Das taktvolle Benehmen im Umgang mit Freunden.

[20] »Jugendfreundschaft ist Frühgottesdienst des Lebens.«

Lavater.


Die Freundschaft spielt eine sehr wichtige Rolle im Leben der Jungfrau und soll es mit vollem Recht thun. Schon Kinder suchen sich ihre Schulfreundinnen und genießen durch sie und mit ihnen ihre Freuden doppelt. Wieviel mehr verlangt das Herz der Jungfrau eine sympathische Seele, wieviel größer ist ihre Sehnsucht nach einer solchen Kann sie die Gefährtinnen früher Kinderjahre behalten und einige von ihnen durch das Leben festhalten, so ist dies ein großer Segen für sie, denn wahre Freundschaft erweckt reine, heilige Empfindungen, ist wie ein Gottesdienst am Morgen, der den Tag, den Lebenstag, heiligt. Gar häufig werden aber diese Gefährtinnen durch veränderten Wohnort und verschiedene Lebensverhältnisse voneinander getrennt, erst der erwachsenen Jungfrau bieten sich wieder neue Freundschaftsverbindungen.[20]

Möge der richtige Takt sie leiten bei der Wahl ihrer Freunde; o, ihr glaubt es gar nicht, ihr jungen Damen, wie veredelnd die Freundschaft auf ein junges Gemüt wirkt, welch eine Fülle ungeahnten Segens sich durch sie in das Leben ergießt, und wie herabziehend niedrig gesinnte Freunde einwirken, wieviel Kämpfe es kosten kann, sich ihrem erniedrigenden Einfluß wieder zu entziehen, ehe es zu spät ist und die Seele wirklichen Schaden leidet.

»Hast du bewährte Freunde gefunden, so hefte sie unzertrennlich an deine Seele; aber gib deine Freundschaft nicht jeder neu ausgebreiteten, noch unbefiederten Bekanntschaft preis,« sagt Shakespeare, der große, gewaltige Menschenkenner.

Prüft, ihr jungen Herzen, in der Freundschaft ebensosehr, wie später in der Liebe, den Gegenstand derselben, ob er würdig sei, treu, rein und zuverlässig. Und habt ihr solche Freundinnen gefunden, so nehmt keinen Anstoß an ihren etwa äußerlichen Mängeln und Verhältnissen. Auch im Benehmen gegen sie leite euch die Wohlanständigkeit, der richtige Takt, das seine Zartgefühl.

Ein altes Sprichwort heißt:

»Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist.«

Mit vollem Recht kann man aus der Wahl seines Umgangs auf die Bildungsstufe und den Charakter des Menschen schließen. Unter spottsüchtigen Lästerzungen fühlt sich kein gutes Gemüt wohl, Roheit und Unbildung vertragen sich nicht mit Zartgefühl und Feinheit der Gesinnung, elende Klatschsucht und üble Nachrede wird der edle Sinn verachten und meiden.

Wer ein junges Mädchen in einer selbstgewählten Umgebung findet, die sie durch diese unedlen Eigenschaften angezogen hat, der schließt mit Recht darnach auch auf die niedrigen Eigenschaften ihres Herzens.


»Hör', die Freundschaft

Mit den Bösen,

Mit Gleichgültigen und Guten

Sei dir ja nicht einerlei.

Fiel auf ein glühend Eisen

Und war nicht mehr.
[21]

Er fiel auf eine Blume

Und glänzt als eine Perle

Und blieb ein Tröpfchen Tau.

Er fiel in eine Muschel

Zur segensreichen Stunde

Und ward zur Perle selbst.«

Herder.


Aeltere Personen haben in der Wahl des Umgangs oft anders zu entscheiden als jüngere; es hängt zuweilen von den zwingenden Verhältnissen ab, daß sie sich mit Menschen äußerlich befreunden müssen, die ihnen eigentlich nicht zusagen Aber sie haben reifere Erfahrungen gesammelt, haben im längeren Leben Menschenkenntnis erworben und können sich leichter freimachen von den Einflüssen, die andere Persönlichkeiten auf sie ausüben Das Herz der Jugend dagegen ist nicht so widerstandsfähig, deshalb muß die Wahl und der Verkehr mit Freundinnen um so einflußvoller für sie sein.

