1. In Bezug auf die erste und elfte Wahrnehmung.

[410] Weil alle Menschen von Natur gut-artig sind; weil alle, auch bei der größten sittlichen Verderbniß, doch noch immer einige Reste von sittlichem Gefühle übrig behalten haben, und weil sie aus beiden Ursachen durchaus nicht umhin können, die Tugend, sogar wider ihren Willen, zu achten, und ihr, wenigstens durch ein unwillkürliches Gefühl von Ehrfurcht, zu huldigen: so gibt es schon um deswillen[410] keine allgemeinere und sicherere Klugheitsregel, als die:


sich in seinen Gesinnungen und Handlungen der reinsten und strengen Rechtschaffenheit zu befleißigen.


Sie stehe daher auch oben an, diese goldene Weisheitsregel; hier und in deinem Herzen, mein liebes Kind, wo ich sie mit unvergänglichen Buchstaben tief eingedruckt zu sehen wünschte! Sie ist die nämliche, die in dem alten und guten Sprichworte liegt: thue recht, und scheue niemand!

Durch die Befolgung derselben erwerben wir nicht nur am allersichersten das Wohlwollen der guten und einen gewissen Grad der Achtung wenigstens, auch bei den bösen Menschen; sondern wir beugen dadurch, auch zugleich unendlich vielem Mißvergnügen, unendlich vielen Sorgen und Bekümmernissen vor; entwaffnen dadurch die Bosheit, die uns zu verwunden suchte, oder stumpfen wenigstens ihre Dolche ab, daß sie nicht tief mehr eindringen können; und verschaffen dadurch zugleich unsern Geschäften und Unternehmungen den allerglücklichsten Fortgang. Denn was vermag, z.B., die Verläumdung gegen den, der keiner bösen Absichten oder Thaten sich bewußt ist? Sie kann und wird ihre giftigen Pfeile gegen ihn, wie gegen Andere, abschießen; aber umsonst! Sie prallen ab von dem ehernen Schilde, womit die Tugend ihn[411] deckt, und fallen stumpf zur Erde. Was vermögen Neid, Bosheit und Arglist gegen ihn? Sie können und werden ihn von der Höhe seines beneideten Glücks ins Verderben hinabzustürzen trachten; aber vergebens! Der Grund seines Glücks ist ein Felsen, der nicht erschüttert werden kann, und das Bewußtsein seiner Rechtschaffenheit ist ein Stab, der ihm zur sichern Stütze dient. Frei und furchtlos darf er Jedem, der ihm etwas anzuhaben sucht, in die Augen sehn, und es ruhig abwarten, was für öffentliche Anfälle man auf ihn thun, oder was für geheime Ränke man gegen ihn spielen lassen werde. Er selbst braucht, um sich davor sicher zu stellen, zu keinen Ränken seine Zuflucht zu nehmen; braucht keine Schlupfwinkel auszusuchen, um sich zu verkriechen; braucht keine künstliche Larven anzulegen, um sein wahres Selbst und seine wahren Absichten unkenntlich zu machen; braucht nicht zu zittern, daß Dis oder Jenes von ihm bekannt werden möchte; darf vielmehr alles, was da kommen soll, ruhig abwarten und auf seinem graden Wege frei und muthig vorwärts schreiten. Dazu kommt, daß seine Rechtschaffenheit nach und nach unfehlbar erkannt werden muß, und daß ihm dann nicht nur das Wohlwollen aller ähnlich gesinnten Menschen, sondern auch das allgemeine Vertrauen der ganzen Gesellschaft, worin er lebt, unmöglich entstehen kann. Dann blühet sein Gewerbe, es bestehe worin es wolle; dann gelingen seine Unternehmungen[412] von welcher Beschaffenheit sie auch immer sein mögen. Denn zu jeder Art von Unternehmung bedarf man – dis merke dir ja, mein Kind – des Wohlwollens und des Vertrauens der Menschen eben so sehr, oft noch mehr, als der dazu erfoderlichen Geschicklichkeit und des dazu gehörigen Vermögens. Dis alles ist so wahr und zugleich so begreiflich, daß man sich in der That kaum des Erstaunens erwehren kann, wenn man sieht, daß so wenige Menschen ihren wahren Vortheil verstehn, und daß so Viele so sehr viel Mühe, Anstrengung und Sorgen darauf verwenden, sich durch Kniffe und Schelmereien unglücklich zu machen, da sie mit halb so vieler Mühe und Beschwerlichkeit sich durch schlichte Rechtschaffenheit glücklich machen könnten.


