Kleinere Gesellschaften.

[295] Das Vergnügen einer geselligen Vereinigung hängt durchaus nicht von der Zahl der Gäste ab, noch ist es an die Schleppen und »Chapeaux claques« gebunden. Im Gegenteil gewährt ein kleiner Kreis oft mehr wahren Genuß, als die großen Gesellschaften, wenn nur die Zusammenstellung der Mitglieder eine glückliche ist, und die Wirte es verstehen, die verschiedenen Elemente unter einen Hut, d.h. in eine harmonische Stimmung zu bringen. Die Griechen waren der Ansicht, daß ein derartiger Kreis nicht weniger Glieder als die Zahl der Grazien, nicht mehr, als die der Musen umfassen sollte; wir halten uns nicht so streng an diese Vorschrift, und wenn wir die Zahl der Musen einmal verdoppeln, so geben wir noch immer eine »kleine Gesellschaft«.

Je nach der Tageszeit sind diese Vereinigungen Frühstücks-, Kaffee-, Thee- oder Abendbrotgesellschaften. Die erstere Art findet sich nur in den Städten, wo man spät diniert, also z.B. in Hamburg; denn natürlich lädt man seine Freunde nicht zu unserm Frühkaffee, sondern zum Gabelfrühstück um zwölf Uhr ein. Die Bewirtung ist ähnlich wie die bei einem kleinen Mittagsbrot, nur daß die Suppe wegfällt, daß auch kalte Speisen gegeben werden und das Dessert meist nur aus Früchten besteht. In England setzen die Damen sich mit dem Hut zu Tisch, wenn sie zum Luncheon eingeladen sind, wie bei allen geselligen Zusammenkünften, die am Tage stattfinden. Das ist bei uns nicht Sitte, doch tragen auch wir bei solchen Gelegenheiten Promenadentoilette, und es würde auffallen, wenn eine Dame zu einem Frühstück im Schleppkleide erscheinen wollte.[296]

Die Kaffeegesellschaft ist in keinem Lande so beliebt, wie bei uns, und wir können nicht umhin: leider! hinzuzufügen, denn sie hat mehr als einen Mißstand im Gefolge. Zuerst ist sie hauptsächlich an der Trennung der Geschlechter bei der Geselligkeit schuld, denn der Mann hat natürlich keine Zeit, mitten am Tage in Gesellschaft zu gehen. Die Damen aber sollten nicht Zeit dazu haben. »Tages Arbeit, abends Gäste,« sagt unser Altmeister; daran sollen wir festhalten.


Kleinere Gesellschaften

Freilich gehen die Damen nicht ohne Arbeit in diese Kaffees: die schönsten Stickereien und Häkeleien werden dort angefertigt, eine große Anzahl jener Decken und Deckchen, gegen die wir schon früher protestiert haben. Freilich, wenn man am hellen, lichten Tage in Gesellschaft geht, ist die Arbeit am Platze; immer aber sollte sie nur nebenbei betrieben werden, nie die Arbeitende verhindern an der Unterhaltung teilzunehmen, denn schließlich kommt man nicht zusammen, um zu arbeiten, sondern um einander zu sehen und zu sprechen. Bei Abendgesellschaften erscheint die Handarbeit uns ganz überflüssig, und selbst die so sehr fleißigen Damen, welche sie dahin mitnehmen, machen meist die Erfahrung, daß sie den Arbeitsbeutel nur spazieren[297] getragen, oder vielleicht ein paar Stiche gemacht haben, die sie andern Tags wieder auftrennen müssen.

Doch kehren wir zu unserer Kaffeegesellschaft zu rück. Die Damen sitzen da von 4 oder 5 bis 8 oder 9 Uhr zusammen, oft noch länger, denn es gibt auch Kaffees mit Hausschlüsseln! Das ist entschieden zu viel! Kein Wunder, daß sie da nicht Zeit finden, ihre musikalischen Studien fortzusetzen, oder ein ernstes Buch zu lesen, oder auch – und das ist die Hauptsache! – sich ihren Kindern mehr zu widmen. »Die Wärterinnen sind gar zu unzuverlässig!« klagt die Frau A. der Frau B., »man kann ihnen keinen Augenblick die Kleinen allein überlassen!« – Aber sie klagt dies in einer Kasseefête, in der sie den ganzen Nachmittag zubringt und überläßt also die Kleinen alle diese Zeit über dem »gänzlich unzuverlässigen« Kindermädchen!

