Von Bällen und Abendgesellschaften.

[48] Die Einladungen zu einem Balle müssen mindestens acht Tage zuvor erfolgen, denn man hat dabei zu bedenken, daß die Damen hinlängliche Zeit haben müssen, ihre Toilette, diesen hochwichtigen Gegenstand für Frauen und Mädchen jedes Alters, Ranges und Standes, mit aller Muße zu besorgen.

Bälle sind Feste für junge Leute, besonders für junge Mädchen, denn diese lieben den Tanz oft leidenschaftlich, theils an und für sich, theils, weil er ihnen Gelegenheit zur Entfaltung glänzender oder geschmackvoller Toiletten bietet! Freilich ist es aber auch wahr, daß ein Mädchen auf einem Balle alle ihre Vorzüge geltend machen kann. Die Mädchen haben hier Gelegenheit, ihre ganze Anmuth und alle ihre Reize zu entfalten. Durch die Unterhaltung können sie auch ihren Geist, ihren Verstand, sogar ihr Gemüth, glänzen lassen, und die Bälle sind daher nicht selten das Schlachtfeld, auf welchen die Sieger – hier vielmehr die Siegerinnen – zum Abschluß von Heirathen gelangen, oder wenigstens den Grund dazu legen.

Zu Bällen ist eine sogenannte große Toilette nicht nur für das weibliche Geschlecht eine Lebensfrage, sondern auch für das männliche unerläßlich; deßhalb nennt man sie auch vorzugsweise Ballan zug, obgleich sie nicht minder bei manchen andern festlichen Gelegenheiten getragen wird: Schwarzer Frack, schwarze Pantalons, schwarzseidene Strümpfe und Schuhe. Stiefel sind nur zur Uniform gestattet, müssen aber auch hier leichterer Art, als gewöhnliche Straßenstiefel sein, am Besten von Glanzleder und mit ganz dünnen Sohlen, um wenigstens in dieser Beziehung den Schuhen gleich zu stehen.

Neben der schwarzen Farbe ist nur die weiße zulässig. Man trägt daher weiße Glacé-Handschuh, weiße Halsbinde,[49] weiße Weste. Die beiden letztern Gegenstände können von Piqué und Battist oder auch von Seide sein, und zwar sowohl von Atlas – glatt oder broschirt – als von Moiré.

Der Herr und die Dame vom Hause haben allein bei Bällen einen nicht ganz leichten und angenehmen Dienst, denn sie müssen den Gästen entgegengehen, – den Vornehmeren bis an die Thür des Empfangszimmer, – sie mit freundlichem Lächeln und zuvorkommendem Wesen begrüßen und ihnen Plätze anweisen, welche so vortheilhaft als möglich sind.

Tapisserie nennt man die Gallerie der Damen, welche während eines Tanzes im Saale umher auf den Stühlen sitzen. Damit die minder hübschen Damen und selbst die minder guten Tänzerinnen nicht zu häufig zu dieser langweiligen und kränkenden Zuschauerrolle verdammt werden, ist es Pflicht der Ballgeber, bei ihren Einladungen darauf Rücksicht zu nehmen, daß nicht nur mehr Tänzer als Tänzerinnen vorhanden sind, sondern daß unter den Erstern sich auch namentlich eine gehörige Anzahl flotter Tänzer befindet, oder solcher junger Männer, welche die Ballgeber allenfalls zum Tanze mit einer oder der andern Dame commandiren können, der vorzugsweise eine Artigkeit erwiesen werden soll, welche aber entweder zu wenig bekannt oder zu häßlich ist, um oft aufgefordert zu werden. Auch ist es im Allgemeinen die Pflicht der Ballgeber, für das Vergnügen der Damen dadurch zu sorgen, daß sie die Herren, welche sich in unsern Tagen nicht gern anstrengen, zum Tanze öfters animiren. Und die Herren, namentlich die jüngern und unbedingt tanzfähigen, können sich solchen Aufforderungen nicht füglich entziehen, ohne sich einer Unart schuldig zu machen. Wenigstens müssen sie sich unmittelbar danach in die Reihen der Tanzenden stellen, wenn sie auch später wieder ihrer Bequemlichkeit fröhnen, die man meistentheils mit größerem Rechte Trägheit nennen könnte.[50]

Kann man nicht tanzen, so muß man eine Einladung zu einem Balle nicht annehmen, wenn man in dem tanzbaren Alter ist; denn Nichttänzer sind auf Bällen sehr überflüssige Personen, die überall nur im Wege stehen und sich selbst langweilig vorkommen müssen, wie sie den Uebrigen wirklich langweilig sind.

