Eintritt der Jungfrau in die Gesellschaft.

[62] Richtiges Taktgefühl und feines Benehmen in ihr.


Willst du genau erfahren, was sich ziemet,

So frage nur bei edlen Frauen an,

Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,

Daß alles wohl sich zieme, was geschieht.

Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer

Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht.

Goethe.


Mit einem den Anforderungen der Wohlanständigkeit sich befleißigenden, taktvollen Benehmen, welches sich in den Grenzen der Häuslichkeit bewegt, die häuslichen Tugenden und den seinen Bildungsstand der jungen Dame kennzeichnet, haben wir nur den einen Teil derjenigen Pflichten berührt, welche sie nach der Konfirmation zu erkennen und zu üben hat. Der andere Teil gehört dem Leben außer dem Hause, gehört der Geselligkeit, von welcher sich auch das einfachste, anspruchsloseste Familienleben niemals gänzlich zurückziehen kann und isolieren soll, denn eine allzu große Abgeschlossenheit macht einseitig, unbehilflich, der Verkehr mit anderen mehrt die Erfahrung, bildet das eigene Urteil, fördert Menschen kenntnis und gute Sitte.

In die Gesellschaft hinaus tritt also die erwachsene Tochter, auch diese stellt an sie und ihr wohlanständiges Benehmen ernste Forderungen ja, dieselben sind vor denen, welche sie in dem Elternhause zu üben hat, dadurch fast noch wichtiger und teilweis schwerer, weil Eltern und nahe Verwandte manch großen und kleinen Verstoß gegen die Schicklichkeit rügen können, ihn milde beurteilen werden. Ein wohlmeinender Rat weist hier in die rechten Schranken zurück, und hat auch mit dem Austritt aus den Kinderjahren die eigentliche Erziehung aufgehört, so wirkt die erziehende Kraft elterlicher Ermahnungen und Liebe dennoch fort. Anders verhält es sich bei dem Eintritt in das gesellschaftliche Leben, es gehört der Oeffentlichkeit an, fremde Personen beobachten und beurteilen die Neuhinzugekommene, es werden strengere Anforderungen an sie gestellt, das Urteil Fremder[62] ist erbarmungsloser, schärfer gegen etwaige Fehler und Verstöße, strenger gegen die gute Sitte. Im Hause und unter lieben Freunden steht die Jungfrau an ihrem Platze, darf sie auf Liebe und Nachsicht Ansprüche machen, unter Fremden aber muß sie sich erst einen Platz erwerben; sie muß durch ihre Erscheinung sowohl als durch ihre guten Sitten einen möglichst günstigen Eindruck auf ihre Mitmenschen zu machen suchen, denn hier wird sie nicht zuerst nach ihren inneren Eigenschaften beurteilt, sondern man schließt erst bei näherer Bekanntschaft aus ihrem wohlanständigen Benehmen auf das Vorhandensein derselben. Nicht allein sich selbst ist sie aber diese Rücksichten schuldig, welche ihr die Gesellschaft anderer auferlegt, sondern gerade auch diesen anderen, mit denen sie in gesellschaftliche Beziehungen tritt.

Es ist sehr unangenehm und stört die Harmonie der Geselligkeit, wenn ein Mitglied derselben den guten Ton verletzt, sich auf eine oder andere Weise in ihr unbeliebt oder lächerlich macht.

Ein nicht durch unangenehme Angewohnheiten entstelltes Aeußere gehört zu den Anforderungen, welche man an die junge Dame macht, sie hat wohl darauf zu achten, denn gute Manieren kennzeichnen die Bildung eines Menschen, und Anmut gewinnt fast noch mehr als Schönheit die Herzen.