»Die Jungens bekommen gar zu viel auf in der Schule,« behauptet die Frau C., »ohne Hilfe werden sie nicht fertig.« Ja, ihr Karlchen könnte ihre Hilfe bei seinen französischen oder englischen Aufgaben ganz gut gebrauchen, – aber die Mama ist ja im; »Kaffee«, da kann er nicht auf sie warten!

»Mein Mann geht fast jeden Abend in seinen Klub,« schmollt die hübsche Frau D., »ich habe auch gar zu wenig von ihm!« Während sie dies sagt, ist der Gemahl vom Bureau nach Hause gekommen mit der Absicht, dort zu bleiben; allein er hört, seine Frau sei in einer Kaffeegesellschaft, das Mädchen weiß nicht, ob sie zum Abendbrot zurück sein wird; da hat er natürlich keine Luft zu bleiben und – geht in seinen Klub!

Wir legen also ein für allemal ein Veto gegen die Kaffeegesellschaft ein, wenigstens für die Zeit, wo der Abend lang genug ist für gesellige Zusammenkünfte; im Sommer,[298] wo die Abendgesellschaften nicht existieren, haben die Kaffees, zumal wenn sie im Freien stattfinden, schon mehr Berechtigung. Da obiges Veto aber keine gesetzgeberische Kraft hat, so müssen wir die Existenz dieser Gesellschaftsform anerkennen und ein Wort über die dabei üblichen Arrangements hinzufügen.

Ein Grund, weshalb so viele »Kaffees« gegeben werden, ist ohne Zweifel der, daß sie so leicht herzurichten sind. Das läßt sich nicht bestreiten. Eine große »Madame Folette«, ein Kaffeekuchen und ein Körbchen kleines Backwerk, später eine Torte mit süßem Wein, oder eine Crême oder Eis – und die Sache ist abgemacht. Freilich beklagen sich alle Damen über diese schrecklichen »süßen Fêten«, nichtsdestoweniger aber gehen sie hin und geben sie auch selbst. Höchstens legt eine für den Magen ihrer Gäste besorgte Wirtin einen soliden Gang ein: Fleischpastetchen oder kleine belegte Butterbrötchen, die fertig serviert werden – ohne Zweifel eine große Verbesserung des Menüs.

Das Service für die Kaffee- ist das gleiche, wie für die Theegesellschaften: nämlich das Dessertservice nebst kleinen Serviettchen. Der Unterschied der Tassen: schmale, hohe für den Kaffee, breite flache für den Thee zu geben, wird nicht streng inne gehalten. Daß es zweckmäßig und vielfach gebräuchlich ist, für nicht trockenen Kuchen kleine silberne (oder elfenbeinerne) Messer und Gabeln zu legen, erwähnten wir schon früher.

In sehr kleinen Kreisen macht die Wirtin den Kaffee wohl selbst (wobei sie das kokette »Theeschürzchen« vorbehalten darf!), in größeren Gesellschaften reicht das Mädchen die gefüllten Tassen herum. In jedem Fall aber biete die Wirtin den Gästen einen guten Kaffee – nicht den berühmten sächsischen »Blimcheskassee«! – und serviere Sahne dazu, statt der ohnehin verwässerten Milch. Was wir in[299] Deutschland oft in den elegantesten Tassen für Kaffee (und auch für Thee!) vorgesetzt bekommen, ist unglaublich!

Zu diesem »Thee«, d.h. der Theegesellschaft übergehend, kommen wir zu der Art der geselligen Vereinigungen, die in Deutschland die häufigste ist. Es gibt »Thees«, in denen das »ewig Weibliche« allein herrscht, andere mit einer Mischung von Herren dabei, – gewöhnlich »a sprinkling of gentlemen«, wie die Engländer sagen; es gibt große Thés dansants, wie wir früher schon gesehen, es gibt einfache Thees und »Thees mit Butterbrot«. Unter letzterer Bezeichnung verstand man früher eine Gesellschaft, in der erst Thee, dann warmes Abendbrot gereicht wurde; jetzt lädt man in diesem Falle »zum Abendbrot« ein, und gibt den Thee vorher, das heißt, er wird, ehe man zu Tisch geht, den Gästen einzeln, wie sie kommen, im Salon gereicht. Es bedarf dazu keiner Vorrichtung: die Dienstboten reichen die gefüllten Tassen mit Backwerk und Zubehör herum, jeder bedient sich und setzt die geleerte Tasse nachher auf irgend einen Tisch, wenn der Diener sie nicht zur rechten Zeit abholt.