Uebrigens muß ein junger Mann tanzen können; eine Entschuldigung, es nicht zu können, hat er nur dann für sich, wenn er verkrüppelt ist oder von so schwächlicher Gesundheit, daß ihm dadurch das Tanzen verboten wird.

Wer schlecht tanzt, muß es seine eifrige Aufgabe sein lassen, es besser zu lernen; denn der Tanz ist eines der besten und gangbarsten, auch dankbarsten Mittel, in der Welt vorwärts zu kommen und sein Glück zu machen.

Wer aber schlecht tanzt und es trotz aller Mühe und Anstrengung nicht besser lernen kann, – woran oft ein schlechtes musikalisches Gehör Schuld ist, welches das Tacthalten verhindert, – der thut wohl, es lieber ganz zu lassen und dazu irgend einen plausibeln Vorwand ausfindig zu machen. Denn nichts sieht lächerlicher aus, als ein Tänzer, der sich gegen den Tact abquält, seiner Dame auf die Füße tritt, ihr die Kleider zerreißt oder andere Ungeschicklichkeiten begeht; und was man in dem Umgange mit der Welt am Meisten vermeiden muß, ist sich lächerlich zu machen.

Außerdem muß man bedenken, daß es nach dem eingeführten Gebrauche, – dessen Ungerechtigkeit wir gern zugestehen, – den Damen nicht erlaubt ist, unter den sich ihnen bietenden Tänzern eine Wahl zu treffen, sondern daß sie gezwungen sind, dem ersten Bewerber um einen Tanz denselben zuzusagen, und daß sie sich im Falle der Entdeckung den größten Unannehmlichkeiten aussetzen, wenn sie sich diesem lästigen Zwange durch irgend eine kleine unschuldige List zu entziehen suchten. Deßhalb macht man sich, – wenn auch indirect, – einer großen Unart gegen die unglückliche Dame schuldig, die man[51] zum Tanze auffordert und dadurch zwingt, sich mit einem ungeschickten Tänzer abzuquälen, darüber vielleicht den besten zurückzuweisen, weil er zu spät kam, und noch überdieß einen Theil der Lächerlichkeit, die ihren Tänzer trifft, auch auf sich selbst zu lenken; denn auch die vorzüglichste Tänzerin wird sich neben einem linkischen, ungeschickten Tänzer nie ganz zu ihrem Vortheil ausnehmen, wenigstens nicht in einem Tanze, der gemeinschaftliche Bewegungen erfordert, wie die unzähligen Abarten des Walzers.

Eine Hauptregel, die wir allen jungen Männern bei dieser Gelegenheit einschärfen müssen, ist daher:

»Lernet tanzen; aber lernet es nicht nur so obenhin, sondern trachtet danach, gute, oder, noch besser, ausgezeichnete Tänzer zu werden.«

Wenn man eine Dame zum Tanze auffordert, muß man sich sehr artig vor ihr verbeugen und sie um die Ehre, nicht aber um das Vergnügen eines Tanzes bitten.

Bei der Aufforderung zum Tanze herrschen an verschiedenen Orten sehr verschiedene Gebräuche. Will man gegen diese nirgends anstoßen, so wird man daher wohl thun, sich vor dem Besuch eines Balles danach zu erkundigen.

Hier ist es üblich, schon längere Zeit vorher, – oft schon zu Anfang der Saison für die ganze Ballzeit, – zu gewissen Tänzen voraus zu engagiren; dort würde es für unanständig gelten, wollte man eine Dame längere Zeit voraus um einen Tanz bitten, als zu Anfang eines jeden Balles; – anderwärts wieder verbietet der Anstand, oder vielmehr die eingeführte Etikette, anders aufzufordern, als zu jedem einzelnen Tanze vor dessen Anfang, oder höchstens gleich nach Beendigung des vorhergehenden Tanzes.

