10. In Bezug auf die zwölfte, dreizehnte und achtzehnte Wahrnehmung.

[484] Der besondere Gegenstand dieser drei Wahrnehmungen waren die durch Ueppigkeit verfeinerten und aufgelösten Weltleute, von denen wir, ohne sonderliche Anstrengung unsers Beobachtungsgeistes, leicht bemerken konnten, daß sie ordentlicher Weise an Leib und Seele entnervt und geschwächt, reizbar und empfindlich, daneben auch, wie natürlich, oberflächlich und leichtsinnig in ihrer Empfindungs- und Denkungsart, unempfindlich gegen sittliche Zwecke und Bewegungsgründe zu sein und den Hauptzweck ihres Daseins in angenehme Zerstreuungen und sinnliche Vergnügungen zu letzen pflegen. Die Klugheitsregeln nun, welche sich daraus für den Umgang mit dieser Menschenklasse von selbst ergeben, sind folgende:


1. Man entferne aus ihrer Gegenwart nicht nur das, was unangenehme und widerliche sinnliche Eindrücke[484] machen kann, sondern man vermeide auch alles, was auf ihre verfeinerten, geschwächten und empfindlichen Nerven gar zu stark und lebhaft wirken würde. Alles, was den straffen Nerven eines gesunden und kraftvollen Menschen kaum einige sanfte Schwingungen abgewinnen kann, das macht die der geschwächten und empfindlichen Leute schmerzhaft zucken, und kann ihnen Uebelkeiten, Krämpfe und Ohnmachten zuziehen. In allen feinern Gesellschaften wird hierauf sorgfältig Rücksicht genommen, und wer es in denselben nicht mit Allen verderben will, der muß sich danach richten. Vornehmlich muß man der Gehör-nerven der verfeinerten Menschen schonen, weil sie an diesen besonders empfindlich zu sein pflegen. Statt laut zu reden, muß man flüstern und zischeln; statt zu lachen, lächeln, und wenn einem das Bedürfniß zu niesen oder zu husten ankommt, beides so wenig in Geräusch ausbrechen lassen, als man kann. Mit ihren übrigen Sinnen, den einzigen Geschmack ausgenommen, muß man, in so weit es von uns abhängt, eben so zärtlich umgehn. Die Geschmacksnerven allein sind bei ihnen stumpfer und unempfindlicher, als bei andern Menschen, weil diese durch den Genuß stark reizender Speisen und Getränke jeder Art von ihrer ursprünglichen Empfindlichkeit schon viel verloren haben. Diese wollen daher auch stärker angegriffen werden, und es wird ein wunderbares Gemisch von[485] sauern, süßen, bittern, salzigen und geistigen Dingen erfodert, wenn sie auf eine angenehme Weise gekitzelt und befriediget werden sollen. Die hohen Kunst, dis erfoderlichen Falls mit Glück zu bewerkstelligen, wirst du – nicht von mir – sondern aus dem Braunschweigischen Rochbuche lernen.


2. Man muthe dieser zarten und geschwächten Menschenklasse nie etwas zu, was Mühe, Anstrengung, fortdauernde Aufmerksamkeit und Geduld erfodert; und zwar aus dem doppelten Grunde nicht, weil sie zu so etwas weder aufgelegt, noch fähig sind. Nicht aufgelegt: weil, wie wir oben bemerkt haben, sie nur deswegen da zu sein glauben, um sich zu vergnügen, nicht aber um Andern mühselige und beschwerliche Dienste zu leisten; nicht fähig: weil, wenn sie das Letzte auch wollten, es ihnen doch an Körper und Geisteskraft dazu fehlen wurde. Alles also, was man von Leuten dieser Art, wenn man sich nicht selbst täuschen will, erwarten darf, schränkt sich auf solche Gefälligkeiten ein, die sie allenfalls auf ihrem Polstersitze oder im Vorbeigehn verrichten können, die also ihrer Liebe zur Zerstreuung und Bequemlichkeit keinen Eintrag thun. Wer mehr von ihnen fodert, oder mehr von ihnen erwartet, der hat es sich selbst und[486] seinem Mangel an Menschenkenntniß zuzuschreiben wenn er sich durch den Erfolg in seiner Hoffnung jämmerlich betrogen findet.


