Die Wanderjahre.

[215] Es begreift sich, welch einen mächtigen Eindruck solch eine Persönlichkeit ausüben mußte auf ein schwankes, unbefestigtes Wesen, wie das meine bis zu der Bekanntschaft mit ihm gewesen war; es fragt sich, wie ich der Unterdrückung des Uebermächtigen[215] entging und zum eigenständigen Besitze meiner selber kam. Auf diese Frage soll der folgende Abschnitt Antwort geben.

Meine große Seelenrevolution war noch kaum vollendet, ich war im Sommer 1827 mit der Fortsetzung meiner klassischen Studien, mit Dio Cassius, mit Quintilian u. A. beschäftigt, als ich unerwartet frühzeitig dem Studentenleben entzogen ward und Gelegenheit erhielt, die neu erfaßten Grundsätze gleich praktisch zu erproben. Es war in den ersten Tagen des August, als der Director einer Erziehungsanstalt in Frankfurt, Fr. Gutermann, durch Schlosser gewiesen, mich besuchte und mir eine Lehrstelle anbot. Ich eilte zu Schlosser, der mir die Blüthe des Institutes rühmte, zugleich mir rührende Züge von Gutermann's Aufopferung für seine Eltern und Familie erzählte, deren ganze Existenz von dem Gedeihen seiner Anstalt abhing. Willkommen, wie mir der Anlaß war, um meinen Eltern nicht länger zur Last fallen zu müssen, war mir doch Gutermann's Eile verdrießlich, der mich schon nach vier Tagen wünschte eintreten zu sehen. Später erst erfuhr ich die Ursache dieses Dringens: er hatte sich mit seinem angesehensten Unterlehrer überworfen, und die Stelle mußte rasch besetzt werden, damit bei dem nahen Herbstexamen keine Lücke, kein Stillstand bemerkbar werde. Ich versprach also zu kommen und hielt mein Versprechen. Ich trat in eine neue Welt selbständiger Wirksamkeit, die den außerordentlichsten Reiz auf mich übte; ich stürzte mich in den neuen Beruf mit einem enthusiastischen Eifer und Fleiße. Die Arbeiten zu meiner eignen Ausbildung wollte ich nicht versäumen; ich trieb arabisch und englisch und beschäftigte mich mit meinen Klassikern weiter; um dann in meinen Vorbereitungen für die Schule nicht zurück zu bleiben, gab es Zeiten, wo ich selbst im tiefsten Winter Morgens um drei Uhr schon aufstand. Der ausgebreitete frühere Briefwechsel ward fast ganz unterbrochen; Hessemer trat seine Reise nach Italien und Aegypten an; ich nahm Kenntniß von dem ausführlichen Tagebuch an seinen[216] Vater, directe Briefe wechselten wir nur gelegentlich; mit allen übrigen Freunden schrieb ich wenig. Ihre seltenen Briefe aber be, zeugen, daß die meinigen damals »Jubel sprudelten«; daß ich mein Treiben gedeihlich nach außen, für mich selber förderlich fand; daß sich zu meiner neuen Geistesfreiheit mein alter jovialer Sinn wieder zugesellte, der in dem bittern Ernste der letzten Kämpfe verloren zu gehen drohte. An Schlosser schrieb ich dankend für seine Empfehlung, mit der er mich ungemein glücklich gemacht hätte. Alles war auch darnach angethan, mich in meiner neuen Lage ganz zufrieden zu stellen. Die äußeren Bedingungen der Stelle, gleich anfangs sehr anständig, wurden schon nach einigen Wochen zum Doppelten gesteigert. Der Vorsteher der Anstalt war ein junger Mann von Geist und Bildung, von gewandtem, gewinnendem Wesen, der mich anfangs blendete durch freigebigen Glanz nach außen, durch eine Ueberschwenglichkeit innerlichen, freundschaftlichen Entgegenkommens. Er war unablässig bedacht, mir Vergnügen zu machen; er führte mich in mehrere angesehene Familien ein, wo er hinter meinem Rücken alles Lobes über mich voll war. Ich kam seinen Beweisen von freundschaftlicher Neigung offen entgegen; wir tauschten Erzählungen über unser früheres Leben und trafen uns auf mancherlei ähnlichen Gängen und Irrgängen. Auch von geistiger Seite suchte er mir, bei zwar großen Abweichungen, nahe zu rücken. Er war ein Schellingianer, in Wesen und Weben ein voller Romantiker und Jungdeutscher, der am liebsten in den Genüssen toll aufregender Poesie und Musik umwühlte; trotzdem aber nahm er allen Antheil an meiner antiken Richtung, förderte, unterstützte sie durch passende Büchergeschenke und nahm mich für vorausbestimmt, die Geschichte von Griechenland zu schreiben. Voll Anregung wie dieser Umgang mit dem Director war auch der Verkehr mit den Lehrern. Sie standen, wenn nicht freundschaftlich, so doch freundlich zusammen; die Lehrerversammlungen, wo sich ein reger, einträchtiger Eifer aussprach, der manchmal bis zu warmer Begeisterung[217] gesteigert war, machten mir die besten Eindrücke. So war auch das Verhältniß zu den Schülern von der versprechendsten Art. Die freimüthige, mehr familiäre Weise, wie sich die Lehrer zu ihnen, sie sich zu den Lehrern stellten, war mir neu und befremdend, nicht aber unangenehm. Die Anlagen, die Fähigkeiten der Schüler, deren es in fünf Klassen von 7–18 Jahren gab, schienen mir im Ganzen vorzüglich. Eine reiche Stadt wie Frankfurt hat das eigene, daß sie Kinder körperlich gut, ja üppig aufernährt; dies hat auf die frühere Entwicklung der Geister einen sichtlichen Einfluß, aber auch darauf, daß frühe eine Freude an äußeren Genüssen und mit der vorzeitigen Einweihung in die Prosa des Lebens eine Sättigung an allen höheren Dingen eintritt. Dies hatten wir Alle an den Schülern der obersten Klasse mit Verdruß und Widerwillen zu bemerken, auf die es schwer war irgend eine Einwirkung zu erhalten; nichts aber war dankbarer, als den elastischen Geistern der 2. und 3. Klasse, den Schülern von 12–15 Jahren Unterricht zu ertheilen. Was mir die Luft des neuen Berufes noch erhöhte, waren die Unterrichtsgegenstände, die mir zugetheilt wurden. Anfangs mit Latein und Geographie beschäftigt erhielt ich bald den Geschichtsunterricht durch alle Klassen und das Griechische zum größeren Theile, die Fächer, die mir die erwünschtesten waren. Fehlte noch etwas mich ganz zu beglücken, so war es der Erfolg meines Unterrichts. Er ward mir nicht leicht gemacht. Der große Eifer, den ich anfangs in Direction und Lehrerversammlung fand, nahm sehr bedeutend ab, als sich die Krise, in der ich in die Anstalt eingetreten war, verzogen hatte; der Director ward träge, Lehrer und Schüler ließen nach, bei den zuletzt eingetretenen Lehrern, die von der ersten Wärme noch erfüllt geblieben, stellte sich Mismuth und Befremdung ein. Bei mir nun hielt das Bemühen, das, was ich zu thun übernommen, ganz und nach Kräften zu thun, ausdauernd an. Meine Methode in Unterricht und Zucht war bei aller Freundlichkeit gehaltener und ernster als die der älteren Lehrer; sie sollte die Knaben in etwas[218] ehrerbietigere Ferne stellen und vor Allem Achtung, Gehorsam und Ordnung gründen; in dem Unterricht der Geschichte sollte der Anekdotenkram eine ernstere Behandlung, in der Grammatik die tändelnde Manier einer stricten Methode weichen: das wollte sich im Anfang lange nicht machen. Die Trockenheit meiner Geschichtserzählung, die Stärke meiner Anforderungen machte mich bei den Schülern verrufen, die Strenge meiner Zucht trug mir den Spitznamen des Polizeimeisters ein. Aber die Gewöhnung verschaffte mir doch bald Boden; nach hergestellter Ordnung war meine Natur ja ganz auf Milde und gemüthliche Behandlung gestellt. Bald gewann ich mir die solideren Herzen unter den Schülern, und sie zogen die anderen langsamer nach. Mein Geschichtsunterricht fesselte die Knaben ganz anders, als sie in größeren Ueberblicken erst den Gesammteindruck einer behandelten Periode erhielten. Im Griechischen glaube ich bei Anfängern, mit nur drei Stunden in der Woche, in neun Monaten einen solchen Grund gelegt zu haben, wie er nur da möglich ist, wo man den Unterricht in dieser Weise auf wenige Stunden beschränkt, der Selbstthätigkeit breiten Raum gibt und nutzlose Erschwerung so vorsichtig meidet wie schädliche Erleichterung. Diese Schüler sahen mit Selbstgefühl auf die Fortschritte in einer so kleinen Zeit zurück, in der sie in Homer und Xenophon eingedrungen waren, und ich hätte sie bei fortgesetztem Unterricht unzweifelhaft zu stolzen und sichern Gräcisten gemacht, ganz abgesehen von dem, was ihnen diese Stunden für Geist und Seele sonst noch eingetragen hätten. Denn das lernte ich recht im Gegensatze zu meinem eignen Gymnasialunterricht damals gründlich erkennen, welche unschätzbare Mittel der geistigen Reifung in diesen alten Sprachen liegen, und mit wie tiefem Rechte der ganze Unterricht der gebildeten Jugend in ihnen wurzelt, die an unendlichen Anregungen des Geistes unerschöpflich sind, wo die exacten Wissenschaften, wie Voltaire sagte, den Geist da lassen, wo sie ihn finden.[219]

Ich nahm es ernst mit meiner Pflicht, ich hatte Freude an meinem Berufe, dies war das Geheimniß meiner Erfolge. Unter diesen Erfolgen war Einer: daß ich vor Allem selber in meinem Lehrerberufe lernte, daß ich in ihm nicht nur neue Kenntnisse, sondern mehr noch neue Lebenserfahrungen sammelte. Meine Ansichten und Begriffe von Schule und Schulwesen bildeten sich hier rasch zu großer Bestimmtheit aus. In meinen gesammelten kleinen Schriften stehen zwei Aufsätze von 1834–.1835 über französisches Unterrichtswesen und über Universitätsreform, deren Inhalt als ein Ergebniß der Erfahrungen angesehen werden kann, die ich als Student und Docent an der Universität und damals als Lehrer an der Schule in Frankfurt gemacht habe. Die Spuren der Begeisterung, mit der ich damals an dem Schulsache hing, wird man noch aus den so viel spätern Schriften herauslesen. Sie athmen nichts als Abscheu gegen die pedantische Gelehrsamkeit und die herkömmliche Methode der Philologen, die nicht Pädagogen sind. Sie predigen die Abwendung von aller nutzlosen Quälerei und aller leichtfertigen Gängelei der Jugend. Sie empfehlen den gesunden Weg der Natur zu gehen, die eigenthümliche Kraft des jugendlichen Geistes, die Einbildungskraft, zu fesseln und dem Anbau des einseitigen Verstandes und der Altklugheit auszuweichen. Sie verrathen den streng wissenschaftlichen Geist, der sich von allen Realschulprojecten in voller Entschiedenheit abwandte, aber den Gymnasien bei der Fortdauer ihrer scholastischen Sprachmethode den Anwachs ihrer realistischen Gegner voraussagte, die durch die verkehrte Behandlung der Sache ein Recht erhielten. Der Kern der beiden Aufsätze aber ist die Hinweisung auf eine geschichtliche Methodik für den Unterricht und das Schulwesen, auf die geschichtlichen Gesetze, die der Ordnung des deutschen Erziehungswesens unwissentlich zu Grunde liegen, und das Hindringen auf die Abwerfung der Auswüchse in unserer Methode, wo die Praxis zu einzelnen Abweichungen von jenen Gesetzen geführt hat. Man sieht, es war[220] mir ein Ernst mit einer ganz innerlichen Durchdringung der philologischen und historischen Studien, zu deren äußerer Verbindung mir Schlosser dringend gerathen hatte, als ich ihm meinen Uebertritt zu seiner Fahne meldete. Diesem Entschlusse, mich ganz der Geschichte zu widmen, drohte übrigens hier in Frankfurt noch einmal ein Rückfall. Bei dem fröhlichen Gedeihen meiner pädagogischen Wirksamkeit war ich damals dem Lehrerberufe so innigst ergeben, daß ich bei einer Fortdauer meiner damaligen Verhältnisse kaum an einen Rücktritt in das Gelehrtenleben an der Universität oder in eine blos schriftstellerische Laufbahn gedacht hätte. Aber das Schicksal schnitt diesen ablenkenden Faden entzwei, als ob es mich auf die Bahnen der freien Wissenschaft mit Gewalt hinüberdrängen wolle. Ein geringfügiger Zufall gab den Anlaß zu meiner Trennung (Anf. 1829) von der Anstalt; was mich bei einem oder dem anderen meiner Freunde wieder in das Licht eines unruhigen Geistes stellte, der nirgends gut thun wollte. Es gehörte zu meinen Eigenheiten, daß ich diesen Schein im Bewußtsein seiner Grundlosigkeit schweigend über mich nahm, ja daß ich nicht allein damals, sondern sogar bis heute den eigentlichen Grund der Zerwürfnisse, die mich aus der Anstalt nöthigten, keiner Seele gesagt habe. Das gute Verhältniß zu Gutermann hatte in seiner ersten Blüthe nicht lange bestanden. Das Nachlassen jenes anfänglichen Eifers, die Schlaffheit des ganzen Ganges der Verwaltung und des Unterrichts hatte mich bald verdrossen. Die Wärme, in der ich selber anhielt, die Anerkennung, die ich in vielen Familien fand, erregte noch bälder Gutermann's Eifersucht gegen mich; er gab mir Schuld (ob es nun seine Ueberzeugung war, oder ob er einen Vorwand gegen mich suchte), eine Würde und Stellung über ihm er strebt zu haben. Eine Neigung, ohne viel zu frageneigenmächtig meines Weges zu gehn, muß ich mir selber wohl Schuld geben; sie war aber bei der Erschlaffung der ganzen Direction geradezu geboten; Gutermann's eigner Bruder setzte mir oft und beständig zu, ihn[221] mit allen Mitteln auf andere Wege zu bringen. Einmal als ich bei einer Unpäßlichkeit meine griechischen Stunden aus eigner Machtvollkommenheit an meinen Freund Kriegk übertrug, der in Frankfurt eine Hauslehrerstelle versah, ward dies ungnädig vermerkt und setzte eine starke Spannung. Eine Weile glich sich dies wieder freundschaftlich aus. Ich hatte Gelegenheit, Gutermann aus einer Geldverlegenheit zu helfen durch eine Anleihe, die ich ihm bei meinen Darmstädter Vettern eröffnete. Dies hielt aber nicht vor. Die Verlegenheit kam wieder, aber die Abhülfe versagte sich diesesmal. Es kam eine Zeit, wo der Anstalt Bankrut drohte und dem Vorsteher der Untergang; da »stürmte er dann in seine Gesundheit« und betäubte sich in Wein und Gesellschaft; im Sommer 1828 stand er am Rande der Verzweiflung. Eine Sommerreise sollte gemacht, Haushalt sollte bestritten werden, alle Mittel fehlten. Er entdeckte sich mir; ich ging nach Darmstadt, dort noch einmal Alles zu versuchen, ihm wieder eine Anleihe zu schaffen, aber es war vergebens. Der Sturm verzog sich nun zwar, aber das Misgefühl blieb in Gutermann zurück, mir, schließlich ohne Noth, seine Lage eröffnet zu haben. Die Reise mit den Knaben wurde gemacht. Als wir zurückkehrten, war Gutermann weg in Ems; er hatte einen Blutsturz gehabt. Einer der Lehrer hielt sich mit mir verpflichtet, dem Arzte Mittheilungen über seine Lebensweise zu machen, die ihm ganz unbekannt war, ihm ganz unglaublich erschien. Er setzte den Kranken bei seiner Rückkehr darüber zur Rede; unsere Eröffnungen wurden mir als ein neuer Verrath ausgelegt und mit Trotz erwidert. Gutermann hatte das Gefühl gegen uns, wie jener ertrinkende Knabe der Fabel, der dem Retter, der ihn aus der Flut zog, übel nahm und übel lohnte, daß er ihm wehe gethan. Allein auch diese Vorgänge hätten an sich wohl kaum zu einem Bruche geführt. Indessen aber hatte sich die Mutter Gutermann in den Kopf gesetzt, mich mit ihrer ältesten Tochter verheirathen zu wollen. Sie that mir alle möglichen Schritte entgegen, der[222] Bruder selber spielte gelegentlich nur allzu deutlich auf unsere Schwägerschaft an. Mir, bei meiner Jugend, in meinem enthusiastischen Berufseifer, nach meinen weitsichtigen Bildungsplanen, lag der Gedanke an Heirathen, ich kann nicht sagen wie weitab, an dieses Heirathen nun gar. Sobald mein Kopf, zum Erbarmen langsam von Begriff in solchen kleinen Ränken, diese Absicht durchsah, ward mir klar, daß ich eine Gelegenheit zur Scheidung eher suchen als meiden müsse. Der Anlaß ließ nicht auf sich warten. Ich hieß einige Knaben, die zu spät kamen, durch die Ordinarien ihrer Klassen in die Censurbücher eintragen; einer der Lehrer nahm dies in seiner Klasse, in der er schon gegenwärtig war, übel, und es kam zu Auslassungen, die den Austritt eines von uns Beiden nöthig zu machen schienen. Unter anderen Verhältnissen hätte sich ein Ausgleich augenblicklich gefunden, denn ich selber fühlte sogleich, daß ich in einer der Anwandlungen meiner Eigenmächtigkeit etwas Ungehöriges gethan hatte; Gutermann aber ergriff den Anlaß begierig, meine Aufsage anzunehmen. Für mich selber war ich froh, aus diesen trüben Verhältnissen heraus zu kommen, meinen Schülern gegenüber blutete mir das Herz. Ich werde die letzten Geschichtsstunden nie vergessen, in denen ich von ihnen Abschied nahm.

