Einige allgemeine Bemerkungen.

[15] Ein König sagt: Meine Frau! – Mancher Krämer spricht: Meine Gattin!

Auf solche Weise giebt der Spießbürger gewissermaßen den Höchstgestellten eine Lehre, aber er beweis't[15] dadurch nur, daß er nicht weiß, was sich paßt und schickt. Und diese Gattin des Krämers beweis't das ihrerseits ebenfalls, indem sie zu dem Dienstmädchen von ihrem Fräulein spricht, wenn sie ihr Töchterchen bezeichnen will, während die vornehmsten Damen ganz einfach sagen: Meine Tochter.

Nicht aus dem Natürlichen heraustreten, ist ein wichtiger Punct für die Lebensart und jede Art des guten Tones. Ein ausgezeichneter Schriftsteller, Labruyére, sagt in dieser Beziehung:

»Viele junge Leute kennen nicht die Vorzüge glücklicher Naturanlagen und wie vortheilhaft es für sie sein würde, sich denselben hinzugeben. Sie schwächen diese so seltene und so vergängliche Gabe der Natur durch geziertes Wesen und ungeschickte Nachahmungen. Der Ton ihrer Stimme, ihr Gang, sind erkünstelt; sie benehmen sich gezwungen, sehen in den Spiegel, ob sie sich auch genug von ihrer Natürlichkeit entfernen, und geben sich viele Mühe, um weniger zu gefallen, als dieß geschehen würde, blieben sie der Natürlichkeit getreu.«

Ein junges Mädchen darf zwar nicht kokett sein, aber es muß sorgfältig auf sich achten; denn nichts ist abstoßender, als eine zu große Nachlässigkeit in der Toilette und dem Wesen und Benehmen einer Frau. Besonders das Haar und der Kopfputz erfordern die größte Sorgfalt.

Man hüte sich davor, den Personen nachzuahmen, welche nicht wissen, was sie mit ihrem Körper anfangen sollen und deren Hände deßhalb beinahe nicht einen Augenblick ruhig bleiben.

Sich mit dem Stuhle hin- und herbewegen ist eine Angewöhnung von sehr schlechtem Ton.

Die Lorgnette in die Augenhöhlung einzuklemmen, ist eine Gewohnheit, welche der Stutzer aufgebracht und der Student, sowie der Ladendiener nachgemacht hat. Der Gebrauch hat zwar für die Vorübergehenden nichts[16] Lästiges, aber er verleiht einen Anschein der Unverschämtheit, welcher von sehr schlechtem Ton ist.

Einer Dame auf der Straße nachzugehen oder auf eine auffallende Weise den Kopf zurückzuwenden, um sie anzusehen, ist ebenso unverschämt und beleidigend, als man daraus auf einen Mangel an Lebensart und guten Ton schließen muß.

Gegen Dienstboten muß man alle Vertraulichkeiten vermeiden, ihnen aber stets sanft und freundlich begegnen, sobald man nicht augenblickliche Ursache zur Unzufriedenheit mit ihnen hat. Aber selbst in einem solchen Falle darf man nie durch Anwendung von Schimpfwörtern oder unanständigen Ausdrücken vergessen, was man sich selbst schuldig ist.

In manchen vornehmen Familien ist es üblich, daß die Kinder zu den Eltern nicht Du sagen. Dieser Gebrauch, welcher übrigens immer seltener wird, ist tadelnswerth, denn die kindliche Ehrerbietung und der kindliche Gehorsam sind durchaus unabhängig von dem Du oder Sie. Deßhalb wird dieser Gebrauch bei den niedern Ständen, die ihn nur den höhern nachgeäfft haben, um so mehr lächerlich, da hier so oft von den Kindern gegen die Eltern mit dem Sie vollkommen unehrerbietige Ausdrücke verbunden werden.

Einige Menschen haben die lächerliche Gewohnheit, sich aller Augenblicke mit der Hand durch die Haare zu fahren oder sich den Bart zu streichen und zu drehen; Einige tragen sogar ein kleines Kämmchen bei sich, von dem sie überall Gebrauch machen; Andere beißen beständig an den Nägeln, spielen mit der Uhrkette oder klingeln mit dem Gelde in ihrer Tasche: Alle diese Gewohnheiten sind Uebelstände, welche eine mangelhafte oder vernachlässigte Erziehung verrathen.

Man muß sich davor hüten, sich zu sehr zu parfümiren; man könnte sonst den Verdacht erwecken, man wolle mit den Wohlgerüchen, die man so zur Probe giebt, Handel treiben.[17]

Gesunder Menschenverstand trägt oft mehr als die Erziehung oder der Unterricht dazu bei, sich guten Ton und Lebensart anzueignen.

Eine der ersten Eigenschaften des Mannes, der zu leben versteht, ist, daß er sich durch sein Benehmen allgemeine Achtung zu erwerben weiß.