3. Man thue vielmehr, was man kann, um diesen feinen und schwächlichen Geschöpfen jede Mühwaltung in ihren eigenen Angelegenheiten mitleidig abzunehmen, und ihnen ihr erbetteltes (precaires) Dasein, das ohnehin schon oft genug ihnen zur Last wird, so viel möglich, zu erleichtern. Diese armen Leute würden ja bei mancher Gelegenheit wirklich schlimm daran sein, wenn nicht jemand wäre, der ihnen seine Augen, Hände und Füße, seinen Verstand, seine Vernunft, seine Kenntnisse und Geschicklichkeiten leihen wollte, weil ihre eigene Unbehülflichkeit in vielen Fällen eben so groß und allgemein, als die einer Schildkröte ist, die man auf den Rücken gelegt hat. Für uns andere Menschen von gröberer Leibesbeschaffenheit und minder seiner Ausbildung ist dieser Umstand ungemein günstig. Denn er hat erstens die glückliche Folge, daß alles, was in der menschlichen Gesellschaft gethan – ich sage gethan, nicht beplaudert oder betändelt – werden muß, uns zugeschoben wird, so daß es uns nie an Veranlassungen und dringenden Gelegenheiten fehlen[487] kann, unsere Kräfte auszuarbeiten, und sie dadurch zu stärken und zu veredeln. Und eben dadurch gewährt der nämliche Umstand uns denn auch zweitens den Vortheil, daß wir der feinern und geschwächten Welt so lange, unentbehrlich bleiben werden, als es dieser sein und geschwächt zu sein, belieben wird, und daß man uns also nicht leicht geradezu verächtlich und wegwerfend begegnen darf. Wäre dieses nicht, und geriethe diese Menschenklasse einmahl auf den heldenmüthigen Einfall, sich durch zweckmäßige Uebungen an Leib und Seele und durch eine einfache, mäßige und arbeitsame Lebensart gesund, stark und geschickt zu allen Geschäften des menschlichen Lebens zu machen, und sich dadurch aus ihrer bisherigen Abhängigkeit von uns loszuwinden: so würde es, fürchte ich, um die Achtung und Aufmerksamkeit, die unserm arbeitsamen Mittelstande jetzt aus Noth von ihnen erwiesen werden, bald gethan sein. So aber können wir sicher sein, daß so lange es Lahme und Krüppel geben wird, Stab und Krücke in Ehren bleiben werden.


4. Hat man mit Leuten dieses Schlages Geschäfte von einigem Umfange zu machen, welche nicht mit Einem Blicke übersehen werden können: so erfodert die Klugheit, die Hauptpunkte, worauf dabei[488] gesehen werden muß, so sehr zusammenzuziehen und zu vereinfachen, als es nur immer möglich ist. Der Grund davon ist einleuchtend. Man muß einer schwachen Vorstellungskraft nicht zumuthen, viel und vielerlei Gegenstände aus einmahl oder in ununterbrochener Reihe zu umfassen. Sie würde davor erschrecken, den Muth verlieren, in Verwirrung gerathen, und weg wären Lust und Fähigkeit, uns mit ihrer Aufmerksamkeit zu folgen! Nur unfähiger Regenten arglistigen Ministern, oder unfähiger Minister arglistigen Geheimschreibern kommt die Klugheitsregel zu Statten, Sachen und Angelegenheiten, von denen sie die Angelegenheiten ihrer Obern zurückschrecken wollen, um sie ungestört nach eigenem Gutdünken zu behandeln, so zu verwickeln und sie in einen solchen Schwall von unverständlichen Wörtern einzuhüllen, daß der schwache Kopf ihrer Gebieter davor zurückschaudern und ihnen danken muß, wenn sie ihn der Marter, sich damit zu befassen, lieber ganz überheben wollen. Wir Andern hingegen, die wir der Anwendung einer solchen List weder bedürfen, noch fähig sind, müssen in allen Fällen, wo wir mit Großen zu thun haben, gerade die entgegengesetzte Regel befolgen, und ihnen die Sachen jedesmahl so schlicht, klar und verständlich, als sie ihrer Natur nach nur immer gemacht werden können, vorzulegen suchen, wofern wir die[489] Absicht, sie von ihnen erwogen und beherziget zu sehen, nicht ganz verfehlen wollen.