Ein guter Gang trägt sehr viel dazu bei, einen angenehmen Eindruck hervorzurufen. Es gibt junge Damen, die nicht erst die sich öfter wiederholenden Tanzstunden eine gerade Körperhaltung, ein geschicktes Setzen der Füße, Auswärtsgehen, leichtes Auftreten derselben lehren, sie bewegen sich, auch ohne die Regeln derselben vor Augen zu haben, mit der natürlichen Grazie, welche ihnen so wohl ansteht. Der Gang ist schwebend, jede Bewegung von ihnen ist graziös, und dadurch ihre ganze Erscheinung von einem bezaubernden Liebreiz umflossen. Doch sind solche Vorzüge nicht einem jeden angeboren, und wenn sie dem jungen Mädchen versagt sind, bemühe sie sich um so mehr, das Mangelnde, soviel es möglich ist, zu ersetzen; sie thue dies nicht durch eine gesuchte Künstelei, welche leicht in Ziererei ausartet, sondern durch ernsten Willen und die richtige Erkenntnis dessen, was ihr fehlt.[63]

Man sagt nicht mit Unrecht, daß der Gang eines Menschen in den meisten Fällen auf seinen Charakter schließen läßt. Ein geziertes Trippeln, ein affektiertes Werfen mit den Schultern, verrät Eitelkeit, ein herausfordernder Gang im Theaterschritt Anmaßung; langsames Schleichen kennzeichnet den phlegmatischen, ein hastiges Gehen mit großen Schritten den unweiblichen Charakter. Ganz unfein ist bei dem Gehen auf der Straße das Schlenkern mit den Händen. Beobachtet, ihr jungen Damen, einmal die Dienstboten, sie werden es fast alle thun, euch ist es wohlanständig, auch wenn ihr nichts in den Händen tragt, dieselben vorn an die Taille zu legen und still zu halten.

Die Haltung des Körpers bei dem Gehen darf keine allzu steife sein, noch weniger schön ist es, wenn ein junges Mädchen den Rücken krumm trägt und sich dadurch das Ansehen einer Greisin gibt, auch ist die krumme Haltung der Gesundheit sehr schädlich.

Das Auswärtssetzen der Füße ist gleichfalls eine Haupt bedingung des anständigen Ganges, auch das sogenannte Watscheln (wie Enten) ist sehr häßlich. Einen kleinen, zierlichen Fuß, diese so beliebte Schönheit des weiblichen Geschlechts, besitzt nicht jede Dame. Je mehr sie ihr fehlt, desto mehr suche sie, durch ein regelrechtes Setzen der Füße diesen Mangel zu verbergen oder doch wenigstens nicht so auffallend zu machen.

Ein zu starkes Auftreten mit den Füßen, durch welches die Gehende schon in der Ferne gehört wird, ist sehr unanständig, ein leises Auftreten ist dann um so schicklicher, wenn man in eine öffentliche Versammlung tritt, in welcher feierliche Stille herrscht, welche nicht gestört werden darf. Auch beim Gehen durch die Zimmer macht es einen unfeinen Eindruck, wenn eine Dame stark auftritt, und in Krankenzimmern ist diese Angewohnheit geradezu unerträglich für die Leidenden.

Nur in ganz besonderen Fällen ist einer Dame das schnelle Laufen erlaubt, sie soll auf der Straße weder laufen wie ein Dienstmädchen, noch vor allen Läden stehen bleiben, oder im langsamen Promenadenschritt gehen. Auch ist es eine große Unschicklichkeit, wenn sie stehen bleibt, um sich nach einem Vorübergehenden umzusehen. In großen Städten[64] gehen die Damen im allgemeinen schnelleren Schrittes durch die Straßen, in kleinen langsamer, weil die Wege dort kurz sind und sie mehr Zeit haben. Der Gang der Großstädterinnen ist viel besser und elastischer, in der kleinen Stadt erschwert ihn das schlechte Straßenpflaster, während es sich auf dem breiten Trottoir der Hauptstädte bequemer schreiten läßt. In letzteren ist indes wieder das Ausbiegen zu erlernen, es muß, wenn es irgend geht, nach rechts geschehen, beide aneinander Vorübergehende haben sich zu hüten, daß sie nicht sich durch einen Zusammenstoß belästigen oder auch nur berühren.

Wie der Gebildete schon von weitem durch einen normalen Gang, durch harmonische Bewegungen erkannt wird, so kennzeichnet auch die Art des Grüßens eine seine Dame.

Sie lernt gewöhnlich in der Tanzstunde die regelrechte Verbeugung, möchte sie doch dieselbe nicht wieder vergessen, es nicht verabsäumen, sie im täglichen Leben zu üben, denn ein gar anmutvoller Liebreiz kann in der sittigen Verneigung eines jungen Mädchens sich entfalten.