Das Abendbrot besteht dann meist aus zwei bis drei Gängen, für deren Zusammensetzung jedes Kochbuch Ratschläge gibt (z.B. das sehr empfehlenswerte Buch über das Hauswesen von Marie Susanne Kübler). Bei Damengesellschaften gibt man gewöhnlich nur kalten Aufschnitt zum Thee, dem eine Schüssel Mayonnaise, ein Fleisch- oder Heringssalat, eine Pastete oder dergleichen vorausgeht. Das ist allerdings einfacher, besonders für die Köchin; glaubt man aber die Gesellschaft dadurch billiger herzurichten, so ist man im Irrtum. Die vier- oder fünferlei Aufschnitt, unter denen doch Lachs, Gänsebrust oder dergleichen nicht fehlen, kosten ebensoviel, als ein Braten mit Salat und Kompott (die Entreeschüssel kann ja dieselbe bleiben), ganz[300] abgesehen davon, daß der Rest des Bratens im Haushalt noch zur Geltung kommt, während der Aufschnitt trocken wird, und die Leckerbissen nur so nebenbei genascht werden. Außerdem ist ein einfaches, warmes Abendbrot entschieden gesünder, als diese vielen kalten, zum Teil schwer verdaulichen Speisen, so daß wir ersterem entschieden den Vorzug geben. Das Dessert ist für das warme oder kalte Abendbrot gleich.

Für alle diese geselligen Zusammenkünfte möchten wir einige kleine Winke geben, die sich teils an die Gastgeber, teils an die Gäste richten.

1. Pünktlich zu erscheinen kann nicht oft genug anempfohlen werden. Die Zeit sollte deshalb selbst bei mündlichen Einladungen stets angegeben sein und die Gäste sich möglichst genau danach richten. Erst ins Theater oder in ein Konzert zu gehen, und dann noch für eine Stunde in einer Gesellschaft zu erscheinen, ist eine sehr zweifelhafte Freundlichkeit. Man stört alle Welt in der Unterhaltung, es muß Platz für uns gemacht, man muß besonders bedient werden, – und schließlich ist es doch nicht schmeichelhaft für Wirte und Gäste, daß man jenes Vergnügen ihrer Gesellschaft vorzog. Thut man das aber, nun, so verzichte man auf das andere!

2. Man lasse die ankommenden Gäste ruhig im Vorplatz oder dem dazu bestimmten Zimmer unter Hilfe des Dienstmädchens ablegen. Manche Damen glauben in ihrem Eifer als Wirtinnen hinausgehen und die Gäste, sobald sie erscheinen, begrüßen zu sollen; sie thun ihnen aber keinen Gefallen damit. Es ist ihnen weit angenehmer, sich draußen in Ruhe ihrer Hüllen entledigen und ihre Toilette ordnen zu können, als wenn die Wirtin sie schon in Anspruch nimmt und, ohne es zu wollen, drängt. Die letztere vernachlässigt die Gäste im Salon und erkältet sich möglicherweise[301] dabei; die erstere geniert sich, die doch zweckmäßige Prüfung ihrer Erscheinung vor dem Spiegel – ob die Kaputze den Kopfputz nicht derangiert hat? und dergleichen – vorzunehmen. Ebenso sollte die Wirtin die scheidenden Gäste nur bis zur Thür des Salons begleiten und die Hilfe beim Anlegen der Mäntel u.s.w. den Dienstboten überlassen. Der Wirt natürlich begleitet die Gäste bis zur Treppe.

3. In manchen Gesellschaften kommt man gar nicht zur Ruhe, weil man fortwährend zwischen Salon und Eßzimmer hin und her dirigiert wird. In ersterem empfangen, geht man zum Essen ins andere; so weit ist das ganz in der Ordnung. Aber man verzehrt dann dort oft nur den Thee nebst Butterbrot und kehrt in den Salon zurück, um eine Stunde später, wenn die Unterhaltung glücklich in Zug gekommen ist, oder Fräulein A. endlich den allgemeinen Bitten nachgegeben und sich ans Klavier gesetzt hat, wieder in das Speisezimmer citiert zu werden, um dort das Dessert einzunehmen. Solche Zersplitterung macht eine Gesellschaft unbehaglich. Setzt man sich zum Essen zu Tisch, so gebe man gleich das ganze Menü; wo die Gäste gruppenweise in den Zimmern sich aufhalten, und die Speisen unter ihnen umhergereicht werden, kann man Pausen eintreten lassen.