Die zweite hiehergehörige, eben so allgemeine, und in Verbindung mit her ersten eben so untriegliche Regel zur Erwerbung der Achtung und des Wohlwollens der Menschen, ist diese:


Suche dir wahre, deinem Stande, deinem Beruf und deinem Geschlechte angemessene Verdienste zu erwerben.


Worin diese für dich gehörigen Verdienste bestehn, das ist in dem ersten Theile dieses Werks umständlich genug[413] beschrieben worden; und ich hoffe, du werdest jenen Unterricht so oft und jedesmahl so bedachtsam lesen, daß dir das schöne Musterbild jeder dir darin empfohlenen weiblichen Tugend und Geschicklichkeit künftig immer vorschweben und zur Richtschnur aller deiner Uebungen und Handlungen dienen wird. Daß aber auch dis ein unfehlbares Mittel sein werde, dir Wohlwollen und Liebe zu erwerben, davon wirst du, glaube ich, schon durch eigene Beobachtungen vollkommen überzeugt sein.

Merke dir aber wohl, mein Kind, daß Verdienste und Geschicklichkeiten, ohne sittliche Tugenden, nur kalte Bewunderung, aber kein Wohlwollen, sittliche Tugenden hingegen ohne Verdienste und Geschicklichkeiten nur eine Art von herablassender Güte, aber keine Achtung erzeugen. Willst du also beides, Wohlwollen und Achtung zugleich genießen, so mußt du auch beide dazu erfoderliche Mittel in dir zu vereinigen suchen. Du mußt also dahin streben, eben so tugendhaft, als geschickt zu werden. Das Eine ohne das Andere würde dich nur bis auf den halben Weg zur Glückseligkeit führen, und dich da für immer stehen lassen. Vornehmlich aber mußt du, wenn du Verdienste hast, dafür sorgen, daß es dir nicht an einem recht vollen Maße wahrer Bescheidenheit gebreche: weil ohne diese sogar die glänzendsten Fähigkeiten und Geschicklichkeiten nicht einmahl Hochachtung,[414] sondern Haß erzeugen. So sind wir Menschen nun einmahl geartet, daß wir Keinem leicht verzeihen, mehr Vollkommenheiten und Trefflichkeiten, als wir, zu haben, wofern er nicht durch ein bescheidenes und leutseliges Betragen an den Tag legt, daß er seine Vorzüge selbst nicht kenne, und daß er uns für eben so achtungswürdig halte, als er selbst ist. Ich werde nachher noch umständlicher hievon zu reden haben.


Sei nicht bloß schonend und nachsichtsvoll in deinem Urtheile über die Menschen, sondern mache es dir auch zur Pflicht, die Vertheidigerinn der Unschuld, die ungedungene Sachwalterinn angefochtener und verläumdeter Abwesenden zu sein. Dis erfodert nicht bloß die uns Allen obliegende Menschen- und Bruderpflicht, sondern es wird dich auch in der Liebe und dem Vertrauen der Menschen weiter bringen, als jede andere eben so schätzbare sittliche Eigenschaft. Jeder Anwesende schließt aus dem, was du an Andern thust, daß du den nämlichen Dienst bei Gelegenheit auch ihm zu erweisen bereit sein werdest; und dieser Gedanke läßt bei ihm allemahl ein gewisses Gefühl von Wohlwollen und Vertrauen zu dir zurück. Der Verläumder selbst, so unangenehm dein bescheidener Widerspruch ihm auch anfangs sein[415] mag, wird über kurz oder lang dir deshalb doch gleichfalls Gerechtigkeit widerfahren lassen, und vermöge seines Ueberrestes von sittlichem Gefühle eine Tugend in dir ehren müssen, auf deren Besitz er selbst Verzicht gethan hat.

