann von Hand zu Hand geht und mit Liebkosungen und Geschenken überschüttet wird. Ein Geburtstagstisch mit dem Kuchen in der Mitte, um den ein Kranz von Lichtchen die Zahl der Jahre angibt, die das Kind heute erreicht; dazu einige einfache Spielsachen, ein paar nützliche Gegenstände, – darauf sollte man sich bei dieser Gelegenheit, wie auch beim Weihnachtsfest, das wir ja ebenfalls zu einer Familienfeier gemacht haben, beschränken. »Kinderhände sind gar leicht gefüllt,« sagt man mit Recht; ein altes, zerbrochenes Spielzeug ist ihnen oft lieber, als das neue, kostbare; gewöhnt man die Kinder aber daran, sehr viele und sehr elegante Sachen zu bekommen, so werden sie von[114] Jahr zu Jahr anspruchsvoller, und der ursprüngliche einfache Sinn geht ihnen, zu ihrem eigenen Schaden, ganz verloren.

Den Geburtstag der Eltern zu feiern, wird den Kindern eine der süßesten Pflichten sein. Da wird, ähnlich wie vor Weihnachten, heimlich gestickt, genäht; der Sohn macht eine Zeichnung, die Tochter übt ein neues Musikstück ein, denn selbst Gearbeitetes, eigene Produktion erfreuen stets am meisten. Von dem ersparten Taschengeld werden auch kleine Einkäufe gemacht; sehr falsch aber wäre es, wenn die Mutter den Kindern Geld geben wollte zu einem Geschenk für den Vater, oder vice versa. Das kann weder dem Geber, noch dem Empfänger Freude machen. Ebenso erscheint es uns immer lächerlich, wenn die Gattin dem Mann eine kostbare Stickerei, – einen Teppich, ein Rückenkissen – schenkt, die schließlich doch ihren Salon schmückt. Er hat ihre Gesellschaft, während sie daran arbeitete, entbehren müssen, eine persönliche Annehmlichkeit erwächst ihm nicht aus der Gabe, und schließlich hat er vielleicht gar die Rechnung dafür zu bezahlen!

Nein, das ist nicht die richtige Art zu geben. Der Zweck jedes Geschenkes ist, dem Empfänger eine wirkliche Freude zu bereiten. Deshalb soll der Geber sorgfältig studieren, was wohl dem zu Beschenkenden willkommen sein kann. Ist es ein naher Verwandter, ein intimer Freund, so darf man nützliche Gegenstände wählen, kann auch dabei bemerken, es sei da und da gekauft und könne umgetauscht werden. In manchen Familien, wo Geburtstagsgeschenke bis in das siebente Glied hinein Sitte sind, wird von dem Geburtstagskinde wohl ein »Wunschzettel« aufgeschrieben und einem der Angehörigen anvertraut, der dann dafür sorgt, daß die Geber Kenntnis davon erlangen. Das hat den Vorteil, daß einerseits letztere sich wegen des Geschenks[115] nicht den Kopf zu zerbrechen brauchen, und andererseits, daß das Geburtstagskind – das in kleinen Verhältnissen lebt – keine unnützen Dinge, oder denselben Gegenstand – à la Kutschenbock – zwei-, dreimal erhält.

Sehr vorsichtig aber muß man, auch bei den nächsten Verwandten oder Freunden, sein, ihnen etwas zu geben, das man selbst zum Geschenk erhalten hat. Man riskiert, daß sie den Gegenstand wieder erkennen, oder sonstwie erfahren, wie es sich damit verhält und den sehr naheliegenden Schluß ziehen, der andere gebe ihn fort, weil er ihm unnütz war und er sich eine Ausgabe sparen wollte. Gewiß, der Preis macht nicht den Wert der Gabe aus; muß der Empfänger aber ökonomische Rücksichten bei dem ihm gemachten Geschenke merken, so wird er, statt Freude, nur Verdruß darüber empfinden, statt dankbar zu sein, sich beleidigt fühlen.

Der Preis soll so wenig eine Rolle spielen bei der Gabe, daß es z.B. lächerlich ist, wenn jemand einem Geschenke, das er als passend gewählt, noch eine Kleinigkeit hinzufügt, weil es den Geldwert nicht repräsentiert, den er anwenden wollte. Man merkt dann Absicht und man ist verstimmt. Andererseits aber soll man sich auch hüten – und soll sich besonders der reichere Freund dem ärmeren gegenüber hüten, – ihm ein zu kostbares Geschenk zu machen, das jener nicht erwidern kann. Statt zu erfreuen, demütigt er dann den Empfänger.