Bei Gesellschaftsspielen finden boshafte junge Mädchen zuweilen ein Vergnügen daran, andern jungen Mädchen irgend eine Strafe aufzuerlegen, durch die sie lächerlich erscheinen müssen: das ist eine Neckerei von sehr schlechtem Geschmack und verräth eine mangelhafte Erziehung.

Man mache keiner Dame ein zu kostbares Geschenk. Man begeht dadurch beinahe eine Unverschämtheit. Geschenke an Damen müssen ihren Werth mehr durch die Aufmerksamkeit, den Geschmack, die Zierlichkeit erlangen, als durch die Kostbarkeit.

In der Gesellschaft von seinen Privatangelegenheiten zu sprechen, ist ein Mangel an Lebensart, der eine sehr niedrige Erziehung verräth.

Die Aermel zurückzustreifen, wenn man sich zu Tische setzt, ist roh und ungebildet.

Die Gewohnheit, bei jeder Gelegenheit zu fluchen, muß den Karrenschiebern und Lastträgern überlassen bleiben.

An öffentlichen Orten den Kellner allzu laut zu rufen, wiederholt auf den Tisch zu schlagen oder sich sonst auf auffallende Weise bemerklich zu machen, wenn man etwas verlangt, läßt einen Menschen vermuthen, der sich nur aus Versehen in anständiger Gesellschaft befindet.

Bei Tisch zu schnupfen ist unanständig, weil man dadurch die Nachbarn der Gefahr aussetzt, ihre Speisen durch Tabakskörner gewürzt zu bekommen.

Unbescheidene Fragen sind ebenso unpassend, als Reden zu ungelegener Zeit.

Man muß sich der Sache Dessen annehmen, in dessen Gesellschaft man sich befindet, wenn derselbe auf irgend eine Weise beleidigt wird. Ist unser Begleiter ohne hinreichenden[18] Grund der beleidigende Theil, so muß man sich auf die Rolle eines versöhnenden Vermittlers beschränken; man kann aber auch die Bitte aussprechen, den Gefährten zu entschuldigen. Ein Händelmacher würde sich zwar anders benehmen, aber es ist lächerlich, behaupten zu wollen, daß ein Unverschämter mit seiner Unverschämtheit Recht hätte, und dieß zwar aus keinem andern Grunde, als weil man sich zufällig in seiner Gesellschaft befindet. Man würde dadurch für ebenso ungebildet erscheinen, als der Andere sich durch seine Beleidigung gezeigt hat.

Die Leute zu verpflichten, indem man es ihnen fühlbar macht, daß man dieß thut, heißt dem geleisteten Dienste jeden Werth rauben.

Einem jungen Mädchen, dem man Achtung schuldig ist und beweisen will, darf man nicht schreiben. Nur nähere Verwandte und die Verlobte sind von dieser Regel ausgenommen, und selbst mit der Letztern darf man einen Briefwechsel nur dann anknüpfen, wenn ihre Eltern sich damit einverstanden erklärt haben. Schon in dem bloßen Umstande, daß man an ein junges Mädchen schreibt, liegt eine Kränkung ihrer Ehre; auch wird kein gesittetes Mädchen einen Brief von einem Manne annehmen.

Ein Glas oder eine Tasse bis zum Rande zu füllen, verräth einen schlechten Geschmack.

Wenn man von einem Freunde oder Bekannten zu einer dritten Person spricht, die demselben fern steht, muß man seinem Namen entweder seinen Rangestitel oder das Prädikat »Herr« vorsetzen. Eben dieß ist auch erforderlich, wenn man sich bei einem Dienstboten nach dessen Herrschaft erkundigt oder für dieselbe eine Bestellung macht.

Einer Dame sagt man nicht kurzweg: »Guten Morgen!« sondern man fügt jedenfalls den Titel oder Namen hinzu, wenn man mit ihr bekannter ist; oder man sagt, wenn dieß nicht der Fall ist: »Ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen!«[19]

Wenn man von einem Freunde spricht, so setzt man zum Zeichen der Achtung seinem Namen jederzeit »Herr« vor; es wäre aber im höchsten Grade lächerlich, wollte man von dem eigenen Vater sagen: »Mein Herr Vater!«

Empfängt man ein Geschenk, so würde man sich gegen den Geber desselben einer Unart schuldig machen, wenn man dem Ueberbringer nicht ein Trinkgeld gäbe.

Es ist ein Gebrauch der Zierbengel, in das Knopfloch eine einzelne Blume zu stecken, um sich dadurch das Ansehen zu geben, als trüge man ein Ordensband.

Quelle:
Fresne, Baronesse de: Maximen der wahren Eleganz und Noblesse in Haus, Gesellschaft und Welt. Weimar 1859, S. 15-20.
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