In manchen Gegenden und Gesellschaftskreisen hat es durchaus nichts Unpassendes oder Auffallendes, mit[52] einer und derselben Dame mehre Tänze zu tanzen, während es dagegen in gewissen, besonders höhern, Zirkeln für einen großen Verstoß gegen die Etiquette gilt, eine Dame nur zum zweiten Male an einem Abend engagiren zu wollen.

Sagt die Dame den Tanz zu, so muß man sich in ihrer Nähe halten, um bei den Signaltacten sie sogleich auf einen der ersten oder vordersten Plätze führen zu können, wozu man ihr nicht die Hände, sondern den Arm bietet.

Während des Tanzes ist die Unterhaltung mit einer Dame, die man nur wenig kennt, oder der man erst zu dem Tanze vorgestellt wurde, sehr schwierig und ein wahrer Prüfstein der Lebensart, des Geistes und der feineren Bildung. Denn wenn man Gemeinplätze vorbringen wollte, so würde man sich nur lächerlich machen und im Lichte eines Tropfs erscheinen, und außerdem ist es nicht leicht, einen passenden Anknüpfungspunct zu finden. Besser aber ist es, ganz zu schweigen, als etwas Unpassendes, Albernes oder Abgedroschenes zu sagen. Bei bekannten Damen dagegen kann es einem Manne von Verstand und Bildung nicht an Stoff zum Gespräche fehlen, und hier würde es als eine große Unbeholfenheit erscheinen, wenn man in den Pausen, die der Tanz läßt, stumm neben seiner Dame stehen wollte; vielmehr muß man sein Bestes thun, sie gut und angenehm zu unterhalten.

Eine tanzende junge Dame erscheint nie allein auf einem Balle; man muß sie daher nach beendigtem Tanze wieder auf den Platz neben ihrer Mutter oder älteren Begleiterin zurückführen und verabschiedet sich hier sogleich durch eine stumme Verbeugung von ihr; denn es würde unschicklich sein, wollte man bei ihr stehen bleiben, um sich mit ihr zu unterhalten.

Ebenso sind alle auffallenden Beweise der Galanterie oder der Vertraulichkeit zu vermeiden, z.B. ihr Taschentuch, ihr Bouquet zu halten, während der Pausen des Tanzes mit ihr zu flüstern etc. Wenn man sich mit ihr unterhält,[53] muß dieß mit der vollkommensten Unbefangenheit geschehen, oder wenigstens mit dem Scheine derselben, weil man sonst seine Dame compromittiren würde, oder sie doch dieser Gefahr aussetzte.

Sich einer Tanzordnung oder einer Tafel zu bedienen, um die Engagements zu notiren, ist eine Lächerlichkeit, man erschiene dadurch in dem Lichte eines Maklers, der die gemachten Abschlüsse in seiner Brieftasche einträgt.

Bekömmt man von einer Dame eine abschlägliche Antwort, so begehe man nicht etwa die Unschicklichkeit, ihre Nachbarin oder eine der ihr zunächstsitzenden Damen aufzufordern, denn das würde so aussehen, als betrachte man sie nur als Nothnagel. Vielmehr tritt man nach einem empfangenen Korbe wieder unter die Menge der Tänzer zurück und sucht dann eine andere Dame aufzufordern, welche die Verweigerung, auf die man traf, nicht bemerkte; denn es muß für eine Dame ein kränkendes Gefühl sein, nur deßhalb engagirt zu werden, weil ihr Tänzer bei einem früheren Versuche, eine Tänzerin zu bekommen, nicht glücklich war.

Die eingeladenen Ballgäste haben die Verpflichtung, die Dame vom Hause, deren Töchter und Angehörige zu wenigstens einem Tanze zu engagiren; auch die Freundinnen der Töchter und Cousinen sind mit in diese Verpflichtung eingeschlossen, durch die man gewissermaßen seine Einladung bezahlt.