Ich fand mich bewogen, einige Wochen in Frankfurt zu verweilen, um Entstellungen und Verleumdungen über die Gründe meines Abgangs vorzubeugen. Dann ging ich nach Darmstadt, wo mich zunächst eine weitaussehende Arbeit beschäftigte, die ein weiteres Zeugniß abgibt, wie eng eine Zeit lang meine philologischen und historischen Studienprojecte Hand in Hand zusammen gingen. Der Buchhändler Schmerber in Frankfurt hatte den Plan, eine Reihe älterer Commentare klassischer Autoren wieder zu drucken, und forderte mich auf, den Duker'schen Apparat zum Thukydides zu übernehmen. Die Aussicht, mit dem größten der alten Historiker auf diese Weise gründlich vertraut zu werden, lockte mich sehr; doch war ich mir meiner Unfähigkeit zu solch einer Arbeit[223] völlig bewußt. Ich spielte eine Weile mit dem Gedanken, dann wollte ich zurück und ergriff dazu einen falschen, unentschiedenen Weg; ich erklärte dem Verleger, ohne ein gewisses wie mir schien hochgegriffenes Honorar wäre die Aufgabe doch nicht zu übernehmen; er faßte mich bei dem Wort und sagte mir das Honorar sogleich zu; so gerieth ich in die Falle. Mein College Morstadt, der noch eine Weile mit mir zusammen bei Gutermann arbeitete, erklärte sich bereit den Text zu bearbeiten und unterwarf den Pfälzer Codex einer neuen, gewissenhaften Durchsicht. Für mich war das Ueble, daß der Verleger den Duker'schen Apparat mit ausgezogenen »Noten, Citaten und Nachweisungen der neueren« Commentatoren, wie der Vertrag besagte, wollte vervollständigt haben, um den zweifelhaften Absatz zu sichern; dadurch ward das Ganze ein Hause ungleichartiger Materialien, der mir verleidete, so daß ich mich bald in einer gütlichen Weise von der ganzen Unternehmung los zu machen suchte. Vorerst in Darmstadt und nachher in Heidelberg arbeitete ich aber unausgesetzt an dieser Aufgabe fort. Daneben aber begann ich mich zugleich in das Quellenstudium der mittelaltrigen Geschichte, zunächst von Spanien und England, hinein zu wühlen. Um in diesem Studium, um in dem Gange meiner eigenen Ausbildung nicht gestört zu sein, hatte ich nach meinem Austritt von Gutermann eine Hauslehrerstelle, die mir der Graf Langenau anbot, ausgeschlagen und schlug jetzt eine zweite in einer englischen Familie aus, die mir ein neuerworbener englischer Freund, Dr. Wyß in Heidelberg, antrug. Bald nachher wiederholte mir Wyß seinen Wunsch und bestach mich damit, daß meine Schüler die Sthule besuchen und so nur unter meiner Oberleitung stehn würden. In dieser Form bot mir der Antrag einen erwünschten Anlaß dar, nach meinem geliebten Heidelberg zurückzusiedeln und an Ort und Stelle die günstige Gelegenheit abzupassen, mich zu habilitiren. Ich kam also im Juli 1829 dahin, um mich als Hauslehrer zu versuchen. Das bekam mir schlecht. Die[224] Eltern waren untadlige Leute; der alte Hunter, ein gedienter Capitän der k. Marine, eine ächte Matrosennatur, ganz Offenheit und Biederkeit; die Frau sein und edel in Haltung und Weise. Bei meinen Zöglingen aber fand ich einen weiten Abstand von meinen Frankfurter Schülern. Dazu ward die Verabredung nicht eingehalten, indem der Vater wünschte, seinen Aeltesten aus der Schule zu halten und meiner Leitung ganz zu übergeben. Ich ließ mich bewegen nachzugeben, verführt von dem anfänglichen guten Willen des jungen Herrn, der aber bald in eine unbesiegbare Schlaffheit zurückschlug. Ich erkannte sogleich, daß hier meines Bleibens nicht sein könne; gleich nach dem Eintritt schrieb ich Aeußerungen in diesem Sinne nieder. Der Zwang vor Allem quälte mich: dieser Punct allein, schrieb ich, werde mich wegtreiben. Dann war mir der Zeitmangel für meine eigene Weiterbildung empfindlich, wie auf der andern Seite mein Zeitkargen der wackern Familie empfindlich sein mußte, deren aufrichtig gute Wünsche ich gern hätte erfüllen mögen. Die Unfähigkeit der Knaben war vor Allem doch das schlimmste. Der Verkehr mit ihnen versetzte meiner Gesundheit einen furchtbaren Stoß: denn nichts ist nervenverwüstender als die Unterrichtung weniger gleich unbegabter Schüler, vor deren Dummheit man sich nicht, wie in dem größeren Kreise einer Schule, bei den fähigeren ausruhen kann. Ich beeilte also meine Habilitationsarbeiten, schrieb rasch meine Auszüge über angelsächsische Geschichte in eine quasi Dissertation zusammen, bekam (28. Aug. 1830) die Erlaubniß zu lesen, hielt mit dem Aufgebot all meines Lateinredens meine Disputation und eine Probevorlesung (über Theoderich) und meldete mich im Herbste 1830, nachdem ich ein anständiges Jahr meine Qual getragen hatte, als Docenten der Geschichte.

Ich trat in diese neue Laufbahn in den schlechtesten Körper- und Gemüthszuständen ein. Waren es nur die Nervenreize meiner letzten Beschäftigung, oder hatte ich mich all die Jahre her über Vermögen angestrengt, meine Kräfte waren plötzlich wie erschöpft.[225] Ich war im Herbste 1830 in einem Zustande, der mich ganz stutzig machte. Ich brachte 14 Tage in Darmstadt zu, wo mein Arzt den Ausbruch eines Nervenfiebers fürchtete. Nachher reiste ich auf einem Umwege nach Heidelberg zurück und dachte hergestellt einzutreffen, kam aber kränker an, als ich gegangen war. Ich fand mich in eine peinvolle Schläfrigkeit zurückgeworfen und war vor übergroßem Blutandrang nach dem Kopfe unfähig zu arbeiten. Freund Kriegk triumphirte Anfangs ein wenig, daß auch ich etwas von dem Wermuth zu trinken habe, an dem er sich Jahre lang verbittern mußte; bald rief er und die andern Freunde, besorgt vor einem gefährlichen Krankheitsausbruch, mich von meiner »unbändigen Thätigkeit« zu anhaltender Erholung zurück. Für meine Thukydidesarbeit mußte ich mir eine Pause erbitten, die nachher zum völligen Rückzug überleitete. Grade nach dem Ausgang aus meiner Hofmeisterei kamen auch innere Leiden der verschiedensten Art hinzu, mich noch stärker zu erregen. Für mein körperliches Befinden war es vielleicht ein Glück, für meine Stimmung ein Unglück, daß sich im ersten Semester nur wenig Zuhörer fanden, und daß ich nur ein Privatissimum lesen konnte. Dann fehlte es mir Verwöhnten an einem vertrauten, freundschaftlichen Umgang. Ich schrieb damals an Flegler in einer Charakteristik meiner selbst: noch sei ich wie sonst; Historicus mit Leib und Seele; voll abenteuerlicher Entwürfe, zu denen mich nichts berechtige, leicht zum Urtheil, langsam im Lernen, noch immer der alte Kindskopf, der für seine (Flegler's) gemüthlich-humoristische Art die Menschen zu belachen so vielen Sinn hätte; dabei derb prosaisch, wenigstens mit ihm verglichen; denn in meiner Umgebung kam ich mir vor wie ein Phantast. – Ich lebte gleichwohl in einem Kreise anregender, geistreicher Collegen, mit Hermann, Hitzig, Hepp, v. Löw, Mittler; aber nur mit Hitzig stand ich auf einem traulichen Fuße; die gesellschaftliche Welt zu besuchen mußte ich mich zwingen. Noch ein häusliches Leid, noch ein freundschaftlicher Kummer wirkten zu[226] meinen physischen und psychischen Verstimmungen hinzu. Mein guter Bruder hatte sich verlobt. Es war ein Sonnenblick, der auf den Herd der Familie fiel. Dann aber zerschlug sich diese Aussicht plötzlich, das Mädchen (eine Frankenthalerin) zog zurück, eingeschreckt von dem katholischen Beichtiger über die Ehe mit einem Ketzer. Der Fall traf meinen Bruder sehr hart, dem es an hartem Geschicke ohnehin nicht fehlte. Er hatte seinen ganzen Beruf verfehlt; er war eine tapfere Natur, die durchaus für den Soldatenstand geschaffen war; nun kränkelte er bereits an einem Brustleiden, für das seine geschäftliche Thätigkeit reines Gift war. Im selben Herbste ferner war Hessemer von seiner Reise zurückgekommen. Er trat zu eben der Zeit, wo ich das Haus Hunter verließ, als Professor der Architectur an das Städelsche Institut in Frankfurt ein. Schon aus Siena hatte er mir (August 1830) sich anmeldend wie in einer Befürchtung geschrieben, daß der alte Zwiespalt zwischen uns wieder ausbrechen könnte: Gelehrsamkeit und Kunst stünden sich wie Hund und Katze einander gegenäber. Doch theilten wir die Begeisterung für alles Schöne und Gute, und das müsse ein tüchtiger Ankerplatz der Freundschaft sein. Aber als er nun zurück war, misfiel mir aufs neue an ihm, wie wenig er gleich anfangs die beneidenswerthe Lage, in die er gestellt war, auszubeuten wußte. Er war wenn Einer dazu geschaffen, unserer ringenden Baukunst eine Richtung zu geben. Ich stritt darüber mit ihm schon früher, jetzt wieder: in Deutschland sei nach dem Ausgang der kirchlichen Baukunst, wie es in allen Völkern der Fall ist, die große Periode der weltlichen, bürgerlichen, nationalen Kunst gekommen: die gelte es mit gründlichster Vorbildung an dem Besten der alten Welt zu schaffen. Der Kern all meines neuen Mismuths über ihn war dies, daß er dafür durch seine ägyptischen und maurischen Liebhabereien allen Sinn verloren hatte. Er war dort in Frankfurt an so trefflicher Stelle für solch eine bahnzeigende Richtung. Er hatte eine Schule zu gründen und war auf den Weg der Theorie[227] gewiesen; er hatte einen großen Seitenbau in seinem Institute auszuführen und war so zugleich, in einer reichen, sich weit ausbreitenden Stadt, auf den Weg der Praxis geführt. Hätte er sich auf diese ersten Aufgaben mit aller seiner Kraft und Kenntniß, zugleich auch mit der nöthigen praktischen Umsicht geworfen, ihm hätte Alles glücken müssen. Statt dessen zerstreute er sich in einer kaum glaublichen Weise. Er hatte für den Engländer, auf dessen Kosten er seine ägyptische Reise gemacht, eine Reihe Zeichnungen zu liefern; daneben wollte er seine Reisebriefe herausgeben, eine Eitelkeit, von der ich ihn nur mit Mühe abbringen konnte; dann arbeitete er an einem großen Ornamentenwerk, das später herauskam und seinen Namen ehrenvoll bekannt gemacht hat; und außer dem Allen trug er sich fortwährend mit dem Gedanken an eine Geschichte der Baukunst, wo mir klar war, daß er die eigentliche Aufgabe mit einer ästhetischen Beurtheilung der Werke dieser Kunst verwechselte. Immerhin aber war dies doch eine ganze Welt voll reizender Vorwürfe und Beschäftigungen: er aber klagte, daß seinem Leben in Frankfurt »alle Freude und freudige Anregung von außen fehle«; der Boden unter ihm schien ihm nicht mehr der alte zu sein; er hatte wie ein Heimweh in die Fremde, nun da er daheim war; er kam zurück »als ein für die Alltagswelt ganz verlorener Gast«; er fand Alles um sich herum trivial bis ins Mark; er füllte sich den Kopf mit neuen Reiseplänen nach Spanien, nach Persien gar! Die Reise war ihm offenbar nicht gut gewesen. In Italien hatte er rüstig und fleißig gearbeitet wie immer; aber die allzulange Ausspannung aus aller geschäftlichen Thätigkeit hatte seine ganze Künstlernatur wieder aufs einseitigste hervorgerufen. Die Reise nach Aegypten hatte das schlimmer gemacht; er wußte sich was mit der Fahrt, die damals noch nicht etwas so gewöhnliches war wie heute; er hatte dort Rollen zu spielen, im Türkeneostüm zu reisen gehabt; als das unter den Stößen von Mappen aus dem Reisekoffer ausgepackt war, seufzte der Onkel Moller aufs neue nach gesteigerter[228] Bewunderung des Fleißes seines Neffen: Er wird kein Baumeister! Mich verstimmte das Alles entsetzlich; ich begann meinen alten Hader mit ihm. Kriegk beobachtete ihn in nächster Umgebung; er fand ihn geistig förmlich krank; er billigte alle meine Ausstellungen, aber er bemerkte, daß sie Hessemer nicht verstand. Wir entfremdeten uns und fühlten es; wir ordneten Zusammenkünfte an, das schlug einmal gegen alle Hoffnungen aus. Ich arbeitete an dem Freunde, als ob es mir mehr um seinen Namen und Existenz gelte als um die meinige, aber vergebens. Ich wollte in ihm noch jetzt die Umwälzung nachwirken, die ich selber erlebt hatte; er schrieb mir jetzt mit trocknen Worten: »Ich kann keine Revolution meines Wesens vornehmen.« Ihm zürnen, persönlich von ihm zurückziehen, konnte man gleichwohl bei seinen sonstigen Trefflichkeiten, bei der Liebenswürdigkeit seiner Freundschaft nicht. Klagte ich wie ehemals über seine persönlichen Seltsamkeiten, so schrieb er entwaffnend zurück: Das Seltsamste in mir »ist gewiß die Innigkeit meiner Freundschaft für Dich; an die lege mir keinen Zaum!« Ich beruhigte ihn über dieses Freundesverhältniß, nichts solle uns trennen. »Wenn aber, schrieb ich (15. Jan. 1831), unter so vielen sogenannten Freunden Ein wirklicher ältester, auf den man rechnete und baute, solche Sprünge zu machen droht, die einen um den letzten Trost bringen möchten, so soll man nicht grimmig werden? Gott helfe mir. Denn das ist wahr, bissig bin ich geworden und resolut wie der Teufel. Du darfst deines Lebens vorerst nicht froh bei mir werden. Habe ich mich geplagt, so magst auch du dich plagen. Und vor den Ruhm haben die Götter den Schweiß gestellt.«