Vor älteren Damen verneige sie sich tiefer als vor jüngeren, auch beim Vorstellen, den anderen Damen gegenüber sei die Verbeugung nicht zu tief. Wird ihr ein Herr vorgestellt, hat sie vor dem älteren Herrn eine leichte Verbeugung zu machen, die Vorstellung eines jüngeren beantworte sie nur mit einer höflichen Neigung des Kopfes. Auf der Straße grüßt eine junge Dame stets die ältere zuerst, niemals aber erlaube sie sich, einen Herrn zuerst zu grüßen oder ihn, wenn er ihr bekannt ist, auch nur scharf darauf anzusehen, als erwarte sie seinen Gruß. Sie hat, sobald sie von dem Herrn gegrüßt wird, nur in leichter Verneigung den Gruß zu erwidern. Geht eine Dame mit einem Herrn auf der Straße und dieser wird von einem ihr fremden Herrn gegrüßt, so braucht sie selbst nicht mit zu grüßen. Auch selbst, wenn der sie begleitende Herr stehen bleibt, um mit dem andern zu reden, warte sie, bis ihr von ihrem Begleiter der fremde Herr vorgestellt wird und sich zuerst vor ihr verbeugt, mit ihrem Gruße.

Dieselbe Sorgfalt, welche die gebildete Dame ihrem Gange und der Art und Weise eines anmutvollen Grußes zu[65] widmen hat, erfordert auch die Haltung und Bewegung der Hände. Dem Südländer, dessen Gefühle und Leidenschaften leichter erregbar sind, ist die Gebärdensprache erlaubt; der Italiener namentlich versteht es, mit unnachahmlicher Feinheit und Grazie all seine Empfindungen darin auszusprechen. Dahingegen ist bei uns ein hastiges, lebhaftes Bewegen der Hände den Männern nur bedingt, den Damen niemals erlaubt, es ist entschieden unfein, oder verrät auch hier die orientalische Abkunft. Weder in der Stube, noch viel weniger auf der Straße oder an öffentlichen Orten begleite eine Dame ihre Rede mit Handbewegungen; die Arme in die Seite zu stemmen, mit den Händen zu klatschen, oder den Zuhörer mit der Hand festhalten zu wollen, jedes Umherfahren auf dem Tisch mit den Händen, zeigen nach einem entfernten Gegenstand mit den Fingern verrät Unbildung. Niemals soll auch der Feingebildete ein Gemälde oder anderes Kunstwerk mit den Fingern berühren. Werden Photographieen oder Kupferstiche gezeigt und eine junge Dame wollte beim Ansehen derselben mit den Fingern darauf herumtasten, wäre dies eine große Verletzung des Schicklichen. Sie möge daran denken, daß, wenn es jeder thäte, gar bald die Sauberkeit des Bildes verschwinden würde.

Eine schöne Hand ist ebenso angenehm wie ein schöner Fuß, aber auch sie besitzt nicht jede Dame, sie kann aber durch Pflege und Reinlichkeit an derselben vieles gut machen, was ihr die Natur versagt hat. Die den Chinesen abgelauschte, widerwärtige Sitte, sich die Nägel so lang wie Krallen wachsen zu lassen, habe ich schon einmal gerügt, aber es sieht auch sehr unschön aus, wenn dieselben zu kurz abgeschnitten sind.

Die Nagelhaut muß mit einer Schere von Zeit zu Zeit zurückgeschoben werden, eine seine Bürste säubere die Nägel nach jeder häuslichen Arbeit. Erfrorene und spröde Hände machen einen nicht angenehmen Eindruck, gegen beides gibt es geeignete Mittel, welche man nicht verabsäumen darf. Geht ein junges Mädchen in eine Gesellschaft, vermeide sie, wenn es geht, an demselben Tage diejenigen häuslichen Beschäftigungen, welche die Hände unsauber machen, z.B. das Abschaben der Mohrrüben, Aussteinen von Kirschen, Einmachen der Nüsse u.s.w. Davon werden die Finger[66] eine bräunliche Farbe erhalten, die sich schwer vertreiben läßt. Dahingegen ist die Hilfe bei der Wäsche den Händen oft sehr wohlthätig, vorausgesetzt, daß man sich nicht zu sehr dabei anstrengt und die Finger wund reibt. Junge Damen, deren Pflicht es ist, im Hause hilfreich zu sein, haben oft rote Hände; sie sollen sich derselben nicht schämen, sobald sie sauber gehalten sind, ist es keine Schande, wenn man ihnen die Arbeit ansieht, denn diese ziert eine häusliche, fleißige Jungfrau viel mehr als die blendende Weiße einer aristokratisch sein sollenden, unthätigen Hand.