Ueberhaupt ist die Stellung des Empfängers dem Geber gegenüber eine untergeordnete, und es kommt wohl daher, daß Dankbarkeit eine so seltene Tugend ist. Geben ist nicht nur seliger, es ist auch leichter, als Nehmen. Dann wieder gibt es Menschen, die den Dank zwar empfinden, ihn aber nicht zu äußern verstehen. Auch das berührt unangenehm. Da haben wir uns zersonnen, um ein passendes[116] Geschenk zu finden, wir bringen es dem Freunde in der frohen Erwartung, ihm eine rechte Freude damit zu bereiten; und er empfängt es mit einer kühlen Phrase, legt das kleine Paket wohl gar uneröffnet »zu dem übrigen«. Dennoch ist er im Herzen vielleicht dankbar für unsere Aufmerksamkeit, – er kann es nur nicht zeigen! In der That bedarf es dazu einer gewissen Kindlichkeit, einer Fähigkeit, seine Gefühle an den Tag zu legen, die nicht alle Menschen besitzen.

Im allgemeinen kommt es, wenigstens in den Kreisen, wo der zu Beschenkende in der Lage ist, alles, dessen er bedarf, sich selbst zu kaufen, weniger darauf an, was man gibt, als wie man gibt. Einen dem Freunde sorglich abgelauschten Wunsch zu erfüllen; in sinniger Weise einer seiner Gewohnheiten, seiner Neigungen huldigen, das wird ihn, sei der positive Wert der Gabe auch noch so gering, mehr erfreuen als ein, ohne weiteres Nachdenken in einem Laden gekaufter teurer Gegenstand. Wer eine poetische Ader besitzt, kann leicht durch ein paar Verse auch der kleinsten Gabe einen erhöhten Wert verleihen.

Für nahe Verwandte und Freunde gibt es kein Ceremoniell hinsichtlich der Geburtstagsfeier; ferner stehende Bekannte aber haben dabei einige Formen zu beobachten. Sie werden den Gratulationsbesuch weder am frühen Morgen machen, noch nachmittags, wo sie riskieren, in eine Geburtstagsfête hinein zu geraten, sondern zu der üblichen Besuchszeit, zwischen elf und ein Uhr. Der Gefeierte setzt den Gratulanten dann gewöhnlich Wein und Kuchen vor. Sind keine Geschenke zwischen ihnen gebräuchlich, so wird der Bekannte doch nicht mit leeren Händen kommen, sondern er bringt Blumen mit: ein Bouquet oder einen Blumenstock. Die reizenden Kunstwerke unserer Gärtner bieten da die reichste Auswahl.[117]

Ein Herr wird einer Dame, zu der er keine näheren Beziehungen hat, stets nur Blumen bringen. Steht er ihr zu fern, um selbst zu ihr zu gehen, so sendet er ihr dieselben mit seiner Karte, auf die er seinen Glückwunsch geschrieben hat. Auswärtige Bekannte schreiben ihre Glückwünsche jetzt oft auf die zu Weihnachten und Neujahr so beliebten bunt illustrierten Karten; doch meinen wir, ein herzlicher Brief sei diesen, wie auch einem telegraphierten Glückwunsch vorzuziehen. Die Stunde, die der ferne Freund uns widmet, ist uns ein besserer Beweis seiner Freundschaft, als die Mark, welche er für Karte oder Telegramm ausgibt.

Ist so das Andenken an den Tag, an welchem der Familie eins seiner Mitglieder geschenkt worden, ein froher, wie viel mehr der Tag selbst, der ihr ein neues Glied gibt. Ein Kindlein – und nun gar das erste Kindlein! Da ist die Freude groß! Lange ist alles heimlich für seinen Empfang vorbereitet worden, und nun hält die Mutter, selig lächelnd, das kleine Geschöpfchen in ihren Armen, und der Vater steht gerührt und doch auch wieder verwundert dabei.

Aber er erinnert sich an seine Pflichten. Er muß die Anzeige bei dem Standesamte machen, auch eine solche in den Zeitungen erlassen. Für die letztere genügt: »Ein gesundes Knäbchen (Mädchen)« – alles andere läßt man jetzt meist fort. Das übliche: »statt besonderen Ansagens« kann man zwar hinzusetzen, doch wird man den näheren Verwandten und Freunden im Orte trotzdem eine mündliche, den auswärtigen eine schriftliche Mitteilung zukommen lassen. In den nächsten Tagen laufen dann die Antworten ein; die am Orte wohnenden Personen senden ihre Karte, der sie einen Glückwunsch beigefügt haben – natürlich couvertiert – und lassen durch den Dienstboten, der sie[118] überbringt, sich nach dem Befinden von Mutter und Kind erkundigen. Nach Ablauf der ersten acht Tage kommen die Freundinnen selbst, um nach der Wöchnerin zu sehen und sich den neuen kleinen Weltbürger zeigen zu lassen, – wobei sie natürlich die Rücksicht nehmen, nur ganz kurze Zeit zu bleiben. Andere Aufmerksamkeiten, wie die Wochensuppe, welche früher der jungen Mutter von den Freundinnen geschickt wurde, kommen mehr und mehr außer Gebrauch; man thut gut, sich danach zu erkundigen, da das Versäumen derselben an kleinen Orten peinlich berühren würde.

Bald nach der Geburt des Kindes findet dann


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 114-119.
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