Eine unmittelbare Folge davon ist, daß wir


5. Die geschwächten Menschen aus den höhern Klassen mit Schwierigkeiten jeder Art, so weit es bei uns steht, sorgfältig verschonen müssen, Hängen wir also von Leuten dieser Art ab, und tragen sie uns, ihren Untergeordneten, etwas auf, was zwar schwierig, aber doch ausführbar ist: so müssen wir uns hüten, sie durch Einwendungen zu ermüden oder durch geäußerte Besorgnisse verdrießlich zu machen; sondern vielmehr gleich zur Sache schreiten, und die Schwierigkeiten lieber in Stillen durch Geduld und Muth zu überwinden suchen, als ihnen mit einer Auseinandersetzung derselben beschwerlich fallen. Man muß überhaupt wissen, daß alles umständliche Auseinandersetzen, alles Abwägen der Gründe für und wider, und alle bedachtsame Vergleichungen verschiedener, sich darbietender Maßregeln, hier nicht an ihrem Orte sind, weil sie anhaltende Aufmerksamkeit und Kopfbrechen erfodern, dessen man gar zu gern überhoben sein mag. Dis alles müssen wir für uns thun, und uns darauf einschränken, nur die Schlußfolgen unserer Untersuchungen und Ueberlegungen kurz, klar und faßlich[490] vorzulegen. Mancher glaubt sich dadurch gelten zu machen, wenn er bei jedem Auftrage, der ihm geschieht, die wirklichen oder erdichteten Schwierigkeiten häuft, um sein nachheriges Verdienst, alle diese Hindernisse durch Klugheit, Muth und Beharrlichkeit glücklich überwunden zu haben, in ein desto glänzenderes Licht zu stellen: allein er betriegt sich; man haßt die Schwierigkeitsmacher, und liebt nur diejenigen, welche durch eine schnelle, willige und freudige Thätigkeit dem süßen Wahne schmeicheln, daß man nur zu wollen brauche, um seinen Willen erfüllt zu sehen.


Noch verdienen nachstehende Klugheitsregeln, als unmittelbare Folgesätze aus den obigen drei Wahrnehmungen, gleichfalls ausgehoben zu werden:


6. Erwarte nie bei Leuten dieser Art ächtes Menschengefühl, d.i. wahre, innige und wirksame Theilnahme an dem, was entweder die Menschheit überhaupt, oder das Beste des Vaterlandes, oder auch nur das Wohl einzelner Mitbürger insbesondere betrifft, zu finden, es müßte denn der Fall sein, daß ihr eigener Vortheil unmittelbar damit zusammenhinge. Der große und wahre Gedanke, daß das besondere Wohl jedes einzelnen Staatsbürgers in das öffentliche[491] Wohl des ganzen Staats unzertrennlich hineingewebt ist, und der noch größere, aber eben so wahre, daß das Beste jedes menschlichen Einzelwesens mit dem Besten des ganzen, über den Erdball zerstreueten Menschengeschlechts zusammenhängt – liegen für die kleinliche, schlaffe und selbsüchtige Vorstellungskraft üppiger, und durch Ueppigkeit geschwächter Menschen viel zu hoch, als daß sie dieselben je erreichen könnte. Sie erreicht sie nie, auch wenn man sie ihr noch so nahe vorhalten wollte; denn in diesem Falle ist der Gegenstand zu groß, als daß sie ihn umspannen könnte. Es ist daher verlorne Mühe, solche Leute durch solche Bewegungsgründe rühren und für uneigennützige, vaterländische oder weltbürgerliche Zwecke erwärmen zu wollen. Spare diese Mühe, und wenn du je in den Fall gerathen solltest, ihrer Mithülse zu Dingen dieser Art nicht entbehren zu können, dann wende dich, nicht an ihr Menschengefühl, sondern unmittelbar an ihre Eitelkeit und Selbsucht, und – du wirst Erhörung finden.