Sehr angenehm und empfehlend ist sowohl ein gutes, deutliches, klangvolles Organ, als auch eine geschickte Redeweise und eine richtige, fehlerfreie Aussprache für eine junge Dame, und auch daran erkennt man sogleich ihren Bildungsstand. Auch bei dem Sprechen soll sie sich bemühen, und es muß ihr zur zweiten Natur geworden sein, stets edle und gewählte Ausdrücke zu gebrauchen, nicht in eine affektierte Geziertheit soll sie dabei geraten, das wäre sehr unangenehm, aber sie soll durch Gewandtheit und Natürlichkeit in ihrer Muttersprache ihren seinen Bildungsstand bekunden. Wie ein hastiges Sprechen, in dem die Worte holpernd über- und untereinander geworfen werden, nicht empfiehlt, ebenso ist ein langsames Schleppen desselben, ein sich Besinnen auf die Worte für den Zuhörer sehr langweilig; allzu lautes Sprechen, namentlich auf der Straße oder an öffentlichen Orten, verrät Unbildung, leises Flüstern, so daß der andere es kaum verstehen kann, ist rücksichtslos gegen ihn. Letzteres entspringt bei einer jungen Dame öfter mus Blödigkeit, doch muß sie im gesellschaftlichen Leben dieselbe zu überwinden suchen. Wird sie aufgefordert, in einer Gesellschaft etwas vorzulesen, thue sie es ohne Ziererei, sie bemühe sich deutlich zu lesen, verschlucke keine Silben dabei und suche mit Aufmerksamkeit dem zu folgen, was sie liest, denn nur dann wird sie die richtige Betonung dazu finden. Wirklich gute Vorleserinnen finden sich selten, aber man verlangt von der seinen Bildung, daß sie auch dabei sich bemühe, das von ihr Geforderte nach besten Kräften und mit Verständnis zu thun. Wer ein scherzhaftes Gedicht mit gewaltigem Pathos vorliest, oder etwas Trauriges in leichtem, munteren Ton, der verrät dieses nicht.[67]

Beim Sprechen Fremdwörter zu gebrauchen, ist keine gute Angewohnheit; junge Damen denken bisweilen, damit zu prunken und sich dadurch den Eindruck der Belesenheit zu geben, aber unsere schöne deutsche Muttersprache ist gottlob so reich an guten Ausdrücken, daß sie dieser Beimischung nicht bedarf. Französische und englische Wörter sind möglichst zu vermeiden, und dann geradezu lächerlich, wenn die Sprecherin sich nicht ganz sicher in der Aussprache derselben fühlt oder sie nicht an der passenden Stelle anwendet. Jede Uebertreibung in ihrer Ausdrucksweise suche sie mit richtigem Takt zu vermeiden. Es ist nicht sein, allzu oft »mein Gott«, »ach Himmel«, wie »göttlich«, »himmlisch«, »reizend« zu sagen. Sind die Gegenstände, welchen sie diese Eigenschaften beilegt, wirklich bewundernswert, ist es etwas anderes, man kann einen Sonnenuntergang »himmlisch«, einen Sternenhimmel »göttlich schön« nennen, kann von einer Musik sagen, daß sie »überirdisch schön« klingt. Wer aber von »einem reizenden Plätteisen«, einem »himmlisch schmeckenden Heringssalat«, einem »göttlichen Ballabend« spricht, der macht sich vor anderen lächerlich und verrät keinen seinen Sinn für das wirklich Erhabene.

Burschikose Ausdrücke, z.B. »wie famos«, »das ist riesig«, u.s.w., Kraftausdrücke, wie »Donnerwetter«, »verteufelt«, sind höchst unpassend für junge Damen, gehören höchstens in den Mund junger Studenten, welche dergleichen lieben, auch vermeide eine Dame unfeine, gewöhnliche Benennungen, sie sage statt »Schmutz« niemals »Kot«, statt »werfen« nicht »schmeißen« u.s.w.