Es ist sehr wahrscheinlich, daß mich damals die Nachwirkungen einer unausgebrochenen Krankheit, die häuslichen Bekümmernisse, die freundschaftlichen Zerwürfnisse, der Umgangsmangel, die geringen Docentenerfolge viel bedeutender niedergebeugt hätten, wenn mir nicht meine wissenschaftlichen Beschäftigungen eine Quelle steten Trostes gewesen wären, und wenn nicht eben zu dieser Zeit die[229] öffentlichen Dinge in Europa einen so ungeheuren Umschwung genommen hätten, der mich über diese kleinen, persönlichen Angelegenheiten bald hinüberheben mußte. Es läßt sich denken, daß ich meine volle Muße und Freiheit, das Ziel meiner ersten und letzten Wünsche, kaum angetreten hatte, als auch die alte schriftstellerische Ader wieder in mir aufsprang. Ich war nun meiner historischen Wissenschaft ganz überlassen und fühlte meine Brust freier und freier. Ich war ganz Fleiß; ich fuhr fort, meinen Briefwechsel immer mehr abzukürzen, und schrieb den Freunden ganz offen, daß ich »die unfruchtbaren Gänsekielsermone« über Noth nicht unterhalten würde. Schon während meiner Hofmeisterei hatte ich neben meiner angelsächsischen Skizze kleine Anzeigen für die Heidelberger Jahrbücher zu übernehmen begonnen; zugleich reizte es meinen Ehrgeiz, in dem Histor. Archiv von Schlosser und Bercht, das eben in Unternehmung war, einen tauglichen Mitarbeiter abzugeben. Ich hatte alle die Zeit über an meinen Quellenstudien fortgearbeitet. Neben der englischen Geschichte hatte mich die spanische beschäftigt. Meine alte Vorliebe für das Land, die gute Versorgung der Darmstädter Bibliothek im Fache der spanischen Literatur, der Verkehr mit dem dortigen Bibliothekar Schäfer, dem gründlichsten Kenner iberischer Geschichte in Deutschland, hatten mich auf dies Gebiet herübergeleitet; daneben sah ich auch schon auf die italienische Geschichte hin, in der ich weiterhin ähnliche Quellenexcerpte zunächst aus florentinischen Schreibern anhäufte. Ich arbeitete nun für das Archiv ein Stück aragonischer Geschichte aus, über die damals in Deutschland nichts als ein Buch von Schmid existirte, neben dem ich mich getraute, über die innere Entwicklung des aragonischen Staats ein ebenso starkes Werk zu stellen, von dessen Inhalt kaum etwas in jenem enthalten sein sollte. Daneben schrieb ich den Aufsatz »Ueber historische Größe«, dem später ein Parallelstück hätte folgen sollen über die Emporkömmlinge, die Cäsarisch-Alkibiadischen Charaktere, die in den revolutionären, tragischen Perioden der Staatengeschichten[230] die Gegenstücke zu jenen epischen Helden bildeten, mit ihren Bestrebungen an dem Willen der selbständig gewordenen Völker scheitern und im Kampfe mit dem Schicksal untergehn. Als dann durch den Muthwillen Dr. Bercht's ein Streit zwischen Heeren und Schlosser veranlaßt ward, hielt ich es für die Pflicht eines ordentlichen Schülers, sich seines angefochtenen Lehrers anzunehmen: ich wollte erst eine ins Einzelne eingängliche Kritik der alten Geschichte Schlosser's schreiben, was sich dann allmälig in die »Historischen Briefe« umänderte, die es mich kitzelte grade in dem Archive niederzulegen. Ich schrieb an Bercht von dieser Arbeit und ihrem Zweck und wünschte mir in jugendlichem Dünkel einige huldreiche Blicke der Nymphe εἰρωνεία, mit der er so anständig zu liebkosen wisse; ja »wenn es vergönnt sei mit den Wünschen nach dem Ideale zu greifen, einige Lessingische Geschwätzigkeit, Zierlichkeit und anlockende Gemeinverständlichkeit, sammt einiger Voßischer Derbheit, die Briefe so herzurichten, wie sie zum Ruin Heeren'scher Anmaßung und Seichtigkeit am besten taugten.« Aber Bercht hatte nicht den Muth, den eingefädelten Handel durchzukämpfen noch durchkämpfen zu lassen. Da die Arbeit gemacht war, ließ ich sie anonym bei Lanz in Hadamar erscheinen. Hingeschüttelt wie sie sind, können die Briefe noch heute neben den andern genannten Arbeiten bezeugen, wie ich mich nach allen möglichen Seiten der unendlichen historischen Gebiete auszubreiten suchte, während zugleich mein eigentlicher Hang mehr in die Tiefe der historischen Betrachtung, nach der geistigen Erfassung des geschichtlichen Materials drängte. Wer den Schluß der Aragonischen Geschichte mit dem Aufsatz über historische Größe vergleicht, der wird leicht den Zug erkennen, aus der Vielheit der Erscheinungen zu dem einheitlichen Puncte des Zusammenhangs zu gelangen, durch geschichtliche Vergleichungen geschichtliches Urtheil zu bilden. Er wird gewahren, wie mich in Schlosser's Schriften vorzugsweise die geschichtsphilosophische Ader anzog, wie ich ihm seine Analogien abzulernen versuchte, wie ich mit ihm den Staub der Archive verschmähte[231] gegen den Geist und den idealen Gehalt in den Dingen. Damit hing es zusammen, daß mich schon damals bei meinen Studien in den einzelnen Völkergeschichten der Gedanke beschäftigte, die europäische Staatengeschichte einmal in einem kleinen Umfange darzustellen, nicht in den politisch-pragmatischen Zwecken Spittler's, sondern um in ganz historisch-philosophischer Vergleichung die Gegensätze der staatlichen Entwicklungen hervorzuheben. Aus allem ersieht man, wie ganz ich in dieser Zeit der ersten freien Selbstbestimmung und der wissenschaftlichen Schriftstellerei in das historische Studium versenkt war. Aus Schlosser's Anleitungen, wie vielseitiger Natur sie auch waren, hatte in mir doch keine fester gehaftet als die Hinweisung auf die Wissenschaft an sich und das Glück, das sie ihren Jüngern gewähre; sie schien mir selbstverständlich das Ding, das meiner Natur am angemessensten war. Die ganze Zeitlage gab dieser Richtung in jenen für mich so entscheidenden Jahren fast alleinigen Nachdruck. Bei dem Tode aller öffentlichen Interessen war die deutsche Wissenschaft in den Wer Jahren der größte Gegenstand, der das Auge auf sich zog. Die Hegel'sche Philosophie beherrschte das Geschlecht der Gebildeten in dem Maße, daß sich fast Niemand ihr entziehen konnte. Geschichte, Alterthumskunde, Linguistik, deutsche Literatur, die Naturwissenschaften in allen Zweigen, Geographie, Alles trat auf eine ganz neue Stufe der Erkenntniß und der Methode der Erforschung hinüber. Mein englischer Freund Wyß, der eingeweiht in die ganze Bewegung des geistigen Lebens in Deutschland war, schärfte mir, als ein Fremder, den Blick auf viele der mannichfaltigen Richtungen dieses Lebens, die mir Heimischen in der Gewöhnung an das, womit ich aufgewachsen war, weniger auffällig geblieben wären; und er ward nicht müde, mich mit Stolz zu füllen auf das Imposante dieser Erscheinung, auf die Allseitigkeit und Allfertigkeit, auf die Breite und auf die Tiefe der deutschen Wissenschaften. In Heidelberg war in dem neu entstandenen Museum eine umfassende Sammlung politischer[232] und mehr noch wissenschaftlicher Zeitschriften; ich folgte in weiter Allgemeinheit den verschiedensten Canälen dieser großen Flut; meine alte Lesewuth lenkte jetzt von Poesie und Literatur in diese wissenschaftlichen Bahnen ein. Und so gänzlich war ich in das Element der Wissenschaft vertieft, daß mich selbst die große politische Bewegung von 1830 nicht aus dem strengen Verfolge jener verschiedenen Arbeiten herauswerfen konnte, die meist alle im Laufe der Jahre 1830 und 1831 erst Gestalt und Abschluß erhielten.