Auch hier leitet oft schon ein angeborenes, sicheres und richtiges Taktgefühl das Schulkind; es erwirbt sich frühzeitig wahre Freundinnen, ein anderes dagegen, welches dasselbe nicht besitzt, schließt sich an Genossinnen an, welche es nicht nur zu schlechten Angewohnheiten und Unarten im äußeren Betragen verleiten, sondern auch sittlich herabziehen. Ein wachsames Mutterauge wird schon frühzeitig seinen wohlthätigen Einfluß auch hierin geltend machen; wo es gefehlt hat, muß die erwachsene Jungfrau freilich selbst entscheiden und früheren Umgang, der ihr nicht wohlanständig zu sein scheint, aufgeben.

Sie sei sehr vorsichtig, das richtige Zartgefühl fehle ihr nicht bei dem Auflösen eines solchen Verhältnisses; sie wird nicht tränken wollen, breche daher nur im schlimmsten Falle schroff ab, halte sich lieber stets auch noch die guten Seiten ihrer Gespielinnen vor Augen und sei nachsichtig gegen ihre kleinen Fehler und Schwächen. Stets sehe sie bei ihren Freundinnen mehr auf ihre guten Eigenschaften und, wo im Verkehr Verstimmungen und Trübungen vorkommen, fehle ihr nicht die Selbsterkenntnis ihrer eigenen Mängel. Einer empfindlichen Freundin mit Schonung zu begegnen ist wohlanständig. Es wäre sehr taktlos, in ihrer Gegenwart mit einer anderen flüstern oder sie auch nur scheinbar zu bevorzugen, dadurch würde die erstere nur gereizt und geneckt.[22] Die Empfindlichkeit in der Freundschaft entspringt oft aus einem Uebermaß von Liebe, welches das Herz der Freundin der anderen entgegenbringt; es spielt auch hier, fast so mächtig wie in der Liebe, die Eifersucht eine bedeutende Rolle. Das Freundesherz allein zu besitzen, es von jedem andern Herzen dem eigenen entrissen zu wähnen, daraus keimt die Empfindlichkeit, die mit eifersüchtigen Blicken jede Annäherung eines Dritten bewacht und sich dadurch verstimmt fühlt. Durch solche Schwäche wird oft eine Freundschaft gefährdet, wenn nicht mit richtigem Gefühl der eine Teil dieselbe durchschaut und auf zarte, schonende Weise ein Aussprechen, ein Versöhnen herbeiführt.


»Und kränkt die Freundschaft dich, verzeih's ihr und versteh',

Es ist ihr selbst nicht wohl, sonst thät' sie dir nicht weh.«

Rückert.


Eitle und gefallsüchtige Freundinnen vermeide ein junges Mädchen stets; hält sie sich auch selbst frei von diesen Untugenden, muß ihr doch das richtige Taktgefühl sagen, daß sie in den Augen anderer verliert, denn diese setzen nach der Wahl ihres Umgangs dieselben auch bei ihr leicht voraus.

Herrscht im Hause der Freundin ein allzu freier Ton, herbeigeführt durch leichtfertige, burschikose Brüder oder andern dort einsprechenden Besuch, ziehe das sittsame Mädchen sich alsbald aus diesem Kreise zurück. Ernste junge Mädchen schließen sich gern an ältere an; mögen sie darin ihren Neigungen folgen, nur sollen sie ihre eigene Jugend nicht vergessen und dieselbe durch solchen Umgang nicht allzu früh verlieren.

Neugier und Klatschsucht, sobald man diese unangenehmen Eigenschaften an einer Freundin entdeckt, sporne dazu an, sich um so vorsichtiger im Umgang mit ihr zu benehmen. Die unbequemen Fragen der Neugier beantworte am besten halb scherzhaft oder suche sie zu umgehen, sobald du fühlst, daß nicht wirkliche Teilnahme aus ihnen spricht. Der Klatschsüchtigen vertraue mit sicherem Takt keine Geheimnisse an, denn sie sind bei ihr nicht gut aufgehoben.