Um aber diese menschenfreundliche und liebenswürdige Gewohnheit anzunehmen, mache es dir auch außer der Gesellschaft und für dich selbst zum Geschäft, an jedem verwahrloseten menschlichen Karakter die ihm noch übrige gute Seite, bei jeder schlechten That, die dir zu Ohren kommen wird, diejenigen Umstände aufzusuchen, welche dem Fehlenden, wo nicht zur Rechtfertigung, doch zu einiger Entschuldigung gereichen können. Denn keines Menschen Seele ist so durchaus verderbt, daß von ihrer ursprünglichen reinen und guten Natur nicht wenigstens noch einige ehrwürdige Trümmer zu entdecken wären; und keine Handlung ist so schlecht, daß man in der ganzen Lage des Handelnden nicht noch immer einen und den andern entschuldigenden Umstand finden sollte, der unsern Tadel mildern muß. Bestrebe dich, jene Trümmer auszugraben, dieser entschuldigenden Umstände so viele zu entdecken, als du nur vermagst: und du wirst dir einen Schatz von ächter Menschenkenntniß und von guten menschlichen[416] Gesinnungen erwerben, den du gegen alle Alterthümer Italiens nicht wirst vertauschen wollen.

Damit ist nun aber, wie es sich wol von selbst versteht, keinesweges gesagt, daß du die Thorheiten der Menschen billigen und gegen die Unthaten der Lasterhasten gleichgültig bleiben sollst. Das wolle der Himmel nicht! Wer das Böse jeder Art nicht von ganzem Herzen haßt, der kann auch das Gute jeder Art nicht von ganzem Herzen lieben. Bezeuge also immer deine herzliche Mißbilligung, so oft von schädlichen Thorheiten, und deinen herzlichen Abscheu, so oft von wirklichen Lastern die Rede ist; aber laß deine Mißbilligung und deinen Abscheu nur die Handlungen der Thoren und Lasterhaften, nicht sie selbst treffen. Indem du jene nur aller Wärme, welche wohlgebildeten und tugendhaften Seelen in solchen Fällen allerdings geziemet, tadelst und verabscheuest: so bemitleide diese, und laß ihrem Unverstande jede Entschuldigung gern zu Statten kommen. So wirst du der Gerechtigkeit und Wahrheit auf der einen, und der Liebe und Billigkeit auf der andern Seite zugleich ein Genüge thun.
[417]

Schone in Indem, besonders in denen, über welche du zu gebieten haben wirst, jedes auch noch so dürftigen Ueberrestes von sittlichem Gefühle, und äußere gegen dasselbe in der Regel allemahl mehr Vertrauen, als du wirklich zu ihm haben kannst. Mancher ist ein Bösewicht geworden, weil er sah, daß man ihn dafür hielt; und Mancher hat die Pflicht der Ehrlichkeit bloß deswegen nicht verletzt, weil man ihm zu erkennen gab, daß man ihn dazu unfähig glaubte. Mißtrauen flößt leicht schurkische, Vertrauen hingegen edle Gesinnungen ein. Bezeuge du also von letztem einem Jeden so viel du, ohne Gefahr, nur immer kannst, und von erstem so wenig, als die Umstände nur immer erlauben wollen. Selbst den ausgemachten Schurken laß, wofern du keine Verpflichtung zum Gegentheil hast, in dem Wahne, daß du mit seinen Bübereien unbekannt seist. Deine unzeitige Offenherzigkeit würde ihn doch nicht bessern, dir selbst aber wahrscheinlich schaden, weil du nunmehr einen erklärten Feind an ihm haben würdest. Jener Wahn hingegen kann vielleicht ein Bewegungsgrund für ihn werden, sich noch in einigen Schranken zu halten, die er zu überschreiten kein Bedenken tragen würde, wenn er wüßte, daß er nun doch einmahl entlarvt wäre. Es versteht sich übrigens ganz von selbst, daß dein Vertrauen in solchen Fällen nur ein äußerliches sein muß, und daß deine Maßregeln[418] jedesmahl her wirklichen Ueberzeugung gemäß sein müssen, die du von den Gesinnungen und Handlungsweisen solcher Personen haben kannst.