7. Vertraue Leuten dieser Art nie ein Geheimniß an, an dessen Bewahrung dir gelegen ist. Es finden nämlich hier dieselben Ursachen Statt, welche deinem Geschlechte den Vorwurf der Plauderhaftigkeit zugezogen haben – Schwäche, Leichtsinn, Eitelkeit![492] Schwäche macht, daß man, wenn man auch wollte, nicht die Kraft besitzt, etwas zurück zu halten, was sich zum Ausbruche in uns drängt; Leichtsinn, daß man, wenn man auch könnte, nicht den Willen dazu hat; und Eitelkeit, welche kein, auch noch so unbedeutendes Mittel, sich gelten zu machen, verschmäht, findet auf mehr als Eine Weise ihre Rechnung dabei, kein Geheimniß in sich verrosten zu lassen. Man zieht so gern die Aufmerksamkeit der Leute auf sich, und ein Geheimniß, das man enthüllt, ist ein so sicheres Mittel dazu! Es beweiset, daß man gewisse Verbindungen haben müsse; die kein Anderer hat; es zeigt, daß die und die Personen von Wichtigkeit Vertrauen in uns setzen müssen, weil sie uns dis oder das ins Ohr gesagt haben. Wie könnte man so etwas in sieh vergraben? Wie sollte man nicht vielmehr eilen, es jedem, der es zu wissen begehrt oder nicht begehrt, wieder ins Ohr zu sagen?

Es gehört überhaupt ein so hoher Grad von Seelenstärke und Rechtschaffenheit dazu, Anderer Geheimnisse gegen jedermann treu zu verwahren, daß ich dir rathen muß, in diesem Punkte ein wenig mißtrauisch gegen alle Menschen zu sein, deren Schweigekraft du nicht schon bei mehr als Einer Probe völlig bewährt gesunden hast. Gemeine Seelenstärke und gemeine Rechtschaffenheit können bei weiten keine sichere Gewähr dafür leisten. Auch gehört in der That ein[493] etwas dichterischer Glaube an die Menschheit dazu, um versichert zu sein, daß jemand, dem man sein Geheimniß anvertraut, in einer fremden Angelegenheit treuer und verschwiegener sein werde, als der Anvertrauende es in seiner eigenen war. Konnte dieser sein eigenes Geheimniß nicht zurückhalten, wie kann er erwarten, daß jener ein fremdes bewahren werde? Das Sicherste ist, das, was niemand wissen soll, niemand zu sagen, sondern für sich allein zu behalten; denn wirklich ist es etwas sehr seltenes, daß eine Sache, um welche schon zwei Personen wissen, nicht durch die zweite der dritten, durch diese der vierten und durch die vierte aller Art bekannt werde. Gleich einem Bache, der im Fortfließen breiter wird, dehnt sich das Geheimniß in eben dem Maße, in welchem es sich von seiner Quelle entfernt, immer weiter und weiter aus, bis es sich endlich in das Meer des öffentlichen Geredes stürzt.