In einer Gesellschaft einer andern Dame etwas ins Ohr zu flüstern, ist ebenso unschicklich, wie eine dritte sehr scharf anzublicken und dann mit seiner Nachbarin leise zu sprechen. Es wird dann immer der Verdacht entstehen, daß man sich über jene lustig mache. Ebenso unschicklich ist es, wenn zwei Personen leise miteinander reden, nahe heranzutreten, als wolle man sie belauschen, oder die Rede eines andern durch vorschnelles Dareinsprechen zu unterbrechen. Erzählt jemand eine Geschichte und erlaubt man sich, vielleicht zum besseren Verständnis derselben, eine Frage, hat man derselben stets ein »Entschuldigen Sie gütigst, daß ich störe«[68] oder »Sie erlauben mir wohl freundlichst eine Frage« vorauszuschicken.

Es ist sehr unanständig, wenn jemand etwas erzählt, und sei es der Zuhörerin auch noch so uninteressant, dabei laut zu gähnen, sich zerstreut umzusehen oder sonst Zeichen der Langweile zu verraten. Erzählt man selbst etwas, so fasse man sich dabei möglichst kurz, um die Hörer nicht zu ermüden, auch kann man von ihnen nicht verlangen, daß sie allen kleinen Einzelheiten, die uns selbst vielleicht wichtig sind, dieselbe Teilnahme schenken. Wer sehr breit und ausführlich erzählt, wer so vergeßlich ist, oft Erzähltes wieder aufzutischen, der wird sehr leicht anderen langweilig. Nie lache man selbst, wenn man etwas Komisches zu erzählen hat, man verdirbt dadurch den ganzen Effekt der Erzählung. Ueberhaupt ist übermäßig lautes Auflachen stets ein Beweis sehr geringer Bildung. Das unmäßige Lachen verzerrt die Gesichtsmuskeln unangenehm und macht sehr unschön. Entsteht ein allgemeines Gelächter, in welches man einstimmen muß, halte man, während man selbst lacht, die Hand oder ein Tuch vor das Gesicht. Auch beim Gähnen und Niesen soll dies immer geschehen.

Ist in der Gesellschaft jemand so unsittlich, Dinge zu erzählen, vor denen ein junges Mädchen erröten muß, so nehme sie niemals teil an solchem Gespräch, sondern thue, als höre sie nicht darauf hin, und entferne sich, wenn es irgend geht, aus dem Zimmer. Niemals lache sie über zweideutige Scherze oder stimme wohl gar übermütig in dieselben ein, sie wird dadurch vor sich selbst und in den Augen anderer ihren höchsten jungfräulichen Schmuck, die »Unschuld des Herzens«, verlieren.


Es wächst ein Blümlein Bescheidenheit,

Des Mägdlein Kränzel und Ehrenkleid,

Wer solches Blümlein sich frisch erhält,

Dem blühet golden die ganze Welt.


Auch wird ein zweites, das Demut heißt,

Als Schmuck der Mägdlein gar hoch gepreist,

Die Englein, singend an Gottes Thron,

Tragen's als Demant in goldner Kron'.
[69]

Ein drittes Blümlein, wo diese zwei

Nur stehen, immer ist's dicht dabei,

Heißt Unschuld, siehet gar freundlich aus,

Das schönste Blümlein im Frühlingsstrauß.


So pflege, Mägdlein, der Blümlein drei

Mit frommer Sorge und stiller Treu',

Denn wer sie wahret, wird nimmer alt,

Er trägt die himmlische Wohlgestalt.

E. M. Arndt.


Nur wenn sie dazu aufgefordert wird, mache sich ein junges Mädchen zum Mittelpunkt der Gesellschaft, sie dränge sich niemals vor, vergesse niemals, daß ein bescheidenes Auf- und Zurücktreten überall der Jugend wohl steht, daß ältere und verheiratete Personen stets den Vorrang vor ihr haben.[70]

Quelle:
Ernst, Clara: Der Jungfrau feines und taktvolles Benehmen im häuslichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Mülheim 3[o.J.]., S. 62-71.
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