Gleichwohl erwartet man nicht anders, als daß die Julirevolution die gewaltigsten Eindrücke in meinem Geiste zurücklassen mußte. Ich erlebte sie noch in dem Hunter'schen Hause, aber eben als ich mich zum Austritt anschickte: die Einflüsse, die das ungeheure Ereigniß auf die ganze Gesellschaft ausübte, konnte so in aller Fülle auf mich herüberwirken. Bei der Nähe der Centralstätte der großen Bewegung, bei der Lebhaftigkeit des süddeutschen Temperamentes nahm in meiner Umgebung die Erregung einen tumultuarischeren Charakter an und prägte sich um so schärfer in die Seele. In der Pfalz war es, wo die deutsche Bewegung zuerst zu einer stärkeren Explosion führen sollte; in Baden, in Darmstadt, meinem Wohn- und Geburtslande, war der politischen Bewegung durch den Tod der beiden Großherzoge Ludwig ein freierer Spielraum gegeben; ich stand also mitten in dem Herde einer großen Gährung; ich genoß in aller Jugendlichkeit die Freude an der großartigen Erschütterung ganz aus, die den Welttheil durchzuckte, die ein Leben in viele gelähmte Glieder schlug, die die Gesellschaft von dem unheimlichen Alp österreichischer Vormundschaft und Weltpolizei befreite. Die Vernichtung der 15jährigen sauren Arbeit der Reaction in den wenigen Julitagen weckte dem jungen Gemüthe den wohlthuenden Glauben an die vaterländischen Geschicke, daß der Tag der politischen Entwicklung auch für Deutschland angebrochen sei. Seltsam aber: bei dieser warmen, durchaus innigen und selbstlosen Hingebung an das Vaterland und seine Hoffnungen, an die Zeit[233] und ihre Forderungen, war ich schon damals fast mit allen Ständen und Theilen der Gesellschaft, mit denen ich in Berührung kam, in Widerspruch, wie ich es später in weiteren Kreisen, in viel lebendigerer Berührung, aus viel gereifterer Erfahrung und Kenntniß in den Bewegungen des Jahres 1848 war. Ein ganz rückgezogener, unscheinbarer und unbeachteter Mensch von nur 25 Jahren wagte ich mich doch schon damals in sehr verschiedenen Kreisen in sehr lebhafter Weise mit Ansichten hervor, die überall die Strömung der Tagesmeinungen und der Parteileidenschaften gegen sich hatten, die Erfolge aber für sich; die daher dem gelbschnäbligen Kannegießer schon jetzt zuweilen eine kleine Aufmerksamkeit eintrugen auf seinen politischen Instinct oder seine historische Witterung. Wie noch im Jahre 1848, so war ich in weit höherem Grade damals 1830 von dem dunkeln, aber darum nur um so drückenderen und überzeugungsvolleren Gefühle erfaßt, daß in Deutschland die Dinge für irgend eine dauernde politische Umgestaltung nicht reif waren. Es gehörte unter meine frühesten historischen Abstractionen, daß Deutschland Ursache habe, sich vor allen politischen Uebereilungen und verfrühten Revolutionen zu scheuen. Die Geschichte der europäischen Völker im Fluge überschauend schrieb ich damals vergleichend die Sätze nieder: Italien und Spanien hätten keine Reformation, keine moderne Literatur, keine Revolution gehabt; England nach seinen gemischten Ordnungen eine monarchische Reformation, eine demokratische Literatur, eine aristokratische Revolution; in Frankreich sei trotz allen erobernden Anfängen Reform, Literatur und Revolution ohne Erfolg und dauernden Ertrag geblieben; Deutschland habe in Böhmen eine verfrühte Reformation, in Schlesien eine verfrühte Literatur, im ulljährigen Kriege eine verfrühte Revolution zu büßen gehabt. Sah ich mich nun der Literatur des »jungen Deutschland« gegenüber, die mit der Julirevolution aus allen Winkeln aufquellend ein seichtes Gewässer revolutionärer Tendenzen über ein dürres aufsaugendes Gelände ergoß, so war mir im Innersten bange vor einer zweiten[234] Verfrühung und Verpfuschung des politischen Lebens. Ich war einig mit den jungen Schreiern und Schreibern über das Ziel, aber nicht über die Wege; damit, daß wir zu der Einsicht, der Schätzung, der Forderung der politischen Freiheiten und Rechte gelangt waren, sah ich noch nicht, daß wir auch des lebendigen Triebes, des festen Entschlusses, der bewegenden Kraft theilhaftig geworden seien, die diese Güter zu erwerben fähig ist. Und diese Trägheit der Seelen, diese Herzensfeigheit, diesen Charaktermangel zu heilen, schien mir die flaue Poesie und Belletristik am wenigsten geeignet, die wir nachgerade gewöhnt waren mehr als ein Schlafmittel einzunehmen. Blickte ich vollends auf die Motive des oppositionellen Schwindels in diesen Klassen und entdeckte in den bewunderten Vorfechtern dieses neuen Schriftthums die gemeinste Eitelkeit, die persönlichste Leidenschaft, die furchtbarste Selbstsucht als die häufigsten Quellen der ganz vagen und unklaren Anfechtung aller bestehenden Dinge bis in die letzten Heiligthümer der Gesellschaft, so wandte ich mich von diesem Geschlechte, das die Zukunft dieses großen Volkes tragen sollte, mit jenem unwiderstehlichen Ekel ab, der etwas später in einem Aufsatz »Ueber Börne's Briefe aus Paris« einen öffentlichen Ausdruck gefunden hat, durch den ich mich für alle Zeit mit dem ganzen Troß dieser Coterien zerwarf. Diese neue Generation in ihrem grundsätzlichen Egoismus und Epicurismus war der schroffe Gegensatz der früheren Teutonischen Jugend eines rein vaterländischen, bürgerlichen, ausopserungssrohen Charakters, die noch auf den Universitäten ihre Nachzügler hatte und in der politischen Bewegung jener Tage noch einmal wie 1815–19 eine große Rolle spielte. In meiner nächsten Umgebung war damals ein studirender Bruder meines Freundes Wilhelm Sell (Karl), durch den ich unmittelbar in das Treiben der Burschenschaft hineinsehen konnte, die zum Schlusse unseres damaligen politischen Intermezzos in dem Attentate von Frankfurt 1833 ihre letzte Aufregung austobte. Die jungen Männer complotlirten schon damals mit und ohne und wider Willen wenigstens[235] in Gedanken, durch und durch von einem leichten, flachen, flüchtigen Enthusiasmus getrieben. Ich warnte den einzelnen jungen Freund vor dieser Vergeudung der Leidenschaft ohne die Kraft der Selbstbeherrschung, vor dieser Vergeudung der Thatensucht ohne den Besitz der Einsicht; und ich las im Sommer 1831 öffentlich über Geschichte der constitutionellen Ordnungen in Europa, um auf die Schranken der geschichtlichen Gesetze in der Staatenentwitklung zu verweisen, von denen diese brausenden Köpfe keine Ahnung hatten. Durch die Geschäftsverbindungen meines Bruders über dem Rheine hatte ich Gelegenheit, dort jenseits des Flusses wie diesseits in die Kreise der mittleren Volksklassen hineinzublicken. Betrachtete ich da, wie bereitwillig die eigentlichen Bürger in der Bewegung des Tages dem Studenten den Vortritt ließen, wie sie zugleich in allem ihrem Eifer für den Constitutionalismus, das ideale Ziel des damaligen Liberalismus, immer auf alles Regiment wie auf eine Art Providenz blickten, so fehlte mir die erste Bedingung eines politischen Lebens, Sinn und Begriff der Selbstregierung, und ich schrieb bedenklich in ein Notizbuch, das ich in jenen Tagen führte, die Worte nieder; »Mit dem Uebel der Verfassungen, ihrer Abstellung und Verbesserung muß sich der Bürger selbst nach seiner Einsicht, Tapferkeit und Aufopferungslust befassen; von oben, von selbst, von Anderen kann es nicht kommen.« Waren diese selben zaghaften Leute, durchschossen von Wühlern, in Massen zusammen, so überstürzten sie sich in Vermessenheit und überflogen sich in prahlerischen Voraussagen einer großen süddeutschen Revolution; dies Flackerfeuer meiner näheren Landsleute war mir in jenen meinen jungen Jahren schon so verdächtig, daß ich mit der größten Bestimmtheit die Worte in jenes Buch eintrug: »Wenn in dem südlichen Deutschland eine Revolution ausbricht, so schlägt sie ohne weiteres fehl; aus Mittel- und Norddeutschland muß uns das Heil kommen, so sehr man über Preußen schimpft; denn dort ist Nachdruck, Ordnung und militärische Kraft.« Fixirte ich dann die eigentlichen Führer[236] und Leiter bes Liberalismus, die Schürer dieses flüchtigen Feuers, und sah sie sich freuen auf eine Propaganda französischer Staatsideen und nach Frankreich das Auge richten als auf das Vorbild für alles Staatsleben, so war ich auch da ganz anderen Sinnes und finde in dieselben Notizen die Bemerkung eingetragen: »Frankreich wird wohl nie auf constitutionellem Wege sein höchstes Ziel erreichen.« Diese Puncte meines Gegensatzes bezogen sich mehr auf grundsätzliche Fragen und Verhältnisse eines allgemeineren Charakters; aber auch im Verfolge der ganz einzelnen Thatsachen des Tages war mein Widerspruch mit der gewöhnlichen Meinung nicht minder häufig noch minder entschieden. In unserem Docentenkreise erwarteten die Hermann und Mittler nicht anders, als daß sich 1830 ein neues 1789 fortspinnen werde zu furchtbaren und endlosen Excessen; ich behauptete, daß mit der Lieutenantschaft Louis Philipps Alles zu Ende sei, und mußte mich dafür aushöhnen lassen. Die polnische Erhebung hatte mir im ersten Momente Kummer und Angst gemacht, und ich war längst über den Ausgang der Erhebung resignirt, als Freund Hitzig noch mit großem Scharfsinn die Siege der Polen aus den Zeitungen ihrer Niederlagen heraus interpretirte. Ja selbst meinem Meister Schlosser wagte ich bei Beredung der laufenden Politik zu widersprechen, als er mir aus der Verwirrung aller Verhältnisse darzuthun suchte, daß ein europäischer Krieg unvermeidlich erfolgen werde; und ich hatte auch ihm gegenüber Recht gehabt, dies nicht begreifen zu wollen. Zu all diesem gegensätzlichen Wesen, diesen abweichenden Meinungen, diesem treffenderen Witterungssinne scheint mir deutlich erkennbar Schlüssel und Grund nicht sowohl in den einzelnen geschichtlichen Kenntnissen zu liegen, die mir über den oder jenen Gegner vielleicht eine Vorhand gaben, als vielmehr in der bereits erlangten Gewöhnung an historische Anschauung überhaupt, in der Geduld und Ruhe, die sie zur Beurtheilung der öffentlichen Dinge mitbringt, in der leidenschaftlosen Kälte wissenschaftlicher Betrachtung, die nicht wie die Parteisucht[237] aus Wünschen sofort Ueberzeugungen macht. Denn durchaus stand ich dieser großen Bewegung, voll von der ersten Begeisterung für die reine Wissenschaft, die mir so viel Heil und Rettung gebracht, als ein Mann des geistigen Lebens, als ein Außenstehender gegenüber; ganz durchdrungen zwar von der ungemeinen Bedeutung dieser Ereignisse für den ganzen Charakter der Gegenwart und Zukunft und von ihrer nothwendigen Rückwirkung auf den Charakter auch der Wissenschaft, auf deren Gebiete aber ich mich streng als ein reiner Beobachter der Welt der äußeren Thaten zu halten entschlossen schien. Eine Briefstelle, die ich Ende 1830 an Hessemer schrieb, spricht diesen Standpunct in aller Schärfe aus. »Die Welt, so lautet sie, liegt geöffnet vor uns, der Blick hat Raum nach allen Seiten, jeder Tag bringt neue Erfahrungen; die langsam aber sicher gereifte Bildung in Europa trägt ihre Früchte; das geistige Streben drängt sich gewaltsam in die Begebenheiten und durchdringt sie, und allmälig geschult an dem Handbuche der Geschichte und Erfahrung beugen Despotismus und Obscurantismus die Häupter und ehren den Geist der Menschlichkeit, der gewaltig die verschiedensten, entferntesten, vergessensten Länder ergreift und aus dem Schlafe schüttelt. Diese Tage müssen Jeden mit Achtung für die Menschheit erfüllen, der auch noch so überzeugt wäre von der Nichtigkeit der menschlichen Dinge; wem der Spott über das geistige Leben, über das äußere Wirken jetzt nicht versagt, der mag sich denn an der eignen Schalheit freuen. Die Zeit ruft zum Wirken, es ziemt nach Vermögen zu handlen. Ich halte das thätliche Eingreifen in die äußern Dinge nicht für das Höchste grade: im Innern zu werden, was man werden kann, ist Aller Zweck, das Andere kommt von selbst. Darum nehme ich doch auch das geistige oder gar das gelehrte Wesen nicht für das Reizendste von Allem. Möchte ich auch nicht mit jenem Griechen wünschen, lieber Achill als Homer zu sein, so begreife ich doch wohl, daß es solche Wünsche und solche Wünscher giebt, und daß die großen[238] Naturen auf diesem und jenem Wege um den Vorrang streiten. Begebnisse wie die unserer Tage müssen nothwendig jene Klasse emporheben in Werth und Bedeutung. Doch bleibe jeder in seiner Sphäre

Indessen wühlten unmerklich, mir selbst noch unbewußt, die Einwirkungen der politischen Feuersbrunst um mich her doch weit tiefer in mein ganzes Wesen ein, als diese Sätze bei aller Wärme, die sie athmen, errathen lassen. Einer der entscheidungsvollsten Entschlüsse in meinem Leben wurzelte wesentlich in den allgemeinen Aufregungen dieser Zeit, die dem Trieb nach geistiger Fortbildung in mir eine neue Nahrung gaben. Noch hatten bis jetzt alle die äußeren großen Weltbegebenheiten, die ich erlebte, immer zur Folge gehabt, daß ich Wanderpläne schmiedete. So kam es jetzt wieder; ich nahm diese Gedanken von neuem auf, die sich nie verloren, die sich mit der Zeit nur verengt und beschränkt hatten auf das Nützliche und Mögliche. Dieser dunkle Untergrund meiner erwachenden Reiselust war mir damals nicht bewußt: aber er ward es, als ich, einmal auf der Reise begriffen, der Bücher, Arbeiten, Vorlesungen und täglichen Einflüsse ledig, die Natur der Zeit ohne jede Vermittlung in mich aufnehmen konnte. Die nächsten und greiflichen Beweggründe, die mich zu einer Reise nach dem Süden drängten, waren anderer und verschiedener Art. Daß eine Verpflanzung von dem Stamme, von dem er ausschoß, jedem strebenden Menschen zu wünschen sei, dies war eine frühe Lehre, die ich mir aus dem Leben merkwürdiger Männer entnahm: ich trug das dunkle Gefühl mit mir, daß eine eigentliche Abrundung, Vollendung und Selbständigkeit meiner Natur erst noch zu erringen war. Dann merkte ich bald über meinen aragonischen Studien, wie wünschenswerth mir die Augenzeugenschaft, die nähere Kenntniß der südlichen Welt und Natur wäre. Auch ein gelehrter Ehrgeiz, die italienische Geschichte an handschriftlichen Quellen zu studiren, lag mir im Sinne. Was aber schließlich doch den Hauptanstoß gab, war der Zustand meiner Gesundheit;[239] er schien mir einer Radicalcur bedürftig, um den Stoß zu verwinden, den meine Nerven erlitten hatten. Allein mir fehlten die Mittel; das machte alle die schönen Pläne wieder zurücktreten und hielt mich durch das ganze Jahr 1831 an meinen Arbeiten fest. Indessen sollte auch da Rath geschafft werden. Das Schicksal, das mich zwar in keiner Weise verwöhnt hatte, war doch zur Entwicklung aller meiner Fähigkeiten in einer merkwürdigen Weise günstig gegen mich gesinnt. Es that nichts mich zu verziehen, mich zu erziehen that es alles Mögliche. Wäre in dem diesmaligen Glücksfall irgend ein Verdienst von meiner Seite im Spiele gewesen, so lag es in meiner Freundschaftstreue, die mir jetzt eine unerwartete Frucht eintragen sollte. Mein vetterlicher Freund Georg Zöppritz war aus seinen Lehr- und Wanderjahren in seine Familie zurückgekehrt und hatte 1828 mit seinem Bruder Jacob ein Fabrikgeschäft in weißwollenen Waaren aus der Nähe von Darmstadt nach Würtemberg, in die Nachbarschaft von Heidenheim, übergesiedelt. Dies Geschäft war in einer raschen Aufblüthe begriffen, in der es seitdem geblieben ist, obgleich die beiden Brüder in aller dieser Zeit in persönlicher Zwietracht gelebt haben. Der ältere hatte von der Mutter eine Ader ängstlicher Sparsamkeit geerbt und war von den fernsten mislichen Conjuncturen wie krankhaft aufgeregt; der andere, mein Freund, war ganz das Gegentheil; sorglos gleichgültig gegen das Geld, unternehmungssüchtig, weitsehend, ehrgeizig, ein wenig von kaufmännischer Großmannsucht angesteckt. Wo der Eine immer im alten Geleise bleiben wollte, grübelte der Andere, zwar ganz Autodidact in diesen Dingen, über steten Verbesserungen von Maschinen und Arbeitsmethoden. Der ältere war von seinen Ansichten und Einsichten höchst eingenommen, der andere wurde es mit der Zeit, rechthaberisch waren beide, obwohl beide die besten Menschen der Welt; so konnten sie nicht zusammen gebaren und sich nicht von einander trennen; auf zahllose Zwiste gab es zahllose Versöhnungen und auf die neuesten Versöhnungen wieder die alten[240] Zwiste. Diese leidigen Verhältnisse hatten den jüngeren Bruder immer näher zu mir hingedrängt. Er gab mir all sein Vertrauen, und ich ihm allen möglichen Trost. Er wieder sah in meine eignen Verhältnisse hinein, die des Trostes oft ebenso bedürftig waren. Vielfache verwandtschaftliche Aehnlichkeiten, das gleiche Gemüthswesen, der gleiche grundheitere Sinn knüpfte uns innerlichst an einander. Als ich von Gutermann wegging, las mein Vetter einen Aufsatz von mir, den ich für alle Fälle zurecht gehalten hatte, wenn über mein Verhältniß zu jener Anstalt falsche Darstellungen sollten verbreitet werden; er war aus der ganzen Wärme meines Wesens geschrieben und ergriff diesen Leser so lebhaft, daß er in der größten Bewegung darüber war. »Deine Freundschaft beschämt mich, schrieb er, wenn ich bedenke, wie wenig ich Dir sein kann und Dir bin. Angetrieben von dem Guten lebst Du, Guter, nur dem Guten, und nur darum kannst Du auch mir gewogen sein, weil Du mich von einer falschen Seite nicht kennst. Habe Dank dafür und mich ferner lieb wie ich Dich.« So schloß sich das Band zwischen uns fester und fester. Er hatte in seinen freudlosen geschäftlichen Verhältnissen das Bedürfniß, sich bald ein häusliches Leben zu schaffen, um für sein weiches Gemüth eine Zuflucht zu haben. Lange suchte er vergebens nach einer Gefährtin; ich war dabei der Vertraute aller seiner Schritte; oft kam er persönlich, mit mir das Innerste seiner Lage zu besprechen. Als er mich unwohl, einer großen, gründlichen Erholung bedürftig wußte, lud er mich wiederholt zu sich ein, bei ihm zu leben; er wollte dann in unserem Freundesverkehr die Erholung suchen, die im Ehestande zu finden nicht gleich glücken wollte; ich solle das Dociren aufgeben und ganz der Schrifstellerei leben. In den letzten Tagen 1830 mußte ich ihm ein verlorenes Wort über meine italienischen Wünsche geschrieben haben; Anfangs Januar 1831 antwortete er mir, das sei das rechte Mittel, meine Gesundheit zu befestigen. »Es betrübt mich, fuhr er fort, daß Du über die Mittel zur Bestreitung der Reise so sorgst, da Du weißt, daß[241] ich sie habe und sie Dir von Herzen darbiete, da ich keine Freundschaft zwischen Leuten gewahre, die Hab und Gut nicht als gemeinschaftliche Dinge betrachten und behandeln; auf fl. 12–1500 und, wenn es sein muß, auf mehr kannst Du jedes Jahr rechnen, und höre ich, daß Du Dich zu sehr einschränkst, so sollst Du es büßen. Schließe also auf Ostern Deine Collegien und tritt mit dem Frühjahr die Reise auf meine, d.h. auf unsere Kosten an.« Das war mir nun doch eine zu communistische Ansicht von Freundschaft; ich drängte also lieber meine Wünsche ganz zurück. Später kam mir wieder ein anderer Ausweg zu Sinn. Seit Jahren hatte ich all das Wenige, was ich erübrigen konnte, in eine kleine Bibliothek gesteckt. Nun hatte ich aber von frühe auf den Tick, auf den Besitz von Büchern wenig Werth zu legen. Da ein Historiker ohnehin nicht ohne eine größere Bibliothek in seiner Nähe bestehen kann, so kam mir auf ein mehr oder weniger des Eigenbesitzes nichts an. Meine Sammlung, durch ewige Tausche in ewigem Wechsel begriffen, war mir daher sehr wenig ans Herz gewachsen; das brachte mich auf den Gedanken, sie zu verkaufen und mir dadurch einen Theil der Reisemittel zu verschaffen; einen andern sollte und wollte mir mein Bruder vorstrecken, der sich im Herbste 1831 verlobte und bald darauf verheirathete und so eine freiere, selbständigere Hand in dem väterlichen Geschäft bekam. Die Freunde alle freuten sich um die Wette über meine Entschlüsse, im Frühling 1832 aufzubrechen; nur meine Gewaltmittel zur Beschaffung der Reisekosten wollten ihnen nicht zu Sinn; am wenigsten dem Vetter in Heidenheim. Er hatte inzwischen nie aufgehört, mich einzuladen bei ihm zu wohnen, von dort aus zu reisen. Wie er nun das Neueste von meinen Projecten hörte, kam er gegen Ende 1831 zu mir nach Heidelberg, um den Unsinn des Bücherverkaufs zu hindern; und er wiederholte mir trocken sein früheres Anerbieten, und das um so nachdrücklicher, da ich die ganze Zeit meiner Reise auf höchstens Ein Jahr bestimmt hatte. Wie das Verhältniß unter uns war,[242] ein ganz reeller Lebensbund, der schon in seinem Ursprung das grade Gegentheil der enthusiastischen Verbindung mit Hessemer war, ganz ohne jede Empfindsamkeit und jeden Wortreichthum, so hätte ich um meinet- und seinetwillen kein Bedenken bei der Annahme gehabt. Ich wußte, er gab von Herzen und konnte nach seinen Verhältnissen gerne geben; ich meinerseits durfte auch von ihm annehmen, da zu leichtsinniger Schuldenmacherei keinerlei Anlage in mir war; ich hatte in und nach meinen Studienjahren so spärlich gedarbt, wie gewiß sehr wenige Musensöhne, die es nöthiger gehabt hätten als ich. Nur das Eine machte mich immer wieder stutzen, wenn ich bedachte, daß mein guter Georg ohnehin in seiner Familie wegen seiner offenen Hand so übel angeschrieben war; ich wollte nicht dazu beitragen, ihn noch übler angesehen zu machen. So blieb ich trotz all seinem persönlichen Zureden auf meinem Sinne. Er aber auch auf dem seinen. »Diesen Stein, sagte er mir im trockensten Tone beim Abschiede, werfe ich Dir in Deinen Garten; und wenn Du mir ihn zurückwirfst, so sind wir geschiedene Leute.« Und bald darauf schrieb er mir, daß er nun auch zu meiner Beruhigung mit seinem Bruder gesprochen habe, der ganz einverstanden sei; ich würde also nun rechtzeitig die nöthigen Creditbriefe erhalten. »Nimm nicht übel, schrieb er, daß mich die Einseitigkeit meiner Ansicht zu einer gewissen Halsstarrigkeit bringt, die Dir und Jedermann Trotz bieten wird.« Dagegen war nun nicht mehr aufzukommen. Ich machte mich auf den Mai hin reisefertig und schwamm in seligen Vorgefühlen und schwärmerischen Hoffnungen von den Erträgen dieser Reise: es erfüllte sich mir ein glücklicher Traum meiner frühesten Knabenjahre.

Es könnte nicht meine Absicht sein, eine Reisebeschreibung zu entwerfen, die über ein allbekanntes Land die vielmal gesagten Dinge noch einmal sagte. Auch habe ich kein Reisetagebuch geführt und kann daher nur aus dem Gedächtnisse in flüchtigster Skizze die Hauptmomente aufzeichnen, von denen mir lebhafte Erinnerungen[243] geblieben sind. Ich reiste aus Heidelberg am 2. Mai 1832 ab in Begleitung des ältesten der Hunter'schen Söhne, dessen Gesellschaft ich nicht wohl hätte ausschlagen können, obwohl ich mir die Hände in jeder Weise frei zu halten bedacht war. Gleich anfangs gestaltete sich die Reise so, als sollte mir die ganze Fülle der neuen Eindrücke auf Italien, und zwar das ächte, mittlere und südliche Italien aufgespart werden. Die Absicht war, durch die Schweiz eine Fußreise zu machen und dies schöne Stück Natur erst kennen zu lernen, bevor wir das gelobte Land der Kunst, den reichsten geschichtlichen Boden Europa's, beträten. Die Alpenwelt würde also einen großen Theil meines Reiseinteresses verschlungen haben, wenn Geschick und Wetter es günstig gefügt hätten. Dies konnte ich wohl an den unvergessenen Eindrücken merken, die mir gleich auf dem Wege von Freiburg nach Schaffhausen am Ende des Höllenthals der erste Anblick der Alpenlinie und weiterhin die Stromstürze des Rheins unter Schloß Laufen, der Züricher See und der Weg über den Albis (9. Mai) nach Zug hinterließen. Hier aber trat dauernd trübes Wetter, Kälte und dichter Nebel ein, der uns selbst den Fuß der Berge am Zuger See verhüllte. So schienen mich die ersten Abenteuer der Reise auf die Menschen statt in die Natur zu weisen; auf der Fahrt nach Freiburg hatte ich zufällig Kortüm zum Begleiter erhalten; in Zürich führte mich Orelli in den Kreis seiner Freunde ein; in Zug hatte ich mit meinem bewanderten Wirthe, dem Sohn des ehrwürdigen Sydler, weitläufige Beredungen über die Schweizer Zustände, wo die Verhältnisse von Basel Stadt und Land und der Bund der sieben Cantone zum Schutze ihrer Verfassungen an der Tagesordnung waren: zufällig kamen mehrere Abgeordnete zur Tagsatzung durch Zug, wo dann Gelegenheit war, die auseinandergehenden Meinungen zu belauschen, der Jüngeren, die an Spaltung und Bürgerkrieg dachten, und der Alten, die fremde Einmischung besorgten. So fügte es sich späterhin bei meinen ersten längeren Aufenthalten in Mailand[244] und Florenz, daß mich der Verkehr mit wenigen einzelnen Italienern und Franzosen gleich tief in die Politik stürzte, daß ich mich in die neueste revolutionäre Literatur und Poesie der Italiener einführen ließ, daß ich den Betrachtungen der Kunst und Natur nicht ungestört überlassen blieb, daß ich, im Gegensatze zu den meisten Reisenden, das Land ebenso sehr auf seine gegenwärtigen Zustände und die Menschen, wie auf seine Vergangenheit und seine Alterthümer ansah. Zu diesen Städten, in diese Gegenden des nördlichen und mittleren Italiens sollten uns unsere Witterungsgeschicke baldigst vorantreiben. Wir hatten in Zug die Geduld, drei Tage auf einen Wetterwechsel zu warten; dann entschlossen wir uns rasch nach Mailand zu gehen, wohin wir aus Schaffhausen unsere Koffer vorausgeschickt hatten. Wir kamen am 15. Mai im Gewitter dort an, nachdem wir auf der Südseite der Alpen im Fluge aus Schnee und Winter in Frühling und Sommer übergegangen waren. Wir mußten uns bequemen, schon unserer Koffer wegen, hier einige Wochen auszuhalten, die ich zu benutzen dachte, mich ins Italienische besser einzuschießen. Es war ein Opfer; denn Italiens ward man in dieser austriasirten Stadt nicht froh. Wie prächtig der Dom, wie neu mir eine Gemäldesammlung wie die der Brera war, wie tief sich mir das damals noch leidlich erkennbare Abendmahl von Leonardo da Vinci einprägte, dennoch athmet man hier nicht eigentlich italienische Atmosphäre. Nichts ist mir aus Mailand in so lebhaftem Gedächtniß geblieben wie die Plackereien der Douane: wo wir bei Ankunft unsrer Koffer angewiesen wurden, erst den Thorschein zu holen, dann auf der Polizei die Anwesenheit des Passes bescheinigen zu lassen, worauf wir in einer ersten Amtsstube der Douane abzuwarten hatten, bis man in den Registern die Effecten aufgefunden, die wir begehrten, um dann mit einer Note in eine zweite Stube geschickt zu werden, wo nach einem neuen Eintrage eine neue Zeichnung der Papiere erfolgte, auf die in einem dritten Bureau ein Beamter Vollmacht erhielt, die Reisestücke[245] aus dem Verschlusse zu geben, die dann in einem weiteren Locale in endloser Arbeit gewogen und visitirt wurden, worauf wir mit einer neuen Anweisung in eine fünfte Stube gelangten, in der wir gegen Erlegung einer Gebühr den Schein erhielten, mit dem wir die Douane wieder verlassen konnten, nicht aber ohne Rücklassung unserer Bücher, die erst auf die Censur zu wandern hatten.

Wir verließen Mailand am 17. Juni und traten in eine lachendere Natur ein, als wir hinter Pavia die Lombardei verließen, das Gebirg betraten und uns Genua näherten. Alle die Herrlichkeiten, die nun nacheinander vor mir aufgingen, schlürfte ich in vollen Zügen ein, wiewohl mir auch in diesen Genüssen gelassene Ruhe mehr eigen war als aufregender Rausch. Die antiantike Vorschrift Göthe's, Alles und immer zu bewundern, war an mir verloren; ich glaubte vielmehr die Erfahrung zu machen, die einem Historiker grade von der tröstendsten Bedeutung ist, daß man mit einiger Einbildungskraft und treuer Receptionsgabe aus Büchern, Bildern und Schilderungen von nie gesehenen Dingen sich doch ächte und genaue Vorstellungen machen kann; mich überraschten daher viele sehr köstliche Dinge nur wenig, so stark sie mich faßten: das Auge blieb dann um so heller zur Beobachtung. So war es, als uns eine halbe Stunde vor Genua ein mitreisender Genuese zur Linken des Wagens mit einigen Landhäusern und den äußersten Festungswerken auf den Höhen beschäftigte, dann plötzlich rechtshin zeigte, wo wir die weite ruhige Fläche des Meeres vor uns hatten, gesäumt von einem weißen, sonnengelichteten Streifen, hinter dem sich in äußerster Grenze ein zweiter dunklerer Rand wie das mächtige Ufer eines jenseitigen Landes erhob. So war es auch, als wir bald nachher an dem Leuchtthurme vorbei nach zurückgelegtem Thorhause den amphitheatralischen Halbkreis der majestätischen Stadt, den schiffreichen Hafen, gegenüber die Kuppel der Carignanokirche von so prachtvoller Aussicht in schönster Abendbeleuchtung[246] vor uns sahen mit all der Masse der Forts, der Paläste, der Häuser mit den freundlichen weißen Schieferplatten auf flachen Dächern. So war es auch, als wir später von Genua weg dem reizenden Ostufer entlang die Fahrt über Chiavari und Sestri, über Carrara und Lucca nach Florenz machten. Dort zuerst trat mir das Unerwartete entgegen, was man sich so leicht aus Büchern nicht vorzustellen vermag: die räumliche Zurückversetzung in eine andere Zeit. Wie stehen Gent, Lübeck, Nürnberg gegen Florenz in dieser Beziehung zurück! Der alte Dom mit Giotto's wunderbarem Glockenthurme, das Baptisterium mit Ghiberti's Thüren, das Rathhaus mit dem Platz, den die Bildwerke der toscanischen Meister zieren, die festungsartigen schwarzen Paläste der Nobili, der in bunten Marmorbändern wechselnde Aufbau der Kirchen altväterischen Ansehens, all das so wenig gestört von modernem Baustile, in dieser großen Naturumgebung, in diesem weiten Gürtel alter Städte – Fiesole, Arezzo, Siena, Pisa, Pistoja, Prato – gelegen, umgibt uns ganz mit mittelaltriger Atmosphäre, wie das römische Forum, Pompeji und Pästum uns in die alte Welt entrücken. Diese Eindrücke bereichern sich hier dann und steigern sich durch die Welt der Kunst, die sich den nordischen Reisenden hier erst erschließt. Die Gemäldesammlungen in Mailand und in den Adelspalästen in Genua lassen uns kalt; die drei öffentlichen Bildergallerien in Florenz aber führen wie mit einem magischen Schlage in die ganze Breite der italienischen Malerkunst ein, wie die berühmte Rotonde und der Niobesaal den würdigsten Vorschmack der antiken Bilderkunst geben. Es wäre mir nach so langer Zeit schwer zu schildern, wenn ich es wahr und treu und frei von jeder Novellenmanier thun sollte, die der Geschichte nicht ziemt; mit wie gehobener Brust, mit welchem stillen Entzücken ich mich in diesen Herrlichkeiten umhertrieb, mit welcher Andacht ich die Meisterwerke der Murillo und Raphael, die Niobiden, die Ringer, die Mediceische Venus sah. Es wird[247] nicht Vielen zu Theil, in diese uns Hyperboreern so neue alte Welt nicht nur mit dem ersten Feuer der Jugend einzutreten, sondern zugleich, wie ich damals, mit dem gehobenen Gefühle der Zufriedenheit mit mir selbst und den geistigen Beschäftigungen, denen ich in Florenz oblag, und mit der vollen Empfindung der körperlichen Genesung. Mit dem Arzneiglase war ich aus Heidelberg abgereist, die Bewegung in der Schweizer Bergluft hatte mich bald gestärkt, dann kochte die italienische Sonne mich aus, und hier in dem behaglichen Leben und Klima des Arnothales gelangte ich ganz wieder zu blühendem Aussehen, zu natürlicher Eßlust und vollerem Kraftgefühle. Anregende Gesellschaft würzte abwechselnd mit den künstlerischen Genüssen und den wissenschaftlichen Arbeiten das Tagewerk. Mit einem jungen Florentiner trieb ich mich in der italienischen Literatur des Tages um; mit dem Archäologen Gerhard sah ich Livorno, Pisa und Lucca; mit meinem Landsmann Felsing hatte ich einen regelmäßigen Verkehr, der damals seinen Andrea del Sarto stach. Wenn des Morgens der Kaffee genommen, bei Viesseux die Zeitungen gelesen waren, lag ich von 9–2 Uhr meinen historischen Arbeiten in der Magliabecchiana ob; dann wurde eine Sammlung, ein Palast, eine Kirche besucht; worauf ich und mein Reisegenosse uns mit Felsing und sei nen Kunstfreunden um 5 Uhr bei Tische trafen, um dann mit einem Spaziergang und mit dem süßen Nichtsthun und Plaudern beim Sorbet den Abend zu verbringen. Seit meinen griechischen Studien in Heidelberg hatte ich keine Zeit so großer innerer Befriedigung und Heiterkeit. Hatte ich damals von großen Abwegen in die richtigen Geleise der eigenen Natur wieder eingelenkt, so trat ich jetzt auf den Höhepunct der Orientirung hinan und kam über mich selbst und mein Leben zu der ersehnten Klarheit, nach der ich schon so frühen Alters in dem dunklen Tasten nach einer Lebensbestimmung gerungen hatte. Darauf muß ich zurückkommen.

Wir verließen Florenz am 18. August und reisten über Arezzo,[248] durch die öden Berge und gealterte Natur von Perugia, über das neuerlich vom Erdbeben verwüstete Foligno, über Terni und den köstlichen Wasserfall des Velino nach Rom. Nur wenige Tage trieben wir uns hier um, um einige Ortskunde zu sammeln und im Fluge die Hauptpuncte der Weltstadt, die gesunkene und zerstäubte Größe des alten, die pomphafte und morsche des neuen Rom zu betrachten. Dann gingen wir gleich weiter über Terracina und Capua nach Neapel (4. September). Was man sich im Norden gemeinhin unter dem Süden vorstellt, beginnt eigentlich erst hier an den Orten, bis zu denen der Grieche im Alterthum seinen Fuß gesetzt hat Man kann in Florenz und Rom viel tiefere Freuden genossen haben, aber jede Freude an Anderem, was man gesehen, verschwindet vor den Reizen dieser Natur. Wer mit unübersättigtem Lebenssinne, mit unverdorbenem Blute, mit frohem Jugendmuth das Glück hat diesen Boden zu betreten und diese Luft zu athmen, fühlt sich in einem seligen Rausche, wie mit leichten Schwingen begabt, sich über die Lasten der Alltäglichkeit wegzusetzen. Schon in Genua hatte mich etwas von diesem Gefühle überfallen, wo ich mich gleich versucht fand, die offensten Zimmer des schönst gelegenen Gasthofes zu miethen. In viel erhöhterem Maße stach mich häuslich Sparsamen diese verschwenderische Ader in Neapel, als ob einer so üppig reichen und vornehmen Natur gegenüber die dürftige Existenz eine Sünde wäre. Schon das bloße mannichfaltig bewegte Leben der Straße übt hier eine zerstreuende, anregende, mit Luft füllende Wirkung: wo in anderen großen Städten nördlicher Lage die kalte Geschäftigkeit der stumm Vorüberrennenden durchweg etwas betäubend-abstumpfendes hat, so reißt hier dies Gewoge der drängenden Menschen zu Fuß und zu Wagen, der stolzen Reiter und stolzen Eseltreiber, der Lastträger, Wasser-, Schnee- und Obstverkäufer, der Bettler und Krüppel, der militärischen und geistlichen Aufzüge, der vor den Thüren geschäftigen Handwerker und der Müßigsitzer vor den Cafés in einen[249] ewigen Strudel lebhaft wechselnder Betrachtung. Hat man dies Menschengewühl an dem geistlichen Feste des h. Januarius und an dem militärischen von Piedigrotta auf seiner Höhe gesehen, so rettet man sich doch gern davon in die Gegend, auf die Höhen, die Inseln und Halbinseln der Umgebung. Ich holte mir erst (9. September) auf Camaldoli den reizenden, großartigen Ueberblick über die Stadt, die Höhen, die Villen, die Dörfer, die weiten Ufer des Golfes, die Vorgebirge und Inseln, die Seeküste bis hinauf in die römischen Gebiete; ich werde die Augenblicke nie vergessen, wo ich von der friedlichen Ruhe dieser wunderbar paradiesischen Höhe in feierliche Stille versenkt stand in dem Anblick des im Glanz der Sonne lachenden Meeres und des Vesuv's, um dessen Krater eine blendend weiße Wolke gelagert war, aus der sich eine schwarze Rauchsäule dunkel abgehoben emporschwang. Wir fuhren dann nach Capri über und nach dem reizenden Sorrent, das mir nach wiederholten Besuchen stets als das Eldorado eines Strandaufenthaltes erschien; wir wanderten von da über die Höhe von Scarricatojo und schifften uns nach Amalfi ein, stiegen das frische Mühlenthal von Ravello hinauf und setzten zu See nach Pästum über, dem Ziele der Ausfahrt. Ich war voll wie eines wehmüthigen Heimwehs, als ich mir sagte, daß nun jeder Schritt mich aus diesem Wunderlande wieder hinausführte. Wir ruderten zu Kahne nach Salerno zurück, hatten eine reizvolle Fahrt nach Cava und einen eben so köstlichen Gang nach dem herrlich gelegenen Kloster der Dreieinigkeit, wo man sich einmal in dem üppigen Waldgrün der Höhen wie auf deutschem Boden fühlt. Von Castellamare aus bestiegen wir den Monte St. Angelo, um das großartige Panorama von dem höchsten Puncte aus zu beschauen; dann wieder löschte mir der Besuch von Herculanum und Pompeji die mächtigsten Eindrücke alles bisher Gesehenen wieder aus. Die Besteigung des Vesuv selbst schloß die diesmalige Rundfahrt (17.–18. September). Nach einigen Tagen des Ausruhens in[250] den überreichen Räumen des bourbonischen Museums begaben wir uns nach Puzzuoli, suchten die dürftigen Trümmer von Cumä auf, gingen nach Bajä und dem Vorgebirge Misenum, schifften nach Procida und Ischia über und bestiegen den Epomeo. Den Gedanken auch die Abruzzen zu bereisen, gaben wir auf, ruhten dafür noch eine Woche in Neapel aus und gingen dann nach Rom zurück. Auch dort benutzten wir noch die guten Octobertage, um das Gebirge zu besuchen; dann lebten wir die nächsten Monate ganz den Sammlungen und Alterthümern der Stadt. Die anstrengenden Beschauungen des Vaticans und Capitols, der Villen Borghese, Pamphili, Albani und Ludovisi, der Sammlungen der Paläste Sciarra, Doria, Borghese u.s.w. wurden nie ausgesetzt, denn sie übertrafen die höchst gespannten Erwartungen. Von den Statuensälen des Vaticans und Capitols war ich so sehr überwältigt, daß ich lange und sehnsüchtig über dem poetischen Gedanken einer Fahrt nach Griechenland brütete, den die Prosa der ökonomischen Solidität überwinden mußte. Ideellere Gründe trieben mich ohnehin von dem Beginne des neuen Jahres an, selbst früher, als ich anfangs gedacht, nach Hause zurückmkehren: ich wollte die Frucht der Reise auf meinem eigenen Gebiete, in meinem eigentlichen Berufe einheimsen, eine Frucht, an der mir werthvoller als sie selbst der Same war, den ich für weitere Saat aus ihr zu nehmen dachte. Mitten im Winter reisten wir über Siena nach Florenz zurück, wo es mich Mühe kostete, die liebgewonnenen Räume nur so im Fluge sehen zu sollen. Dann überstiegen wir in eisiger Kälte die Apenninen, sahen in Eile die Sammlungen in Bologna, das damals in halb anarchischem Zustande war, machten in Padua und Venedig nur Streifbesuch und gingen über den Brenner nach München. Auf dem Rückwege kehrte ich noch bei dem Stifter und Urheber meiner segensreichen Ausfahrt, dem Vetter Zöppritz in Heidenheim ein, den ich als jungen Ehemann wieder sah, wie sich auch Freund Hessemer in der Zwischenzeit mit einer liebenswürdigen[251] Verwandten verlobt hatte, die das Glück seines Lebens wurde. Nach einem schließlichen Aufenthalte in meinem Familienkreise war ich zu Anfang des Sommersemesters 1833 wieder in Heidelberg.

Noch mehrmals ist mir später das Glück zu Theil geworden, auf längere Zeit nach Italien zurückkehren zu können, und jedesmal wanderte ich mit neuer Sehnsucht nach dem schönen Lande, dessen Natur und geschichtliche Erbschaften jeden empfänglichen Menschen verwöhnen mit den ungewöhnlichsten inneren und äußeren Genüssen. Man glaubt sich dort. in Wahrheit in den glücklichen Bedingungen zu fühlen, die jeder Mensch eigentlich sollte als seine eignen ansprechen dürfen. Niemand hat darüber schöner geredet als Goethe, dessen einfache, ungekünstelte, treue Aufnahme aller beobachteten Dinge vielleicht nie normaler gewesen ist als in seinen Briefen über Italien. Wo in meiner Geschichte der deutschen Dichtung von seiner italienischen Reise und ihren Wirkungen auf ihn und seine Bildung die Rede ist, wird man vielleicht aus der bloßen Färbung der trockenen historischen Darstellung heraus merken, wie innig ich glaubte aus den eigenen Erfahrungen die des Fremden begriffen zu haben. Was er über Neapel schrieb: daß, wenn er versuche die Herrlichkeiten dort zu schildern, ihm Alles vor den Augen schwimme, ohne daß er Worte dafür fände; wenn er das stolze Wort: sieh Neapel und stirb! umschrieb; es könne jemand nie ganz unglücklich werden, der eine Erinnerung an jenen Erdstrich behalten: nichts wird dem, der das miterlebend mitempfunden hat, zu stark erscheinen. Nirgends aber wird er dem Reisenden von offenem Geist und Herzen mehr aus der Seele gesprochen haben als da, wo er von dem Anflug der vaterländischen Gefühle spricht, die ihn in dem fremden Lande stärker als zu Hause übernahmen und von seinem Rückzug auf den Verkehr mit wenigen eingestimmten Freunden. Wie nützlich mir für das Verständniß der politischen und socialen Verhältnisse oder für die Erschließung der verborgenen artistischen Schätze die Bekanntschaft unserer deutschen Diplomaten wie Kölle[252] oder Kestner war, wie bald beklagte ich doch die Verbindlichkeiten, die mir die Einführungen und Empfehlungsbriefe auferlegten! wie peinigte mich mein englischer Begleiter, wenn er mich bald zu diesem Landsmann, bald zu jenen Verwandten in einen steifen Theecirkel pressen wollte! Weder zu den freudigen Stimmungen, die Himmel und Luft dort hervorlocken, paßt diese Convenienz des Gesellschaftslebens, noch zu den elegischen, in die die melancholische Stille und die geschichtlichen Vermächtnisse der römischen Gegenden versenken, noch zu den ernsten Anregungen, die man von dem ungeheueren Inhalt der Kunstsammlungen empfängt. Ich lebte und webte in diesen Dingen in cholliger Hingebung, ganz aufnehmend, in der Weise eines müßigen Künstlers, fast ohne alle begleitenden Studien. Wohl sah ich mich auch im Lanzi und Vasari um und blätterte in den Schriften der archäologischen Gesellschaft und in hochgelehrten Chorographien herum, im Ganzen folgte ich doch nur meiner eigensten Witterung und suchte mich lieber im Gespräche mit Künstlern zu orientiren. So ward es mir ein erster Ertrag der Reise, daß die Seite meiner ästhetischen, künstlerischen Bildung zu größerer Eigenständigkeit gedieh. Dieser Zweig war in meiner ersten Jugend aufgeschossen in zuchtloser Ueppigkeit; dann hatte Schlosser, der den Grundsatz bekannte, daß man ohne technische Ausbildung über Künste nicht urtheilen könne, der Lehrer, auf dessen Worte ich damals, an mirselber irre geworden, immer blind zu schwören geneigt war, dieses ganze Triebwerk in mir nicht sowohl zu schneiteln als auszuschneiden gedroht; hier aber lernte ich doch bald, daß man um eine ganze Welt zu kurz komme, wenn man, in die Kunsträume der großen italienischen Städte gestellt, verschmähen sollte, in diesem weiten Meere seine Schwimmkraft zu versuchen, wie ungeübt sie auch sein möchte. Unter den drei großen Zweigen der bildenden Künste, die dort drei Nationalitäten der alten und neuen Welt repräsentiren, den plastischen Schöpfungen der Griechen, den architektonischen Zeugnissen der römischen Größe und den christlichen Malereien des neuen[253] Italiens hatten die Reste der römischen Welt den geringsten Reiz für mich, deren ganze Geschichte, Ueberlieferung und selbst Sprache mich von jeher, wie die französische, zu wenig menschlich natürlich berührte. Unter den plastischen Denkmalen der griechischen Cultur dagegen trieb ich mich, immer die alten Dichter zur Hand, am liebsten und eifrigsten um; aus diesen mir zwar so fremden Gegenständen reizte es mich Unberufenen sogar damals, ein Thema (das Mosaikbild der Alexanderschlacht im Hause des Faunen in Pompeji) aufzugreifen, um öffentlich eine Stimme darüber abzugeben. Und wie es später nie seinen Reiz für mich verloren hat, den Fortbildungen der Wissenschaft und Geschichte der griechischen Kunst zu folgen, so hat mich auch die Geschichte und neuere Entwicklung der Malerei nie ganz wieder losgelassen. Dabei hat sich die Richtung meines Geschmacks gleich damals, auf jener ersten Reise, völlig entschieden. Ich hatte von Anfang an vollaus den Eindruck, daß die enge Begrenzung der italienischen Kunst auf die Gegenstände der heiligen Schrift dem bewundernswerthen Talente der italienischen Meister nicht die hinlänglich reiche Materie geboten habe, und daß einer neuen Kunstperiode durch die Erschließung des ganzen Gebietes der Geschichte eine Fülle von Stoff vorbehalten sei, um den sie ebenso zu beneiden sein müsse, wie die ältere Kunst um die geistige Vertiefung, die sie an ihre umgrenzteren Gegenstände gesetzt hat. Unter spärlichen Aphorismen aus meiner Reisezeit finde ich den Satz geschrieben: daß mir in jeder Beziehung da Vinci mehr als Raphael und Michel Angelo der Mann zu sein scheine, dessen Leben, Charakter, Schriften und Kunstwerke sich die deutsche Kunst vorzugsweise zum Muster nehmen sollte, weil in den psychischen Aufgaben der Seelenmalerei den Nordländern das entschiedene Uebergewicht gesichert sei, das im rein formalen die Südländer stets behaupten würden. Dies ist schon aus demselben Sinne geschrieben, der mich nachher ein so scharf vorstehendes Gefallen an Titian, an Shakespeare, an Händel finden ließ. Es ist im Aesthetischen ganz der nationale[254] Standpunct, zu dem ich, rein im Gegensatze zu dem fremden Lande und Volke, damals die ersten Impulse erhielt.

Denn dies war eine wesentlichere, eine zweite Frucht dieser Reise, daß ich, in diese fremde Volksnatur so nahe hineinschauend, den Werth und die Natur der eigenen Nation erst recht erkennen lernte, daß ich, ausgezogen als ein Cosmopolit, als ein ganzer Deutscher nach Hause kehrte. Nicht daß ich die Italiener, wie so Viele thun, aus einigen oberflächlichen Reiseeindrücken leichthin verachtet hätte. Ich habe mich zu dem Leichtsinn so vieler Künstler nicht herablassen, zu der philosophischen Kälte der Göthe und Humboldt nicht erheben können, das italienische Volk nur als eine Staffage zu der Landschaft anzusehen, in der das Todte werthvoller sei als das Lebendige. Ich mußte mit zahllosen, erfahrenen Reisenden die Meinung theilen, daß in diesem Volke trotz Alter, Geschichte, Unterdrückung, Mishandlung und Misverwaltung eine treffliche Naturanlage noch immer erhalten war. Ich habe die Oberflächlichkeit der Gefühle dieser (wie aller) Südländer beobachtet, in der sie im Nu von Ernst zu Scherz, von Trauer zu Luft, von Mitleid zu Spott hinüberspringen, aber ich habe gleichwohl die naive Aufrichtigkeit und Wahrheit dieser Gefühle nicht verkennen können. Ich habe den alten Krebsschaden des Volks, Indolenz und Faulheit, nicht übersehen, aber auch nicht die Elasticität, die seine völlige Lähmung gleichwohl verhindert hat. Ich habe bemerken müssen, wie unglaublich weitseine Unbildung und Unwissenheit reicht, aber auch wie weit sein Mutterwitz und seine gesunde Natur. Ich habe mit tiefem Unwillen beobachtet, wie man es mit Aberglauben sättigt, aber auch wie übersättigt die bessern Volkstheile davon waren. In italienischen Prozessionen die Musterkarten der Stupidität studirt, die Pfaffen und Mönche, die Taglöhner und Tagdiebe Gottes gesehen zu haben mit ihren Marienpuppen Götzendienst treiben, dies allein muß jeden mit Ekel und Entrüstung füllen, der überrechnen kann, wie hier des Menschen heiligste Gaben und Güter in der gottlosesten[255] Weise, aber im Namen Gottes begraben und verschüttet werden; aber diese geistige Herabwürdigung unter papistischer Wirthschaft, wie die politische unter der österreichischen Herrschaft, setzte in mir nicht einen Widerwillen gegen das Volk, wohl setzte sie eine tiefe politische Empörung gegen diese Art von Regiment an, die die ganze Aufregung von 1830 und 1831 in meiner deutschen Umgebung mir nicht hatte einflößen können; und sie kehrte sich schon damals, was mir im ganzen Leben bleiben sollte, gegen Oesterreich, den gewaltsamen Unterdrücker der italienischen, den tückischen Unterdrücker der deutschen Volkskraft. Trotz allem Mitleiden aber mit diesen traurigen Volkszuständen, trotz aller Unbefangenheit, mit der ich den italienischen Nationalcharakter betrachtete, trotz aller Beflissenheit, mit der ich seine bessere Seite zu erkennen und zu würdigen suchte, trotz allem, oder grade vielmehr in Folge dieser Beflissenheit und jener Unbefangenheit rückten sich mir die Mängel und Vorzüge der eigenen Nation unwillkürlich in ein gleiches Licht unbefangener Vergleichung, und dies trieb alle vaterländischen Gefühle in mir zu einer plötzlichen Blüthe. Als ich auf dem Rückweg an der Tirolischen Grenze im Todten und Lebenden die Uebergänge von der hellen zu der dunklen Färbung der Berge auf der Nordseite, von der dunklen zu der hellen Farbe der zwei- und vierfüßigen Thiere verfolgte, als ich in Salurn des Abends einfahrend zuerst die Stimme einer deutschen Kellnerin wieder hörte, die freundliche Sorgfalt für den Fremden gewahrte, die kräftigen Bauerngestalten wieder sah, das wohlgestimmte Glockengeläute wieder hörte, so heimelte mich das Alles in einer Wärme der Empfindung an, die mir zuvor ganz fremd gewesen wäre; und diese vorübergehenden Gemüths-Eindrücke waren nur die Vorläufer zu ernsteren Erwägungen, in denen ich mit Emphase vorauf nach Hause schrieb, wie tief durchdrungen ich sei, daß die Erde keinen Volksstamm trage, der Alles zu Allem gehalten mit dem deutschen zu vergleichen wäre. Es war dies eine neue Phase meiner[256] Gesinnungen, Anschauungen und Richtungen, es war zugleich ein neuer Act zur Emancipation von meinem Lehrer. Alle meine jugendlichen Ideale, Alles was ich aus unserer Literatur davontragen konnte, was die Herder und Jean Paul, die Göthe und Schiller uns gepredigt hatten, meine Studien im Alterthum und in der Geschichte, zuletzt Schlosser's Vielseitigkeit, der bei all seiner grob- und kerndeutschen Natur in all seinen Arbeiten und selbst in seinen politischen Bekümmernissen durchaus universell war und gegen die teutonischen Ueberspannungen im besonderen einen Abscheu hatte, den ich aus frühesten Erfahrungen in großem Maße theilte, all diese mächtigsten Einflüsse hatten nur weltbürgerliche Hänge in mir erzeugen und nähren können. Sie sind auch wie die humanistische Schule an dem Alterthum die nothwendige Bedingung eines reisen politischen Lebens; ohne sie, wie hätte ich in den versunkenen ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts den Sinn für reine vaterländische Zustände fassen sollen, wenn ich ihn nicht aus den Alten, ihn nicht aus der weltbürgerlichen Theilnahme an den Bewegungen in Italien, Spanien, America und Griechenland schöpfte? Seit dem Aufenthalte in Italien aber gehörte ich mit Herz und Kopf, und mit vollem Bewußtsein, ganz unserem deutschen Leben an. Und wo sich in Schlosser's Werken Alles, selbst wo er von deutschen Dingen redet, dem Allgemeinen zukehrt, war in den meinigen fortan Alles, selbst wo ich von Fremdem handelte, auf des Vaterlandes gegenwärtige und kommende Verhältnisse bezogen. Denn »ich wollte, so schrieb ich in jener Zeit, mein Vaterland lieber glücklich sehen als meine Familie und meine Freunde.« Der deutscheste Deutsche, Jacob Grimm, hat mir zu meinem Stolze dies Zeugniß ausgestellt, das mehr wiegt, als die Stimmen »der Million«: daß meine – von jeher politische – Richtung selbst in meinen unpolitischsten Arbeiten stets »für die Herrlichkeit des lebendigen Vaterlandes gestritten habe.« Es war eine Zeit in meiner Jugend, wo freiwillige Auswanderung ein heißer Wunsch und eine brennende[257] Sehnsucht in mir war; es kamen andere Zeiten, wo mir gezwungene Auswanderung drohte: da aber wäre mir die Fremde ein Elend gewesen, in dem ich in kürzester Zeit verkommen wäre.

Ich muß zuletzt auf die wissenschaftlichen Früchte der Reise zu reden kommen, den wichtigsten Theil ihrer Erträge. Für diese Zwecke war es anfänglich auf eine ganz reale Ausbeute abgesehen, die aber in eine ganz ideale umschlug. Ich hatte es darauf angelegt, mir den Eintritt in die Quellen der italienischen Staatengeschichte zu öffnen, und hatte zu dem Ende in Florenz begonnen, die toscanischen Geschichtschreiber durchzuarbeiten. Wäre ich auf diesem Wege geblieben, so hätte ich mich längere Zeit in Italien aufgehalten, in der Hoffnung, Zeit und Auslagen durch meine Sammlungen einzubringen. Sobald ich aber über diesen Studien auf das handschriftliche Werk Cavalcanti's gestoßen war, die Hauptquelle der neueren Partien in Machiavelli's florentinischer Geschichte, und von da aus näher auf Machiavelli selber gewiesen ward, fühlte ich mich bewogen, die Werke dieses Mannes in Verbindung mit seiner Zeit- und Lebensgeschichte eindringlich zu studiren, und fand mich in kürzester Zeit von den Ergebnissen so gewaltig bewegt, daß ich meine anfänglichen materiellen Zwecke ganz fallen ließ, alle freie Zeit auf diese Eine Untersuchung wandte und, als ich Herr über den Gegenstand war, mich innerlich so bereichert fühlte, daß ich auf alle anderweitigen Forschungen und auf jede nutzlose Ausdehnung der Reise zu verzichten beschloß. Von den geistigen Schätzen, die in der italienischen Literatur zu heben sein möchten, hatte ich aus eigner Lectüre wie aus Schlosser's Vorlesungen die höchsten Vorstellungen mitgebracht. Dante's Gedicht trug ich beständig mit mir in der Tasche. Aber es war eigenthümlich, daß ich mich von nichts so sehr darin angeregt fühlte, wie von den weitsichtigen historischen Gesichtspuncten, von den halbdunkeln Perceptionen geschichtlicher Gesetze, über die mir dann Machiavelli in klareren Begriffen Belehrung gab. Meine Wißbegierde hatte sich[258] eben von aller Kunst und Philologie und übrigen Wissenschaft weg auf die Geschichte gerichtet; und ungleich durstiger wie ich war nach Aufklärung als nach Aufhäufung der historischen Materie, hätte ich daher jetzt auf keinen Autor der Welt rechtzeitiger fallen können als auf Machiavelli. Ueber dem Studium seiner Schriften ging mir nicht allein die Einsicht über den vielgedeuteten Geschichtschreiber selber auf, es warf mir auch ein Licht auf die ganze Geschichte der Wendeperiode von dem Mittelalter auf die Neuzeit; es erhellte mir auf die mir einzig verständliche, Weise das Gebiet der praktischen Politik, indem es mir den großen Hauptschlüssel der Geschichte dazu gab; es erleuchtete mir die unermeßlichen Räume der Geschichte überhaupt, indem es mir ihren geistigen, ideenhaften Hintergrund weiter und weiter erschloß. Man hat es ja oft gepriesen, daß man in Italien die geschichtliche Welt wie von einer Hochwarte ganz anders übersehe als überall sonst, daß man in Rom, der ewigen Stadt einer zwiefachen Riesenexistenz, wie in einem Mittelpuncte steht, auf den alle Strahlen der alten Geschichte convergiren, um von da nach allen Räumen der neueren Geschichte wieder auszustrahlen. Und wer könnte sich auch auf diesem Boden noch so kurze Zeit bewegt haben, wo er sich gleichzeitig und gleich lebendig unter die großen Werke der vereinigten Kräfte des neuern Europa und die des ältesten Culturvolkes, der Griechen, gestellt sieht, ohne sich zu besinnen: daß kein anderer Ort der Welt so wie dieser die Herrlichkeit des griechischen Schöpfergeistes bewähren kann, der in jugendlicher Knospe die Bildungen aller Folgezeiten in sich beschlossen hielt; daß er nach Italien, in das welterobernde Rom einströmend sich hier gleichsam einen Körper schuf, der seinen Bildungen Bestand und Ausbreitung gab; daß diese Stadt als das Hauptdepot der Geistesbildung, der politischen Weisheit und aller großen Traditionen der alten Welt, dann der natürliche Träger des Christenthums, der Brennpunct der Bildung der mittleren Zeiten ward; daß dies italienische Land den christfanatischen Denker[259] geboren hat, der eine unbekannte Erdhälfte erschloß; daß hier nicht Kunst, Philosophie und Sprachkunde allein, daß auch alle politischen, industriellen, commerciellen, physikalischen Entwicklungen der neueren Jahrhunderte ihre ersten Sprossen trieben! So kann es nicht Wunder nehmen, daß in diesem Lande schon Dante dort, wo er in poetischem Bilde den Flug des Adlers von Troja nach Rom verfolgt, die Weltgeschichte in Ein einziges Ganze zu verknüpfen sucht; viel weniger, daß ein Kopf wie Machiavelli, mit Aristoteles' gesetzspähendem Auge sehend, den treibenden Kräften nachforschte, die die verworrene Masse der Thatsachen gestalten; daß er jenes kleine, an Kunst unerreichte Geschichtswerk schrieb, wo in dem Gewebe der geschichtlichen Thaten Gesetz und Idee so fadenscheinig hervorblicken; daß er den Genius der Zeiten belauschend als ein politischer Prophet an den Scheidepuncten der mittleren und neueren Zeiten steht, die Gestaltung der kommenden Dinge voraussah und voraussehend lehrte und mit dem geschichtlichen Gedanken, mit der Erkenntniß des Nothwendigen in der Geschichte der Willkür der politischen Kunst eine sichere Richtschnur zu geben suchte. Was ich hier kennen lernte, erfüllte mich mit dem tief aufquellenden Gefühl der Befriedigung, daß mir der Weg durch mein Leben und meine Wissenschaft nun sicher gewiesen war: plötzlich reisten in mir ganz neue Entschlüsse zu einer neuen Thätigkeit in neuen Richtungen. Ich finde unter Notizen aus meiner Reisezeit die Stelle niedergeschrieben: es koste den Historiker gleich viele oder wenige Mühe, in seinen Schriften die Ruhe des rückgezogenen Weisen oder die Bewegung des praktischen Lebemannes auszudrücken, je nachdem er seinen Gegenstand in Beziehung zu der bloßen Wissenschaft oder in Bezug auf das Leben setze; ich schien zu der letzteren Methode zu neigen, nur weil ich jung war; denn »die Verschmähung der nichtigen, irdischen Dinge, heißt es weiter in der Stelle, ist so leicht, dem Alter so natürlich; aus diesem Gesichtspuncte klammert man sich an das Gesetz, in dem frischen Leben an die Kraft.« Und[260] wer Beides gleich verstehe, so schließt die Stelle, der sei ein Historiker. Wie mußte mir nun Machiavelli imponiren, der die philosophisch-ruhige, wissenschaftliche, gesetzlehrende Geschichte so vortrefflich verstand zugleich praktisch nutzbar zu schreiben! Denn wie Machiavelli Geschichte und Politik erfaßte, dies hieß nicht allein die Thatsachen lebendig machen und den Geist in den Buchstaben der Geschichte tragen, es hieß zugleich das praktische Leben mit der Wissenschaft tief durchdringen und aus dem Pflaster der gemeinen Wirklichkeit die Funken der Ideen herausschlagen. Diese Doppelseitigkeit des Mannes aber, der die Helden der That für die ersten, die der Wissenschaft für die nächsten im Werth ansah, der nach dem Preise der Einen rang und den der Anderen davontrug, der sich für Beide nach den Umständen für gleich befähigt fühlte und es war: das war ganz eigentlich, wovon meine Natur von frühester Jugend auf wie im Schlummer unaufhörlich geträumt hatte. Nichts war daher natürlicher als mein rasch gefaßter Entschluß, mir schreibend diese mir so auffallend merkwürdige Erscheinung völlig ins Klare zu stellen. Ich durchschaute bald, daß die politischen Grundsätze und Lehren Machiavelli's wie die fast aller bahnbrechenden Männer überspannt waren; aber ich ließ mich von dem Verrufe des Namens nicht schrecken, den alle schwachen Köpfe und alle Heuchler von Gentillet an bis auf den noch unreifen Friedrich von Preußen mit allen höllischen Fluchwörtern belegten, dem es die größten Geister aber, die Baco und Spinoza, dankten, daß er in antiker Wahrheitsliebe gradaus sagte, was die christlichen Zeiten in Gleisnerei zu verstecken pflegten; ich kehrte Bewunderern und Tadlern den Rücken und suchte mir den Menschen und seine Lehren ganz aus sich selbst zu entwickeln, unbeirrt von seinen harten Paradoxien, die in dem Unmuth des verständigen Betrachters über die utopischen Staatssysteme gutmüthiger Moralisten gewurzelt waren. Wie mir grade in der angefochtensten der Machiavellischen Schriften Alles gleich in einem himmelweit verschiedenen Lichte[261] erscheinen mußte, als nach dem (damals) neuesten Beurtheiler Ranke, der in gleichem Alter wie ich seine Stimme über Machiavelli abgegeben hatte; wie ich historische Gesetze erkannte, wo Andere nur politische Grillen sahen, das ist aufs leichteste klar zu machen. Ich hatte jenen Aufsatz über die historische Größe geschrieben, den eine Parallele über die Emporkömmlinge hatte ergänzen sollen: ich erkannte nun mit Einem Blick, daß Machiavelli's »neuer Fürst« nichts als ein solcher Emporkömmling war, zu dem ihm für den praktischen Fall ein Mediceer oder ein Borgia gut genug war, für den er aber, wenn es auf Wünsche und Ideale ankam, das Vorbild bei jenen (in einer ganz entgegengesetzten Reihe liegenden) Männern, den »Großen« Fürsten der Neuzeit, den Gesetzgebern der alten Welt aufsuchte; ich erkannte mit Einem Blick den großartigen geschichtlichen Standpunct, der an der Schwelle des neueren Absolutismus, die Gestalten der Ferdinand und Heinrichs VII im Auge, für sein Italien nach einem ähnlichen Organisator aussah. Der in meinem Aufsatz gewonnene Gesichtspunct erhellte mir dies nach allen Seiten, so daß ich die Arbeit sogar von Bercht zurückerbat, ohne sie wieder erhalten zu können; ich hätte nun der Schrift mit dem entsprechenden Gegenstücke eine ganz andere Ausarbeitung geben können. So kam ich gleich mit dem schwierigsten Puncte auf den festesten Boden, und die Einsicht ward mir nun nicht schwer, (die zwar die meisten Beurtheiler meiner Charakteristik Machiavelli's nicht einmal ergriffen, geschweige begriffen haben,) daß es seine geschichtliche Weisheit war, mit der man sich sein Geschichtswerk, seine politischen Lehren, seine Paradoxien und selbst seine persönlichen Stellungen und Strebungen erklären muß.

Mit diesen wissenschaftlichen Anregungen aber, die ich von des Mannes Schriften empfing, gingen die vaterländischen augenblicklich Hand in Hand. Ich begriff, daß aus seiner ganz auf Ort und Gegenwart angewandten Lehre nicht ein unmittelbarer Rath für irgend eine andere Zeit oder Oertlichkeit zu entnehmen, sondern[262] nur die einfache Methode zu erlernen wäre. Machiavelli schrieb, den Untergang Italien's ahnend, verstimmt und finster wie Tacitus, mit Neid ausblickend nach den geordneten großen Monarchien Europa's und den kleinen Republiken Deutschland's und der Schweiz, Er konnte für die verderbten Zustände seines Vaterlandes einen religiösen Reformator in dem Lande des Papstthums nicht erwarten, auf den kaiserlichen Retter des Dante nicht mehr hoffen, so suchte er im griechischen Sinne nach einem Tyrannen, nach einem neuen Fürsten, einem Pisistratus, der mit der Faust Ordnung halte bis das Gesetz sie erhalten könne, einem Dictator, der in der Noth kein Gebot achte. Und daran knüpften sich dann seine despotischen Paradoxien, in denen er es nur darin versah, daß er nicht den Unterschied zwischen Worten und Thaten, zwischen Lehre und Beispiel erwog. Der Mann der verzweifelten Heilmittel, die er vorschreibt, würde die grausamen Thaten vollführen unter tausend Gefahren, nur Einmal, und der gute Erfolg müßte ihn rechtfertigen: die geschriebene Lehre dagegen scheint für alle Zeiten aufgestellt, und was in dem Einen Falle in den Händen eines großen Arztes Arznei gewesen, wird in tausend Folgefällen in der Hand der Marktschreier zu Gift. Es wird so leicht übersehen, daß die von Machiavelli empfohlene Gewalt nur eine vorübergehende Ausnahmsgewalt sein sollte; wie es sich geschichtlich artete, ist der Absolutismus, den er predigte, auch nur eine ephemere Gewalt, ein Durchgangsmoment der Freiheit gewesen; aber freilich war es ein weltgeschichtliches Vorübergehen, das Jahrhunderte währte; erst wo es sich zu seinem Ende neigte, konnte man die tiefsinnige Weisheit in dem Büchlein von den Fürstenthümern erkennen. Zur Zeit wo Alfieri schrieb, hätte Machiavelli das Gegentheil von dessen Inhalte gelehrt, aber er hätte darum nicht gegen sich selbst gelehrt und wäre nicht im Widerspruche mit sich gewesen. So suchte ich mir nun die nationalen und zeitlichen Unterschiede festzustellen, die den heutigen, deutschen Staatslehrer von ihm trennen müßten, in dieser Epoche,[263] wo die Uhr der Tyrannis der neuen Zeit abgelaufen war, wo es zu Freiheit und Volksregierung zurütkzugelangen galt. Ich glaubte in Deutschland nicht in einem entarteten und absinkenden, sondern unter einem zukunftreichen Volke zu stehen; ich gehörte von Jugend auf nicht zu den Schwarzsichtigen und Verzweifelten. Ich meinte die Entwicklung Deutschlands habe einen wunderbar naturgemäßen Verlauf in den letzten Jahrhunderten genommen von religiöser zu geistiger, von ihr zu politischer Neubildung. Auf diesem Gange sah ich das deutsche Volk am spätesten hinter den westlichen Nationen langsam, aber sicher vorwärts schreiten. Die Ungeduld zu zähmen in denen, die diesen gesetzmäßigen Gang überstürzen, den Schlendrian zu stacheln in jenen, die noch hinter ihm zurückbleiben wollten, schien mir daher eine eigenthümliche Pflicht in dieser von Machiavelli's Lage so verschiedenen Stellung eines deutschen Schreibers. Ich fand mich aufgeklärter und zugleich bestärkter in meinem schroffen Doppelgegensatz gegen die jungdeutsche Literatur, die zu staatlicher Freiheit mit einem rastlosen revolutionären Eifer voraustrieb, der durch den Stand der politischen Bildungen und Bedürfnisse nicht gerechtfertigt war, zu gleicher Zeit aber in einem wunderlichen Widerspruche mit sich selber die Nation auf dem Gebiete der schöngeistigen Literatur festzubannen suchte, auf dessen erschöpftem Boden nichts gesundes mehr zu gewinnen war, dessen Producte eine geistige Genußsucht nährten, die jedem kräftigen Erfassen des praktischen, politischen Lebens gefährlicher und verderblicher als irgend ein Anderes entgegenwirkte. Den Fortgang zu diesem praktischen Leben schienen mir alle Zeichen des Zeitgeistes anzudeuten; ich selber fühlte mich bald mit neuen Gewalten in diese Bahnen gezogen. Noch schrieb ich meine Schrift über Machiavelli selber in dem Sinne jener (oben angeführten) Briefstelle, in der sich mehr Zug zu Homer als zu Achill aussprach; kaum nach dem Drucke hätte ich sie vielleicht nicht mehr so geschrieben. Noch neigte ich jetzt mehr als zu Machiavelli zu Aristoteles, der dem theoretischen Leben in dem Maße den Vorzug[264] gab, wie jener dem praktischen; bald sollte die entgegengesetzte Schale tiefer sinken. Seit der Wiederaufnahme meiner Vorlesungen nach meiner Rückkehr machte ich meinen Schülern den stärksten Eindruck durch die Schärfe, mit der ich vom Wissen zum Handeln trieb; einer darunter, zum Freunde geworden, schrieb mir einmal das Homerische: νῦν σε μάλα χρὴ αἰχμητὴν τ' ἔμμεναι, anspielend und wissend, wie ich mir jetzt im Scherze in meinem ächt alten longobardischen Namen Speerfreund gefiel. Trotz dem Allen beharrte ich damals und immer fest und fester auf meinem mittleren Standpunct zwischen Wissenschaft und Leben. Die Pallas, die Göttin des Krieges und Friedens, der Kunst und der That, war halbbewußt eine Art Cultus in mir gewesen von frühester Jugend auf. Ich wollte nur alle Kunst und alles Wissen jetzt gerne, in dem großen Wendepuncte des nationalen Lebens, der Politik dienstbar gemacht sehen; und bei dem voraussichtlich langsamen Gange des Volkes wollte ich den zur Wissenschaft Berufenen, in ihre Wege einmal Verschlagenen in dem geistigen Reiche eine sichere Zufluchtstätte offen gehalten wissen. Ehe ich Machiavelli in seiner ganzen politischen Einseitigkeit kannte, neigte ich über der Lectüre der divina comedia von dem beschaulichen zu dem politischen Dante, von Dante überhaupt zu Machiavelli hinüber; dann aber stellte ich diesem doch wieder den Dante gegenüber, der mit dem gleichen Herzen für sein Vaterland, mit dem gleichen Schmerze über seine Geschicke, mit der gleichen Strafgeißel in der Hand für seine Seele ein Refugium bereit hielt, wo er der menschlichen Verzweiflung entgehe, wenn er politisch an dem Vaterlande verzweifeln mußte. Wie zufrieden ich es jetzt war, daß die Wissenschaft verlieren, wenn das Leben gewinnen sollte, so hatte ich doch das deutliche Gefühl, wie leicht sich in der schwerfälligen Bewegung bes Nationallebens der Einzelne, der Ungeduld überlassen, nutzlos verliert oder verzehrt. Wo meine jungdeutschen Freunde die Blicke nur immer auf die nächste Zeitspanne richteten, dünkte mir keine Aussaat und Bestellung[265] so sicher, wie die, die von der Zeit der Erndte ganz absehe. Sie wollten gleich ein Ziel erspringen, das unseren Kräften zu weit noch entfernt lag; mir schien, es komme mehr darauf an, des richtigen Wegs zu führen und vor allem die Gehkraft zu üben. Ich hatte an so vielen teutonischen Enthusiasten erlebt, wie bald sie nach den ersten erfahrenen Hemmnissen erlahmten; mir aber galt es darum, in dem Wirken für Freiheit und Volksglück lieber langsamer und auf sicheren Umwegen zu gehen und auszudauern, als rasch eilend zu ermüden; ich glaubte in Schiller's Geiste, daß der Umweg durch Kunst und Wissenschaft für des Vaterlandes staatliche Geschicke keineswegs verloren sei, wenn ihr Inhalt nur gesund und tauglich war. Ich gefiel mir in dem schmeichlerischen Gedanken, der »redliche Finder« sein zu können, den sich Schiller in seinen Briefen über den Don Carlos prophezeite: der auf dem Wege der Wissenschaft die Vorbereitung für das politische Leben fortsetze, die Er auf dem Wege der Kunst erzielte; ich hatte das Gefühl, daß der langsame Verlauf der Volksgeschichte in dem getheilten Lande auch künftig noch neue »Finder« nöthig machen werde, die, ganz und nur in dem Boden der Praxis gewurzelt, mit den Händen das ausführen müßten, was die Köpfe zuvor nur ausgedacht. In dieser Stellung habe ich mein ganzes Leben ausgehalten, und ich hatte mich des Gleichmuths meiner Seele zu freuen in den Katastrophen, in welchen die Hoffnungen für die vaterländischen Dinge zeitweilig versanken, zeitweilig enthusiastisch überspannt wurden; da bog ich gelassen in die Wege der Kunst wieder ein, aber auf zwei Heroen, über deren Erkenntniß man neue Kraft einsaugen konnte für die kräftigste Ergreifung der äußeren Welt.

Es ist nichts leichter als Selbsttäuschung in der Auffassung und Darstellung eines eignen Erlebnisses von so subtiler Natur, eines Seelen- und Geisteszustandes von so eigenthümlich zwischen Gegensätzen schaukelnder Art, einer inneren Katastrophe von so eingreifender Bedeutung wie die geschilderte; man verwirrt so leicht[266] das Spätere mit dem Damaligen, die Folgen mit den Anfängen, die Wirkungen mit den Ursachen; man trägt so leicht aus dem Gewordenen in das Werdende zurück. Es trifft sich aber glücklich, daß man in diesem Falle die Probe einer doppelten fremden Controlle machen kann, die nach gegenseitiger Ausgleichung meine selbstgezogne Rechnung, scheint mir, richtig zeigen wird. Ein Auswärtiger, ein mir persönlich ganz unbekannter Franzose, Taillandier (Revue des deux Mondes. 1856. Mars.), und ein Inländer, ein freundlich gesinnter Deutscher (H. Baumgarten, Gervinus und seine politischen Ueberzeugungen. 1853.), haben aus einer genauen Wägung meiner Machiavellischrift über meinen damaligen Standpunct sehr klar betonte Stimmen abgegeben. Der Franzose hat mit scharfem Auge die Bedeutung dieser Schrift für meine ganze Zukunft durchschaut: er nannte sie mein »Programm und das Bekenntniß der geheimen Antriebe, die mich bewegen«; er fand ihre Eigenthümlichkeit »in der Anwendung, die ich von dem Gegenstand auf das gegenwärtige Deutschland mache, und auf die Rolle, die ich mir selber dabei angewiesen habe«. Er sah mich in der Mitte des ungeduldigen und durch Ungeduld leicht bis zur Erschlaffung aufgeriebenen jungen Geschlechtes stehen, das Deutschland verleiten wollte, seinen alten Ueberlieferungen Gewalt anzuthun durch den Uebergang vom geistigen zum thätigen Leben; ich schien ihm vielleicht noch ungeduldiger als die Anderen, wenigstens zäher und unerschrockener als die Meisten und von der Niederlage in diesem schwierigen Kampfe weniger entmuthigt. Niedergeschlagen wie Machiavelli über die Zertheilung und und politische Nichtigkeit Deutschland's, fand er, lange ich doch nicht wie jener bei der Verzweiflung an meinem Volke an, dem ich eine große politische Zukunft vorbehalten glaube, durch und durch getrieben von den Eingebungen einer eifersüchtigen und reizbaren Vaterlandsliebe. Der ganze Entwurf meines Lebens schien dem französischen Beurtheiler, wenn auch nicht mit bestimmten Worten, doch klar in jenem[267] Aufsatze niedergelegt: die Geschichtschreibung praktischer zu machen und von den flauen Systemen, die Alles rechtfertigen, zu einer strengeren Würdigung von Menschen und Dingen überzuführen; die Poesie. ihren entnervenden Träumereien entsagen zu machen; Deutschland in eine thätigere Rolle in den menschlichen Geschäften einzuüben und an der Spitze der liberalen Partei »der Richter und Führer des germanischen Genius« zu werden. Er wollte das Geheimniß meines Herzens durchdrungen haben und empfand Mitleid mit dem Zorn und den inneren Qualen einer leidenden Seele voll gereizter Schmähungen und stolzer Anmaßungen, die in dem bittren Schmerze über die deutsche Apathie, nichts lobend als Kraft und Männlichkeit, selbst das verweichlichende Christenthum verwerfe, wenn auch nur in der Machiavelli'schen Taktik eines Publicisten, den die Verzweiflung (von der ich zuvor doch frei sein sollte?; beseele. Der Deutsche lehnte sich in allen Puncten auf die andere Seite. Er fand mich zu Machiavelli weniger durch die Vorneigung zum praktischen Leben als durch die Größe seiner historischen Kunst gezogen. Er sah mich der ungeduldigen Hast, dem blinden Ueberstürzen, dem revolutionären Leichtsinn der leidenschaftlichen Weltverbesserer Jungdeutschlands nicht verfallen, sondern schroff entgegengesetzt. Meine Vaterlandsliebe schien ihm so wenig reizbarer, krankhafter Natur, daß er mich vielmehr noch von einem wissenschaftlichen Kosmopolitismus angesteckt fand, in dem ich nur suchte, durch die Wissenschaft zur Erkenntniß der Zeit zu gelangen, mit ihr der politischen Entwikklung zu Hülfe zu kommen. Auch meine politische Ader dünkte ihm so wenig fiebrisch erregt, daß er vielmehr aufmerksam machte, wie ich von dem Eintritt der politischen Bildung das menschlich innere Glück, die Sittlichkeit, Einfachheit und Frugalität des deutschen Lebens gefährdet glaube. Er sah mich so wenig an der Spitze der liberalen Partei, daß er mich vielmehr keiner Partei angehörig nannte, und dies aus ganz bewußten, in meinen historischen Ansichten wurzelnden Grundsätzen. Er fand mich so wenig blos auf die Seite des[268] thätigen Lebens geneigt, daß er vielmehr mit Befremden in dem Büchlein über Machiavelli die Aussprüche des Bedauerns las, daß dieser Mann seiner Zeit nicht die bessere Seite abgewonnen und sich der Wissenschaft ganz hingegeben, daß er nicht noch würdigere Zwecke, noch höhere Sphären gekannt habe als das Leben für das Vaterland, wie Dante, der sich das Profane abgethan. Fähiger als der Franzose, ein vielgesaitetes Instrument zu spielen, verweilte der Deutsche bei dem Ergebniß einer eigenthümlichen Mischung theoretischer und praktischer Neigungen, zweifelnd gleichwohl, ob ich in jener Zeit nicht doch geneigter gewesen sei, »den denkenden und dichtenden Menschen weit über den handelnden hinwegzusetzen«. Der Muse, würde dies heißen, sei meine Thätigkeit geweiht gewesen; die Thatkraft, sagte im graden Gegensatz der Franzose, sei meine Muse. Die Pallas sei damals und immer meine Göttin gewesen, war mein eigener Spruch.

Quelle:
G. G. Gervinus Leben. Von ihm selbst. 1860, Leipzig 1893, S. 215-269.
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