Spottsüchtige Freundinnen sind sehr gefährlich; man muß ihre Herzensgüte in Frage stellen und annehmen, daß sie auch über uns witzeln und sich lustig machen. Auch gerät ein junges Mädchen leicht in den Fall, durch ihre[23] Witze amüsiert, selbst in dieselben mit einzustimmen und sich auf Kosten anderer ein so unedles, nicht wohlanständiges Vergnügen zu verschaffen.

Es ist nicht immer gut, wenn die Verhältnisse zwischen Freundinnen sehr verschieden sind. Die an Entbehrungen und Mängel früh gewöhnte Unbemittelte wird im Hause der Wohlhabenden vieles sehen und empfangen, was ihr wohlgefällt; als Kind nimmt sie es harmlos auf, als Erwachsene denkt sie darüber nach, zieht Vergleiche und fühlt mit Schmerz die eigenen Entbehrungen. Davor kann nur ein klarer Verstand sie bewahren, der ihr sagt, daß Gott die Lebenslagen der Menschen ungleich gestaltet. Nur ein richtiges Taktgefühl kann sie leiten, nicht das zu verlangen, was der begüternden Freundin gewährt wird; neidlos sehe sie auf deren äußeres Glück und vergesse nie, daß das wahre Lebensglück nicht in irdischem Gut, sondern allein in einem zufriedenen, dankbaren Herzen besteht.

Niemals aber vergesse die durch Reichtum verwöhnte junge Dame soweit die Wohlanständigkeit, daß sie im Hause der Unbemittelten Enttäuschung oder Verwunderung über die dort herrschenden Einrichtungen verrate. Dies wäre sehr taktlos; das richtige Gefühl muß ihr sagen, daß hier Einschränkungen notwendig und lobenswert sind, die sie nicht zu üben nötig hat, die aber, sobald sie sie bemerkt, sehr wenig Zartsinn verraten.

Ein junges Mädchen strebe nicht nach reichem und vornehmen Umgang und bevorzuge nicht diejenige Freundin, welche diese äußeren Vorzüge hat, gerade deswegen. Ebensowenig ziehe sie sich aber in falscher Bescheidenheit zurück, wenn sie von Altersgenossinnen, die in glänzender Lebensstellung stehen, aufgesucht wird. Es kommt auch in diesem Verhältnis, wie in so vielen anderen, auf die gegenseitige Gesinnung an, auf den Bildungsstandpunkt, in dem sie sich befinden, denn nur die erstere verbindet, der letztere adelt die Herzen.

Niemals scheue sich die im Reichtum Erzogene, das Haus der Unbemittelten zu betreten.

In der wahren Freundschaft liegt Gleichberechtigung. Es wäre taktlos, wollte erstere die Freundin nur bei sich[24] sehen, mit Recht würde die andere sich dadurch unzart berührt und gekränkt fühlen.

Eine mangelhafte Bildung der einen Freundin braucht die andere nicht von ihr zu trennen. Möge die Unwissende lernen von der Klügeren, vorausgesetzt, daß diese mit richtigem Taktgefühl sie nicht durch Ueberhebung verletzt.

Immer und in allen wechselnden Verhältnissen des Lebens muß auch zwischen Freundinnen jene Herzensbildung bestehen, durch welche ein richtiges Taktgefühl entspringt. Nur dann können sich beide Teile befriedigt fühlen, werden ihre guten Eigenschaf ten anerkennen, die mangelhaften ertragen und sich gegenseitig aufmerksam darauf zu machen suchen.

Hast du dir solche Freunde früh erworben, du junges Herz, werden sie nicht nur die harmlosen Jahre des Frohsinns mit dir teilen, sie werden dir auch treu zur Seite stehen, wenn ernste und schwere Schickungen dich treffen. Sei auch du ihnen die zartempfindende, taktvolle Gefährtin.


Es gibt so gar viel tönend Erz,

Und so viel tausend Schellen klingen,

Ein tief Gemüt, ein edel Herz,

Es will zu finden schwer gelingen.


So du es fandest, – halt' es warm,

Und laß es nicht von deinem Pfade,

Im großen Leben kalt und arm

Ist solch ein Freund die höchste Gnade.

Quelle:
Ernst, Clara: Der Jungfrau feines und taktvolles Benehmen im häuslichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Mülheim 3[o.J.]., S. 20-25.
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