4. In kleineren Kreisen und bei kalter Küche läßt man die Speisen oft nicht von einem dienenden Geist umherreichen, sondern die Gäste übernehmen das Amt selbst. Dann hat die Wirtin darauf zu achten, daß die Schüsseln klein und handlich sind; eine große Torte oder einen schweren Fruchtkorb in dieser Weise cirkulieren zu lassen, hieße die Gäste in unpassender Weise bemühen. Daß jeder Gast dem andern die Schüssel abnimmt, ehe er sich bedient, sie auch abnimmt, wenn er nichts von dem Inhalt wünscht, daß er[302] sich erbietet, sie zu halten, um dem andern das Zulangen zu erleichtern – besonders wenn er zu seiner Linken sitzt – ist auch noch besonders zu erwähnen.

5. In Bezug auf Damengesellschaften möchten wir nochmals darauf aufmerksam machen, daß es unhöflich ist, in denselben sehr fleißig zu arbeiten. Der Strickstrumpf, früher der unvermeidliche Begleiter in alle »Thees« und »Kaffees«, hat den mannigfaltigsten Stick- und Häkelarbeiten weichen müssen, aber er hatte den Vorzug, nur die Finger zu beschäftigen, während die letzteren zugleich die Gedanken, die Aufmerksamkeit der Arbeiterin in Anspruch nehmen. Da sitzen die Damen denn oft und nähen und häkeln, als ob sie ihr Brot damit verdienen müßten! Ist die Arbeit wirklich so notwendig und eilig, dann hätten sie lieber mit ihr zu Hause bleiben sollen; aber in einer Gesellschaft stumm dazusitzen und seine Gegenwart nur durch das leichte Geräusch der Nadel oder die Teilnahme am Mahle zu bethätigen – das ist eine Unart gegen Wirtin und Gäste.

Von allen diesen kleineren geselligen Vereinigungen erscheinen uns diejenigen am angenehmsten, welche in regelmäßigen Wiederholungen dieselben Personen versammeln. Manche Umstände, welche oft störend auf die Geselligkeit einwirken, fallen da weg. Man kennt einander, der Ton ist von vornherein ein vertraulicherer, herzlicherer, als in anderen Kreisen; man braucht nicht erst zu tasten, zu sondieren, ob man von diesem oder jenem Gegenstand, was mit dem einen oder andern reden soll? Auch wird gewöhnlich etwas Bestimmtes vorgenommen: man liest, musiziert oder dergleichen. Wir nennen diese Vereinigungen »Kränzchen« und belächeln sie wohl zuweilen als »blaustrumpflich«, »prätentiös«, »schöngeistig«; allein sie können doch, wie die wirklichen Kränze, sehr hübsche Blüten aneinanderreihen und recht erfreuend wirken.[303]

Ebenso finden wir in manchen gastfreien Häusern die Sitte eines Empfangsabends eingeführt, eines »jour fixe«, wie man in Frankreich, »at home«, wie man in England sagt. Hausherr und Hausfrau teilen dann allen ihren Freunden mit, daß sie an einem bestimmten Abend der Woche von sieben oder acht Uhr an stets für sie zu Hause sein werden; ein jeder der so Benachrichtigten geht, wenn es ihm paßt, hin, ohne weitere direkte Einladung oder Anmeldung. Die Bewirtung ist eine einfache: man reicht meist nur Thee mit Backwerk und belegten Brötchen herum; zuweilen kommt man auch erst nach dem Abendbrot, um halb neun Uhr zusammen, wodurch die Bewirtung noch mehr vereinfacht wird. Die Ungezwungenheit der Vereinigung, die Freiheit, welche den Gästen gestattet ist, innerhalb der bestimmten Zeit für ein oder zwei Stunden zu bleiben, den einen oder andern Bekannten dort, wo man nicht an Tischen festsitzt, ungeniert sprechen zu können, auch wohl zuweilen eine berühmte Persönlichkeit da zu treffen, – alles dies gibt diesen Empfangsabenden einen Reiz, der sie, wo sie eingeführt sind, sehr beliebt macht.


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 295-304.
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