Also keine Vertraulichkeit in Dingen, die ohne Gefahr nicht bekannt werden können; das ist über diesen Punkt die erste und sicherste Klugheitsregel. Die zweite heißt: sein wichtiges Geheimniß Keinem anzuvertrauen, den man nicht schon bei unwichtigern Gelegenheiten geprüft und bewährt gefunden hat. Die dritte: nie Schwache, Leichtsinnige, Eitle oder auch solche zu Vertrauten zu machen,[494] die ohne dringende Noth sich erlaubten, das Geheimniß eines Dritten gegen uns zu verrathen. Es ist wenigstens allemahl sehr wahrscheinlich, daß derjenige, der auf Kosten eines Dritten gegen uns plauderte, auch auf unsere Kosten gegen einen Vierten zu plaudern nicht ermangeln werde.

Ich muß zu diesen Regeln noch drei ändere hinzufügen, welche eben so wichtig sind. Die erste: verwahre dein Geheimniß sorgfältig; aber hüte dich auch eben so sorgfältig, die Leute werken zu lassen, daß du ein Geheimniß habest, und es für dich zu behalten gesonnen seist. Die zweite: errege über Dinge, die niemand wissen soll, die Neugierde der Leute gar nicht – und dis ist unstreitig das Sicherste – oder befriedige sie nie zur Hälfte, sondern ganz. Die dritte endlich: mache, ohne Noth, niemals die Geheimnißvolle. Die Gründe dieser Regeln liegen nicht tief. Es ist offenbar, daß die Eitelkeit der Leute, denen man zu erkennen gibt, daß man ihnen nicht traue, dadurch grausam beleidiget werde; daß derjenige, dem man die Hälfte eines Geheimnisses offenbart, die andere aber vorenthält, dadurch zum Unwillen gereizt und bewogen werde, die ihm anvertraute Hälfte um so weniger zu bewahren, und endlich, daß das geheimnißvolle Wesen in Dingen, bei denen keine so große Vorsicht nöthig ist,[495] uns entweder lächerlich oder verdächtig, in beiden Fällen aber nichts weniger als angenehm und liebenswürdig mache. Man liebt die Offenheit, sie sei wahr oder angenommen, und haßt die Verstecktheit, weil sie theils unsere Eitelkeit und Neugierde beleidiget, theils eine gewisse Furcht bei uns erregt, die uns um so viel beschwerlicher fällt, weil sie unbestimmt und dunkel bleibt.


8. Wünschest du dir das Wohlwollen solcher Leute zu erwerben, so bemühe dich, durch gute Laune und Fröhlichkeit ihr gesellschaftliches Vergnügen so sehr zu befördern, als du kannst. Vermagst du, sie zu ergetzen, so vermagst du Alles über sie. Dis ist, wie wir oben bemerkt haben, das große, allgemein geliebte und allgemein bewunderte Verdienst welches beinahe die Stelle eines jeden andern ersetzen kann. Gute Laune ist überall willkommen, böse nirgends; jene öffnet uns die Herzen der Menschen, daß wir Eingang bei ihnen finden, diese schließt sie vor uns zu; jene macht, daß man unsere Fehler, diese, daß man unsere Tugenden übersieht; jene ist das sicherste Mittel, Mißverständnissen und Feindschaften vorzubeugen, oder, wenn sie einmahl entstanden sind, sie geschwind wieder auszutilgen, diese ein offenliegender Zunder, welcher bei den unbedeutendsten[496] Kleinigkeiten Feuer fängt und Funken sprüht, bis die Herzen Aller gegen uns, und das unsrige gegen Alle in lichten Flammen stehn.

Freilich ist diese heitere und fröhliche Gemüthsverfassung eine Gottesgabe, die kostbarste und wünschenswürdigste unter allen, die einem Menschen hienieden zu Theil werden können: aber müssen wir, weil sie das ist, die Hände in den Schoß legen und unthätig abwarten, daß sie uns im Schlafe verliehen werden soll? Sind Gesundheit, Fähigkeiten und Glücksgüter nicht gleichfalls Ausgüsse der göttlichen Milde: aber wer sagt, das unser Bestreben, sie zu bekommen, sie zu erhalten und zu vermehren, um deswillen überflüssig sind? Die Vorsehung theilt ihre Gaben ja nicht durchs Glücksrad aus; sie will, daß wir uns darum bewerben sollen, weil sie weiß, daß zugeworfene Güter uns nicht frommen, weder in leiblichen noch in geistigen Dingen. Willst du aber wissen, wie man in deinem Alter (denn weiter hin möchte es, sorge ich, zu spät sein) es anzufangen habe, um unsere ganze Art zu denken und zu empfinden, in das rosenfarbene Gewand einer guten und fröhlichen Laune zu kleiden? so höre darüber meinen Rath, den du zuverlässig bewährt finden wirst:


Sorge, daß du durch Mäßigkeit, durch eine natürliche Lebensart, durch Vermeidung heftiger[497] Leidenschaften und durch körperliche Geschäftigkeit deine Gesundheit erhaltest; wache unablässig über dein Herz und über dein Gewissen, daß kein Laster sie beflecke, keine unreine Begierden die zarten Wurzeln der Selbstzufriedenheit behage; rotte alle eitle und ehrsüchtige Absichten mit Stumpf und Stiel bei dir aus, und pflanze an ihre Stelle das edlere Gewächs der Bescheidenheit, der leichtzubefriedigenden Gutmüthigkeit, und der seligen Begierde, Wohlsein und Freude rund um dich her zu verbreiten; hüte dich daneben vor übertriebenen Anstrengungen des Geistes jeder Art, und laß auf jegliche Arbeit eine verhältnißmäßige Ruhe, auf jegliche Ruhe neue Arbeit, Körperbewegung und Anstrengung folgen; endlich, mein Kind, widerstehe mit aller Kraft, welche dir beiwohnt, den ersten Versuchen, die der Plagegeist der Mißmüthigkeit und der bösen Laune macht, sich deines Herzens zu bemächtigen, und glaube, daß auch hievon, wie von allem Bösen gelte, daß man den ersten Schritt vermeiden müsse, wenn[498] man den zweiten und dritten in seiner Gewalt behalten will.


Durch eine treue und unablässige Anwendung dieser bewährten Mittel wirst du – ich bin dir Bürge dafür – den wünschenswürdigen Zweck, dir eine heitere und zur Freude gestimmte Gemüthsart zu eigen zu machen, gewiß erreichen.


Da indeß auch die heiterste Seele je zuweilen ihre Verfinsterungen hat, und bei den vielfachen Stürmen, denen das menschliche Leben hienieden ausgesetzt ist, nothwendig haben muß: so merke dir, mein Kind, für Fälle dieser Art, wenn du sie nicht wirst vermeiden können, noch die Regel: daß so oft irgend ein Unmuth deine Seele umwölkt hat, und nicht zu hoffen steht, daß er sich werde zerstreuen lassen, du dich, wenn's immer thunlich ist, jeder Gesellschaft enthalten mögest, die nur des Vergnügens wegen zusammen gekommen ist. Man würde dir eher verzeihen, wenn du zu einem Picknick kämest, ohne deine Schüssel besorgt zu haben, als wenn du in einer solchen Gesellschaft erschienest, ohne deinen Beitrag an guter Laune und Fröhlichkeit mitzubringen. Denn ein stumpfer, mißmüthiger und[499] griesgrammender Gesellschafter trägt nicht nur nichts zur Vergrößerung des gemeinschaftlichen Vergnügens bei, sondern er vermindert auch dasselbe durch den unfehlbaren Einfluß, den seine böse Laune auf die Verstimmung der Uebrigen hat. Und du wirst finden, daß die Menschen, vornehmlich diejenigen, auf welche wir hier besonders Rücksicht nehmen, jede andere Beeinträchtigung viel geduldiger, als die Schmälerung ihres Vergnügens, ertragen.

Quelle:
Campe, Joachim Heinrich: Vaeterlicher Rath für meine Tochter. Braunschweig 1796 [Nachdruck Paderborn 1988], S. 484-500.
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