Ein wohl zu beachtender Rath, besonders für junge Männer, deren Stellung in der Welt der Art ist, daß sie danach streben müssen, sich Freunde zu erwerben und eine möglichst vielseitige gute Meinung von sich zu erwecken, ist der, auch minder hübsche Mädchen und junge Frauen zu engagiren. Diese suchen nicht nur oft durch Geist und Liebenswürdigkeit zu ersetzen, was ihnen an Schönheit mangelt, sondern sie erkennen auch die Aufforderung zum Tanze in der Regel mit Dank an, während die schönen, durch Huldigungen verwöhnt oder durch Eitelkeit verblendet, nicht selten in dem Wahne stehen,[54] sie erzeigten dem Tänzer durch die Annahme seines Engagements einen Dienst, ließen sich wohl gar dadurch zu ihm herab.

Man setze sich nie auf den Platz einer Tänzerin. Thut man dieß indeß, während sie tanzt, weil man diese Zeit benutzen will, um ihrer Mutter oder ihrer Begleiterin eine Artigkeit oder Aufmerksamkeit zu erweisen, indem man sich mit ihr unterhält, so stehe man bei Beendigung des Tanzes augenblicklich von ihrem Sitze auf, nicht aber erst dann, wenn ihr Tänzer sie wieder zurückführt.

Man tanze einfach, mit der möglichsten Anmuth, aber ohne alle Ziererei. Jede Bewegung, die nicht den strengsten Anforderungen des Anstandes angemessen ist, muß durchaus vermieden werden. Der Tanz im Ballsaal darf weder an den auf Tanzböden, noch an den Ballet-Tanz des Theaters erinnern.

Dem Büffet darf man weder mit Hast zueilen, noch es zu häufig in Anspruch nehmen; verlangt aber eine Dame irgend eine Erfrischung, dann biete man Alles auf, sie ihr sobald als möglich zu überbringen.

Man bleibe, nachdem der Tanz beendigt ist, nicht noch längere Zeit auf dem Balle, selbst nicht in dem Falle, daß man wirklich sehr erhitzt sein und deßhalb einer Abkühlung bedürfen sollte. Um sich gegen Erkältung zu sichern, versehe man sich lieber mit warmen Kleidungsstücken, die man in dem Garderobenzimmer aufbewahren läßt.

Von einem Balle kann man ebenso wie aus einer jeden größern Gesellschaft oder nach einem Diner ohne Abschied verschwinden, und es ist dieß sogar viel passender, als bis zuletzt zu bleiben. Dieß ist, so zu sagen, ein Vorrecht der nähern Freunde des Hauses, und es hieße zudringlich sein, wollte man sich diesen ohne hinlängliche Berechtigung zugesellen.

Oeffentliche Bälle muß man nur dann besuchen, wenn sie nicht in einem schlechten Rufe stehen; dieß wird aber selten der Fall sein, da die sie besuchende Gesellschaft[55] zu gemischt ist, die Tänzerinnen aber in der Regel sämmtlich einer sehr leichten Classe angehören.

Will man sich indeß das Treiben öffentlicher Bälle ansehen, so vermeide man dabei die elegante Toilette geladener Privatbälle, bleibe nicht länger als höchstens eine halbe Stunde und – dieß ist streng zu beobachten – nehme nie an dem Tanze Theil. Welche anständige Dame würde auch wohl einem Tänzer den Arm reichen wollen, der vielleicht den Tag zuvor in einem öffentlichen Balllocale mit einer verrufenen Dirne getanzt hätte.

Für Bälle geschlossener Gesellschaften gelten dieselben Regeln wie für einen Privatball, indeß darf man bei dem Besuche derselben die Stellung nicht vergessen, die man in der Welt einnimmt, und seinem Range nichts vergeben, also auch auf der Stufenleiter der geschlossenen Gesellschaften nicht zu tief herabsteigen.

Maskenbälle machen im Allgemeinen eine Ausnahme von der Regel der öffentlichen Bälle, indeß hat man auch hier auf den Character derselben und die Mehrzahl der sie frequentirenden Gesellschaft Rücksicht zu nehmen. Je nach den Umständen muß man sie entweder ganz incognito besuchen, d.h., vollkommen maskirt, oder ganz unmaskirt und in der elegantesten Toilette, in diesem Falle aber nicht an dem Tanze Theil nehmen und sich mit den Masken in keinen Verkehr einlassen.

Quelle:
Fresne, Baronesse de: Maximen der wahren Eleganz und Noblesse in Haus, Gesellschaft und Welt. Weimar 1859, S. 48-56.
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