Ueberhaupt muß ich, so sauer es mir auch ankommt, dir in dieser Hinsicht folgende allgemeine Klugheitsregel empfehlen: setze bei allen Personen aus allen Ständen, die du von Seiten ihrer Rechtschaffenheit noch nicht genau kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hast, voraus, daß sie, wenn sich Gelegenheit findet, es unbemerkt zu thun, dich hintergehen, übervortheilen und betrügen können, und nimm, ohne zu glauben, daß sie es auch wollen, deine Maßregeln jedesmahl so, daß es ihnen, wenn sie es wollten, unmöglich wäre. Das heißt nicht: du sollst Jeden, den du noch nicht genau kennst, für einen Schelm halten; sondern es heißt bloß: du sollst gegen. Jeden, den du noch nicht hinlänglich kennst, eine solche Stellung nehmen, daß, wenn er wider Vermuthen einer wäre, er dir dann nicht schaden könne. Wehe dem unerfahrnen Gutmüthigen, der, ohne die Nothwendigkeit jener Voraussetzung begriffen und anerkannt zu haben, mit vielerlei Menschen in Geschäftsverhältnisse geräth! Er wird, wofern er seinen Irrthum nicht noch früh[419] genug wahrnimmt und verbessert, sich in kurzer Zeit von lauter ehrlichen Leuten geplündert, noch obenein auf das bitterste gekränkt und hinterher noch wol auf die liebloseste Weise geschmäht sehen. Ich schreibe dis mit widerstrebender Hand und mit einer aus Wehmuth und Unwillen vermischten Empfindlung, nach tausend unglaublichen Erfahrungen, nieder. –

Du, mein Kind, unterscheide Mißtrauen von Behutsamkeit. Jenes hege, ohne sehr erhebliche Ursachen, gegen niemand, diese gegen Alle, deren Rechtschaffenheit du noch nicht geprüft und durch Prüfung bewährt gefunden hast. Aber auch diese suche für dich allein zu behalten, ohne sie merken zu lassen: denn wahrgenommen beleidigt Vorsicht so gut, als wirkliches Mißtrauen, uns zwar beide, die, bei welchen sie wirklich nöthig ist, wie die, bei denen man ihr entübrigt sein könnte. Alle Welt, selbst der ärgste Gauner, verlangt im Punkte der Ehrlichkeit Vertrauen, und wird entrüstet, sobald man es ihm nicht, wenigstens dem Ansehen nach, in vollem Maße gewährt. Gewähre es ihm also äußerlich, so sehr du kannst: aber nimm dir dabei vor, so gut auf deiner Hut zu sein, daß du nicht von ihm hintergangen werden könnest.

Quelle:
Campe, Joachim Heinrich: Vaeterlicher Rath für meine Tochter. Braunschweig 1796 [Nachdruck Paderborn 1988], S. 410-420.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Platen, August von

Gedichte. Ausgabe 1834

Gedichte. Ausgabe 1834

Die letzte zu Lebzeiten des Autors, der 1835 starb, erschienene Lyriksammlung.

242 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon